Der Erzkanal im Freiberger Nordrevier war ein im 18. Jahrhundert für den Bergbau angelegter Kanal im Tal der Freiberger Mulde in Sachsen. Er umfasste die zwei nacheinander angelegten Abschnitte Halsbrücke–Großschirma und Großschirma–Großvoigtsberg sowie einen unvollendeten Abschnitt zwischen Großvoigtsberg und Obergruna. Auf dem Kanal wurde Erz von den im Verlauf gelegenen Gruben zur Weiterverarbeitung zu der flussaufwärts gelegenen Hütte Halsbrücke transportiert.

In seinem Verlauf befanden sich zwei Kahnhebehäuser, von denen das des ältesten und am längsten in Betrieb befindlichen Abschnitts – dem Churprinzer Bergwerkskanal – als das vermutlich älteste Schiffshebewerk der Welt gilt.

Die Gesamtheit des Kanals – mitsamt Schleusen und Hebewerken – zeigt die im 18. Jahrhundert herausragende Rolle des Bergbaus für die technische Entwicklung überhaupt. Mit seinem Bau konnten gleichzeitig die Teilbereiche Energieversorgung, Wasserhaltung, Erzaufbereitung und Transport optimiert werden, womit er gleichsam Zeugnis eines komplexen Verbesserungsgedankens ist.

Der Erzkanal im Freiberger Nordrevier ist Teil des UNESCO-Welterbes Montanregion Erzgebirge.

Churprinzer Bergwerkskanal

Geschichte Vorgeschichte Die staatliche Grube Churprinz Friedrich August Erbstollen (kurz auch: Churprinz) in Großschirma war eines der reichsten Bergwerke des Freiberger Reviers. Das hier geförderte Erz musste etwa 5 Kilometer talaufwärts zur Hütte nach Halsbrücke befördert werden, da die Verhüttung im Freiberger Revier dort und in Muldenhütten konzentriert wurde. Der Transport mit Pferdefuhrwerken war jedoch umständlich, zeitraubend und kostenintensiv. Der damalige Freiberger Kunstmeister Johann Friedrich Mende entwickelte zur Effizienzsteigerung des Erztransports die so genannte „Untere Churprinzer Wasserversorgung“, welche den Transport mit Kähnen ermöglichte und gleichzeitig zusätzlich benötigtes Aufschlagwasser für die Grube heranführen konnte.Der Churprinzer Bergwerkskanal und das Halsbrücker Kahnhebehaus, das erste Schiffshebewerk der Welt – Beitrag auf der Internetpräsenz der „Grubenarchäologische Gesellschaft“, abgerufen am 20. August 2010 – Beschreibung in der Datenbank „MontE“ des Instituts für Industriearchäologie, Wissenschaft und Technikgeschichte (IWTG) der Technischen Universität Bergakademie Freiberg, abgerufen am 20. August 2010

Bau und Betrieb thumb|Kahnhebehaus bei Halsbrücke vom Unterwasser gesehen miniatur|Das Kahnhebehaus bei Halsbrücke vom Oberwasser gesehen Der Kanal von der Hütte Halsbrücke zur Grube Churprinz wurde in den Jahren 1788–1789 angelegt.

Das Silberausbringen auf der Grube Churprinz lag bei jährlich etwa 630 kg, ausreichend für rund 24.400 Taler. Allein hier wurden 350 bis 450 Bergleute beschäftigt. Durch die hohe Ausbeute bestand seitens des Oberbergamtes ein berechtigtes Interesse am Kanalbau, so dass es im August 1788 2.000 Taler zum sofortigen Baubeginn bereitstellte.Beschreibung des Churprinzer Bergwerkskanals auf www.unbekannter-bergbau.de, zuletzt abgerufen am 21. September 2011

Der Erztransport wurde fortan durch etwa 8,5 Meter lange, bis 1,6 Meter breite und 0,7 Meter hohe Erzkähne ausgeführt. Diese wurden auf Churprinz mit je 2,5 Tonnen aufbereitetem Erz beladen und von zwei Mann kanalaufwärts getreidelt, wobei ein dritter auf dem Kahn stehend stakte und ihn lenkte. Der Kahntransport bis zur Hütte dauerte anfänglich 6 bis 7 Stunden.

Um eine Last von 2,5 Tonnen per Muskelkraft gegen die Strömung zu treideln, musste die Fließgeschwindigkeit im Kanal entsprechend niedrig sein. Dies ließ sich durch ein sehr geringes Gefälle realisieren. Jedoch übersteigt der Höhenunterschied zwischen Anfangs- und Endpunkt den ohne weiteres über die Lauflänge erreichbaren Unterschied, wodurch ein Hebewerk im Verlauf () erforderlich wurde. Dieses „Kahnhebehaus“ ging als vermutlich ältestes Schiffshebewerk der Welt in die Technikgeschichte ein. Die Kähne wurden ausgehend vom Unterwasser des Stichkanals aus der Freiberger Mulde mittels fünffacher Flaschenzüge, die an Laufkatzen angehängt wurden, etwa sieben Meter gehoben und anschließend auf das Oberwasser des Kanalabschnittes bis Halsbrücke gesetzt. Das Heben wurde durch sechs Mann – d. h. die Besatzungen zweier Kähne – ausgeführt und dauerte etwa eine Stunde.

Die Pochwerke und Erzwäschen von Churprinz produzierten etwa 12 bis 30 Tonnen Erzkonzentrat wöchentlich, was 6 bis 15 Kahnfuhren entsprach. Zusätzlich transportierten weitere am Kanal und in näherer Umgebung liegende Gruben Erz auf dem Kanal, die für dessen Benutzung etwa drei Viertel des eingesparten Fuhrlohns an die Grube Churprinz als Kanalbetreiber abführen mussten. Diese Einnahmen wurden für Instandhaltungsarbeiten genutzt, reichten jedoch zur Deckung der tatsächlichen Kosten nicht aus.

Im Jahre 1822 ließ der Nachfolger Mendes, der Bergbauingenieur und Maschinendirektor Christian Friedrich Brendel, den Kanalabschnitt zwischen der Grube Churprinz und dem Annaer Wehr unterhalb der Einmündung des Münzbachs in die Freiberger Mulde auf etwas höherem Niveau neu anlegen. Dadurch konnte der Kanal erheblich verkürzt, Schleusen eingespart und damit die Transportzeit von der Grube bis zur Hütte auf knapp 3 Stunden verkürzt werden.

Einstellung des Erztransports thumb|left|Treibehaus auf dem 7. Lichtloch des Rothschönberger Stolln 1868 wurde der nunmehr wirtschaftliche Erztransport jedoch wieder eingestellt. Seit 1844 wurde am großen Wasserlösungsstollen des Freiberger Reviers, dem Rothschönberger Stolln, gebaut. In unmittelbarer Nähe des Kahnhebehauses lag dessen siebtes Lichtloch. Ab 1868 wurde ein Großteil des Wassers aus dem oberen Kanalteil zum Betrieb der Maschinen dieses Lichtloches benötigt. Daher wurde dessen Niveau durch Aufstauung um eine Elle (= 0,57 Meter) erhöht. Diese Niveauerhöhung verursachte am 27. März 1868 einen Dammbruch, Schäden an weiteren Kanalstellen sowie die Einstellung des Lichtlochbetriebes und des Erztransports.Nach der Dammreparatur wurde der Erztransport nicht wieder aufgenommen, da nach Gutachten des Oberkunstmeisters Friedrich Wilhelm Schwamkrug die neuen Turbinen im siebten Lichtloch mehr Aufschlagwasser erforderten, beim Passieren der Aufstauung jedes Kahnes dieses jedoch zum Nachteil des Lichtlochbetriebes abgelassen werden musste. Nach Schwamkrug wurde damit die Leistung der Turbinen um ein Viertel vermindert.Die Verwaltung des Rothschönberger Stollns war bereit, die Mehrkosten des Erztransportes auf dem Landweg zu tragen, wobei sich diese als nur geringfügig herausstellten. Nach fast 80 Jahren Kanalbetrieb wurde der Erztransport nun wieder mit Pferdefuhrwerken abgewickelt.

Das durch den Kanal herangeführte Wasser des 1823 angelegten Abschnitts wurde dagegen bis zur Einstellung des Bergbaus auf Churprinz weiter zur Energiegewinnung, Wasserhaltung und Erzaufbereitung genutzt. 1900 wurde der Bergbau auf dieser Grube eingestellt – Beschreibung in der Datenbank „MontE“ des Instituts für Wissenschaft und Technikgeschichte (IWTG) der Technischen Universität Freiberg, abgerufen am 20. August 2010. Am 26. September 1900 wurde letztmals Erz zur Hütte Halsbrücke geliefert. Der Erzwagen war hierbei durch Kränze mit Trauerschleifen geschmückt.Die Parochie Grossschirma mit Rothenfurth. In: Neue Sächsische Kirchengalerie, Ephorie Freiberg. Strauch Verlag, Leipzig 1901, S. 237–238.

Nachnutzung durch das Pappenwerk Großschirma Nach der Einstellung des Bergbaus auf Churprinz entstand 1901Freie Presse Online: Erste Bierdeckel 1912, abgerufen am 21. September 2011 auf dem ehemaligen Grubengelände, nahe dem Muldenufer eine Holzschleiferei für Pappe und Fasergussproduktion – ab 1912 wurden hier Bierdeckel hergestellt.Sächsische Zeitung Online: Keine Bierdeckel mehr aus Großschirma, abgerufen am 21. September 2011

Den 1823 neu angelegten Teilabschnitt vom Annaer Wäschwehr bis nach Großschirma nutzte das Werk als Brauchwasserzufuhr. Hierfür erfolgten kleinere Umbauten am betreffenden Kanalabschnitt. So wurden am Annaer Wäschwehr Wehreinrichtungen (Schützen) eingebaut, die teilweise bis heute erhalten sind. Da jedoch hohe Unterhaltungskosten für den Kanal aufliefen, wurden zu DDR-Zeiten vom „VEB Pappenwerk Groß-Schirma“ nur unaufschiebbar notwendige Reparaturen ausgeführt. Daher wurde der Kanalteil zwischen dem Annaer Wäschwehr und der Einmündung des Kleinwaltersdorfer Baches in den Kanal in den 1960er Jahren aufgegeben. Seit die Brauchwasserzufuhr allein durch den Kleinwaltersdorfer Bach und den in einem Seitental gelegenen Zechenteich erfolgte, verspündete man den Kanal unmittelbar hinter einem vor dem Mundloch der 118 Meter langen Kanalrösche liegenden Wasserabschlag im Tal der Freiberger Mulde. Damit wurde ein Vordringen des Wassers entgegen der Fließrichtung verhindert. Später, noch zu DDR-Zeiten, wurde eine Wasserleitung vom Zechenteich zum Pappenwerk errichtet, welche teilweise direkt im Kanal verlegt wurde.

Nach dem August-Hochwasser 2002 wurde der Kanal nebst Zechenteich von jeglicher Nutzung durch den damaligen Werksbesitzer losgelöst. Im Gegenzug wurde auf dem Betriebsgelände ein Brunnen gebaut, welcher fortan den Brauchwasserbedarf deckte.

Kanalverlauf miniatur|Mundloch der Kanalrösche (ab 1823) im Tal des Kleinwaltersdorfer Baches – Blick durch die Rösche zum Mundloch im Tal der Freiberger Mulde miniatur|Verlauf (ab 1823) in Großschirma, nahe dem unteren Endpunkt miniatur|Ins Gelände eingebetteter Verlauf (ab 1823) unmittelbar hinter dem „Annaer Wäschwehr“ Verlauf bis 1823