Egbert Kurt Jahn (* 26. Mai 1941 in Berlin) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Zeithistoriker und Friedensforscher und emeritierter Professor der Universität Mannheim.

Leben Nach dem Abitur in Wiesbaden studierte Jahn von 1961 bis 1969 Geschichte, insbesondere osteuropäische, Politikwissenschaft, Geographie und Pädagogik in Marburg a. d. Lahn (u. a. bei Peter Scheibert, Wolfgang Abendroth, Ernst-Otto Czempiel, Karl Christ, Walter Heinemeyer, Carl Schott, Kurt Scharlau, Leonhard Froese), vorübergehend auch in Berlin und Bratislava. Nach dem Staatsexamen 1968 promovierte er 1969 in Osteuropäischer Geschichte bei Peter Scheibert in Marburg a. d. Lahn.

Anfang 1968 gründete er als Student in Marburg a. d. Lahn den Hochschulbund für Friedens- und Konfliktforschung (zunächst: Hochschulbund für interdisziplinäre Polemologie) und gehörte zu den ersten Mitgliedern der ebenfalls 1968 gegründeten Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK). Nach einer kurzen Zeit als Wissenschaftlicher Assistent bei Czempiel in Marburg 1969–1970 ging er mit diesem nach Frankfurt a. M. und wurde 1971 erster Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. 1974 wurde er dort Leiter der Forschungsgruppe „Sozialistische Länder“ (bis Ende 1990). 1974 war sein Buch "Kommunismus - und was dann? ..." einer der ersten Versuche der historisch begründeten Gewaltkritik. Er setzte mit dem Begriff „Zivilismus“ einen Kontrapunkt zum Militarismus, den Gernot Jochheim später zu vertiefen versuchte. 1975 nahm er einen Ruf auf die Professur für „Sozioökonomische Strukturen, Institutionen und Außenpolitik sozialistischer Länder“, dann für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main an.

1993 erhielt Jahn einen Ruf auf den Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim (bis September 2005) in der Nachfolge von Hermann Weber. 1992 gründete er noch in Frankfurt die Forschungsstelle Konflikt- und Kooperationsstrukturen in Ostmitteleuropa, Südosteuropa und Eurasien (FKKS), die er in Mannheim in Forschungsschwerpunkt Konflikt- und Kooperationsstrukturen in Osteuropa (FKKS) umbenannte. Am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) leitete er zunächst einen Arbeitsbereich und zuletzt bis 2009 den Forschungsschwerpunkt „Neue Demokratien und Konfliktregulierung“. 1986/87 nahm Jahn eine Gastprofessur an der Universität Kopenhagen wahr und wirkte beim Aufbau des Centre of Peace and Conflict Research mit. 1988 war er Gastprofessor an der University of California in Irvine, 1993 an der Universität Vilnius.

Von Mai 2004 bis Ende 2009 hielt Jahn regelmäßig Vorlesungen über „Politische Streitfragen in zeitgeschichtlicher Perspektive“ in Mannheim für Studenten aller Studienrichtungen und für Senioren als einen Beitrag zur politischen Bildung. Seit Oktober 2009 setzte er sie an der Goethe-Universität in Frankfurt fort. In 85 Analysen von politischen Streitfällen vom Kopftuch- und Karikaturenstreit bis zur Auseinandersetzung um die Atombewaffnung Nordkoreas und Irans, in denen er die Positionen der Streitparteien darstellt, untersuchte er die Folgen einer Verwirklichung der jeweiligen Standpunkte und entwickelte eigene Vorschläge zu einer möglichst friedlichen und gewaltfreien Konfliktregulierung. Diese Analysen von „Politischen Streitfragen“ waren bzw. sind im Internet zugänglich und wurden zum Teil auch schon als Buch veröffentlicht.

Forschungsschwerpunkte In den 1960er Jahren befasste sich Jahn vor allem mit der Nationalitätenfrage, dem Nationalismus und der Nationalstaatsidee. Diese Arbeit mündete in seiner Dissertation über „Die Deutschen in der Slowakei in den Jahren 1918–1929. Ein Beitrag zur Nationalitätenproblematik“ (1971). An der HSFK widmete sich Jahn in zahlreichen Aufsätzen der Außen-, Rüstungs- und Entspannungspolitik der UdSSR und der DDR sowie sporadisch auch der anderen sozialistischen Länder, außerdem der deutschen und europäischen Ostpolitik und der Struktur der Ost-West-Beziehungen. Während er anfangs sich mit den sozioökonomischen Strukturen und Interessen in den kommunistisch regierten Ländern auseinandersetzte, maß er seit einem längeren Forschungsaufenthalt in der Sowjetunion im Jahre 1973 den ideologischen Motivationen der sowjetkommunistischen Politik eine entscheidende Rolle zu. Jahn sah dabei einen wichtigen Unterschied zwischen Ideologie als innerem geistigen Antrieb und Propaganda als äußerlicher, oft die eigentlichen Absichten verhüllenden Begründung von Politik zum Zwecke der öffentlichen Legitimation sowie der Kader- und Massenmobilisierung.

In den Ost-West-Beziehungen sah Jahn den Kalten Krieg als 1963 beendet an und erblickte trotz wiederholter neuer Spannungen und zahlreicher lokaler Kriege, oft mit Beteiligung der Großmächte, Möglichkeiten einer wechselseitigen entspannungspolitischen Annäherung mit konvergenztheoretischen Elementen, also einer Demokratisierung des bürokratischen Sozialismus oder Etatismus und einer demokratisch-sozialistischen Transformation des Kapitalismus mittels Reformen in zahlreichen Schritten.

Ende der 1970er Jahre wandte sich Jahn der Analyse der politischen Systeme der kommunistischen Länder zu, die in dem Buch „Bürokratischer Sozialismus – Chancen der Demokratisierung?“ (1982) ihren Niederschlag fand. Im Schlusskapitel prognostizierte er, dass große Teile der Bürokratie und der kommunistischen Parteien Träger und Auslöser der Demokratisierung und dass Dissidenten und kritische Intellektuelle allenfalls die Propheten, nicht die soziale Basis der Demokratisierung sein könnten. Von den unterdrückten Nationalitäten und Nationen erwartete er, dass sie „nach wirklicher internationaler Föderation, kultureller Autonomie, im Extremfalle sogar nach nationaler Unabhängigkeit verlangen“ würden.Bürokratischer Sozialismus. Chancen der Demokratisierung?, Frankfurt a. M. 1982, S. 211. Er rechnete jedoch nicht mit einer Wiedereinführung des Privateigentums an Produktionsmitteln.

Neben seiner wissenschaftlichen Haupttätigkeit befasste sich Jahn mit Fragen der Friedensbewegung und der gewaltfreien Politik zur gesellschaftlichen Veränderung und zur Verteidigung errungener gesellschaftspolitischer Freiheiten und Rechte (soziale Verteidigung oder civilian defense). In dem Bändchen „Kommunismus – und was dann?“ (1974), das offenbar auch heimlich eine gewisse Verbreitung in der DDR fand, interpretierte er die Neue Linke und internationale Studentenbewegung um 1968 als Initiatoren einer dritten Welle der sozialistischen Bewegung nach der sozialdemokratischen und der kommunistischen, die vor der Aufgabe stünde, sich nach der Analyse der Produktionsverhältnisse durch Karl Marx und andere mit den Destruktionsverhältnissen und der sie fundierenden Bürokratisierung und Militarisierung des Systems der Nationalstaaten kritisch auseinanderzusetzen. Den dabei entstehenden pazifistischen Sozialismus nannte er Zivilismus.

Seit einem Forschungsaufenthalt 1989 in der Sowjetunion widmete sich Jahn wieder ganz der Nationalitätenproblematik, den nationalen Bewegungen und der Nationalstaatsbildung, also dem Nationalismus als Legitimation partikularer Staatlichkeit. Dabei ging es ihm vor allem um das Verhältnis von Staatsnationalismus und Ethnonationalismus und ihre Auswirkungen auf die Chancen von Demokratisierung und Gewaltminderung. In seinem dreibändigen Hauptwerk „Nationalismus im spät- und postkommunistischen Europa“, für das 51 Kollegen zu spezifischen Themen und einzelnen nationalen Territorien einen Beitrag leisteten, entwickelte Jahn eine differenzierte Begrifflichkeit zur nationalen Thematik. Jahn begreift Nationalismus als Willen zu eigener Staatlichkeit, der, wenn er massenwirksam wird, eine Großgruppe als Nation konstituiert. Jahn folgte insofern Ernest Gellner und konstruktivistischen Theorieansätzen, als Nationalismen Nationen erzeugen und nicht umgekehrt Nationen Nationalismen. Demnach ist im Unterschied zum vormodernen Adels- und Elitennationalismus moderner Massen-Nationalismus wie Demokratie eine Folge des Gedankens der Volkssouveränität. Nationalismus hat demnach die Funktion, ein staatlich verfasstes oder zu verfassendes Volk von einem anderen Volk zu scheiden. Dieser wissenschaftliche Nationalismusbegriff unterscheidet sich fundamental vom weitverbreiteten engen, pejorativen Alltagsbegriff, der unter Nationalismus nur noch die rechtsradikale, aggressive, intolerante, fremdenfeindliche und gewaltträchtige Form des Nationalbewusstseins versteht.

Jahn versteht unter Nation nicht nur wie Karl Deutsch und die Vereinten Nationen eine Großgruppe, die bereits einen eigenen Staat (eine Staatlichkeit) hat, sondern auch eine, die eine eigene Staatlichkeit wiederherstellen (z. B. im 19. und zeitweise im 20. Jh. die Polen) oder erstmals in der Geschichte schaffen will (z. B. vor 1991 die Slowenen oder die slawischen Mazedonier). Viele Nationalismen beziehen sich vorwiegend auf eine einzelne ethnische, einige aber explizit auf eine polyethnische oder multilinguale Bezugsgruppe (Schweiz, Belgien, Indien). Jahn unterscheidet zwischen mehreren Typen des Nationalismus als einem nationalen Streben nach staatlicher Unabhängigkeit, nach föderierter Teilstaatlichkeit oder nach territorialer oder personal-korporativer Autonomie, außerdem nach überstaatlicher Einigung. Analog zur gestaffelten Staatlichkeit in Bundesstaaten entwarf Jahn den Begriff der Bundesnation, die aus föderierten und autonomen Nationen bestehen kann. Dementsprechend können sich Personen gleichzeitig mehreren, gestaffelten Nationen zugehörig fühlen, was einen Ausweg aus dem herkömmlichen Entweder-oder-Denken über nationale Identitäten ermöglicht und Wege zur politischen Konfliktregulierung zwischen als unvereinbar geltenden Nationalismen bietet. Strukturelle Konflikte, zu denen Jahn außer den zwischen Kapital und Arbeit in Marktwirtschaften, zwischen politischen Parteien in Demokratien auch den zwischen Nationen um ihre Stellung im Staatensystem rechnet, können und sollen nach seiner Auffassung nicht gelöst, sondern im Anklang an Ralf Dahrendorf nur reguliert, d. h. in zivilisierte, gewaltarme Austragungsformen transformiert werden.

Die Erkenntnisse aus seiner Forschung über Nationalismus und Konfliktregulierung nutzte Jahn von 2004 bis 2019 für seine in öffentlichen Vorlesungen ausgewerteten Analysen von 69 gesellschaftlichen und internationalen Streitfällen, um die Schwierigkeiten und Realisierungschancen von gewaltfreier und gewaltarmer Friedenspolitik auszuloten.

Mitgliedschaften In der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) war Jahn mehrmals im Vorstand, von 1975 bis 1976 und von 1981 bis 1982 als Geschäftsführendes Vorstandsmitglied. Im Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung war er von 1996 bis 1999 Mitglied des Vorstandes. In der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) war er wiederholt Mitglied des Konzils und auch des Kuratoriums (1979–1983). In der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaften (DVPW) leitete er in den 1970er Jahren die Arbeitsgruppe „Sozialistische Länder“. In der Arbeitsgruppe „Soziale Verteidigung“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) arbeitete er Anfang der 1970er Jahre mit. In der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) war er jahrelang im Vorstand, von 1977 bis 1979 als Vorsitzender. In den 1980er Jahren war er Initiator eines Arbeitskreises Friedensforschung beim DGB Hessen. In der International Peace Research Association war er von 1986 bis 1989 im Council.

Öffentliches Wirken