mini|hochkant|Karl von Utenhove, Kupferstich von Theodor de Bry um 1598 nach einem zeitgenössischen Porträt von Crispin de Passe d. Ä. Karl von Utenhove, Herr van Nieuwland., auch Karel von Utenhove und Carolus von Utenhove (* 18. März 1536 in Gent; † 31. August 1600W. J. C. van Hasselt 1862, S. 288 Anm. 2, nennt 1608 als Sterbejahr und hält die Angabe „1600“ in David van Hoogstraten / Jan Lodewyk Schuer / Louis Moreri: Groot algemeen historisch, geographisch, genealogisch en oordeelkundig woordenboek. Amsterdam u. a. 1733, s. v., auf das sich die Sekundärliteratur in der Regel bezieht, für einen Druckfehler; vgl. aber Matthias Quad: Teutscher Nation Herligkeitt. Wilhelm Lutzenkirchen, Köln 1609, S. 424; M. Adam 1615, S. 445 (Daten in ausgeschriebenen Wörtern) u. a. in Köln), war ein flämischer humanistischer Gelehrter (Philologe) und Dichter, der in Basel, Paris, London und am Niederrhein wirkte.

Leben Von Utenhove (auch van Uytenhofen, Vtenhouius Neochthonis u. ä.) war der Sohn von Karl von Utenhove d. Ä., Herr von Merkeghem, Horsen, NieuwlandDie Herrschaft Nieuwland lag im Stadtgebiet von Gent im Bereich der heutigen gleichnamigen Straße; vgl. Rijksarchief Gent (Archief van de Heren van Nieuwland te Gent, Fonds Gent Nr. 64–69)., Warenchem und Oosthoek (um 1500–1580), und Anna de Grutere († vor 1556) und der Enkel von Nicolas von Utenhove († 1527).Präsident des Rates von Flandern, verheiratet mit Agnes van der Vaerent († 1520) (Epitaphe im Dominikanerkloster Gent) und Elizabeth de Grutere. Seiner verstorbenen Mutter Anna de Grutere widmete Karl von Utenhove ein Epitaphium. Die zweite Frau seines Vaters Karl d. Ä. war Elisabeth [Anna?] Wier, vermutlich eine Verwandte des Klever Leibarztes und Gegners der Hexenverfolgung Johann Weyer (1515–1588).Karl von Utenhove steuerte ab 1568 Widmungsgedichte zu späteren Auflagen von Weyers De praestigiis daemonum bei (vgl. auch Xenia. S. 104f) und korrespondierte freundschaftlich mit dessen Sohn Galenus Weyer (1547–1619).Vgl. L. W. Forster: Charles Utenhove. 1977, bes. S. 77 Anm. 1, 84f Anm. 7, 87-89 und 98.

Das Stadtschloss „Utenhovesteen“ der Familie in Gent befand sich am Vrijdagmarkt 9–10 (1839 abgerissen, heute „Ons Huis“). 1557 wurde die Bibliothek Karls von Utenhove d. Ä., der 1539 und 1548 erster Schöffe (Bürgermeister) von Gent gewesen war, konfisziert.Vgl. Johan Decavele: Het culturele en intellectuele netwerk. Middeleeuwen en 16de eeuw. In: Het stedelijk netwerk in België in historisch perspectief (1350–1850) (Historische uitgaven 86), Brüssel: Gemeentekrediet 1992, S. 365–384, bes. S. 380f. 1562Nach anderen 1557; vgl. aber Ulrich Gäbler / Kurt Jakob Rüetschi: Die drei Briefe Jan Utenhoves des Jüngern an Bullinger (1564). Anm. 13 (Online-Ressource, abgerufen am 19. Februar 2011). floh der Vater als verfolgter Protestant mit seiner Familie zunächst zu Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg (1516–1592) und suchte dann Schutz bei Graf Hermann von Neuenahr und Moers (1520–1578) in Friemersheim (heute Duisburg-Rheinhausen).

In Gent war der flämische Philologe Johann Otho (um 1520–1581) Lehrer von Karl von Utenhove; Utenhove widmete ihm 1555 und 1556 Epigramme und 1556 ein dreiseitiges Melydrion. Mit der Tochter Johanna Otho (um 1549–nach 1621) seines Lehrers, die selbst literarisch tätig war und seit 1557 mit ihrem Vater in Duisburger Exil lebte, hatte Karl von Utenhove zeitlebens Kontakt.

Studium in Löwen und Basel (1555 bis 1557) Karl von Utenhove bezog 1555 zusammen mit seinem Schulfreund Bonaventura Vulcanius (1538–1614) die Universität Löwen. Noch im selben Jahr studierte er in Basel, wo er die Humanisten Sebastian Castellio (1515–1563), Bonifacius Amerbach (1495–1562) und Thomas Platter (1499–1582) kennenlernte. 1555 bis etwa 1557 war Utenhove Tischgänger bei Platter.

mini|Handschriftliches „Pentastichon“ Utenhovens (Zeilen 8/9: „“) für Bonifacius Amerbach, 1555 Utenhove war polyglott und schrieb Gedichte in mindestens 10 Sprachen (Flämisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Latein, Griechisch, Hebräisch und „Chaldäisch“). Als Humanist schrieb „Uten-ho-vius“ seinen Namen oft griechisch „Οὐθὲν-ὁ-βίος“ – „drei Worte, in denen verborgen ‚Nichts ist dieses Leben‘ steckt“.Vgl. „tria … Verba, quibus NIHIL-HAEC-VITA latenter inest“: Xenia. S. 94; gemeint ist im erasmischen Sinne ein Leben „ohne Gott“.

Schon in seiner ersten Basler Zeit wirkte Utenhove an Publikationen des Druckers Johannes Oporinus (1507–1568) mit und veröffentlichte kleine Beiträge in Werken von Paul Dolscius (1526–1589), Gilbert Cousin (1506–1572)Auch Gilbertus Cognatus, Kanoniker in Nozeroy, Sekretär des Erasmus von Rotterdam., Hadrian Junius (Adrian de Jonghe) (1511/12–1575), Joachim Camerarius (1500–1574), Michael Neander (1525–1595), Pierio Valeriano (1477–1558), Celio Secondo Curione (1503–1569) oder Olympia Fulvia Morata (1526–1555).

Hauslehrer in Paris (1557 bis 1561) Im Winter 1556/57 reiste Utenhove mit seinem Vater und seinem Bruder Johann (Jan d. J.) nach Paris und wurde Hauslehrer der Töchter Camille (1547–nach 1611)Zu ihr vgl. Samuel Will: Camille de Morel: a prodigy of the Renaissance. In: Publications of the Modern Language Association 51 (1936), S. 83–121; Philip Ford: Camille de Morel. Female Erudition in the French Renaissance. In: Gay Ferguson / Catherine Hampton (Hrsg.), (Re)Inventing the Past. Durham 2003, S. 245–259., Lucrèce (1548/49–1580) und Diane (1550–1581) des berühmten Gelehrten Jean de Morel (1511–1581), seigneur de Grigny et du Plessis-le-Comte, und seiner Frau Antoinette de Loynes (1505–1567/68).Vgl. Antonia Deloina ex Graeco C. V. Camilla Morella Interprete. In: Xenia. S. 67. Jean de Morel war ein Gläubiger des Nostradamus (1503–1566), über dessen Verse sich Utenhove spöttisch äußerte: Nostra damus cu[m] verba damus, q[ui]a fallere Nostru[m] est, Et cum verba damus nil nisi Nostra-damus.Xenia. S. 108; wird auch Étienne Jodelle (1532–1573) oder Théodore de Bèze (1519–1605) zugeschrieben. Wir geben das Unsrige, wenn wir Worte geben, denn Unser ist ja zu täuschen. Und wenn wir Worte geben – nichts anderes als ‚das-Unsrige-geben-wir‘.

Morels Haus bildete einen Mittelpunkt des kulturellen LebensPhilip Ford: An Early French Renaissance Salon: The Morel Household. In: Renaissance and Reformation 28 (2004), S. 9–20 (Online-Ressource, abgerufen am 29. Juni 2011).; Utenhove freundete sich dort an mit Jean Dorat (1508–1588), Adrien Turnèbe (1512–1565), Denis Lambin (1520–1572), George Buchanan (1506–1582), François Olivier (1497–1560), Michel de L’Hospital (um 1505–1573) und Mitgliedern der Dichtergruppe „La Pléiade“ um Pierre de Ronsard (1524–1585) und Joachim du Bellay (um 1522–1560). Im Winter 1558/59 besuchte Jan Kochanowski (1530–1584) Utenhove in Frankreich.

Johannes Sambucus (1531–1584) empfahl Utenhove 1560 als polyglotten und begabten Übersetzer der Dionysiaka des Nonnos von Panopolis (5. Jh. n. Chr.) in einem Brief aus Paris an Hieronymus Wolf (1516–1580).Vgl. Brief vom 12. Dezember 1560 aus Paris an Hieronymus Wolf in Augsburg; Österreichische Nationalbibliothek Wien (Cod. lat. 9736, Blatt 1).Vgl. Hans Gerstinger: Die Briefe des Johannes Sambucus (Zsamboky) 1554–1584 (= Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte 255). Böhlau, Wien / Graz / Köln 1968, S. 52f.

Gesandtschaft nach England und Schottland (1561 bis 1565) 1561 reiste er mit der französischen Gesandtschaft als Sekretär des Prälaten und Diplomaten Paul de Foix de Carmain (1528–1584) nach England und Schottland. In London gehörte Utenhove dem literarischen Kreis um Königin Elisabeth I. an. William Camden (1551–1623) bezeichnete ihn noch 1614 als „Carolus Vtenhovius my good friend“.Remaines, concerning Britaine. London: John Legatt 1614, S. 173 (books.google.de). Mit Mildred Cook Cecil, Lady Burghley (1526–1589), der Frau des Staatssekretärs William Cecil (1521–1598), die als eine der gebildetesten Frauen Englands galt, führte er einen umfangreichen Briefwechsel. Auch Philip Sidney (1554–1586), Daniel Rogers (1573–1652) und Robert Dudley, 1. Earl of Leicester (1532–1588) gehörten zu Utenhoves englischem Freundeskreis.

Zu einem Zwischenfall kam es Sylvester 1563/64 am Ende einer viermonatigen Einquartierung im Eton College, als die französische Gesandtschaft randalierte, sich nicht an die Hausordnung hielt und das College nach der Sperrstunde verlassen wollte; der Provost William Day (1529–1596) berichtete nach London, dass auch Utenhove und Dubois, der Sekretär des Botschafters, nach dem Tor-Schlüssel verlangten.Vgl. Elizabeth: January 1564, 1-15. In: Calendar of State Papers Foreign, Elizabeth 7 (1870), S. 1–17 (British History Online).

Über Paris, die Niederlande und Emden kehrte Utenhove 1565 nach Düsseldorf zurück. Nach der Rückkehr aus England besuchte er Johann und Johanna Otho in Duisburg.Vgl. Richmond Laurin Hawkins: A Letter from One Maiden of the Renaissance to Another. In: Modern Language Notes 22 (1907), S. 243–245, bes. S. 244.

Augsburger Reichstag und Genter Bildersturm (1566) Mitte der 1560er Jahre veröffentlichte Utenhove eine lateinische Übersetzung der Hymnen des Kallimachos. Das Werk ist nicht erhalten, wurde aber von Zeitgenossen wie François de Thoor († um 1601)Auch Franciscus Thorius Bellio; aus Bailleul, flämischer Humanist, Arzt und Dichter, als protestantischer Flüchtling in England gestorben., Jean Dorat, Johanna Otho, Johannes Curterius (um 1546-nach 1583)Auch Jean Courtier; französischer Humanist, Vorbesitzer des „Berner Exemplars“ der Kallimachoshymnen., Martin HauweelKapitän der Genter Bürgerwehr, 1573 aus Flandern verbannt, naher Verwandter von Daniel Heinsius. oder seinem Bruder Jan Utenhove d. J. ausgiebig gewürdigt.Siehe unter „Quellen“ sowie Ιω. Κουρτήριος: Εἰς Καρόλου τὸν Οὐθὲν-ὁ-βίος Καλλιμάχον; J. Dorat: Εἰς Καλλιμάχον Καρόλου τὸν Οὐθὲν-ὁ-βίος; Jan Utenhove d. J.: Epigramma in Callimachum Romanum C. Vtenhouij fratris sui; Martin Hauwelius: In Callimachum Latinis versibus redditum à Carolo Vtenhouio Caroli filio. In: Xenia. 1568, S. 118f (Digitalisat), 119 (Digitalisat), 121f (Digitalisat) und 122f (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München).

Während des Reichstags, der vom 23. März bis 30. Mai 1566 stattfand, hielt Utenhove sich in Augsburg aufEintrag von „Carl Utenhof“ im Stammbuch des Guilelmus Fridericus Lucius (Bibliothek des Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Hs. 91.766); vgl. Xenia 1568, S. 24 und 115.; dort hat er Wilhelm Friedrich Lutz (1551–1597) und Hieronymus WolfVgl. Hieronymus Wollf's Denkwürdigkeiten seines Lebens. Von ihm selbst beschrieben. In: Ludwig Gotthard Kosegarten: Rhapsodieen. Band III, Leipzig: Heinrich Gräff 1801. S. 137–286, bes. S. 229f (books.google.de)., vermutlich auch Caspar Peucer (1525–1602) und Wilhelm Xylander (1532–1576) getroffen. Orlando di Lasso (1532–1594) und Paul Melissus (1539–1602), mit denen Utenhove freundschaftlich korrespondierte, waren 1566 ebenfalls anlässlich des Reichstages in Augsburg.