Die gotische Frauenkirche in Dresden war der Vorgängerbau der Frauenkirche von George Bähr. Sie entstand im 14. Jahrhundert und galt trotz ihrer Lage außerhalb der Stadtmauern bis ins 16. Jahrhundert als Mutter- und Hauptkirche Dresdens. Die Einführung des Protestantismus in Sachsen 1539 bedeutete einen Wendepunkt in der Geschichte der Kirche. Der Gottesdienst wurde dort eingestellt und ausschließlich in der Kreuzkirche abgehalten. Erst 1559 fanden in der Frauenkirche wieder Gottesdienste statt, doch hatte sie gegenüber der zentraler gelegenen Kreuzkirche den Status einer Dorfkirche für die ärmere Bevölkerung erhalten.

mini|hochkant=1.5|Südansicht der Frauenkirche 1714 auf einem Stich von Moritz Bodenehr mini|hochkant=1.5|Grundriss der Stadt Dresden im Jahr 1529 von Anton Weck (1680; gesüdet – Blick von der Dresdner Elbbrücke zur Stadt): Frauenkirche (P) und -kirchhof (Q) liegen links unten zwischen Stadtmauer und den Außenwerken, die Kreuzkirche (K) befindet sich links über dem Marktplatz (L) mit dem Rathaus (M).

Frauenkirche und -kirchhof hatten für den Adel und das gehobene Bürgertum jedoch eine besondere Bedeutung als Begräbnisstätten. Daher kam es zu Protesten der Bevölkerung, als die baufällige Frauenkirche Anfang des 18. Jahrhunderts abgetragen und ihr Kirchhof säkularisiert werden sollte. Erst als die Kirche stark einsturzgefährdet war, konnten die Planungen für einen Neubau unter der Leitung von George Bähr verwirklicht werden. Der Bau der barocken Frauenkirche und die Weiternutzung des gotischen Gotteshauses liefen zunächst parallel, bevor die alte Frauenkirche 1727 abgetragen werden musste, um den Baufortschritt nicht zu behindern.

Verschiedene Ausstattungsstücke der gotischen Frauenkirche blieben erhalten, darunter Kirchengefäße und die Kanzel. Eine Glocke der gotischen Frauenkirche erklingt noch in der wiederaufgebauten Bährschen Frauenkirche. Dort wie auch in der Dresdner Kreuzkirche und dem Stadtmuseum sind Grabsteine und Epitaphe aus der Frauenkirche und dem Kirchhof ausgestellt.

Geschichte Vorgeschichte

Im Jahr 968 wurde das Bistum Meißen gegründet, das dem Erzbistum Magdeburg unterstand. Von Meißen aus begann die Missionierung der im heutigen sächsischen Raum lebenden Sorben. Zu diesem Zweck entwickelte sich bis zum Jahr 1000 eine Kirchenorganisation mit zahlreichen Missionskirchen, die zumeist auf Initiative der Bischöfe, aber auch der Markgrafen entstanden.Walter Schlesinger: Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter. Band 1: Von den Anfängen kirchlicher Verkündigung bis zum Ende des Investiturstreits. Böhlau, Köln 1962, S. 147. Es gilt als wahrscheinlich, dass ein Meißner Bischof die Frauenkirche im damaligen Gau Nisan gründeteManfred Kobuch: Die Anfänge der Dresdner Frauenkirche. In: Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch 2002. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 2002, S. 47. und auch das Patronat über das Gotteshaus besaß. In die Frauenkirche eingepfarrt waren zu Beginn rund 30 rechts- und linkselbisch gelegene sorbische Dörfer, die bis zu zehn Kilometer von der Kirche entfernt lagen.Heinrich Magirius: Die Dresdner Frauenkirche von George Bähr. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2005, S. 12. Mit der sorbischen Dorfsiedlung Poppitz besaß die Frauenkirche seit ihrer Gründung zudem ein Dos zur materiellen Ausstattung.

mini|hochkant|links|Patronatsherr der Frauenkirche bis kurz vor 1288: Markgraf Heinrich III., Darstellung im Codex Manesse

Die Frauenkirche war als Kirche Unserer Lieben Frauen der Verehrung der Mutter Jesu Maria gewidmet. Da Kirchen im gesamten Mittelalter das Marienpatrozinium verwendeten, lässt sich daraus kein Hinweis auf die Gründungszeit der ersten Frauenkirche ableiten.Karlheinz Blaschke: Die Frauenkirche in der Dresdner Kirchengeschichte. In: Dresdner Geschichtsverein e. V. (Hrsg.): Dresdner Frauenkirche. Geschichte – Zerstörung – Wiederaufbau. Dresdner Hefte, Jg. 10, Nr. 32, 3. Aufl. 1994, S. 43. Die Forschung geht davon aus, dass die erste Frauenkirche zunächst als „Missionsstation ohne festen Sprengel“Walter Schlesinger: Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter. Band 1: Von den Anfängen kirchlicher Verkündigung bis zum Ende des Investiturstreits. Böhlau, Köln 1962, S. 198. bestand und abseits eines Burgwardmittelpunkts lag. Die erste Frauenkirche muss angesichts des Missionsstatus Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrhunderts erbaut worden sein. Bei der Neugestaltung der Kirchendecke um 1580 wurde eine alte Jahreszahl (vermutlich 1020) zur „Fundation“ gefunden und das Alter mit „in die 560. Jahr“Anton Weck: Der Chur-Fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residentz und Haupt-Vestung Dresden Beschreib- und Vorstellung. Joh. Hoffmann, Nürnberg 1680, S. 245: „Die Zeit der fundation haben zwar die Vorfahren nicht aufgezeichnet; und dergleichen Bericht auf itzige Nachwelt gebracht/ damit man das eigentliche Alter abnehmen könte/ doch hat man für ohngefehr etliche 90. Jahre/ als die Kirche an der Decke dazumahl gemahlet worden/ aus einer Jahr=Zahl alter Leute Bericht nach/ abgenommen, daß schon selbige Zeit in die 560. Jahr alt gewesen.“ angegeben. Eine Gründung der Kirche (um) 1020 sahen daher Chronisten des 17. und 18. Jahrhunderts als möglich an.Anton Weck: Der Chur-Fürstlichen Sächsischen weitberuffenen Residentz und Haupt-Vestung Dresden Beschreib- und Vorstellung. Joh. Hoffmann, Nürnberg 1680, S. 13: „Also is es gewiß/ daß Dresden bereits eine ziemliche Zeit vorm 1000ten Jahre nach Christi Geburt etlichermaßen bekannt gewesen/ inmassen Dresserus in seiner Städte=Chronicki und andere Authores, sonderlich aber auch aus dem Pirnischen Münche/ Johann Lindnern/ an= und ausgeführet, daß Dresden zu Zeiten Kaysers Heinrich des Voglers/ und Kayser Ottens/ ein Flecken gewesen/ alda es eine Taberne oder Schenckstädt/ und eine befestigte Uberfarth an der Elbe gehabt/ jedoch ist/ was ietzo erwehnet/ anderer Gestalt nicht als vom Alten Dresden zu verstehen/ denn Neu Dresden ist allererst hernach umbs Jahr 1020. als AltDresden vorher gar öffters/ und auch dazumahl vom Wasser/ aus dem ElbStrohme/ Schaden gelitten.“Johann Gottfried Michaelis: Dreßdnische Inscriptiones und Epitaphia. Schwencke, Alt-Dresden 1714, [S. 19/678].: „Nur ist hier schwer zu determiniren/ wenn diese kirche zu Sanct Marien oder unser Lieben Frauen den ersten Anfang genommen/ oder wer der Fundator derselben/ gewesen. Zu wüntschen wäre/ daß eine völlige Nachricht hievon nicht zugleich mit dem Abschiede derer Papisten durch die gesegnete Reformation Lutheri uns wäre entzogen worden: So könnte man einen wohlgesinnten Leser mit bessern Gründen von der Fundation und Fundatore unterrichten. Muthmaßlich aber ist/ daß sie um das eintausend und 20ste Jahr bereits mag gestanden haben. Denn damals die Leute wegen grossen Wasser-Schaden, welchen sie in Alt-Dreßden von der Elbe offt erlitten/ dißeits der Elbe zu bauen angefangen, weil das Land allhier höher lag/ als in Alt-Dreßden. Wenn man nun dem Ausspruch alter Leute trauen darff/ welche ehmals gelebet/ als die itzige Decke der Kirche neu gemahlet und damals eine Jahreszahl gefunden worden; so müste obangeführte Jahreszahl seine Richtigkeit haben.“ Nach der slawischen Überlieferung wurde die wohl noch hölzerne Frauenkirche durch Přibislav (wahrscheinlich der Hofkaplan des böhmischen Herzogs Oldřich) am 8. September, dem Festtag Mariä Geburt, geweiht. Der Archäologe Reinhard Spehr legte das Erbauungsjahr der Frauenkirche auf die Zeit „um 1060“;Reinhard Spehr: Grabungen in der Frauenkirche von Nisan/Dresden. In: Judith Oexle (Hrsg.): Frühe Kirchen in Sachsen. Ergebnisse archäologischer und baugeschichtlicher Untersuchungen. Konrad Theiss, Stuttgart 1994, S. 211. seine Grabungen im Jahr 1987 auf dem ehemaligen Frauenkirchhof legten Grabreste frei, die vermutlich aus dem 11. oder frühen 12. Jahrhundert stammten und die auf eine zugehörige ältere Kirche schließen lassen. Spätere Ausgrabungen ergaben Funde, die auch in das ausgehende 10. Jahrhundert datiert wurden.Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden e. V. (Hrsg.; Autoren: Dr. Claus Fischer, Dr. Hans-Joachim Jäger, Dr. Manfred Kobusch): Die Dresdner Frauenkirche. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Dresden 2007, ISBN 978-3-00-021620-6, S. 12: „Um 1000 […] Von einem Friedhof mit christlichen Bestattungen seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert umgeben, wird die Kirche der Gottesmutter Maria (ecclesia Beate Virginis) geweiht.“ Da es von der ersten Frauenkirche keine baulichen Überreste gibt und der Steinbau damals noch weitgehend unbekannt war, wird es sich bei der ersten Frauenkirche um einen Sakralbau aus Holz gehandelt haben.Manfred Kobuch: Die Anfänge der Dresdner Frauenkirche. In: Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch 2002. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 2002, S. 52.

mini|hochkant|Markgraf Wilhelm I., Patronatsherr der Frauenkirche ab 1404, auf einem Stich aus dem Jahr 1692

Im Laufe des 12. Jahrhunderts nahmen Reichtum und Bedeutung der Frauenkirche zu und die umliegenden Siedlungen müssen derart gewachsen sein, dass der Plan einer steinernen Kirche in die Tat umgesetzt wurde. Im Jahr 1987 freigelegte Wandfundamente dieses Baus bestanden aus in Lehm verlegtem Plänerschiefer. Fundamente ausschließlich aus Plänerschiefer wurden in Dresden unter anderem im Bereich der Stadtmauer gefunden und datieren in das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts. Kleine Scherbenfunde im Baulehm der Plänermauern, die grob auf das 12. Jahrhundert datiert werden können, deuten auf eine erste steinerne Frauenkirche vor 1170 hin.Reinhard Spehr: Grabungen in der Frauenkirche von Nisan/Dresden. In: Judith Oexle (Hrsg.): Frühe Kirchen in Sachsen. Ergebnisse archäologischer und baugeschichtlicher Untersuchungen. Konrad Theiss, Stuttgart 1994, S. 212. Sie war vermutlich als dreischiffige Basilika erbaut worden.

Die erste indirekte urkundliche Erwähnung der Frauenkirche stammt aus dem Jahr 1240: Heinrich III. benannte in diesem Jahr den Pfarrer der Parochie Dresden in seiner Urkunde für die Leipziger Katharinenkirche als Zeugen.Karl Friedrich von Posern-Klett (Hrsg.): Urkundenbuch der Stadt Leipzig und ihrer Klöster. Band 2 (= Codex diplomaticus Saxoniae regiae (CDS) II 9). Giesecke & Devrient, Leipzig 1870, Nr. 13. Die erste direkte schriftliche Nennung der Frauenkirche stammt vom 1. Oktober 1289, als Abt Heydolf vom Kloster Berge vor Magdeburg dem Archidiakon Arnold von Nisan in einem Schriftstück mitteilte, dass er „den Priester Albert von Lobeda […] als Pfarrer in der [Frauen-]Kirche zu Dresden eingesetzt und dessen Gegner Adolf in dieser Kirche Redeverbot auferlegt“ habe.Vgl. Harald Schieckel (Bearb.): Regesten der Urkunden des Sächsischen Hauptarchivs Dresden. Band 1., 948–1300. Rütten & Loening, Berlin 1960, S. 351.

Das Patronat über die Frauenkirche wechselte bis ins 15. Jahrhundert mehrmals. Bis kurz vor 1288 besaß es Heinrich III.; anschließend ging es an das Klarissenkloster Seußlitz über und kam im Jahr 1316 im Tausch an den Bischof von Meißen Withego II. von Colditz. Im Jahr 1404 erwarb der Markgraf von Meißen Wilhelm I. das Patronatsrecht über die Frauenkirche von Bischof Thimo von Colditz im Tausch gegen das Kirchlehn Ebersbach und die Nikolaikirche in Freiberg.Manfred Kobuch: Die Anfänge der Dresdner Frauenkirche. In: Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch 2002. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 2002, S. 48.Johann Gottfried Michaelis: Dreßdnische Inscriptiones und Epitaphia. Schwencke, Alt-Dresden 1714, [S. 20/678].

Der Bau der Frauenkirche im 14. Jahrhundert mini|links|Die alte Frauenkirche nordöstlich außerhalb der Stadtmauern auf einer Zeichnung nach dem Holzmodell des Holländers Max Stam von 1521: Dresden vor Beginn der Remparierung ab 1519