mini|Geografische Lage von Senegal
Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Senegal ist dort nicht anerkannt und wird strafrechtlich scharf verfolgt.
Geschichte Französisch-Westafrika Unter französischer Kolonialherrschaft galt das französische Strafgesetz, der Code pénal, sowie der Code de l’indigénat, ein Sonderrecht für die indigene Bevölkerung. Zahlreiche Zeugnisse aus der Zeit, als Dakar in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Hauptstadt von Französisch-Westafrika war, berichten von einem regen LGBT-Leben in der Stadt. Broqua.
Die rechtlichen Einschränkungen für Homosexuelle begannen mit einer Verordnung vom Juni 1942, die Marschall Philippe Pétain unterzeichnete, Chef des von Hitler-Deutschland abhängigen État français (Vichy-Regimes). Die Verordnung soll auf deutschem Vorbild beruhen.Tatiana Salvan: En Afrique, l’homophobie est un «exutoire pour tous les autres maux sociaux». In: liberation.fr vom 19. November 2014.
Nach der Unabhängigkeit Nach der Unabhängigkeit 1960 gab sich das Land durch das Gesetz 65-60 vom 21. Juli 1965 mit dem Code pénal sénégalais (CPS) ein eigenes Strafrecht, das auch homosexuelle Handlungen kriminalisierte.Loi n° 2026-08 modifiant l’article 319 (Weblinks).
Gleichwohl galt der Senegal vor 2008 als eines der afrikanischen Länder, die gegenüber Homosexualität am tolerantesten waren. Es war das erste Land im französischsprachigen Afrika, das öffentliche Gesundheitsprogramme für Männer mit homosexuellen Kontakten ins Leben rief. Diese Toleranz verschwand jedoch umgehend und in den Jahren 2008 und 2009 ersetzte sie ein rasanter Anstieg von Homophobie.Awondo u. a.: Une Afrique homophobe? Im August 2008 wurden zwei Männer, darunter ein belgischer Staatsbürger, wegen „gleichgeschlechtlicher Ehe und widernatürlicher Handlungen“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.Thomas Hoffnung: Les homosexuels harcelés au Sénégal. In: liberation.fr vom 16. Januar 2009(?). Die öffentliche Meinung reagierte heftig: Einer der die „Ehe“-schließenden musste nach Südafrika ins Exil fliehen. Kurz darauf wurden junge Männer, denen homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden, festgenommen, später aber wieder freigelassen. Ndèye Ndiagna Gning. Analyse d’une controverse. Les discours sur l’homosexualité dans l’espace public au Sénégal. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien Nr. 24/2013 (13), S. 93–120. Mbaye Niang, Imam und Parlamentsabgeordneter, protestierte gegen ihre Freilassung und organisierte eine Demonstration gegen Homosexualität. Im Senegal kam es daraufhin zu einer Verfolgungswelle gegen Personen, denen homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden.Awondo u. a.: Une Afrique homophobe? Aufgrund dieser Vorfälle brachten zahlreiche Abgeordnete der Regierungspartei und der Opposition eine Gesetzesinitiative in das Parlament ein, die härtere Strafen für Homosexualität vorsah. Diese Einigkeit wurzelte in der gemeinsamen Homophobie verschiedener, ansonsten konkurrierender muslimischer Bruderschaften.Awondo u. a.: Une Afrique homophobe? Die Initiative hatte zunächst keinen Erfolg.
Am 6. Januar 2009 wurden neun Senegalesen aufgrund einer Denunziation in einem Privathaus festgenommen. Es handelte sich um Homosexuelle, die im Kampf gegen AIDS engagiert waren, darunter Vertreter von AIDESAIDES ist eine französische Vereinigung, die in der Aidsprävention und -hilfe arbeitet. im Senegal. Sie wurden wegen der Bildung einer „kriminellen Vereinigung“ zu acht Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt.Philippe Bernard: A Dakar, neuf homosexuels sont condamnés à de la prison ferme. Le Sénégal oscille entre répression et ouverture. In: Le Monde vom 13. Januar 2009; Julie Vandal: 9 homosexuels condamnés à de lourdes peines de prison. In: Radio France Internationale vom 7. Januar 2009. Die Strafe soll dadurch verschärft worden sein, dass vor Ort Sexspielzeug und Kondome gefunden wurden, die im Rahmen der AIDS-Prävention verwendet wurden. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy, weitere französische Politiker und der französische Nationale AIDS-Rat äußerten sich bestürzt, ohne aber etwas zu bewirken. Das Berufungsgericht in Dakar hob das Urteil auf, und die neun Männer wurden am 20. April 2009 freigelassen.Senegal gay convictions quashed. British Broadcasting Corporation (BBC)vom 20. April 2009. Frustriert über die „Nachlässigkeit“ der Regierung gründete eine Gruppe muslimischer Religionsführer als Reaktion die Front islamique pour la défense des valeurs éthiques („Islamische Front zur Verteidigung ethischer Werte“) und erklärte, sie wünsche die Todesstrafe für jede wegen Homosexualität verurteilte Person.
2016 erklärte Präsident Macky Sall, solange er Präsident der Republik sei, werde Homosexualität niemals legal sein.Macky Sall sur l’homosexualité : «Je ne suis pas le genre de président à qui on demande de tourner à gauche ou à droite et qui s'exécute». Auf: Dakar actu vom 8. März 2026. Diese Position unterschied sich deutlich von seinen Aussagen im Wahlkampf 2011, als er vorgeschlagen hatte, die Frage von LGBT-Personen auf „moderne und verantwortungsvolle“ Weise zu behandeln. Vertraute seines Gegners Abdoulaye Wade hatten ihm damals vorgeworfen, im Dienst „schwuler Lobbys“ zu stehen.Mathieu Olivier: Homosexualité en Afrique, la différence tous risques. In: jeuneafrique.com vom 12. Februar 2014.
Im Dezember 2015 und erneut im Oktober 2020 wurden Gruppen von Personen festgenommen, die im privaten Rahmen an Zeremonien zu gleichgeschlechtlichen Eheschließungen teilgenommen hatten.Camille Belsoeur: Au Sénégal, la presse contribue au sentiment antihomosexuel. In: SlateAfrique vom 21. Januar 2016; Mehdi Ba: Sénégal : « mariage gay » à Kaolack ou cabale homophobe ? In: Jeune Afrique vom 25. Januar 2016; Mariages homosexuels et actes contre nature présumés : 25 mis en cause arrêtés à Mermoz ce samedi. In: Dakar actu vom 18. Oktober 2020.
2021 kam es zu einem neuen Gesetzesvorschlag von 11 Abgeordneten des senegalesischen Parlaments, der die Strafen erheblich verschärfen sollte. Getragen wurde er von der Initiative „And Samm Jikko“ (Deutsch „Gemeinsam zur Bewahrung der Werte“). Der Antrag wurde im Januar 2022 vom Präsidium der Nationalversammlung verworfen.Der Tagesspiegel vom 12. Januar 2022: Queerfeindlichkeit im Senegal – Verschärfung von Anti-Homosexuellen-Gesetz abgelehnt. Letztendlich hatte die Initiative 2026 jedoch Erfolg. Andererseits unternahm die Politik auch nichts, die strafrechtlichen Bestimmungen zu lockern. Der Generalkalif der Murīdīya, Serigne Mountakha Mbacké, reagierte auf das vorläufige Scheitern des Gesetzesprojekts, indem er alle juristischen Schritte gegen Homosexualität unterstützte.Sénégal : un chef religieux encourage « toutes les démarches légales » contre l'homosexualité. In: KOMITID vom 7. Januar 2022. Am 21. Februar 2022 fanden in Dakar nach Aufruf eines Zusammenschlusses von 125 Anti-LGBT-Vereinigungen monatelang große Demonstrationen statt, die sich für das Gesetzesvorhaben zur Strafverschärfung einsetztenSénégal: quand les traditionalistes manifestent contre l’homosexualité. Auf France Info vom 21. Februar 2022. und den Behörden vorwarfen, die gesellschaftlichen Werte zu schwächen.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, S. 4.
Am 12. März 2026 verabschiedete das Parlament des Senegal den geänderten, verschärften Art. 319 CPSJules Crétois: Le Sénégal adopte une loi réprimant plus sévèrement l’homosexualité au nom de la lutte contre l’influence occidentale. In: Le Monde vom 12. März 2026; Homosexualité : Diomaye Faye promulgue la loi durcissant la répression au Sénégal. BBC vom 12. März 2026., der am 27. März 2026 in Kraft trat.Loi n° 2026-08 modifiant l’article 319 (Weblinks).Ministère de la Justice: ASSEMBLÉE NATIONALE : Adoption du projet de loi n°05/2026 modifiant l’article 319 du Code pénal (Darstellung des senegalesischen Justizministeriums zur Änderung des Art. 319 CPS 2026).
Rechtliche Lage Strafrecht Nach der Fassung von Artikel 319 CPS vom 27. März 2026 werden sexuelle oder sexuell geprägte Handlung zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts als widernatürliche Handlung definiert und mit einer Freiheitsstrafe von 5 bis 10 Jahren und einer Geldstrafe von 2.000.000 bis 10.000.000 CFA-Franc bestraft. Die Freiheitsstrafe von 5 Jahren ist eine Mindeststrafe und die Freiheitsstrafe kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Wird die „widernatürliche Handlung“ mit einem Minderjährigen begangen, so muss die Höchststrafe verhängt werden. Weiter strafbar ist die öffentliche Darstellung durch Wort, Schrift, Bild, Geste, Ton oder irgendein anderes Mittel, das darauf abzielt, Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität oder eine andere vergleichbare Praxis zu fördern oder zu „verherrlichen“ – in der Praxis also anders als abwertend darzustellen. Zudem werden Verurteilten die Bürgerrechte nach Art. 34 CPS aberkannt.
Weiter stellt Artikel 319 CPS die Darstellung von Homosexualität in öffentlichen Medien„Öffentliche Medien“ werden in Art. 248 CPS als „Radio, Fernsehen, Kino, Presse, Plakatierung, Ausstellung, Flugschriften, Bilder, Lieder oder alle Möglichkeiten, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen“. unter Strafe. Das wird mit einer Freiheitsstrafe von 2 bis 5 Jahren und einer Geldstrafe von 500.000 bis 2.000.000 CFA-Franc bestraft.
Antidiskriminierung Einen gesetzlicher Schutz gegen Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Identität gibt es aufgrund der rechtlichen und gesellschaftlichen Lage im Senegal ebenso wenig wie eingetragene Partnerschaften oder anerkannte gleichgeschlechtliche Ehen.
Soziale Lage Allgemeingesellschaftlich Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts belegen schriftliche Quellen den Begriff „Goor-jigeen“ („Mann-Frau“ in der Wolof-Sprache). Broqua. Aufgrund der Illegalität werden homosexuelle Menschen im Senegal in den gesellschaftlichen Untergrund gedrängt.
Die weit verbreitete soziale, kulturelle und religiöse Intoleranz im Senegal führt dazu, dass LGBT+-Personen durch familiären, religiösen oder sonstigen gesellschaftlichen Druck ihre eigene sexuelle Identität unterdrücken müssen. Auch Zwangsheirat droht.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, S. 3. Die Ablehnung einer angeblich vom Westen importierten HomosexualitätAwondo u. a.: Une Afrique homophobe? wird als moralische und patriotische PflichtArwa Barkallah: Au Sénégal, l’invisibilité, une question de survie pour les gays et lesbiennes. In: Têtu vom 27 Mai 2021. angesehen und nährt ein Gefühl nationaler Identität. Ndèye Ndiagna Gning. Analyse d’une controverse. Les discours sur l’homosexualité dans l’espace public au Sénégal. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien Nr. 24/2013 (13), S. 93–120. Polizei und politische Persönlichkeiten dulden, tolerieren oder fördern Übergriffe gegen Personen der LGBT+-Gemeinschaft.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, S. 3.
Die Medien tragen zur Verbreitung von Homophobie bei – durch sensationsheischende Schlagzeilen, voreingenommene und einseitige Darstellungen.Camille Belsoeur: Au Sénégal, la presse contribue au sentiment antihomosexuel. In: SlateAfrique vom 21. Januar 2016 Diese Boulevardpresse wird von Gerüchten über Personen genährt, die als LGBT+-Personen wahrgenommen werden. Zunehmend werden solche Gerüchte auch durch das Internet und „soziale“ Medien verbreitet.Arwa Barkallah: Au Sénégal, l’invisibilité, une question de survie pour les gays et lesbiennes. In: Têtu vom 27 Mai 2021. Diese Personen sind mit der Veröffentlichung ihrer Name.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, S. 2. und mit homophober Gewalt konfrontiert.Mathieu Brancourtle: Le calvaire des homos au Sénégal. In: Seronet vom 6. September 2013. So wurde etwa am 17. Mai 2022 ein mutmaßlich homosexueller Mann auf einem Markt durch eine Menschenmenge angegriffen und beleidigt. Ein Video der Tat, das auch die Identität des Mannes offen legte, wurde veröffentlicht.Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Briefing Notes Senegal vom 23. Mai 2022, S. 10.
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