Der Begriff Commons (von lateinisch communis; englisch common; deutsch gemein(sam)) bezeichnet Ressourcen (Code, Wissen, Nahrung, Energiequellen, Wasser, Land, Zeit u. a.), die aus selbstorganisierten Prozessen des gemeinsamen bedürfnisorientierten Produzierens, Verwaltens, Pflegens und/oder Nutzens (Commoning) hervorgehen.Massimo de Angelis: The beginning of history. Value struggles and global capital. Pluto Press, London 2007, ISBN 978-0-7453-2035-9.Federica Matteoni: Die Commons sind realisierbar. Ugo Mattei im Gespräch über Theorie und Praxis der »Commons«. In: Jungle World. Nr. 51, 2013 (jungle.world). Commons werden vielfach „jenseits von Markt und Staat“ verortet, womit vor allem gemeint ist, dass in Commons-Kontexten andere Handlungslogiken dominieren als in diesen beiden Bereichen.Elinor Ostrom: Beyond Markets and States. Polycentric Governance of Complex Economic Systems. In: American Economic Review. 100 (3), 2010, S. 641–672, .Silke Helfrich, Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2835-7.
Begriffsabgrenzung Die Vielschichtigkeit wie auch die unterschiedlichen Verwendungsweisen und Übersetzungen des Begriffs Commons führen häufig zu Missverständnissen.
Der Geographieprofessor James McCarthy betrachtet Commons als Schlüsselbegriff, James McCarthy: Commons. In: Noel Castree, David Demeritt, Diana Liverman, Bruce Rhoads (Hrsg.): A companion to environmental geography. Blackwell, Malden, Massachusetts 2009, ISBN 978-1-4051-5622-6, S. 498–514. Der US-amerikanische Commons-Forscher David Bromley merkte 1992 an, dass es in der Literatur über natürliche Ressourcen und Umweltpolitik schwierig sei, ein so missverstandenes Konzept wie das der Commons zu finden.David W. Bromley: The commons, common property, and environmental policy. In: Environmental and Resource Economics. 2 (1), 1992, S. 1–17, .
Ähnlich wie im Deutschen gemein bzw. Gemeinheit, hat auch das englische Commons im Verlauf der Zeit Bedeutungsverschiebungen von vernakular bzw. gemeinsam hin zu allgemein, ordinär und bösartig, hinterhältig, niederträchtig erfahren.Ivan Illich: Vom Recht auf Gemeinheit. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1982, ISBN 978-3-499-14829-3. Häufige Übertragungen in den deutschen Sprachraum wie Gemeingut, Allmende oder Gemeineigentum sind weder mit dem Commons-Begriff noch untereinander deckungsgleich. Sie betonen jeweils bestimmte Aspekte, erfassen jedoch nicht das gesamte Bedeutungsspektrum von Commons. Da sie mit güterzentrierten, rechtsformzentrierten und eigentumszentrierten Vereinseitigungen verbunden sind, setzt sich die direkte Verwendung des Begriffs Commons im Deutschen immer mehr durch.
Gemeingut Der aus der volkswirtschaftlichen Gütertheorie des 20. Jahrhunderts stammende Begriff Gemeingut (auch Kollektivgut) wird von Eigenschaften abgeleitet, die dem Gut selbst zugeschrieben werden.Paul A. Samuelson: The Pure Theory of Public Expenditure. In: The Review of Economics and Statistics. 36 (4), 1954, S. 387–389 (arizona.edu)James M. Buchanan: An Economic Theory of Clubs. In: Economica. 32 (125), 1965, S. 1–14, .Elinor Ostrom, Vincent Ostrom: Public Goods and Public Choices. In: Emanuel S. Savas (Hrsg.): Alternatives for delivering public services. Toward improved performance. Boulder, Colorado 1977. So werden öffentliche Güter als Güter bezeichnet, bei denen es schwer ist, Menschen vom Zugang auszuschließen. Und Allmendegüter beziehungsweise Gemeingüter als solche, bei denen es keinen Ausschluss gebe, aber Rivalität im Konsum. Demgegenüber betont zum Beispiel die Ökonomin Friederike Habermann, dass die Nutzungsweise eines Gutes – also wer, warum von der Nutzung ausgeschlossen wird, stets sozial festgelegt wird.Friederike Habermann: Ecommony. UmCARE zum Miteinander. Ulrike Helmer, Sulzbach am Taunus 2016, ISBN 978-3-89741-386-3, S. 28. Sie ist keine genuine Eigenschaft einer Sache selbst. Ausschluss wird hier als Ergebnis aktiven Tuns verstanden. Der Begriff Gemeingut entspricht dem englischen Common Good bzw. Common Pool Ressource (CPR).
Allmende Häufig werden Commons mit Allmende ins Deutsche übertragen. Historische Allmenden beziehen sich auf Rechtsformen gemeinschaftlichen Besitzes in der Land-, Forst- und Gewässerbewirtschaftung. Seit Mitte der 1990er Jahre wird der Begriff Wissensallmende metaphorisch für den Bereich der Immaterialgüter benutzt.Netzwerk freies Wissen: Wissensallmende Report 2009 – Wem gehört die Welt. 2009. Hier kommen allerdings gänzlich andere Rechtsformen zum Tragen als bei traditionellen Allmenden.
Der Begriff Commons wird heutzutage wesentlich umfassender verwendet und schließt Allmenden als eine historisch besondere (rechtliche) Form von Commons ein, ohne jedoch mit diesen identisch zu sein.
Gemeineigentum Mitunter werden Commons mit Gemeineigentum, das heißt mit Kollektiveigentum, gleichgesetzt. Dieses zeigt sich in unterschiedlichen Formen, wie etwa Genossenschaften oder Stiftungen. Tatsächlich ist Gemeineigentum häufig die eigentumsrechtliche Grundlage von Commons. Allerdings können Commons auch auf Grundlage von Privateigentum umgesetzt werden, denn entscheidend ist, wie die konkreten Nutzungsregeln gestaltet sind. So kann ein Haus de jure Privateigentum sein, aber es wurde de facto langfristig in gemeinschaftliche Nutzung und Verantwortung übergeben (wie etwa vom Mietshäuser Syndikat realisiert). Im Bereich der informationszentrierten Commons (Freie Software, Freie Inhalte) gibt es Copyleft-Lizenzen, die ebenfalls auf individuellem Eigentum basieren. Diese bieten eine Möglichkeit, freie Zugänge (Open Access) bei gleichzeitig eigentumsrechtlich eindeutiger Urheberschaft zu realisieren.
Sharing Economy Da das Teilen und die gemeinsame Nutzung von Ressourcen in Commons eine große Rolle spielt, werden diese manchmal irrtümlich auch als Ökonomie des Teilens oder Sharing Economy – auch Share Economy oder Shareconomy – bezeichnet. Der Commonsforscher Stefan Meretz weist auf den Unterschied von Teilen und Tauschen hin: Teilen ist eine positiv-reziproke, also eine die Menschen verbindende Handlung, Tauschen hingegen eine negativ-reziproke, also die Menschen trennende.Stefan Meretz: Grundrisse einer freien Gesellschaft. In: Tomasz Konicz, Florian Rötzer (Hrsg.): Aufbruch ins Ungewisse. Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise. Heise Medien, 2014, ISBN 978-3-95788-026-0. Die Share Economy schafft nur dadurch neue ökonomische Möglichkeiten, dass sie alte zerstört (etwa Uber auf Kosten des Taxigewerbes), was als innovative Disruption bezeichnet wird. Ziel des Teilens als Kern des Commoning ist hingegen die gemeinschaftliche Bedürfnisbefriedigung.Silke Helfrich: Commons fallen nicht vom Himmel. In: OYA. (20), 2013, S. 14–17 (lesen.oya-online.de).
Typologisierung und ihre Kritik In zahlreichen Arbeiten und Diskussionsbeiträgen zu Commons sind Typologisierungen üblich, die sich entweder aus den Arbeitsschwerpunkten begründen, aus den unterschiedlichen Commons-Zugängen oder aus den verschiedenen Umgebungen, in denen sich Commons entfalten.
So fokussiert die Forschung der Bloomington School (Elinor Ostrom u. a.) und der International Association of the Commons (IAS) häufig auf so genannte natürliche Commons, während die peer-to-peer bzw. P2P-Debatte oder die Forschung um Commons basierte Peer-Produktion sich vorwiegend auf Wissens-Commons,Sebastian Bödeker, Oliver Moldenhauer, Benedikt Rubbel: Wissensallmende. Gegen die Privatisierung des Wissens der Welt durch „geistige Eigentumsrechte“. VSA-Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3-89965-118-9. oder digitale CommonsYochai Benkler: The wealth of networks. How social production transforms markets and freedom. Yale University Press, New Haven/London 2006, ISBN 0-300-12577-1. bezieht. Andere geläufige Einteilungen sind etwa materielle und immaterielle Commons, um auf unterschiedliche Beschaffenheiten der zentralen Ressourcen hinzuweisen oder städtische und ländliche Commons, um die unterschiedliche Verortung im Raum hervorzuheben.Niels Grüne, Jonas Hübner, Gerhard Siegl (Hrsg.): Ländliche Gemeingüter. Kollektive Ressourcennutzung in der europäischen Agrarwirtschaft. Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2015, ISBN 978-3-7065-5471-8 (journals.univie.ac.at). Mitunter ist auch von sozialen Commons die Rede,Francine Mestrum: The Social Commons. Rethinking Social Justice in Post-Neoliberal Societies. Brüssel 2015. in seinem Buch Die Null-Grenzkosten-GesellschaftJeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, Kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-596-03367-6. verwendet der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin den Begriff des kollaborativen Gemeinguts (engl. collaborative commons).
Diese Einteilungen wurden zum Beispiel von Helfrich und Bollier kritisiert.Silke Helfrich, David Bollier: Ouvertüre. In: Silke Helfrich, David Bollier, Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns. transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8394-3245-7, S. 13–25, hier S. 19. Basis ihrer Kritik ist, dass diese Klassifizierungen dem vielfältigen Charakter von Commons nicht gerecht werden. Jedes Commons beruhe auf materiellen als auch immateriellen Grundlagen, ganz gleich, ob Wasser oder Daten bei einem Commons im Mittelpunkt stehen. Zudem zeichnen sich alle Commons durch Wissensproduktion und -austausch aus.Silke Helfrich: Towards a Commons Creating Peer Economy. 30. Mai 2013, abgerufen am 16. Mai 2017.Silke Helfrich: Die Welt der Commons. In einer Welt des Terrors? 2. Dezember 2015, abgerufen am 16. Mai 2017.
Helfrich argumentierte:
jedes Commons beruht auf natürlichen Ressourcen und bedarf dieser zur Reproduktion jedes Commons ist ein Wissens-Commons jedes Commons ist sozialer Prozess.
Somit ist die Rede von „sozialen Commons“ im Grunde ein Pleonasmus. Für den sozialen Prozess wiederum sind Selbstorganisation und Kollaboration (lateinisch con- ‚mit-‘, laborare ‚arbeiten‘) prägend, was auch den Begriff des kollaborativen Gemeinguts von Rifkin als redundant erscheinen lässt.
Weniger problematisch sind Referenzen auf alte und neue Commons (oft auch: traditionelle und moderne Commons), da sie keine kategoriale Unterscheidung vornehmen, sondern eine zeitliche Einordnung.Charlotte Hess: Is There Anything New Under the Sun?: A Discussion and Survey of Studies on New Commons and the Internet. 2000, S. 5. (PDF; 89 KB)Rainer Rilling: Virale Eigentumsmuster. Über einige Anfechtungen der Hegemonie des Privateigentums. In: Ingrid Lohmann, Rainer Rilling (Hrsg.): Die verkaufte Bildung. Kritik und Kontroversen zur Kommerzialisierung von Schule, Weiterbildung, Erziehung und Wissenschaft. Leske + Budrich, Opladen 2002, ISBN 978-3-322-95031-4, S. 303–313. Diese spielt eine erhebliche Rolle, da Commons stets kontextgebunden sind, sich also auch in Abhängigkeit von der technischen Entwicklung, insbesondere in der Nutzung der Energiequellen und dem Stand der Informations- und Kommunikationstechnologien entwickeln.
Daneben existieren Begriffe für von diskriminierten und marginalisierten Gruppen gebildete Gütergruppen, die keine staatliche oder gesamtgesellschaftliche Legitimation erfahren (Undercommons) oder gemeinsam in Anspruch genommene Ressourcen auf Fluchtbewegungen darstellen (Mobile Commons).
Michael Hardt und Antonio Negri verwenden den Begriff „das Common“ („the Common“) im Singular, um den übergreifenden Zusammenhang zeitgenössischer Gemeingut-Bestrebungen zu betonen und das Denken in abgegrenzten und eingehegten Commons zu überwinden. Johannes Euler schwebt hierzu der Perspektivwechsel zum Prozess des Commoning vor (siehe unten).
Unterschiedliche Zugänge Commons aus historischer Perspektive