Die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie ist ein bedeutendes Ereignis in der iranischen Geschichte. Sie erfolgte am 15. März 1951 unter Premierminister Hossein Ala durch das vom iranischen Parlament verabschiedete Ein-Paragraph-Gesetz. Vorausgegangen waren umfangreiche Verhandlungen zwischen Vertretern der britischen AIOC und der iranischen Regierung, deren Ergebnis aber im iranischen Parlament keine Zustimmung fand. Die Verstaatlichung der auf dem Hoheitsgebiet des Irans gelegenen Ölförder- und Verarbeitungsanlagen der Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) führte zu einer nationalen Krise im Iran und zu einer internationalen Krise, die als Abadan-Krise in die Geschichte eingegangen ist. Die Krise endete 1954 mit der Unterzeichnung eines Rahmenabkommens zwischen der iranischen Regierung unter Premierminister Fazlollah Zahedi und einem internationalen Konsortium von Ölgesellschaften, dessen Laufzeit im Jahr 1979 endete. mini|Gesetz zur Nationalisierung der Ölindustrie im Iran, 15. März 1951
Zeittafel Premierminister Mohammad Sa'ed Maraghei Datum Ereignis17. Juli 1949Die AIOC arbeitet im Iran auf der Grundlage einer Konzessionsvereinbarung, die am 29. Mai 1933 in Kraft getreten war, nachdem sie am 28. Mai 1933 vom iranischen Parlament bestätigt worden war. 1948 beginnen Verhandlungen zwischen der AIOC und der iranischen Regierung über eine Revision der Konditionen der Konzession von 1933. Der Finanzminister Golshayan des Premierministers Mohammad Sa'ed Maraghei und Gass als Vertreter der AIOC unterzeichnen nach längeren Verhandlungen ein Zusatzabkommen zu dieser Konzession von 1933 (Gass-Golshayan-Abkommen), das dem iranischen Staat eine Gewinnbeteiligung von 25–50 % in Abhängigkeit von der Produktionsmenge und dem erzielten Gewinn zusichert. Die Vereinbarung soll dem iranischen Parlament zur Ratifizierung vorgelegt werden. Das Parlament beschließt, die Diskussion bis nach den Neuwahlen zu vertagen.9. Februar 1950Die 16. Sitzungsperiode des iranischen Parlaments wird eröffnet. Das von Mohammad Mossadegh und Mozaffar Baqa’i angeführte Parteienbündnis Nationale Front hat bei der Parlamentswahl 8 von 136 zu vergebenden Mandaten gewonnen. Im Laufe der parlamentarischen Diskussion zeichnet sich ab, dass das Gass-Golshayan-Abkommen zunächst keine Mehrheit finden wird. Premierminister Mohammad Sa'ed Maraghei erklärt am 22. März 1950 seinen Rücktritt.
Premierminister Radschab Ali Mansur mini|Ölkommission des iranischen Parlaments, Allahyar Saleh (Mitte); rechts von Saleh: Abdollah Moazami, Hassibi, Dr. Shayegan, Oberster Richter Sorouri, Hossein Makki; links von Saleh: Dr. Matin-Daftari, Dr. Reza-zadeh Shafagh, Abol Qassem Nadschm, Senator Naghavi. Datum Ereignis13. April 1950Radschab Ali Mansur wird neuer Premierminister. Mansur vertagt die Diskussion über das weitere Vorgehen in den Verhandlungen mit der AIOC.25. April 1950Mohammad Mossadegh tritt sein Abgeordnetenmandat an.20. Juni 1950Das Parlament beschließt gegen die Stimmen Mossadegh, Baqa’i, Makki, Ghashghaii, Saleh, Shaygan, Ashtiyanizadeh, Keshavarz-Sadr, Seyyed-Ali Behbahani, Nariman die Einrichtung eines 18-köpfigen Ausschusses für Ölfragen. Der Ausschuss soll eine Stellungnahme zu dem Gass-Golshayan-Abkommen ausarbeiten.Gesetz zur Errichtung der Ölkommission Am 22. Juni werden die Ausschussmitglieder gewählt.Parlamentsprotokoll vom 22. Juni 1950 Am 26. Juni 1950 konstituiert sich der Ausschuss und wählt mit einer Gegenstimme Mossadegh zu seinem Vorsitzenden.Hossein Makki: Ketab-e Siah. Theran 1358, S. 51f.26. Juni 1950Premierminister Mansur tritt zurück.
Premierminister Hadsch Ali Razmara Datum Ereignis27. Juni 1950Ali Razmara wird neuer Premierminister. Die Vertreter der AIOC lehnen eine Neuverhandlung des Gass-Golshayan-Abkommens ab, so lange das iranische Parlament keine abschließende Entscheidung getroffen hat.26. Dezember 1950Razmara zieht das Zusatzabkommen aus dem parlamentarischen Abstimmungsprozess zurück, nachdem der Ausschuss für Ölfragen dem Parlament seinen Bericht vorgelegt hat, in dem er die Ablehnung des Zusatzabkommens empfiehlt. Im Parlament wird der Bericht des Ausschusses kontrovers diskutiert. Viele Abgeordnete kritisieren, dass der Ausschuss seiner Aufgabe, das Gass-Golshayan-Abkommen inhaltlich zu analysieren und zu bewerten, nicht nachgekommen sei. Der Bericht enthält lediglich einen einzigen Satz zu dem Gass-Golshayan-Abkommen, in dem festgehalten wird, dass das Abkommen für Iran nicht vorteilhaft sei. Statt einer Analyse des Abkommens enthält der Bericht eine Stellungnahme zur iranischen Ölpolitik seit der Vergabe der Konzession an William Knox D’Arcy.Protokoll der 97. Sitzung des Madschles vom 26. Dezember 195011. Januar 1951Das Parlament beauftragt den Ausschuss, einen Vorschlag für das weitere Vorgehen auszuarbeiten.1. Februar 1951Razmara beantragt eine gemeinsame Kommission aus drei Senatoren und drei Abgeordneten des Parlaments, die das Gass-Golshayan-Abkommen analysieren und bewerten sollen. Der Senat lehnt den Antrag mehrheitlich ab, da er sich für nicht zuständig hält.19. Februar 1951Hossein Makki legt dem Ausschuss für Ölfragen ein Memorandum vor, in dem die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie vorgeschlagen wird. Der Ausschuss fordert Razmara auf, die Machbarkeit einer Verstaatlichung zu prüfen. Razmara beauftragt eine Gruppe iranischer Fachleute mit der Prüfung der Möglichkeit einer Verstaatlichung der Ölindustrie.3. März 1951Razmara legt dem Ausschuss den Bericht der Expertengruppe vor. Die Expertengruppe hält die Verstaatlichung zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder für technisch machbar noch für rechtlich legal.7. März 1951Razmara legt dem Parlament den Bericht der Expertengruppe vor. In der Parlamentsdebatte wird er von Mohammad Mossadegh persönlich bedroht, wenn er sich einer Verstaatlichung widersetze.Redemitschrift der Parlamentsschreiber vom 16. Majlis, 8. Tir 1329. Zitiert nach: Ali Mirfetros: Mohammad Mosaddeq - Pathology of a failure. Farhanf, Montreal 2008, S. 57. Nach dem Verlassen des Parlaments wird Razmara von Chalil Tahmasbi, einem Mitglied der Fedajin-e Islam, erschossen. mini|„Ein-Paragraph-Gesetz“ vom 15. März 1951
Premierminister Hossein Ala Datum Ereignis12. März 1951Hossein Ala wird neuer Premierminister.15. März 1951Das iranische Parlament beschließt mit dem Ein-Paragraph-Gesetz die Verstaatlichung der Ölindustrie. Die britische Regierung unterrichtet die iranische Regierung, dass sie die Verstaatlichung für rechtswidrig erachtet. In Teheran kommt es zu gewalttätigen anti-britischen Demonstrationen, bei denen acht iranische und drei britische Staatsbürger zu Tode kommen. In den Ölfeldern beginnt ein Streik der Ölarbeiter um höhere Löhne.20. März 1951 Das Gesetz zur Verstaatlichung der Ölindustrie wird vom Senat bestätigt und von Schah Mohammad Reza Pahlavi mit seiner Unterschrift in Kraft gesetzt. Den Ölarbeitern wird eine Bonuszahlung und eine Gehaltserhöhung zugesagt, worauf hin die Ölarbeiter ihren Streik beenden. Der 20. März wird zum Tag des Öls (ruz-e naft) erklärt.27. April 1951Hossein Ala stellt dem Parlament sein Regierungsprogramm zur Abstimmung. In der parlamentarischen Debatte kommt es zu heftigen persönlichen Angriffen gegen den Premierminister, der daraufhin seinen Rücktritt erklärt.
Premierminister Mohammad Mossadegh mini|Ölverstaatlichungsgesetz vom 1. Mai 1951 mini|Direktoren der NIOC erklären in einer Rede vor den iranischen Arbeitern der AIOC die iranische Ölindustrie für verstaatlicht, 10. Juni 1951 mini|Korrespondenz und Dokumente zur Nationalisierung der Ölindustrie im Iran, 1951