mini|Fuad Schihab (1961)

Der Schihabismus (auch Chehabismus von ; ) war eine soziale und politische Reformpolitik im Libanon, die nach dem libanesischen Präsidenten Fuad Schihab (Präsident 1958–64) benannt ist.

Überblick Er sollte die im Libanonkrieg 1958 sichtbaren, den sozialen und politischen Staatszusammenhalt des Libanon gefährdenden Konflikte lösen, ihre Ursachen beseitigen und die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Libanon durch Reformen fördern. Der Schihabismus war eine erfolgreiche Phase der Stabilisierung der libanesischen Gesellschaft, wurde aber in der Zeit der Präsidentschaft von Charles Helou (Präsident 1964–70), einem Vertrauten Schihabs, zunehmend von ambitionierten rechten und linken Politikern behindert und nach der Wahl von Suleiman Frangieh (Präsident 1970–76) beendet. Der Abbruch des Schihabismus gilt heute, neben der Verlagerung des Nahostkonfliktes in den Südlibanon 1970–82, als eine der Hauptursachen für den Libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990).

Elemente des Schihabismus Wirtschaftliche und soziale Reformen Ein Großteil des Gebietes der libanesischen Gouvernements Libanonberg, Beirut und einige nördlichere Gebirgsregionen bildeten bereits seit 1860 eine autonome osmanische Provinz, die sich seitdem durch französische und teilweise britische Wirtschaftsinvestitionen zu einem Handels- und Bankenzentrum entwickelten, während die übrigen weniger entwickelten Regionen erst 1920 dem „Großlibanon“ angegliedert wurden. Diese oft mehrheitlich muslimischen, seltener mehrheitlich christlichen Regionen waren auch 40 Jahre später meist wirtschaftlich und landwirtschaftlich weniger entwickelt und hatten höhere Analphabetenraten und höheres Bevölkerungswachstum, als der Zentrallibanon.

mini|Bewässerte Felder in der Beqaaebene um Zahlé mini|links|Der Qaraoun-Stausee des Litani in der Beqaaebene. In der Ära des Schihabismus wurden diese Regionen gezielt wirtschaftlich und bildungspolitisch gefördert. Das markanteste Vorhaben war die Anlage eines Stausees des Litaniflusses als Teilprojekt zur Bewässerung der Süd-Beqaa (auch Westbeqaa genannt, weil die Beqaa in südwestlich-nordöstlicher Richtung verläuft). Der Qaraoun-Stausee wurde schon 1959 fertiggestellt und machte aus der Westbeqaa eine Hochburg des Gemüseanbaus, in Kriegszeiten auch des Drogenanbaus. Es folgten zahlreiche landwirtschaftliche Projekte und Aufforstungen in anderen Regionen des Libanon. Eine Bewässerung der Nord- bzw. Ostbeqaa und Stauung des Orontes war ebenfalls geplant, wurde aber nach Abbruch des Schihabismus nicht mehr umgesetzt. Der landwirtschaftliche und planungs- und entwicklungspolitische Teil des Schihabismus war schon nach zwei Präsidentschaftsjahren Schihabs so erfolgreich, dass Schihab 1960 seinen Rücktritt anbot, weil die libanesische Gesellschaft stabilisiert sei, den das Parlament aber ablehnte.

Auch das Schul- und Bildungssystem der Randregionen wurde gefördert. Der Libanon hat aus liberalen Gründen keine Schulpflicht, aber die Alphabetisierungsrate liegt heute (2010) bei ca. 80–88 % und wurde in der Zeit des Schihabismus deutlich angehoben.

Der bekannteste Teil schihabistischer Sozialreformen war eine Quotenregelung im Staatsdienst (Militär, Ämter, staatliche Schulen und Hochschulen), nach der Angehörige des damals etwa 50%igen muslimischen Bevölkerungsanteils, aber auch Christen aus den Randgebieten bevorzugt wurden, um eine gerechte Verteilung der Verwaltungsämter unter den Konfessionen und Regionen zu erreichen. Erklärtes Ziel der Quoten war aber auch, ärmeren und muslimischen Familien den finanziellen und sozialen Aufstieg zu ermöglichen, um spätere Generationen in die wirtschaftlich erfolgreiche libanesische Ober- und Mittelschicht zu integrieren und so einen wirtschaftlichen Ausgleich der Religionsgemeinschaften herbeizuführen. Vor dem Schihabismus waren neben Maroniten, Armeniern und Drusen in Libanonberg und Beirut fast nur die mehrheitlich sunnitische, seltener rum-orthodoxe bürgerliche Schicht des Küstenstreifens in den libanesischen Wirtschaftsboom integriert. Um die schihabistischen Reformen durchzuführen und um den sozialen Effekt der Quotenregelung zu stärken, wurde der Anteil der im öffentlichen Sektor Beschäftigten von 11 % der Bevölkerung auf 23 % erhöhtHarris S. 147. Diese Emanzipationspolitik der Bevölkerung der Randgebiete zeigte schon in der Zeit des Schihabismus deutliche Erfolge.

Schließlich wurde eine Libanesische Zentralbank geschaffen, um mit den Mitteln der Banknotenemission und der Zinspolitik Wirtschaftskrisen und Inflationen besser eindämmen zu können. Vor dem Schihabismus hielt man im Libanon aus marktliberalen Ansichten eine währungspolitische Zentralbank für überflüssig, was zu ungebremsten Wirtschaftskrisen führte.

Beschränkung des Einflusses regionaler Anführer (zuʿamāʾ) Die libanesische Gesellschaft aller Religionsgemeinschaften wird traditionell von regionalen Notabeln beherrscht. Ursprünglich waren sie traditionelle Führungsfamilien innerhalb der zahlreichen Religionsgemeinschaften des Libanon. Der festgelegte konfessionelle Proporz von der Ämterverteilung in der Regierung bis in die Gemeindeverwaltungen schützte die Beteiligungsrechte der Religionsgemeinschaften und damit automatisch ihrer Notabeln (vgl. Politisches System des Libanon). Sie binden Großfamilien (deren Zusammenhalt auch bei starker libanesischer Diaspora-über drei Millionen Libanesen im Libanon und ca. zwölf Mio. im Ausland-oft erhalten blieb) durch ein kompliziertes, selten wechselndes Klientelsystem an sich und fördern diese zum eigenen Machtzuwachs. Diese Notabeln werden im Libanon arab. zaʿīm ("Führer, Anführer", Plural: zuʿamāʾ, Ehrenanrede: Emīr) genannt, deren Würde traditionell vererbt wird. Konflikte zwischen den zuʿamāʾ gab es in der libanesischen Geschichte mehrfach. Teilweise entwickelten sie sich seit dem 16. Jahrhundert zu Großgrundbesitzern, nur im maronitischen Zentrallibanon beseitigte 1858 eine Bauernrevolte den Großgrundbesitz. Oft wurden die zuʿamāʾ seit dem 19. Jahrhundert zu führenden Unternehmern oder Bankern.

Wichtige Politiker der Zeit waren erbliche zuʿamāʾ, wie Kamal Dschumblat, Camille Chamoun, Pierre Gemayel, Suleiman Frangieh, Raymond Eddé, Raschid Karami, Saeb Salam u. a. Auch Fuad Schihab stammte aus einer zaʿīm-Dynastie, war aber durch seine Biographie neutraler gesinnt. Dieses quasi-"feudale" System hatte den Nachteil, dass sich wachsende einfache Bevölkerungsschichten außerhalb der Klientel der etablierten zuʿamāʾ weder wirtschaftlich, noch politisch emanzipieren konnten und die libanesische Gesellschaft polarisiert wurde. Auch Korruption, Wahlfälschungen und Nepotismus sind weit verbreitet. Schihab hielt wenig von den zuʿamāʾ, die er abfällig „fromagistes“ („Käsisten“, d. h. Leute, die Käseteile abschneiden) nannte. Das Problem verstärkte sich, als eine 1900–1920 geborene Generation der zaʿīm teilweise meinungspolitische Parteien gründete, um ihren Einfluss über religiöse Grenzen hinaus auszuweiten. Beispielsweise begründete Kamal Dschumblatt die Progressive Sozialistische Partei, hätte aber niemals eine Bodenreform zur Enteignung der Großgrundbesitzer durchgeführt (wie die sozialistische Amal-Bewegung in ihrem Herrschaftsgebiet im Bürgerkrieg), weil Dschumblatt selbst der größte Großgrundbesitzer in seiner Heimatregion war.

Schihab versuchte nicht, die Macht der zuʿamāʾ zu beseitigen, sondern sie als verantwortliche Minister in seine Politik zu integrieren und gleichzeitig parallele stattliche Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Zur Verwirklichung seiner langfristigen Wirtschafts- und Sozialreformen wurde ein Planungsamt, eine Entwicklungsbehörde, ein Forschungsrat, ein Amt für die Erschließung des Litaniflusses und ein Institut für öffentliche Verwaltung eingerichtet, die alle dem Sekretariat des Präsidentenamtes unter Elias Sarkis unterstanden und unabhängig von den Ministerien waren. In diesen Ämtern saßen zwar auch Anhänger der zuʿamāʾ, aber wirkliche Aufstiegs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten hatten nur Anhänger des Schihabismus, meist Experten, Offiziere und Mitarbeiter Schihabs.

Im Gegenzug überließ Präsident Schihab dem Premier und den Ministern wesentlich mehr tagespolitische Verantwortung, als irgendein Kabinett zuvor unabhängig vom Präsidenten besaß. Meist war der Premierminister unter Schihab Raschid Karami, der nach dem Aufstand linker Gruppen 1958 versuchte, eine linke Regierung zu bilden, aber nach einem bewaffneten Aufstand der „rechten“, meist christlichen Milizen ein umfassendes Kabinett rechter und linker zaʿīm einrichtete und selbst zu einem in tagespolitischer Taktik erfahrenen Befürworter des Schihabismus wurde. Innerhalb dieser Regierungen entwickelten sich anfangs Pierre Gemayel und Kamal Dschumblat trotz weltanschaulicher Gegensätze zu überzeugtesten Anhängern der Sozial- und Wirtschaftsreformen Schihabs. Viele Libanesen, aber auch Beobachter und Expertenz. B. Hanf S. 159 sehen in dieser Eindämmung des sozialen Patronagesystems der zuʿamāʾ den hauptsächlichen Grund für den wachsenden Widerstand und schließlich die Beendigung des Schihabismus.

Vorgehen gegen radikale Parteien und Milizen In der libanesischen Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert, wie viele orientalische Regionen, nicht unbewaffnet war, hatte sich seit der Zwischenkriegszeit nach damaligem europäischem Vorbild ein System organisierter Parteimilizen gebildet. Den Anfang machte die Kata’ib-Partei unter Pierre Gemayel, die in den 1930er Jahren eine bewaffnete Miliz gründete, andere Parteien gründeten später eigene Milizen. Im Libanonkrieg 1958 waren diese rechten und linken Parteimilizen die Konfliktträger, während Schihab als damaliger Oberbefehlshaber die Armee weitgehend neutral hielt.

Schihab sah in den Milizen eine Gefahr für das Gewaltmonopol des Staates und die Sicherheit der Gesellschaft. Schon Ende 1961 musste Schihab einen Putschversuch der großsyrischen SSNP militärisch niederschlagen. Offene Konflikte vermied Schihab, um Eskalationen zu vermeiden, versuchte aber, die Milizen geheimdienstlich über Agenten auszukundschaften, intern zu schwächen und durch ein System militärischer Erlaubnisscheine zu behindern. Träger dieser Schwächungspolitik war das Deuxième Bureau ("Zweites Büro"; ), der militärische Geheimdienst.

Außenpolitik mini|Treffen zwischen Nasser und Schihab an der syrisch-libanesischen Grenze.

Der Libanonkrieg 1958 wurde auch um die Frage des Beitritts des Libanon zur Vereinigten Arabischen Republik unter Gamal Abdel Nasser geführt, den linke Parteien wie Dschumblats PSP, die großsyrische SSNP, die KPL, die Nasseristen und die libanesische Baʿth befürworteten und deshalb auch von Nasser unterstützt wurden, während ihn rechte und liberale, vorwiegend christliche Parteien, wie die Kata’ib, Chamouns NLP und Eddés „Bloc national“ ablehnten und bekämpften.

Schihab gelang es, die Gegensätze der Libanesen zu dieser Frage durch eine Ausgleichspolitik gegenüber der Vereinigten Arabischen Republik zu entschärfen. Bei einem Treffen mit Nasser an der syrisch-libanesischen Grenze im März 1959 sicherte er Nasser eine Politik der Freundschaft und Solidarität zur arabischen Welt zu, Nasser antwortete mit einer ausdrücklichen Anerkennung der Unabhängigkeit und territorialen Integrität des LibanonHanf S. 160. Im September 1961 beendete ein Putsch syrischer Offiziere die Herrschaft der Vereinigten Arabischen Republik in Syrien, die dort als Fremdherrschaft der Ägypter empfunden wurde. Seitdem waren panarabistische Vereinigungsprojekte für den Libanon nicht mehr sehr konkret. Allerdings kam es aus Syrien auch 1976–2005 zu Interventionen im Libanon, ohne sich noch einmal mit ihm vereinigen zu wollen.

Das Ende des Schihabismus Opposition gegen den Schihabismus und Abbruch der Politik