Waldtundra (auch Strauchtundra, Krummholzzone oder Krüppelwald) ist der Oberbegriff für den Übergangslebensraum von der baumlosen, subpolaren Tundra zum geschlossenen borealen Nadelwald (Taiga). Die Waldtundra kommt wie die Taiga ausnahmslos auf der Nordhalbkugel vor,Anton Fischer: Forstliche Vegetationskunde. Blackwell, Berlin u. a. 1995, ISBN 3-8263-3061-7. da auf der Südhalbkugel die großen Landmassen fehlen, die das für die borealen Wälder typische Klima ermöglichen.

Der Begriff stammt aus der Geographie und bezeichnet verallgemeinernd einen bestimmten Landschaftstyp der globalen Maßstabsebene. Je nach Disziplin existieren unterschiedliche Definitionen, siehe Abschnitt „Definition“.

Charakteristisch für die verschiedenen Formen der Waldtundra ist in den Ebenen ein nach Norden immer lichter werdender Baumbewuchs und auf bewegtem Relief immer kleiner werdende und weiter verstreut liegende inselartige Waldstücke in der Tundra. Die Nadelbäume oder Weichlaubhölzer, die hier (zumeist) über Permafrostböden wachsen können, zeigen zur Tundra hin einen immer kümmerlicheren Wuchs.

Definition Aus Sicht der Geobotanik (Pflanzengeographie) ist die Waldtundra ein natürlicher Vegetationstyp, der unter den Bedingungen der Klimate der borealen Nadelwälder am Rand der Tundrenklimate entsteht. In ihrer erdumspannenden (geozonalen) Ausdehnung gehört die Waldtundra zu den Vegetationszonen. Zudem kommen vergleichbare Pflanzenformationen weltweit in der subalpinen Höhenstufe der Gebirge vor, die als nicht zonale Vegetationstypen den Waldtundren zugeordnet werden können. (Ihre Ausdehnung ist allerdings vergleichsweise gering, so dass sie auf der Weltkarte nicht dargestellt werden können.)

Aus Sicht der Ökologie gehört die Waldtundra zu den größtmöglichen (abstrakten) Ökosystemen, die zusammen die Biosphäre bilden. Sie selbst wird aus typischen Biomen oder Ökoregionen gebildet, die sich wiederum aus den zugehörigen kleinräumigen (konkreten) Bio- und Ökotopen zusammensetzen.Die einzelnen Vegetationstypen, Biome und Ökoregionen, wie auch ihre zonalen Entsprechungen Vegetationszonen, Zonobiome und Ökozonen, sind nicht deckungsgleich! Verschiedene Autoren, unterschiedliche Parameter und fließende Grenzen sind die Ursache. Weitergehende Informationen bietet der Artikel Zonale Modelle der Biogeographie. Eine animierte Kartendarstellung verdeutlicht die Problematik im Artikel Geozone. Diese untergliedern wiederum das erdumspannende Boreal-Polare Zonoökoton bzw. die Boreale Ökozone.

Verbreitung und Zustand Die nördliche, subarktische Vegetationszone der Waldtundra reicht in ihrer maximalen Ausdehnung etwa von 73° nördlicher Breite (Chatanga-Mündung in Nordsibirien) bis 49° (200 km südlich der James Bay). In der Südhemisphäre gibt es keine subantarktischen Waldtundren. In den südlichen Anden und den neuseeländischen Alpen befinden sich stattdessen kleine Areale einer Krummholzstufe. Die Waldtundren gehen polwärts in die Zone der Tundra und Richtung Äquator in den Borealen Nadelwald über.

Die nicht zonale Krummholzzone kommt in den meisten Hochgebirgen vor und bildet hier die subalpine Höhenstufe.

Die Festlegung von Grenzen zwischen Vegetationstypen ist insbesondere bei Übergangsformationen sehr schwierig. Daher findet man in der Literatur häufig verschiedene Zuordnungen, die bei der Waldtundra sehr große Flächen ausmachen. Rechnet man wie Josef Schmithüsen oder die FAO die offenen Flechtenwälder Kanadas zu den Waldtundren, so wird die Zone hier bis zu 700 Kilometer breit. Werden sie nach Walter und Breckle noch zum borealen Waldgürtel gerechnet, kommt die Breitenausdehnung nur noch auf 10 bis maximal 100 Kilometer. Ebenso herrscht Uneinigkeit bei der Zuordnung der sommergrünen Birkenwälder Nordeuropas und Kamtschatkas. Auf der einen Seite bilden sie in diesen Gebieten vorrangig die Baumgrenze, auf der anderen Seite sind es zum Teil dichte Wälder, auf die die Kennzeichen der lichten, krüppelwüchsigen Waldtundra kaum noch zutreffen.

Die mit Abstand größten Waldtundren ziehen sich von Nordwestkanada hinunter zur Hudson Bay und weiter bis an die Ostküste Labradors. Die größten Waldtundren Europas sind die Fjällbirken-Wälder. Sie reichen von der Finnmark bis zum Inarisee in Finnland. Die Lärchen-Waldtundra Sibiriens ist am besten im Werchojansker Gebirge erhalten.

Bezogen auf die potentielle natürliche Vegetation sind heute ca. 3 % der irdischen Landoberfläche Waldtundren.gemittelter Wert aus umfangreichen Recherchen und Vergleichen in einschlägiger Fachliteratur siehe jeweilige Beschreibung / Quellen der im folgenden genannten Dateien: Vegetationszonen.png, FAO-Ecozones.png, Zonobiome.png und Oekozonen.png. Zusammengetragen und ermittelt im Zuge der Erstellung der vorgenannten Landkarten für Wikipedia siehe auch: Tabellarische Übersicht verschiedener Landschaftszonenmodelle und ihrer Anteile (PDF; 114 kB) Tatsächlich sind Anfang des 3. Jahrtausends rund 55 % der Waldtundren in einem weitgehend unbeeinflussten Zustand. Diese Gebiete sind nahezu unbesiedelte Wildnis. Weniger als 25 % sind noch naturnah und relativ gering beeinflusst. Diese Flächen sind allerdings zumeist stark fragmentiert und befinden sich im Wandel, durch eine Überführung in Nutzflächen oder durch Raubbau. Bei über 20 % wurde die ursprüngliche Vegetationsdecke stark verändert und durch anthropogene Landschaften überprägt. In diesen Gebieten sind naturnahe Waldtundra-Landschaften nur noch in kleinen Relikten anzutreffen.gemittelter Wert aus umfangreichen Recherchen und Vergleichen in einschlägiger Fachliteratur siehe Beschreibung der Datei: Wildnisweltkarte.png. Zusammengetragen und ermittelt im Zuge der Erstellung der vorgenannten Landkarte für Wikipedia siehe auch: Die genannten Prozentwerte sind (z. T.) gemittelte Werte aus verschiedenen Veröffentlichungen. Die Abweichungen sind unvermeidbar, da es in der Realität keine eindeutigen Grenzen zwischen benachbarten Landschaftstypen gibt, sondern nur mehr oder weniger breite Übergangsräume. mini|zentriert|hochkant=3.6|Lage der Waldtundren mit Untergliederung

Charakteristik mini|In Fennoskandinavien wird die Baumgrenze von der Fjällbirke gebildet mini|Im nordeuropäischen Teil Russlands ist es die besonders schmalwüchsige Sibirische Fichte mini|Totholz ist in der Waldtundra eine wesentliche Grundlage für das Wachstum neuen Lebens Die Waldtundra ist wie die Tundra geprägt durch extreme Klimabedingungen. Der Permafrostboden taut im Sommer höchstens bis zu einem halben Meter tief auf und bietet den Pflanzen nur einen geringen Wurzelraum. Die Wurzelkonkurrenz der weit über den Kronenbereich flach hinauswachsenden Baumwurzeln führt zu großen Abständen zwischen den einzelnen Bäumen. In lichten Wäldern taut der Boden leichter auf, im Schatten dichter Waldstücke bleibt der Boden länger gefroren. Durch die Staunässe über dem gefrorenen Untergrund entstehen im Sommer häufig Sümpfe. Dieses Wechselspiel aus Frost und Nässe ist zudem die Ursache für die verschiedenartigen Moore und Bodenstrukturen wie den häufigen Palsen. Die Krautschicht der Waldtundra entspricht im Wesentlichen der Tundra, die Strauchgehölze bilden hier allerdings deutlich üppigere und höher gewachsene Formen aus. Hinzu kommen Nadelgehölze wie Fichten, Kiefern oder Lärchen in Zentralalaska, Kanada und Nordasien; sowie Weichlaubhölzer wie Birken, Weiden oder Espen in Westalaska, Nordeuropa oder Kamtschatka.

In Ebenen wachsen zumeist höchstens vier bis sechs Meter hohe Bäume, deren Abstand zueinander nach Norden hin immer größer und deren Erscheinungsbild immer krüppelwüchsiger wird. Vor allem die Fichten sind extrem schmalwüchsig und bis zum Boden beastet. Dies verhindert im Winter eine zu hohe Schneelast. Auf bewegterem Relief geschieht die Auflösung des Waldes nach Norden mosaikartig: Geschlossene Waldflächen und offene Tundra wechseln einander ab, wobei der Wald an etwas wärmeren und windgeschützteren Stellen wächst (etwa in Flusstälern und an Südhängen).

Während der nacheiszeitlichen Wärmeperiode (Boreal von 7500 bis 5500 v. Chr.) lag die Waldgrenze weiter nördlich. An einigen Orten – etwa in Kanada – ist die heutige Verbreitung von Bäumen auf frühere, wärmere Perioden zurückzuführen. Die Bäume an der nördlichen Baumgrenze bilden heute nur in optimalen Jahren Samen und die Sämlinge überleben nur, wenn einige warme Jahre folgen. Wichtig für den Bestand ist der Nachschub durch den Wind von südlicher wachsenden, regelmäßiger fruchtenden Bäumen. Als Anpassung an das kältere Klima sind einige Bäume – auch Nadelhölzer, die in geschlossenen Waldgebieten kaum dazu neigen – in der Lage, sich ohne Samenbildung vegetativ zu vermehren. So entsteht ein neuer Baum, wenn ein zum Boden hängender Zweig eines „Mutterbaumes“ von Humus bedeckt wird. Diese Form der Vermehrung „am gleichen Ort“, sowie die häufig zu beobachtende Samenkeimung auf vermodernden Stämmen (Totholzverjüngung), führt zu einem über Jahrhunderte kaum veränderten Landschaftsbild.

Klimatische Voraussetzungen Die Waldtundren der Erde liegen im Norden der kaltgemäßigten Klimazone und sind damit in der Regel durch kalte Klimata mit langen, kalten Wintern und kurzen, kühlen Sommern gekennzeichnet. Im kältesten Monat sinken die Durchschnittstemperaturen auf −10 bis unter −30 °C, wobei das Minimum bei Werchojansk in Ostsibirien bis zu −70 °C ausmachen kann (daran ist erkennbar, dass allein die Tiefe der Temperaturen kein limitierender Faktor für das Wachstum von Bäumen ist). Sechs bis acht Monate liegt Schnee. Der wärmste Monat liegt im Mittel bei über 0 bis über 15 °C; es kann jedoch in den kontinentalen Gebieten durchaus weitaus wärmer werden. Das langjährige Temperaturmittel liegt im Schnitt bei unter −10 bis −3 °C.In der Biogeographie existiert eine Vielzahl von Grenzwerten verschiedener Autoren, die voneinander abweichen, zum Teil veraltet sind und bis zur Jahrtausendwende nie verifiziert wurden (siehe Quelle Beierkuhnlein & Fischer, S. 249 sowie Geozonen#Datengrundlage)Die hier genannten Spannen der Jahresdurchschnittstemperaturen und -niederschlagssummen sind – mangels weiterer Quellen – Werte aus einer aktuellen Quelle: FAO: GLOBAL ECOLOGICAL ZONING FOR THE GLOBAL FOREST RESOURCES ASSESSMENT 2000, FINAL REPORT, Rom, 2001 – Daten nach Flächenangaben gewichtet aus 2.2.1 Boreal tundra woodland (Bb) (Online), 6.3.2 Boreal tundra woodland (Bb) (Online) und 7.2.1 Boreal tundra woodland (Bb) (Online). Carl Beierkuhnlein u. Jan-Christopher Fischer: Global Biomes and Ecozones – Conceptual and Spatial Communalities and Discrepancies. In: Erdkunde. Band 75, Nr. 4, 2021 (erdkunde.uni-bonn.de PDF). , S. 257–261 sowie ergänzend Appendix III: ‘2D Kernel graphs for all condensed biomes’ doi:10.3112/erdkunde.2021.04.01b. Für die polaren Waldtundren kommt zudem eine für das Pflanzenwachstum erschwerende sehr geringe Sonneneinstrahlung hinzu, die allerdings im Hochsommer durch die Mitternachtssonne z. T. kompensiert wird.