Der Agrarhandel ist ein Teilbereich des Handels und umfasst den Kauf und Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen, wie Getreide und Ölsaaten, verarbeitete Produkte der Ernährungsindustrie wie Käse oder Wurstwaren und für die Landwirtschaft notwendige Betriebsmittel. Dazu gehören beispielsweise Saatgut, Düngemittel, Futtermittel oder auch Landtechnik. Der Agrarhandel gleicht Ungleichgewichte aus, die räumlich, zeitlich, qualitativ und quantitativ zwischen der Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse und deren Verarbeitung bzw. Konsum auftreten. Er ist Bestandteil des Agribusiness. Agrarhandel ist Teil des EU-Binnen- bzw. Intrahandel und des internationalen Warenverkehrs bzw. Außenhandels.
mini|Anteil Agrarexporte ausgewählter Länder am weltweiten Agrarhandel – 2014Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, Monatsberichte 2014 mini|Anteil Agrarimporte ausgewählter Länder am weltweiten Agrarhandel – 2014Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung, Monatsberichte 2014
Bedeutung und Funktionen Die Land-, Forstwirtschaft und Fischerei in Deutschland im Jahr 2017 einen Produktionswert von insgesamt 60,09 Mrd. Euro und liegt damit höher als das gesamte deutsche Textil-, Bekleidungs- und Schuhgewerbe mit 22,9 Mrd. Euro, das Papiergewerbe mit 38,3 Mrd. Euro oder die pharmazeutischen Industrie mit 49,5 Mrd. Euro.Situationsbericht 2018/19, 1.1 Wirtschaftlichen Bedeutung des Agrarsektors. Hrsg.: Deutscher Bauernverband (DBV), 2019
Agrarhandelsprodukte sowohl im EU-Binnenhandel als auch weltweit sind u. a.:
Bindeglied agrarische Wertschöpfungskette mini|links|Wertschöpfungskette Agrarhandel Der Agrarhandel ist ein Bindeglied innerhalb der agrarischen Wertschöpfungskette. Er besitzt eine Doppelfunktion sowohl als Absatzmittler, beispielsweise im Getreidegeschäft als auch in Form eines Dienstleisters im Bezugsgeschäft landwirtschaftlicher Produkte.C. Riessen, 2008: Strukturwandelsprozesse in der Handelskette für Getreide. Chancen und Risiken für die landwirtschaftliche Getreideerzeugung. Saarbrücken, VDM-Verlag, S. 46. Diese Doppelfunktion entwickelte sich insbesondere im 19. Jahrhundert. Der Handel mit Agrarprodukten nimmt neben der Raum- und Zeitüberbrückung auch einen Qualitäts- und Mengenausgleich innerhalb der agrarischen Wertschöpfungskette vor,Stecker, O. / Stecker, O. A. / Elles, A. / Weschke, H.-D. / Kliebisch, C., 2010: Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte., 4. Auflage., Frankfurt am Main, DLG-Verlag, S. 328. s. Arbeitsprozesse im Landhandel.
Unternehmen die innerhalb eines Binnenmarktes oder weltweit Agrarhandel betreiben, sind in der Regel Großhandelsunternehmen. Agrarhandelsunternehmen die keine Großhandelsunternehmen sind und Einzelhandelsfunktionen besitzen, zeichneten sich bisher stärker durch einen engen Bezug zur Landwirtschaft aus, siehe Landhandel. Durch den Strukturwandel im Agrarhandel mit einer Konzentration auf größere Unternehmenszusammenschlüsse verschwinden diese Unterschiede zunehmend. D.h., auch Agrarhandelsunternehmen der Großhandelsstufe treten beispielsweise zunehmend direkt mit den Landwirten in Verbindung.
Den Agrarhandel als Bindeglied innerhalb der agrarischen Wertschöpfungskette berühren daher auch Themen der vor- und nachgelagerten Stufen wie beispielsweise Strukturveränderungen in der Landwirtschaft, Klima- oder Umweltfragen oder das Tierwohl in der Lebensmittelproduktion. Durch seine Ausgleichsfunktion als zwischengeschaltete Stufe zwischen Anbieter und Abnehmer kommt dem Agrarhandel immer größere Bedeutung zu, beispielsweise auch vor dem Hintergrund des Hungers in der Welt. „Hunger und Unterernährung bestehen nicht, weil Nahrungsmittel knapp sind, sondern weil sie nicht immer dort verfügbar sind, wo sie benötigt werden.“Agrarexporte verstehen. Fakten und Hintergründe. Hrsg.: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), 05 Stabsstelle Koordinierung Export, Berlin, 2016, S. 5 Eine Ausweitung des Agrarhandels, beispielsweise auch durch die fortschreitende Digitalisierung und damit zunehmende weltweite Vernetzung, fördert Prozesse einer weltweiten ArbeitsteilungDefinition internationale Arbeitsteilung, Gabler Wirtschaftslexikon und könnte dafür sorgen, dass Regionen, bei denen bestimmte Nahrungsmittel knapp sind, besser versorgt werden.
Qualitätssicherung Die Qualitätssicherung der gehandelten Agrarprodukte regeln zum einen gesetzlich verankerte Richtlinien wie beispielsweise die EU-Verordnung über Qualitätsregelungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel als auch durch den Agrarhandel selber eingeführte Kontrollsysteme. Diese Qualitätssicherungssysteme formulieren Standards bezüglich Hygiene und Sicherheit durch bestimmte Anforderungen an Transport, Aufnahme, Lagerhaltung und Rückverfolgbarkeit. Dazu zählen beispielsweise das 1999 eingeführte Europäische Getreidemonitoring (EGM),Verband Deutscher Mühlen (VDM): Qualität und Sicherheit https://www.muehlen.org/ernaehrung/qualitaet-und-sicherheit/ die Richtlinien zur Qualitätssicherung der Produktionsabläufe oder der Europäische Kodex der guten Handelspraxis (GTP), den COCERAL, der europäische Dachverband des Handels mit Getreide, Futtermittel und anderen Agrarprodukten,Good Trading Practice (GTP) PHPSESSID=080f3f11ca03662ec237d25824da3826 erarbeitet hat. Das GTP-Sicherheitskonzept gilt für die gesamte europäische Handels- und Logistik-Kette der Lebens- und Futtermittelbranche. Der Kodex beinhaltet Vorgaben in der Futter- und Lebensmittelsicherheit und deckt insbesondere die Nahrungsmittelkette im Bereich Getreide und Ölsaaten ab. Das Konzept ist vom Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) als Branchenleitlinie anerkannt.
Risikoabsicherung Die Produktion der Agrarrohstoffe ist saisonal abhängig und das Angebot unterliegt jährlichen Schwankungen, beispielsweise aufgrund von Wetterextremen wie starken Niederschlägen oder Dürreperioden. Mit zunehmender Volatilität (Preisschwankungen) gewinnt das Risikomanagement an Bedeutung. Immer öfter fordern beispielsweise auch finanzierende Banken im Agrarhandel ein entsprechendes Risikomanagement zur Unternehmenseinstufung bei der Kreditvergabe. Handelssysteme wie Warenterminbörsen oder Vorkontrakte geben Landwirten, Handel und Verarbeitern Möglichkeiten der Preisabsicherung.
Finanzmarkt-Vorschriften sollen SpekulationenWeltagrarbericht 2016 – Agriculture at a Crossroads, International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development, IAASTD http://www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichts/spekulation-mit-lebensmitteln.html mit Agrarrohstoffen und Nahrungsmitteln verhindern, wie beispielsweise die Finanzmarktrichtlinie (MiFID).Preisvolatilität und Spekulation auf den Märkten für Agrarrohstoffe. Hrsg.: Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL), Juni 2015 Wissenschaftliche Analysen deuten allerdings darauf hin, dass Spekulationen nicht den Einfluss auf das Preisgeschehen am Weltmarkt haben, der ihnen zugeschrieben wird. Demnach bestimmen den Handel in erster Linie grundlegende Trends bei Nachfrage und AngebotSituationsbericht 2016/17. 7.1 Agrarpreise und Agrarrohstoffmärkte, Hrsg.: Deutscher Bauernverband (DBV), 2016, S. 201 Adämmer, Philipp / Bohl, Martin T. / Ledebur, Ernst-Oliver von: Die Bedeutung von Agrarterminmärkten als Absicherungsinstrument für die deutsche Landwirtschaft, 2014, Studie im Auftrag der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Johann Heinrich von Thünen-Institut, 2014, erschienen im Thünen-Report 14: https://www.thuenen.de/media/publikationen/thuenen-report/Thuenen-Report_14.pdfNorbert Häring: Agrarspekulation, Handelsblatt, Nachrichten, 2013 https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/oekonomie/nachrichten/agrarspekulation-ist-die-spekulation-mit-nahrungsmitteln-gar-nicht-schlecht/7696196.html und die oben aufgeführten Rahmenbedingungen der Rohstoffgewinnung.
Die Agrarterminmärkte haben eine wichtige Bedeutung für die Preisbildungsmechanismen auf Kassamärkten.Adämmer, Philipp / Bohl, Martin T. / Ledebur, Ernst-Oliver von: Die Bedeutung von Agrarterminmärkten als Absicherungsinstrument für die deutsche Landwirtschaft, 2014, Studie im Auftrag der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Johann Heinrich von Thünen-Institut, 2014, erschienen im Thünen-Report 14: https://www.thuenen.de/media/publikationen/thuenen-report/Thuenen-Report_14.pdf Beim Handel mit Agrarrohstoffen, wie Getreide, Ölsaaten sind auch Vorkontrakte weit verbreitet. Der Landwirt sichert sich damit für einen Teil der zukünftigen Ernte bereits vorher einen festen Forward oder an einen Index gekoppelten Preis (Prämienkontrakt). Diese Form der bilateralen Geschäfte werden nicht über eine Handelsplattform abgewickelt.
Strukturen und Handelsströme mini|Agrarprodukte werden mit ähnlichen Containern weltweit verschifft (Bild: Containerschiff Yorktown Express am Container-Terminal in Bremerhaven) In den letzten Jahrzehnten wurde eine Vielzahl von bilateralen und multilateralen Freihandelsabkommen geschlossen. Die wichtigsten multilateralen Abkommen finden sich derzeit unter dem Dach der Welthandelsorganisation WTO, die mehr als 160 Mitgliedsländer hat und damit eine globale Organisation ist. Vorläufer der WTO war das General Agreement on Tariffs and Trade – abgekürzt GATT. Damit wurde nach dem Zweiten Weltkrieg versucht, Zölle weltweit deutlich abzubauen. Handelsabkommen gehen häufig über den reinen Warenhandel hinaus und umfassen auch nicht-tarifäre Aspekte (z. B. Handelsbürokratie wie Anträge, Lizenzen, Anmeldungen, diskriminierende oder unverhältnismäßige sicherheits-, umwelt- oder gesundheitsbezogene Vorschriften für Produkte oder mengenmäßige Beschränkungen).
+ Produkte im Im- und Export nach und von Deutschland 2015Agrarexporte verstehen. Fakten und Hintergründe. Hrsg.: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), 05 Stabsstelle Koordinierung Export, Berlin, 2016, S. 6 Rang Produkte Import Rang Produkte Export in Mrd. Euro 1 Ölsaaten- u. -produkte 8,4 1 Getreide, -erzeugnisse, Backwaren 9,1 2 Fleisch u. -erzeugnisse 6,9 2 Fleisch u. -erzeugnisse 9,0 3 Milch u. -erzeugnisse 6,2 3 Milch u. -erzeugnisse 8,7 4 Getreide, -erzeugnisse, Backwaren 5,9 4 Kakao u. -erzeugnisse 4,7 5 Frischobst, Südfrüchte 5,3
Handelspolitik liegt nach wie vor in der Zuständigkeit der einzelnen Nationalstaaten als auch der EU. Es existieren eine Vielzahl bilateraler Handelsabkommen die auch den Agrarhandel mit einschließen.Vgl.: Marktstudien und Länderberichte des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) Verhandlungen auf EU-Ebene werden vorwiegend von der EU-Kommission geführt. Diese konsultiert in den Abstimmungsverfahren die einzelnen EU-Mitgliedstaaten. Die wichtigsten internationalen Abkommen werden meist innerhalb der WTO ausgehandelt.
Agrarhandel im EU-Binnenmarkt Die Handelsbilanz aus 2014 zeigt, dass die EU-28 weltweit der größte Binnenmarkt ist. 2014 lag der Anteil der Agrarexporte aller Mitgliedstaaten in andere EU-Länder bei 73 %. Berichterstatter Volker Petersen. In: Amtsblatt der Europäischen Union. 2015, S. 5.