mini|John Ruskin John Ruskin (* 8. Februar 1819 in London; † 20. Januar 1900 in Brantwood, Lake District in Cumbria) war ein englischer Schriftsteller, Maler, Sozialreformer, Kunsthistoriker und Kunstkritiker. Als Universalgelehrter nahm er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine herausragende Stellung im englischen Gesellschaftsleben ein und beeinflusste sie mit seinen Essays zu Kunst und Architektur nachhaltig. In seinen Vorträgen und Texten befasste er sich mit der Landschaft und dem kulturellen Erbe seines Landes, aber auch mit Geologie und Mineralogie, Literatur und Musik, politischer Ökonomie, Erziehung, Geschichte, Sozialismus, Theologie und Ethik. In vielen Schriften beschrieb er das Evangelium der Schönheit, worunter er eine Verschmelzung von Kunst, Politik und Wirtschaft verstand, die sich am Idealbild mittelalterlicher Kunst orientieren sollte.
Jugend mini|John Ruskin 1857, gezeichnet von George Richmond
Ruskin war das einzige Kind des wohlhabenden Sherry-Importeurs John James Ruskin und dessen Ehefrau Margaret, geb. Cox. Als John 1819 geboren wurde, waren seine Eltern fast vierzig Jahre alt. Sie waren Calvinisten, und der Wunsch seiner Mutter war, dass John dereinst in den Dienst der Kirche treten würde.
Seine Eltern nahmen ihn samt Kindermädchen auf ihre Geschäftsreisen mit, bei denen sie Aufträge für ihren Sherry-Verkauf akquirierten. Dabei besichtigten sie auch Schlösser, Kathedralen, Klosterruinen, Colleges, Parks, Landhäuser und Galerien. Mit fünf Jahren begleitete John Ruskin seine Eltern nach Keswick in Nordengland und mit sechs Jahren zu Geschäftspartnern in Paris; während dieser Reise besuchten sie auch Brüssel und Waterloo. Mit vierzehn Jahren fuhr er mit ihnen den Rhein entlang, durch den Schwarzwald über Schaffhausen und in die Schweiz; hier entbrannte seine lebenslange Liebe für die Alpen. 1823 bezogen seine Eltern ein 1801 erbautes Haus in 28 Herne Hill.Das Haus wurde in den 1920er Jahren abgerissen. Ruskin beschreibt den Garten des Hauses im 2. Kapitel von Praeterita (Herne-Hill Almond Blossoms / Herne Hill Mandelblüten). 1828 nahmen die Ruskins Johns Cousine Perth, deren Mutter Mary Richardson verstorben war, als Pflegetochter auf. Im Oktober 1842 kauften sie 163 Denmark Hill in nobler Nachbarschaft, wo die anderen Familien Kutschen und Dienerschaft in Livree hatten.Ruskins Elternhaus „Denmark Hill“ (Gartenseite). Seine Eltern lebten jedoch weiterhin einfach.
Gemäß seinen Memoiren Praeterita brachte Ruskin sich im Alter von vier bis fünf Jahren das Lesen und Schreiben durch Abschreiben aus Büchern bei, „so wie andere Kinder Hunde und Pferde malen“. Sein Vater las ihm sonntags mit großem Einfühlungsvermögen aus Robinson Crusoe und The Pilgrim’s Progress vor und später Werke von Shakespeare, Byron, Cervantes und Pope, was einen nachhaltigen Eindruck bei dem Jungen hinterließ. Bis zum Alter von zwölf Jahren wurde er von Hauslehrern unterrichtet. 1836 begann er – in Begleitung seiner Mutter – erst recht lustlos ein Studium an der University of Oxford, wo er 1839 den Oxford-Newdigate-Preis für Gedichte erhielt. Der Geologe und Theologe William Buckland war sein Lehrer und Mentor. 1840 erkrankte er an Tuberkulose, und seine Eltern reisten mit ihm für sechs Monate nach Venedig und Rom. (Andere Quellen sprechen von einem Nervenzusammenbruch, weil seine erste Liebe Adèle Domecq einen französischen Grafen geheiratet hatte.) 1842 beendete er sein Studium.
Wirken Seine erste große Arbeit, eine mehrbändige Geschichte der modernen Malerei – Originaltitel „Modern Painters“ –, veröffentlichte er in den Jahren von 1843 bis 1860. Mit diesem Werk wurde er zum Entdecker und Förderer des Malers William Turner, von dem die Ruskins mehrere Gemälde besaßen. Hier verurteilt Ruskin, der stets ein präziser Beobachter und selbst Zeichner der Natur war, unter anderem die Landschaftsmalerei Claude Lorrains, denn gerade sie bilde die Natur nicht wahrhaftig ab.
In der zunehmenden Industrialisierung sah er die Gefahr einer Verkrüppelung sowohl menschlicher Tugenden als auch künstlerischer Schaffenskraft. Er trat für eine Wirtschaftsethik ein, in deren Mittelpunkt der Mensch stehen sollte, und bei der handwerkliche Arbeit als schöpferischer Wert betrachtet werden sollte. Ruskin gründete die St.-Georgs-Gilde, um mit seinen utopischen Vorstellungen den Verfall des britischen Staates zu ändern. Die Gilde bestand aus Männern, die bereit waren, einen Teil ihres Einkommens in den Ankauf von Land zu stecken und dieses in Übereinstimmung mit Ruskins Idealen zu gestalten. „Wir werden ein kleines Stück englischen Bodens haben, schön, ruhig und fruchtbar. Wir werden keine Dampfmaschinen darauf haben und keine Eisenbahn“.The Code of the Guild of St. George
In seinen Vorstellungen zur Sozialreform unterbreitete er zahlreiche konkrete Vorschläge, wie zum Beispiel Gartenstädte und Arbeiterhochschulen.Working Men’s College Als Maler und Zeichner trat Ruskin vor allem durch Architekturdarstellungen und Landschaftsstudien in Erscheinung.
Zusammen mit William Morris, Walter Crane und Dante Gabriel Rossetti war Ruskin einer der wichtigsten Mitglieder des Arts and Crafts Movement. Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen Olympischen Spiele, war ein später, aber begeisterter Anhänger Ruskins. Er verwandte viel Mühe, die Spiele zu verschönern (er schrieb ruskiniser), damit sie einen einzigartigen Charakter bekämen und mehr seien als eine Summe verschiedener Weltmeisterschaften an einer Stelle.Arnd Krüger. ‘The masses are much more sensitive to the perfection of the whole than to any separate details’: The Influence of John Ruskin’s Political Economy on Pierre de Coubertin. In: Olympika. Band 5, 1996, S. 25–44; Arnd Krüger: Coubertin’s Ruskianism. In: R. K. Barney u. a. (Hrsg.): Olympic Perspectives. 3rd International Symposium for Olympic Research. University of Western Ontario, London (Ont.) 1996, S. 31–42.
mini|Ruskins Notizen für sein Buch Die Steine von Venedig In zwei Leserbriefen an die Times 1851 hatte er kurz nach dem „Skandal“ die Präraffaeliten verteidigt, ohne sie damals persönlich zu kennen. Er verglich ihre neue, genaue Malweise mit der seines verehrten Dürer (Truth of nature). Daraufhin wurden die Präraffaeliten in der Öffentlichkeit etwas milder beurteilt. Daraus entstand eine schwierige Freundschaft zu Rossetti und Millais, die dramatische Formen annahm. Ruskins Frau (Effie Gray) ließ sich von ihm scheiden, um Millais zu heiraten. Trotzdem schrieb Ruskin weiterhin sehr positiv über Millais. Ihn verband mit allen Präraffaeliten eine herzliche Freundschaft, bis auf Ford Madox Brown, der einen mürrischen Charakter hatte und dessen Misserfolg wohl auch mit der Ablehnung Ruskins zu tun hatte.
Mit The Seven Lamps of Architecture (1849) und dem dreibändigen, 1851 in London erschienenen Buch The Stones of Venice (dt. Die Steine von Venedig) leistete Ruskin wichtige Beiträge zur Architekturtheorie. In seiner Essaysammlung The Seven Lamps of Architecture beschreibt Ruskin in nahezu poetischer Form aus seiner Sicht die Grundlagen der Architektur: Opfer, Wahrheit, Macht, Schönheit, Leben, Erinnerung und Gehorsam. Er legt damit Kriterien für die Güte von und den Umgang mit der Baukunst dar und beeinflusst so die englische Architektur maßgeblich.
The Stones of Venice ist von einer idealisierten Darstellung insbesondere der Gotik in Venedig und ihrer sozialen Begleitumstände geprägt. Anhand von sechs Eigenschaften wird versucht, die Gotik zu charakterisieren: 1. Rohheit, 2. Veränderlichkeit, Abwechslung, 3. Naturalismus, 4. Sinn für das Groteske, 5. Starrheit, 6. Überfülle. Zudem beinhalten die Stones sowohl im Text- wie auch im Bildteil präzise Darstellungen und Beschreibungen venezianischer Architektur und Malerei (besonders von Tintoretto), die für baugeschichtliche Analysen bis heute von größtem Interesse sind.
1860 wurde zunächst im Cornhill Magazine, später in Form eines Buchessays Unto This Last (deutsch Diesem Letzten) veröffentlicht, Ruskins bekannteste sozialkritische Abhandlung. In ihr kritisierte er sowohl den Kapitalismus, der seiner Meinung nach darauf basierte, dass man sich auf Kosten Anderer bereichert, als auch den Marxismus, zu dem er bemerkte, dass ein Interessengegensatz nicht zwangsläufig mit Antagonismus gleichzusetzen sei.John Ruskin: Unto This Last. Digireads, Stilwell 2005, ISBN 1-4209-2596-2, S. 6 und 23. Das Buch beeinflusste unter anderem Mahatma Gandhi und wird bis heute in der kapitalismus- und wachstumskritischen Bewegung rezipiert.Zum Beispiel David Boyle, Andrew Simms: The New Economics: A Bigger Picture. Earthscan, London 2009, ISBN 978-1-84407-675-8.
Ruskin prägte maßgeblich Theorie und Praxis der Denkmalpflege. Wie bereits in den nicht-idealisierenden Darstellungen venezianischer Architektur in den Stones erkennbar wird, akzeptierte Ruskin das Denkmal in seiner überlieferten Gesamtheit einschließlich der Patina und forderte deshalb die Konservierung der Denkmäler. Dies ist im Gegensatz zu der im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Restaurierungstätigkeit zu sehen, deren bedeutendster Exponent Eugène Viollet-le-Duc war und die besonders in Frankreich mittelalterliche Bauwerke in Formen wiederherstellte, die dem Originalbestand keineswegs entsprechen mussten.
mini|hochkant|Selbstporträt, 1875 Als Felix Slade 1868 verstarb, vermachte er in seinem Testament der Universität neben seiner Sammlung 35.000 Pfund für einen Lehrstuhl für die Schönen Künste, der die Ernennung Ruskins als Professor ermöglichte.Slade Professor in Oxford (PDF; 305 kB). 1869 wurde er zum ersten Professor für Kunst (Slade Professor of Fine Art) an der University of Oxford ernannt, wo er ab 1870 lehrte.
Sein Vater starb 1864 und hinterließ ihm sein Vermögen. Damit kaufte er das Haus in Brantwort im Lake District von W. J. Linton, in dem er bis zu seinem Tod lebte.Brantwood – Photos Nach dem Tod seiner Mutter 1871 verkaufte er das Haus Denmark Hill, das noch als Ruskin Manor Hotel geführt und 1949 abgerissen wurde. Der 1907 eröffnete Ruskin Park in London, der sich zwischen Loughborough Junction (Brixton) und Denmark Hill erstreckt, ist nach John Ruskin benannt.
1871 richtete Ruskin eine Zeichenschule in Oxford ein, die für gewöhnliche Männer und Frauen gedacht war, die durch Teilnahme an diesen Kursen „mehr Schönheit als bisher in der Natur und Kunst sehen und dadurch mehr Freude am Leben erlangen könnten“. Sie bot den Teilnehmern die Möglichkeit, elementare Kenntnisse der Techniken zu erlernen – Umriss, Schattierung, Kolorierung – und sowohl das Kopieren von Kunstwerken als auch Malen nach der Natur.
1877 verklagte James McNeill Whistler Ruskin wegen Beleidigung und Verleumdung. Dieser hatte über das in der Grosvenor Gallery ausgestellte Gemälde Nocturne in Schwarz und Gold: Die fallende Rakete in einem Zeitungsartikel geäußert, dass Whistler es nicht nur gewagt habe, der Öffentlichkeit einen Topf Farbe ins Gesicht zu schleudern, sondern auch die Frechheit besessen habe, dafür zweihundert Guineen zu verlangen. Whistler gewann 1878 zwar den Prozess vor dem Londoner High Court of Justice, bekam jedoch nur einen symbolischen Schadensersatz von einem Farthing zugesprochen.
Ruskin und William Turner mini|Ruskins Schlafzimmer in Brantwood umgeben von seiner Turner-Sammlung