Das Atraḫasis-Epos, auch der Mythos Atramchasis, ist das Werk eines unbekannten Dichters, der um 1800 v. Chr. in einem der Stadtstaaten Mesopotamiens gelebt hat. Es berichtet von der sumerischen Genesis. Der im frühen Babylon tätig gewesene Schreiber Nur-Ajja überarbeitete das Epos während des 12. Regierungsjahres seines Königs Ammi-saduqa. Weitere mehr oder minder variierende Abschriften folgten im ersten Jahrtausend v. Chr.
Atraḫasis (auch Atrachasis, Atrahasis, Atramchasis, Atramhasis, „der überaus Weise“) ist der Name des Helden im Atraḫasis-Epos. Die sumerische Königsliste verzeichnet Atraḫasis in einer Version mit dem Namen Ziusudra als historische Figur. Er wird als Sohn des Ubar-Tutu, dem König von Šuruppak, bezeichnet.
Urmythen - Religionen - geschichtliche Tatsachen In der Hauptsache berichtet das Epos von einem Konflikt der ur-sumerischen Götter und greift zur Klärung dieser hierarchisch-politischen Beziehung auf den weit älteren Mythos der Trennung von Himmel und Erde ('Oben' und 'Unten') im kosmischen UrgewässerDietz-Otto Edzard u. a.: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie (RIA). Band 1: A – Bepašte. de Gruyter, Berlin 1932 (Nachdruck 1997), S. 122. zurück. Enlil (Windgott) vertritt den Ratsvorsitz der sumerischen Götter, den höheren Anunnaki um Anu (Himmel) und den niederen Igigu um Enki (Erdgott).
Diese Ur-Vorstellung einer politischen Organisation hat keine bekannten historischen Vorbilder. Das Epos kündet von Ereignissen, die mythisch nahe dem kosmogonischen Anfang der Welt liegen.
Die Handlung folgt einem für sich genommen einfachen Muster:
Es gibt eine Organisation der Götterparteien. Die unterlegene Göttergruppe ist unzufrieden und erhebt sich wider Enlil. Darauf beraumt diese Siegerpartei die Herstellung eines ersten Paares von Menschen an, die mit all ihren Nachkommen allen Göttern auf Ewig als Arbeitssklaven (opfernde Masse) dienen sollen. Infolgedessen kommt es zu weiteren Schwierigkeiten, für deren Kontrolle die zerstrittenen Götter erst ganz zuletzt eine utopische Einigung finden.
Teilhabend an dieser dramatischen Erzählung sind der Gott Enlil in seiner Funktion des den höchsten Überblick habenden Oberstrategen der sumerischen Stammesorganisation, ihre sieben göttlichen Mutterleiber Schassuratu unter dem Vorsitz Nintus, Anu und der im Unterteil des Himmels ansässige Gott Enki, der an jenem speziellen Schöpfungsakt eine Mordtat beizusteuern hat. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um eine Zerstückelung, der wahrscheinlich niedergerungene Rebellen aus den Reihen der Igigu zum Opfer fielen.
So dient solch mit dem Lehm der Steppe gemischtes Blut als geschmeidiger Rohstoff zur Formung eines ersten, auch fortan fügsam bleibenden Wesens.
Bis hierhin sehr erfolgreich, hatte diese Maßnahme (die in zwei Schritten vollzogene Schaffung des Menschen) nun eine zumindest in ihren Ausmaßen unbeabsichtigte Nebenwirkung: Es kommt zur Massenvermehrung der Geschöpfe und den mit solcher Überbevölkerungskrise verbundenen Störungen. Schwer durch den Lärm der Menschen belästigt, unternehmen die oberen Götter im Laufe der Jahrtausende mehrere Anläufe, die Menge ihrer ihnen Nahrung beschaffenden, außerdem auch selbst eines Lebensraumes bedürfenden Arbeitssklaven auf ein wieder erträgliches Maß zu reduzieren, und als dies misslingt, den Versuch ihrer vollständigen Auslöschung mittels einer vom kosmischen Süßwasserhimmel gewaltig herabstürzenden Flut. Auch dieses Vorhaben scheitert, wiederum infolge eines Sabotageakts von Seiten Enkis, des Anführers der unteren Götter.
Diese Erzählung wurde um 1200 v. Chr. vom Autor des Gilgamesch-Epos übernommen. Dort finden sich sowohl Teile der im Atraḫasis-Epos beschriebenen Verpaarung als auch der Flutkatastrophe wieder. Offensichtlich nahm ebenfalls das Alte Testament Bezug auf das Epos: den mythisch-epischen Bericht über die Herstellung zweier erster Menschen sowie auf den der katastrophalen Überschwemmung, so dass uns erstere aus der Bibel als Adam und Eva und letztere unter dem Namen der vom Gott JHWH entfesselten Sintflut bekannt sind. Über den Umweg des Gilgamesch-Epos erscheint Atraḫasis dort als Noah; in der sumerischen Urkultur lautet sein Titel Ziusudra.Stefan Maul: Wer baute die babylonische Arche? Ein neues Fragment der mesopotamischen Sintfluterzählung aus Assur, abgerufen am 16. Mai 2023.Art: Utnapishtim. In: Encyclopædia Britannica (online, abgerufen am 16. Mai 2023).
Tafel 1 mini|Bruchstücke der 1. Tafel des in Keilschrift verfassten Epos, im British Museum aufbewahrt. Ergänzt wurden fehlende Passagen u. a. durch Tafelfragmente anderer Versionen der gleichen Erzählung, die man nach und nach an oft weit voneinander entfernt liegenden Orten in Mesopotamien fand.|236x236px
Als die Götter wie die Menschen arbeiten müssen (inuma ilu awilum = Als die Götter Menschen waren), gibt es Streit zwischen den oberen Anunnaki und den Igigu, den niederen Göttern. Während letzteren die Aufgabe obliegt, die Versorgung des Landes durch das Anlegen von Bewässerungskanälen zu sichern, wofür sie die Betten der Flüsse Euphrat und Tigris ausgraben, haben die Anunnaki von oben her die Herrschaft inne – wachen also mutmaßlich über die Umsetzung ihrer Pläne und teilen entsprechend die Früchte dieses zivilisatorischen Großprojekts, welches die dürre Steppe 'Eden' in einen blühenden Garten verwandelt, nach ihrem Ermessen auf. Aufgrund der Schwere ihrer Arbeit aber fühlen sich die Igigu überfordert und beginnen, gegen die oberen Götter zu rebellieren. Nachts umzingeln sie die Wohnstatt von Enlil, der als Hauptgott der Sumerischen Kultur galt, als Schöpfer von Luft und Erde inmitten des kosmischen Gewässers.
Enlil ist überrascht und ruft nach Anu und Enki. Nusku, einer der Söhne und hier der Botschafter Enlils, versucht mit der aufständischen Partei zu verhandeln, bleibt jedoch ohne Erfolg. Daraufhin bittet Enlil die Muttergöttin Nintu um die Erschaffung von Menschen. Nintu erklärt, dem nur unter tätiger Mithilfe Enkis Folge leisten zu können. Enki, dies bejahend, gibt der Versammlung aller Götter daraufhin den Rat, sich für alles Weitere zunächst reinigen zu sollen. Sie stimmen zu, so zerstückelt er am fünfzehnten Tag dieses Projektes Geštue, um die Götter anzuweisen, sich im Blut des Opfers ausgiebig zu waschen. Unter Paukenschlägen beginnt er sodann mit der Erschaffung des Wesens Widimmu. Dafür nimmt er Lehm vom Boden der Steppe auf (Nintu galt vor allem als Urmutter Erde, insofern kommen hier die göttlichen Mutterleiber ins Spiel), den er mit etwas von dem Blute mischt. Abschließend gibt er einen Hauch vom kosmischen Wasser hinzu und bringt das Geschöpf in seine dadurch lebendig werdende Form. Als es erwacht, tritt die Muttergöttin heran, händigt ihm einen Tragekorb aus und befiehlt, dass es von nun an für die Götter zu arbeiten habe.
Hier gibt es eine Textlücke, in der beschrieben worden sein könnte, wie Widimmu an der Einsamkeit seines Arbeitsalltages in Eden leidet und nichts, was die Götter ihm raten, vermag, ihm die Lebensfreude wieder zu geben. So könnten die Götter schließlich entschieden haben, ihm zur Aufmunterung eine Frau zuzugesellen. Woher sie stammt, bleibt der fehlenden Passage wegen offen – unter Umständen gab es einen ähnlich konzipierten Schöpfungsakt. Diese Annahme stünde jedoch im Konflikt mit der mosaischen Version der Vorgänge im Garten von Eden, der zufolge die Frau aus einem chirurgisch entfernten Körperteil des dafür in Tiefschlaf versetzten Mannes (Adams) hergestellt wurde, mit dem Argument „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist; darum lasst Uns eine Männin machen (Eva), die ihm hilft und die zu ihm passt.“ (Gen. 2.18)
Zuletzt gibt die Muttergöttin dem jungen Paar den Befehl, ein siebentägiges Liebesfest zu Ehren der Kriegs- und Sexualgöttin Ištar zu feiern.* Beide gehorchen; nach neun Monaten wird dem Land der Götter ein erstes Menschen-Kind geboren, dessen Daseinsbestimmung der seiner Eltern gleicht. (* Parallele zum Gilgamesch-Epos: Auch dort kommt es auf Anordnung der mesopotamischen Götter zu einem 7-tägigen Sexualakt; Darsteller sind der wiederum - wie auch der mosaische Adam - aus dem Lehm der Steppe erschaffene Tiermensch Enki-du und die mit allen dafür dienlichen Vorzügen ausgestattete Tempeldienerin Shamkat.)
1200 Jahre später haben sich die Menschen derart vermehrt, dass sie mit ihrem Lärm die Götter stören. Enlil ist empört und beschließt, dass der Unterweltgott Namtar einen Teil der Menschen mit Frostfieber wieder hinwegraffen möge – ein großes Massensterben nimmt seinen Anfang. Enki aber (wahrscheinlich in Sorge, am Ende selbst wieder arbeiten zu müssen) tritt an seinen getreuen Priester Atraḫasis heran und rät ihm zu Folgendem: Nicht mehr die anderen Götter sollen angebetet werden, sondern nur noch Namtar. Dem Gott der tödlichen Krankheiten schmeichelt dies so sehr, dass er kaum angesetzt mit seinem pandemischen Werk schon wieder aufhört, die Menschen zu beseitigen.
Tafel 2 Nach weiteren 1200 Jahren sind die Menschen nochmals um viele mehr geworden und streifen wie brüllende Tierherden umher. (Vgl. auch hier Enkidu, der Rebell vom Stamme der Wildesel, und seine die Steppe mit ihm durchstreifende Gazellenherde.) Weil die oberen Götter nun nicht einmal mehr schlafen können, schickt Enlil seinen Wettergott Adad und wiederum 1200 Jahre später die Fruchtbarkeitsgöttin Nisaba, um das Land mittels Stürmen zu verwüsten und die Ernten vertrocknen zu lassen; Enki aber verrät seinem Priester Atraḫasis jedes Mal, was dagegen zu tun ist: Man bringt nur noch Adad und Nisaba Opfer dar, die anderen Götter lässt man hungern. Adad und Nisaba sind von diesem unverdienten Vorzug derart beschämt, dass sie ihr Unterfangen einstellen. Enlil erbost nun vollends gegen Enki und verfügt, dass eine gewaltige Flut nunmehr die gesamte Menschheit dahinraffen solle. Zusätzlich lässt er Enki vor den Anunnaki schwören, mit den Menschen kein Wort mehr zu reden; danach beginnt er, sich mit den versammelten Göttern über das genaue Datum und die Dauer der zu entfesselnden Sintflut zu beraten.
Tafel 3 Gut informiert mit allen Details, sucht Enki den Wohnsitz seines Priesters abermals auf, wartet diesmal jedoch, bis sich Atraḫasis in seiner Schilfhütte zum Schlafen hinzulegen beginnt. Sodann listig zur Schilfwand sprechend, um nicht vertragsbrüchig zu werden, erzählt 'ihr' Enki, was diesmal zu tun sei: »Trenne dich von deinem Haus, baue ein Schiff, verschmähe dein Hab und Gut, rette dein Leben.« Das Schiff solle würfelförmig und auch von oben wasserdicht verschließbar sein. Atraḫasis solle von der kommenden Flut niemandem etwas verraten, einen großen Vorrat an Nahrungsmitteln mitnehmen (u. a. lebende Vögel, ja sogar Fische, wie der Poet in humoriger Ironie hinzuzufügen verstand) und die Sanduhr ab Beginn der Katastrophe für sieben Tage im Auge behalten. Atraḫasis verlässt also in Eile sein Hab und Gut unter einem Vorwand und beginnt mit dem Bau des Schiffes. Seine Nachbarn und Verwandten lädt er zur Mithilfe ein und verspricht, dass der Lohn demnächst reichhaltig vom Himmel regnen werde. Der Termin drängt, so richtet er ein großes Fest aus, um auch entfernter lebende Arbeitskräfte zu gewinnen. Er selbst vermag während des ausgelassenen Gelages nichts zu essen, so übel ist ihm vor Angst über die nahende Strafe der Götter.