mini|Lili Boulanger (1893–1918), die künstlerisch „frühvollendete“ französische Komponistin, gewann 1913 als erste Frau den Kompositionspreis, Grand Prix de Rome des Pariser Konservatoriums für Musik. Foto von 1918

Frauen in der MusikFrauen in der Musik Literatur bei worldcat.org ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich mit der Rolle, dem Beitrag und der Wahrnehmung von Frauen in der Musikgeschichte (-theorie und -praxis) beschäftigt. Das Thema gewann in Europa seit den 1970er JahrenIn Amerika seit Mitte des Jahrhunderts durch Sophie Drinker im Zuge der Frauenbewegung und durch feministische Musikwissenschaft an Bedeutung und Aufmerksamkeit.Zum Hintergrund siehe: Sabine Doyé, Marion Heinz, Friederike Kuster (Hrsg.): Philosophische Geschlechtertheorien. Ausgewählte Texte von der Antike bis zur Gegenwart 2002. Innerhalb der Frauenforschung wurde die Frage nach der lange Zeit mangelnden Präsenz schöpferischer Musikerinnen in der Geschichtsschreibung und – bedingt dadurch – bis in die heutige öffentliche Praxis gestellt. Zu keiner Zeit und nirgends in der Welt fehlte musikschöpferisches und -kulturelles Handeln von Frauen, weder im populären Bereich, noch in der „Kunstmusik“ oder „Klassischen Musik“. Ähnlich Frauen in der Wissenschaft oder Politik, treten musikalisch produktive Frauen erst seit Ende des 20. Jahrhunderts aus dem Schatten der männlichen Kollegen. Antworten auf die Fragen nach dem Warum und Wie ergeben sich aufgrund der modernen Genderforschung. Siehe u. a. Annette Kreutziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Musik und Gender: Wider die »Rectifizierung« von Musikgeschichte und Wissenschaftswandel seit 1970.Bärenreiter Verlag Kassel, Metzler Verlag Stuttgart und Weimar 2010. Vorwort S. 9 und 10.Lexikon-Artikel Gender Studies. In: Riemann Musik Lexikon 2012 Schott Music, Mainz Bd. II, S. 216–218.

Historische Komponistinnen kommen wieder ins Gedächtnis, moderne Komponistinnen und ausübende Musikerinnen entwickelten Autonomie und Selbstverständnis. Das betrifft mithin Dirigentinnen, Orchestermusikerinnen, Sängerinnen, Kirchenmusikerinnen, freie Musikerinnen, Musikpädagoginnen wie auch Instrumentenbauerinnen, Musikwissenschaftlerinnen, Musikjournalistinnen, Musikmanagerinnen, Mäzeninnen und weitere im Musikleben Tätige.

Kulturelles Gedächtnis mini|Ägyptische Frauen mit Harfe, Langhalslaute und einem Blasinstrument. Wandmalerei im Grab des Nacht um 1400 v. Chr.

Im Zuge der Zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren,Chronik der Neuen Frauenbewegung: Vorfrühling, 1968–1970. Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus, eine Geschichte seit 1789. C. H. Beck Verlag Wissen, München 2009, ISBN 978-3-406-56263-1. (5. Die «neue» Frauenbewegung.) S. 107–125. mit Ausgangspunkt in Deutschland und den USA, rückten die Beiträge von Frauen zur Musikkultur in den Fokus des Interesses. Es zeigte sich, dass Komponistinnen in der Vergangenheit „auf seltsame Weise verschüttet worden“ waren.Eva Rieger: Frau, Musik und Männer Herrschaft. – Furore-Verlag, Kassel 1988, ISBN 3-9801326-8-4 (2. Auflage = Furore-Edition 828). Vorwort zur zweiten Auflage erste S. (nicht paginiert). Bei der ersten „Berliner Sommeruniversität für Frauen“ im Jahr 1976 fehlten die Künste noch weitgehend.Frau, Musik und Männer Herrschaft. 1988, erste Seite. 1979 initiierte die Dirigentin Elke Mascha Blankenburg zusammen mit anderen an Musik beteiligten Frauen den „Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik“, der schnell rund 100 Mitglieder hatte. „Eine neue Welt unterschlagener Musikgeschichte öffnete sich“.Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. Europ. Verl.-Anst., Hamburg 2003, ISBN 3-434-50536-9, S. 22. Das internationale Archiv Frau und Musik verfügt zurzeit (2014) über rund 20.000 Medieneinheiten, darunter Werke von 1.800 internationalen Komponistinnen vom 9. bis zum 21. Jahrhundert. Die Fondazione Adkins Chiti: Donne in Musica mit Sitz in Fiuggi (Latio, Italien) beherbergt über 42.000 Partituren, die in Kooperation mit der italienischen Nationalbibliothek katalogisiert werden.Auskunft der Präsidentin Patricia Adkins Chiti per E-Mail am 13. März 2013. Überraschende Funde aus historischer Musikproduktion von Frauen und die Ergebnisse akribischer Spurensuche nach den Ursachen des Vergessens führten zur Erkenntnis, „dass vermutlich einige Kapitel der Musikgeschichte neu und anders geschrieben werden müssen“.Hartmut Lück im Bremer Rundfunk am 21. August 1981 nach Erscheinen des Buches Frau, Musik & Männer-Herrschaft der Musikwissenschaftlerin Eva Rieger. Vorwort zur zweiten Auflage 1988, S. 1–2.

Musikalische Überlieferung als „kulturelles Gedächtnis“ war bis ins 19. Jahrhundert weitgehend durch männliche Auswahlkriterien bedingt. „Trotz einiger (transdisziplinärer) Studien stellt das Gebiet der gendersensiblen Erinnerungs- und Nachlassforschung im Bereich der Musikgeschichte noch weitgehend ein Forschungsdesiderat dar.“Gesa Finke und Melanie Unseld: Artikel Überlieferung. In: Annette Kreuziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Musik und Gender 2010, S. 505 und fortfahrend. Sowohl praktizierende als auch musikschöpferische Musikerinnen unterliegen seit Jahrhunderten situationsbedingten Klischees und tradierten gesellschaftlichen Behinderungen. Dazu tritt eine unvollkommene Überlieferung beziehungsweise Rezeption.Eva Weissweiler: Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart 1999, S. 23 ff. Obwohl die musizierende Frau in ältesten Zeitzeugnissen belegt istCooper 1981/88, Vorwort zur 1. Auflage: Darstellung einer Kitharaspielerin 1400 Jahre vor Christus auf einem kretischen Tonsarg. Weissweiler 1981/99, S. 24 der 2. Auflage: Phorminx beim Opfer, Kreta um 1400 vor Christus., und die bildlichen und literarischen Zeugnisse weiblicher Musik zu keiner Zeit fehlten, blieb eine Stellungnahme der traditionellen Musikwissenschaft dazu aus. Das bis heute männlich geprägte Musikleben wurde damit als „naturgegeben“ bestätigt.Eva Weissweiler: Einführung in das Thema in: Vom Schweigen befreit. S. 14–16. In den anerkannten Musikgeschichten fehlen die Namen von Komponistinnen weitgehend.Beispiele: Paul Henry Lang: Die Musik im Abendland (Übersetzung aus dem Amerikanischen Rudolf von der Wehd) Manu Verlag Augsburg (Amerikanische Fassung 1941) und Karl H. Wörner: Geschichte der Musik, ein Studien- und Nachschlagebuch. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1961 (3. Auflage).

Wie an der europäischen Kulturgeschichte abzulesen ist, standen der Kreativität von Musikerinnen, Dirigentinnen und Komponistinnen kulturelle Vorurteile, ökonomische Beschränkungen und oft Häme entgegen. Wie noch im ausgehenden 20. Jahrhundert Dirigentinnen wahrgenommen wurden zeigt, dass sie als „Eindringlinge“ in eine männliche Domäne betrachtet und entsprechend behandelt wurden. „Rot wird sie nur beim Fortissimo“ und Ähnliches war in den Rezensionsüberschriften nach Konzerten mit Dirigentinnen zu lesen.Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert. S. 19.

In Fachkreisen ist seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert ein Umdenken gegenüber der künstlerischen Freiheit der Frau zu bemerken,„Wird Komponieren ein Frauenberuf, zumindest in jenem Maß wie Malen und Bücherschreiben?“ So Detlef Gojowy in der FAZ am 9./10. Oktober 1976 (zitiert in Weissweiler 1999, Komponistinnen der Gegenwart. S. 386 ff.) das sich aber auf den praktischen Musikbetrieb noch wenig ausgewirkt hat.Doch das sind […] Ausnahmen, die nichts daran ändern, daß die Ausgrenzung der historischen Komponistinnen aus dem Konzertrepertoire seit dem ersten Erscheinen dieses Buches [Weissweiler 1981] fast genauso konstant ist […]. So Weissweiler 1999: Vorwort zur Neuauflage. S. 12.

Musik unter dem „Paulinischen Gebot“ Weibliches Musizieren im Gottesdienst wurde in christlichen und christianisierten Ländern häufig infolge des paulinischen Schweigegebotes eingeschränkt oder verboten.Elisabeth Gössmann: Eva in der hebräischen Bibel und in der Deutung durch die Jahrhunderte. In: Eva Gottes Meisterwerk (Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung Band 2). iudicium München 2000 (Einleitung, Seite 11–45. Speziell zum 1. Korintherbrief des Paulus 14.33b–36 siehe Seite 20/21). „Frauen sollen in der Gemeindeversammlung schweigen. Ihnen ist es nicht erlaubt, dort zu sprechen.“Übersetzung der Basisbibel der Deutschen Bibelgesellschaft (mit Anmerkung), eingesehen im Mai 2023. (1 Kor 14, 34) Diese Äußerung wurde als Gebot des Apostels Paulus aufgefasst, das Frauen eine Äußerung und Mitspracherecht im Gottesdienst grundsätzlich verwehrt. Auf dieser Grundlage wurde oft auch das Singen und Musizieren der Frau im christlichen Gottesdienst verboten. Viele Forscherinnen und Forscher vermuten indes, dass die Bibelstelle von einem Redaktor eingeschoben wurde und nicht wirklich von Paulus stammt (Interpolationstheorie).Der 1. Korintherbrief (1Kor). In: Klaus-Michael Bull: Bibelkunde des Neuen Testaments. Die kanonischen Schriften und die Apostolischen Väter. Überblicke – Themakapitel – Glossar. 8. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018. Andere Ausleger halten die Stelle für durchaus authentisch, beziehen das Verbot aber nur auf offizielle Verkündigung und nicht die öffentliche oder prophetische Rede im Gottesdienst allgemein, die Paulus im selben Text an anderer Stelle auch Frauen gestattet habe.Johannes R. Nothhaas: In: Forum Katholische Theologie, 23. Jahrgang, Heft 2/2007. Das Verbot wirkte vom dritten Jahrhundert bis in die Neuzeit besonders in katholisch geprägten Gesellschaften im Sinne eines Musizierverbotes für Frauen in der Kirche, was sich indirekt auch auf die weltliche Musikausübung der Frauen auswirkte und auch in nicht-katholischen Gebieten wirksam war.Musik und Bildung, Zeitschrift für Theorie und Praxis. Band 28, B. Schott’s Söhne, Mainz 1996, S. 26.

Die Ablehnung der weiblichen Stimme in der Kirche verstärkte das Kastratenwesen: Gegenüber der körperlichen Unversehrtheit des Sängers galt die hohe Kastratenstimme als das höhere Gut, höher als die Frauenstimme. Der Chor der Capella Sistina in Rom ließ für die hohen Stimmen zunächst Falsettisten auftreten. Je kunstvoller die Musik wurde, desto mehr wurden diese durch Kastraten abgelöst, obwohl die Kastration, die den Knaben die hohe Stimme erhielt, offiziell verboten war.Rodolfo Celletti: Storia del belcanto. Mehrfach übersetzt, deutsch: Geschichte des Belcanto, Bärenreiter, Kassel 1989. Die Frauen hörten das Singen in ihrer Stimmlage, ohne dass sie Chancen zu einer Ausbildung im Singen bekamen wie die Buben und jungen Männer in den Domschulen.

mini|150px|links|Die Sängerin Francesca Cuzzoni (1696–1778). Stich von James Caldwall (1739–1822) nach einem Bildnis von Enoch Seeman, Muller Collection, New York Public Library mini|130px|Die Sängerin Faustina Hasse-Bordoni (1697–1781). Porträtiert von Rosalba Carriera, Pastel auf Papier, um 1730