mini|A = Gebäude in Merkaz haʿIr um die Dizengoffstraße, B = Gebäude um den Rothschild-Boulevard, C = Gebäude um den Kikkar Bialik (z. B. Liebling Haus) Als Weiße Stadt () wird ein Inventar von etwa 4000 Gebäuden in Tel Aviv bezeichnet, die überwiegend im Internationalen Stil und Bauhaus errichtet wurden. Die Architekten waren einerseits deutschstämmige Juden, die nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 aus Deutschland ausgewandert waren, und andererseits auch jüdische Vertriebene aus anderen Teilen Europas sowie nichtjüdische, im Land geborene und vor 1933 eingewanderte Personen. Seit 2003 gehört die Weiße Stadt von Tel Aviv zum UNESCO-Welterbe.UNESCO-Weltkulturerbe whc.unesco.org; abgerufen am 13. Oktober 2013
Geschichte Als die heute so bezeichnete Weiße Stadt entstand, war das 1909 gegründete Tel Aviv eine kaum mehr als 20 Jahre alte Siedlung jüdischer Einwanderer vor den Toren von Jaffa. Meʾir Dizengoff, Bürgermeister von Tel Aviv in den Jahren von 1921 bis 1936, beauftragte 1925 den schottischen Stadtplaner Patrick Geddes mit dem Entwurf eines Masterplans für die schnell wachsende Stadt. Geddes entwarf das Straßennetz und die Anlage von Häuserblöcken (häufig in Blockrandbebauung, jedoch fast nur in offener Bauweise) und Raumnutzung;Sharon Golan Yaron, “Lokalny Utopijny Modernizm Tel Awiwu – The Utopian Local Modernism of Tel Aviv”, in: GDY-TLV: Gdynia – Tel Awiw, Artur Tanikowski (Hrsg. und Kurator), Aufsätze in Englisch und Polnisch, Wiesław Horabik, Aleksandra Rawska und Zofia Sochańska (Übers.), Gdingen und Warschau: Muzeum Miasta Gdyni und Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN, 2019, (=Katalog zur Ausstellung im Muzeum Historii Żydów Polskich Polin, 12. September 2019 - 2. Februar 2020, und im Muzeum Miasta Gdyni, 6. März - 7. Juni 2020), S. 70–77, hier Seite wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. ISBN 978-83-949989-8-1 (Gdingen) und ISBN 978-83-952378-4-3 (Warschau). ein bestimmter Baustil wurde von ihm nicht festgelegt. Er orientierte sich mit seinen geschwungenen Straßenverläufen dabei an Vorbildern der Gartenstadt-Bewegung.Arieh Scharon, Kibbutz + Bauhaus: An Architect’s Way in a New Land, Stuttgart und Massada: Karl Kramer, 1976, S. 46. ISBN 978-3-782-81430-0. Die Baublöcke seiner Planung, Tel Avivs Planer sagen Geddes-Blöcke, innen grün am Rand offen bebaut, folgen 60 verschiedenen Grundformen, was sie individuell unterscheidbar macht. Er schuf die regulativen Grundlagen dafür, dass die meisten Straßen der Stadt durch Straßenbäume und Gärten rund um die unverbunden errichteten Gebäude durchgrünt sind.Nitza Metzger-Szmuk, “Białe Miasto Tel Awiw. Ruch Modernistyczny – The White City of Tel Aviv: The Modern Movement”, in: GDY-TLV: Gdynia – Tel Awiw, Artur Tanikowski (Hrsg. und Kurator), Aufsätze in Englisch und Polnisch, Wiesław Horabik, Aleksandra Rawska und Zofia Sochańska (Übers.), Gdingen und Warschau: Muzeum Miasta Gdyni und Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN, 2019, (=Katalog zur Ausstellung im Muzeum Historii Żydów Polskich Polin, 12. September 2019 - 2. Februar 2020, und im Muzeum Miasta Gdyni, 6. März - 7. Juni 2020), S. 50–59, hier S. 56. ISBN 978-83-949989-8-1 (Gdingen) und ISBN 978-83-952378-4-3 (Warschau). Zudem diente die offene Bauweise auch dazu, jedes Haus zur jeweiligen Schattenseite hin lüften zu können und kühlende Seebrisen die ganze Stadt durchdringen zu lassen, um einem Hitzestau vorzubeugen.
In den 1930er Jahren begannen jedoch vor allem jüdische Architekten, von denen vier eine Ausbildung am Bauhaus Dessau erhalten hatten, dem neuen Stadtviertel ihren Stempel aufzudrücken. Nach 1933, insbesondere aber nach dem Inkrafttreten des Reichsbürgergesetzes 1935, wurde Juden in Deutschland die Betätigung in zahlreichen Berufen immer schwerer gemacht. Jüdische Architekten waren daher gezwungen, Deutschland zu verlassen. Viele von ihnen ließen sich daraufhin im britischen Mandatsgebiet Palästina nieder. Auch in Beirut entstanden Bauhaus-Gebäude. Der Historiker Samir Kassir betont, dass offene Grenzen zum französischen Mandatsgebiet ein grenzüberschreitendes Arbeiten ermöglichten.
Die Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv sind an das heiße Klima Israels angepasst. Viele stehen im Sinne von Le Corbusier auf Pfeilerkonstruktionen (Pilotis), um die Belüftung zu verbessern. Seine Langfenster ersetzten die israelischen Architekten mit bandartigen Balkonen, deren Schürzen für Schatten sorgen. Statt Fensterfronten wurden Lichtleisten gesetzt. Die Flachdächer werden in heißen Sommernächten als Aufenthaltsort genutzt. Karl Schwarz, Direktor des Tel Aviv Museums, bemerkte 1934: „Man kann Tel Aviv ‹die Weiße Stadt› nennen, denn der hier übliche helle Putz vermittelt den Eindruck einer Stadt strahlenden Lichts.“GDY-TLV: Gdynia – Tel Awiw, Artur Tanikowski (Hrsg. und Kurator), Aufsätze in Englisch und Polnisch, Wiesław Horabik, Aleksandra Rawska und Zofia Sochańska (Übers.), Gdingen und Warschau: Muzeum Miasta Gdyni und Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN, 2019, (=Katalog zur Ausstellung im Muzeum Historii Żydów Polskich Polin, 12. September 2019 - 2. Februar 2020, und im Muzeum Miasta Gdyni, 6. März - 7. Juni 2020), S. 226. ISBN 978-83-949989-8-1 (Gdingen) und ISBN 978-83-952378-4-3 (Warschau).
mini|200px|Mit Plakaten vor ausgesuchten Gebäuden in Tel Aviv machte Stadtkonservatorin Nitza Metzger-Szmuk in ihrer Aktionswoche 22.–28. Mai 1994 öffentlich auf Bauhaus-Architektur aufmerksamDas Plakat hier als Exponat in der Ausstellung Erhalt und Erneuerung: Bauhaus und internationaler Stil in Tel Aviv von Micha Gross (Bauhaus Center Tel Aviv), September-Dezember 2021 im Max-Samuel-Haus, Rostock Im Laufe der Zeit sind viele Gebäude der Weißen Stadt deutlich vernachlässigt worden, einige wurden abgerissen oder verändert.„Der Kampf um die weiße Stadt“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Mai 2013, S. 7. Besonders der Putz der einst weißen Gebäude ist über die Jahre und durch den Einfluss der salzhaltigen Meeresluft grau und spröde geworden.
Im Jahre 1984 wurde die bereits in erzählender Literatur und Populärkultur vereinzelt verwendete Bezeichnung Weiße Stadt in der im Tel Aviv Museum of Art gezeigten Ausstellung White City. International Stile Architekture in Israel und danach in New York und Berkeley erstmals für das architektonische Erbe der Stadt benutzt. Der Kurator Michael Levin veröffentlichte dazu den viel beachteten zweibändigen Ausstellungskatalog White City. International Style Architecture in Israel. A Portrait of an Era mit 64 Aufnahmen der Fotografin Judith Turner. Levin sagte später, dass er vom großen öffentlichen Interesse überrascht wurde, und nannte als Grund für den Erfolg seiner Ausstellung die verbreitete Nostalgie in Israel.
Zum Schutz des architektonischen Erbes sind im Jahr 2009 etwa tausend Gebäude unter Denkmalschutz gestellt worden.Sharon Udasin: The Jewish Week, 22. Mai 2009 Um die Renovierung der geschützten Gebäude zu finanzieren, dürfen die bestehenden Gebäude um bis zu drei Stockwerke erhöht werden. Mit der Renovierung werden die Eigentümer verpflichtet, die Erdbebensicherheit zu erhöhen und Schutzbunker gegen Raketenangriffe einzurichten. Die Erweiterung der Gebäude um neue Stockwerke ist umstritten wegen des Eingriffs in die historische Substanz.Sharon Golan Yaron, “Conservation in Tel Aviv today – conservation policy”, in: More Than Bauhaus, The Architecture Of The White City Tel Aviv, Regina Stephan (Hrsg.), Baunach: Spurbuchverlag, 2019, S. 70seq., hier S. 70 f. ISBN 978-3-88778-560-4. Die Mieten für Wohnungen in Bauhaus-Gebäuden sind hoch, eine Drei-Zimmer-Wohnung soll 4000 Dollar monatlich kosten.
Kritik am Begriff Weiße Stadt Der Begriff Weiße Stadt und die vielfach so dargestellte direkte Verbindung zum Bauhaus wird von verschiedenen Autoren kritisiert. So stellt Sharon Rotbard ihn in einen kritischen Bezug zur Geschichte der Stadt Jaffa. Die Architekturtheoretikerin Alexandra Klei beschreibt ihn als eine Reinwaschung deutscher Schuld: „Das stete Sprechen vom ,Bauhaus‘ deutet darauf hin, dass eine Geschichte erzählt werden soll, die sich auf eine Verbindung mit Deutschland konzentriert. Aus der Sicht Tel Avivs ergibt sich so ein fokussierter Referenzpunkt für eine israelische Identität. Für die Sicht aus Deutschland entsteht eine Tradition, die die hiesige Geschichte moderner Architektur zu einem guten Ende führt und die der Vertreibung der deutschen Juden:Jüdinnen einen positiven Sinn verleiht.“ Sharon Golan Yaron verweist darauf, dass mit dem griffigen Terminus „Bauhaus“ nur ein Bruchteil der Stilbildung in Tel Aviv abgebildet ist, er aber als pars pro toto dem verfallenen baulichen Erbe der Stadt in den 1990er Jahren eine attraktive Marke verlieh und Unterstützung für seinen Erhalt mobilisierte. „Bauhaus“ als Begriff stellte eine Brücke zum Ausbildungsort und/oder Heimatland vieler Architekten und Einwohner der Landes her. Auch kulturinteressierten Tel Avivis ohne solche Beziehungen schafft – in einer hasserfüllten Umgebung der Nachbarländer Israels – „Bauhaus“ eine Verbindung zu Europa. „Bauhaus“ als Label lässt auch anklingen, dass Israelis mit Migrationshintergrund sich mit gewissem Selbstbewusstsein geschätzte Eigenheiten und Errungenschaften ihrer anderorts verorteten Kulturen bewahr(t)en, denen zuzugehören Antisemiten in den Herkunftsländer ihnen als Juden absprachen.
Ausbildungsorte der Architekten Nitza Metzger-Szmuk erarbeitete für die 2004 gezeigte Ausstellung Tel Aviv’s Modern Movement 78 Biografien von in der Stadt tätigen Architekten nach Ausbildungsland. Irmel Kamp hat für 65 Architekten-Biografien (tätig in Tel Aviv von 1930 bis 1939) 21 europäische Städte gezählt, davon nennt Alexandra Klei folgende Beispiele:
Osteuropa und England (20), z. B. in Warschau, St. Petersburg, Charkiw, Czernowitz Palästina (4), am Technion in Haifa Frankreich, Belgien, Italien (28), z. B. Brüssel, Gent, Paris, Rom, Venedig Deutschland, Österreich, Schweiz (26), Wien
Tel Aviver Bauhaus-Architekten Leo Adler Genia Awerbuch Schmuel Barkai Schlomo Bernstein (Bauhaus-Absolvent) Lotte Cohn Chanan Frenkel Wilhelm Haller Edgar Hed (Hecht) Philipp Hütt (Aufenthalt am Bauhaus Weimar) Dov Karmi Richard Kauffmann Yehuda Magidovitch Erich Mendelsohn Shmuel Mestechkin (Bauhaus-Absolvent) Zeʾev Rechter Arieh Sharon (Bauhaus-Absolvent) Munio Gitai Weinraub (Bauhaus-Absolvent)
Bauhaus Center
Das im Jahr 2000 eröffnete Bauhaus Center in Tel Aviv beschäftigt sich mit der Erfassung und Dokumentierung der Weißen Stadt sowie deren Popularisierung.bauhaus-center.com
Bauhausmuseum rechts|mini|Das Bauhausmuseum
Ein kleines Bauhausmuseum wurde 2008 in der Bialik-Straße, nahe dem Alten Rathaus eröffnet. Entworfen wurde es vom israelischen Designer und Architekten Ron Arad.David Bachar: In: Haaretz, 1. Mai 2008.
White City Center
Zum 100. Geburtstag des Bauhauses eröffnete in Tel Aviv das White City Center, Zentrum für Denkmalschutz und Architektur. Deutschland unterstützte das Projekt in dem Zeitraum von 2014 bis 2025 mit insgesamt drei Millionen Euro, um das deutsch-jüdische Erbe am Mittelmeer zu erhalten. Das Museum befindet sich im Liebling-Haus im Zentrum der Stadt und wurde am 19. September 2019 eröffnet.
Weitere Gebäude Kiryati-Haus von Shmuel Mestechkin