Die Lebensverlaufsperspektive () ist eine Längsschnittsperspektive bei der Analyse eines Menschenlebens innerhalb seines sozialen, kulturellen bzw. strukturellen Kontextes.
Grundlagen Die Lebensverlaufsperspektive betrachtet unter anderem, wie frühe Ereignisse innerhalb einer Lebensgeschichte spätere Ereignisse und Entscheidungen beeinflussen, so zum Beispiel Eheschließung und -scheidung, kriminelle Aktivitäten, Teilhabe am Arbeitsmarkt WSI_Mitteilungen 8/2012. Abgerufen am 6. November 2018. oder das Auftreten von Krankheiten.Nico Dragano, Johannes Siegrist: Die Lebenslaufperspektive gesundheitlicher Ungleichheit: Konzepte und Forschungsergebnisse. In: Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Konzepte. 2006, S. 171–184.
Es werden zudem unter der Lebensverlaufsperspektive verschiedene kritische Übergänge und Lebensphasen betrachtet, die ein Leben prägen und sich im Sinne einer Pfadabhängigkeit gegenseitig beeinflussen. Ein Beispiel dafür sind der berufliche und der familiäre Lebenszyklus sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Lebensläufe sind zuerst einmal von den verschiedenen Altersphasen – Kindheit, Jugend, Mittleres Alter, Höheres Alter – geprägt. Darüber hinaus wird der Lebenslauf in den Lebensphasen auch durch verschiedene Institutionen wie Schule, Beruf oder durch die Alterssicherung geprägt.
In der Lebensverlaufsperspektive verdienen die Übergänge von einer Lebensphase in die nächste besondere Beachtung. Dazu gehören die Übergänge von der Schule in den Beruf, vom Elternhaus in ein selbständiges Leben, vom Job zu familialen Aufgaben oder von der Beschäftigung in die Rente. Diese auch als Knotenpunkte bezeichneten Übergänge sind wichtige Untersuchungsfelder, da die weichenstellenden Entscheidungen in der Lebensverlaufsperspektive betrachtet und mit ihren langfristigen Wirkungen deutlich gemacht werden können.
In Sozial- und Erziehungswissenschaft wird es zwischen drei Lebenslaufforschungsperspektiven unterschieden. Biographieforschung analysiert Prozesse der Vergesellschaftung im Lebenslaufregime konsequent aus der Subjektssperspektive heraus als Wechselverhältnis zwischen den Lebenslaufinstitutionen als „Stichwortgebern“ und deren Aktualisierung durch die Individuen. Transitionsforschung fragt nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten persönlicher Entwicklungsprozesse, ohne das Wechselverhältnis mit der Außenwelt des Lebenslaufs aus der Blick zu verlieren. Lebensbewältigung analysiert Versuche der Wiedergewinnung des Inhalts oder der Erweiterung biographischer Handlungsfähigkeit angesichts der abnehmenden Erreichbarkeit des wohlfahrtsstaatlichen Normallebenslaufs.
Lebensverläufe von Frauen und Männern Die Lebensverläufe von Frauen und Männern unterscheiden sich zum Teil immer noch grundlegend. Vorstellungen einer „Normalbiographie“, die an den für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts typisch männlichen Lebenslauf angelehnt ist und ein lineares Muster „Kindheit – Schule/Ausbildung – Erwerbsleben – Rente“ aufweist, sind zunehmend weder für Männer- noch für Frauenleben passend. Der weibliche Lebensverlauf ist in der Mitte des Lebens im Vergleich zum männlichen stärker durch familiale Reproduktionsarbeit bestimmt, verbunden mit Unterbrechungen des Erwerbslebens und/oder Arbeitszeitreduzierungen. Es wird kontrovers diskutiert, ob sich heute Lebensläufe von Frauen und Männern ohne klares Muster ausdifferenzieren oder ob sich ein neues flexibleres Normalarbeitsverhältnis herausbildet, in dem Erwerbstätigkeit durch sozial abgesicherte Phasen der Reproduktionsarbeit und der Weiterbildung unterbrochen oder mit ihr vermischt wird. Zu unterscheiden ist zwischen Deregulierung durch Rücknahme oder Abschaffung sozialstaatlicher Interventionen und Destandardisierung von Lebensläufen durch die je nach individuellen Präferenzen unterschiedliche Nutzung institutioneller Angebote.
Linked Lives Die Lebensverlaufsperspektive ist dazu geeignet, die Auswirkungen von „Linked Lives“ darzustellen. Der Begriff „Linked Lives“ bezieht sich auf die Beziehung mehrerer Personen, die – z. B. in der Familie oder in einer Partnerschaft – ihre Lebensorganisation aus verschiedenen Gründen miteinander verbinden. Ihre Lebensentscheidungen werden nicht mehr isoliert getroffen, sondern häufig gemeinsam, gleichzeitig beeinflussen sie sich gegenseitig. Wenn in Lebensverlaufsperspektive betrachtet gemeinsame Entscheidungen mit sehr unterschiedlichen Chancen und Risiken verbunden sind, stellt dies besondere Herausforderungen an eine soziale Lebenslaufpolitik, die sich dem Ziel verpflichtet sieht, Frauen und Männern nachhaltig gleiche Chancen zu sichern.
Aus der Geschlechtergleichstellungs- und Lebenslaufperspektive geht es auch um eine „faire“ Gestaltung der Verteilung der Vor- und Nachteile und der Risiken gemeinsam getroffener Lebensentscheidungen in der Ehe. Diese ergeben sich aus dem eigenen Güterstand und, allgemeiner, aus den rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.Sinus Sociovision: Partnerschaft und Ehe - Entscheidungen im Lebensverlauf. Einstellungen, Motive, Kenntnisse des rechtlichen Rahmens. BNFSFJ, 4. Februar 2011 (Zusammenfassung, Volltext (PDF-Datei; 2,25 MB))
Lebenslaufpolitik Lebenslaufpolitik versucht, Politik in der Lebensverlaufsperspektive umzusetzen. Es geht darum, die durch soziale Herkunft und Marktentwicklung entstehende soziale Ungleichheit zu vermindern. Unterschieden wird zwischen aktiver und passiver Lebenslaufpolitik und verschiedenen Formen partieller wohlfahrtstaatlicher Interventionen. Aktive Lebenslaufpolitik zeichnet sich – im Unterschied zu passiver Lebenslaufpolitik, die nur verwaltend oder reagierend betrieben wird – durch eine kohärente, an einem gemeinsamen explizit formulierten Leitbild orientierte Politik in unterschiedlichen Lebensphasen und kritischen Übergängen aus. Um die langfristige Perspektive und die einzelnen Lebensphasen angemessen behandeln zu können, müssen bei der aktiven Lebenslaufperspektive verschiedene Ressorts und Akteure miteinander kooperieren. Lebenslaufpolitik berücksichtigt, dass der individuelle Lebenslauf politisch-gesellschaftlich strukturiert wird und dass Lebenslaufmuster von Institutionen erzeugt, geprägt und verändert werden. Eine soziale Lebenslaufpolitik versucht, die eventuell entstehenden Risiken und Auswirkungen bestimmter Statuskonstellationen und Phasen, wie z. B. Arbeitslosigkeit, abzumildern und vorausplanend abzusichern. Es geht dabei um akute Risikobearbeitung, die Verhinderung/Prävention und Verringerung von langfristiger Ungleichheit und die spätere Korrektur eines ungünstigen Starts durch eine zweite Chance (etwa im Bildungswesen).
Nationale Ebene In der deutschen Bildungspolitik, aber auch in der aktiven Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik gewinnt die Lebensverlaufsperspektive zunehmend an Gewicht. Die Rente hat als einziges Sozialleistungssystem die Lebenslaufsperspektive sozusagen inkorporiert. Die fortbestehenden Unterschiede in den Renten von Frauen und Männern spiegeln die unterschiedliche gesellschaftliche und rentenrechtliche Bewertung der Tätigkeiten von Frauen und Männer kumuliert über den Lebensverlauf wider.
Ebenso wird in der Familienpolitik und Gleichstellungspolitik die Lebensverlaufsperspektive aufgegriffen; so zum Beispiel im 7. Familienbericht von 2006, im 8. Familienbericht von 2012, im Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2011 oder im Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung von 2017.
Europäische Ebene Auf europäischer Ebene hat die Lebensverlaufsperspektive zunehmend paradigmatische Bedeutung gewonnen. So hat sie Eingang gefunden in die Europäische Beschäftigungsstrategie. Eine der Leitlinien der Strategie ist es, einen lebenszyklusbasierten Ansatz in der Beschäftigungspolitik zu fördern sowie einen Fokus auf Lebenslanges Lernen zu setzen.
Internationale Ebene Die Lebensverlaufsperspektive findet auch bei internationalen Organisationen Resonanz, da sie geeignet ist, die nachhaltige Wirksamkeit von Maßnahmen zu überprüfen. Zum Beispiel wird im Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen von 2010 zur Umsetzung der Pekinger Aktionsplattform der Vierten Weltfrauenkonferenz die Lebensverlaufsperspektive angesprochen und auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) arbeitet mit dem Lebenslaufansatz. Das zeigt sich z. B. im Bericht VI „Gleichstellung der Geschlechter als Kernstück menschenwürdiger Arbeit“ der Internationalen Arbeitskonferenz in Genf von 2009.
Sozialethik und Politische Philosophie Die Lebensverlaufsperspektive wird zunehmend in der deutschsprachigen Sozialethik aufgegriffen. Exemplarisch lässt sich das Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften anführen, das sich dem Thema in Band 53/2012 widmet.Marianne Heimbach-Steins (Hrsg.): Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften. Bd. 53: Sozialethik für eine Gesellschaft des langen Lebens. Aschendorff, Münster 2012. (uni-muenster.de) Anlass für diese Perspektivenübernahme ist die Einsicht, dass die Leitbilder, die der Entstehung des deutschen Sozialstaatsmodells zu Grunde lagen (zum Beispiel das der Normalbiografie), nicht dazu geeignet sind, die heutige Gesellschaft mit ihren Veränderungen angemessen in den Blick zu nehmen.Marianne Heimbach-Steins: Verantwortung ermöglichen, Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit fördern: Zur sozialethischen Rezeption der Lebenslaufperspektive. In: Dies. (Hrsg.): Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften. Bd. 53: Sozialethik für eine Gesellschaft des langen Lebens. Aschendorff, Münster 2012, S. 75f. (Volltext) Stattdessen wird von pluralen Lebensverläufen ausgegangen. Ein besonderer Fokus der sozialethischen Lebensverlaufsperspektive liegt zudem auf der längeren Zeitspanne des einzelnen Lebens und dessen technikbedingter Beschleunigung, die eine schnellere Abfolge von Entscheidungen bedingt. Der Ansatz stellt sich der Aufgabe, von der Wahrnehmung von Pluralität und demographischem Wandel her einen „dynamischen Blick auf das Gelingen individueller Lebensverläufe und deren notwendiger politischer Rahmung“Eva Maria Welskop-Deffaa: Lebenslaufpolitik – Anforderungen an Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit in einer Gesellschaft des langen Lebens. In: Marianne Heimbach-Steins (Hrsg.): Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften. Bd. 53: Sozialethik für eine Gesellschaft des langen Lebens. Aschendorff, Münster 2012, S. 17–35, 19 (Volltext) zu entwickeln.