300px|mini|Erzabtei Pannonhalma

Die Erzabtei Pannonhalma ( oder Territorialis Abbatia Sancti Martini in Monte Pannoniae, deutsch Erzabtei Martinsberg) ist eine in der ungarischen Gemeinde Pannonhalma gelegene Territorialabtei, die von Benediktinern bewohnt und bewirtschaftet wird.

Das immediate Benediktinerkloster befindet sich im Rang einer Erzabtei und ist das Stammkloster der Ungarischen Benediktinerkongregation.

Seit 1996 gehört die Abtei zum UNESCO-Welterbe.

Geschichte des Klosters Name Zur Zeit des römischen Pannoniens entstand in der Nähe des Martinsberges – dem späteren Standort des Klosters – eine römische Siedlung mit dem Namen Sabaria. Einige römische Steindenkmäler, die heute geschützt im Innenhof des Klosters aufbewahrt werden, sind frühe Zeugnisse der antiken regionalen Besiedlung. Während der Völkerwanderungszeit ging der antike Ort unter. Für das Selbstverständnis der mittelalterlichen Klostergründung war die Existenz Sabarias von großer Bedeutung, soll dort doch der lokalen Überlieferung nach der Heilige Martin um 316/317 geboren worden sein. Er gab der monastischen Gründung seinen Namen: Monasterium Sancti Martini – Kloster des Heiligen Martin. Da auch das heutige Szombathely in römischer Zeit Savaria hieß, wird bis heute über die wahre Herkunft des Heiligen diskutiert.Szilveszter Solymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 7.

Den Namen Pannonhalma erhielt die Abtei erst seit 1823, als der ungarische Spracherneuerer Ferenc Kazinczy im Zuge der Magyarisierung erstmals diesen Begriff verwendete, den er aus dem in der Gründungsurkunde stehenden lateinischen Mons Sacer Pannoniae (Heiliger Berg Pannoniens) entwickelt hatte.

Gründung und Mittelalter Fürst Géza I. (940–997; Fürst von 972 bis 997) stiftete mit dem Kloster auf dem Heiligen Berg Pannoniens 996 das erste ungarische Benediktinerkloster, das schon während der Regierungszeit des ersten ungarischen Königs, Stephans I. (969–1038), zur Erzabtei erhoben wurde und seitdem als Zentrum des Benediktinerordens in Ungarn gilt. Die ersten an den Martinsberg geholten Patres waren bayerische Mönche aus der böhmischen Erzabtei Breunau, die erst kurz zuvor, 993, von Kloster Niederaltaich aus besiedelt worden war. Ziel der ungarischen Könige war es, von Pannonhalma aus ihr Volk zu christianisieren.Szilveszter Solymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 8.

Stephan I. gewährte dem Kloster 1001/02 bedeutende Privilegien.Chronologie der Geschichte von Pannonhalma. In: Acta historiae artium Academiae Scientiarum Hungaricae, 38. Bd. 1–4, Budapest 1996, S. 3. Die zu diesem Anlass ausgestellte Urkunde ist bis heute das wertvollste Schriftdokument in Pannonhalma. Sie verpflichtete die Mönche für die Seligkeit des später heiliggesprochenen Königs und das Bestehen des Landes zu beten und unterstellte das Kloster unmittelbar dem Heiligen Stuhl in Rom. Diese Stellung besitzt Pannonhalma bis heute und auch die Benediktiner des Klosters beten noch immer täglich pro stabilitate regni – für das Bestehen des Landes.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 9.

Nach 1010 studierte der spätere Heilige Maurus am Kloster und wurde dort 1034 Abt, bevor er 1036 als Bischof nach Fünfkirchen ging.

1994 fanden wichtige archäologische Ausgrabungen unter dem Kirchturm statt. Es gelang, das westliche Sanktuarium der ersten steinernen romanischen Klosterkirche aufzudecken. Es wurde deutlich, dass bereits dieser Bau die Dimensionen der heute noch existierenden frühgotischen Klosterkirche besessen haben muss. Diese erste Kirche wurde wie die Klosterbauten im Jahr 1001 geweiht.

König Ladislaus I. (1048–1095) versammelte 1078 in Pannonhalma den ungarischen Adel. Die dort verhandelten Beschlüsse gingen in das sogenannte II. Gesetzbuch des Königs ein. Der bereits damals existierende Reichtum des Klosters geht aus einer 1093 entstandenen Urkunde hervor. Das Dokument enthält auch einen Bücherkatalog, der rund zweihundert Werke umfasst, die damals in der Klosterbibliothek einsehbar waren. Der Nachfolger von Ladislaus, Koloman (um 1070–1116), empfing 1097 den Heerführer des Ersten Kreuzzugs, Gottfried von Bouillon (um 1060–1100), am Martinsberg.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 11.

Zu den wichtigsten Klostervorstehern des Mittelalters gehört der von 1207 bis 1243 eingesetzte Abt Uros. Unter anderem vermehrte er die Klostergüter um ein Vielfaches und schuf Rechtssicherheiten. Möglicherweise aufgrund des herannahenden Mongolensturms ließ er die bedeutendsten achtzig Urkunden des Klosters in das sogenannte Liber Ruber (rotes Buch) kopieren. Heute stellt diese Sammlung die älteste Urkundensammlung Ungarns dar. Der Abt reiste fünfmal nach Rom und begleitete König Andreas II. (um 1177–1235) auf dem Fünften Kreuzzug in das Heilige Land. Daneben verteidigte er das Kloster siegreich gegen die anstürmenden Mongolen. Nachdem die alte Klosterkirche beschädigt und baufällig geworden war, weihte Uros Ende 1224 in Anwesenheit des Königs den 50 Meter langen, dreischiffigen frühgotischen Kirchenneubau, der bis heute im Wesentlichen erhalten geblieben ist. Neben ungarischen Handwerkern waren mutmaßlich auch Fachmänner vom Oberrhein und aus Nordfrankreich mit den Arbeiten beauftragt, zu denen auch eine Krypta zählte. Zu dem Bau gehört auch die Porta Speciosa, das einzige in Ungarn erhalten gebliebene frühgotische Seitenportal mit fünf Doppelsäulen und reich mit Blattwerk geschmückten Bögen.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 12–13. Es führt aus dem Kreuzgang in die Kirche. 1994 wurde an der zur Kirche gehörenden Wand des Kreuzgangs ein in der luccanischen Tradition stehendes Volto Santo-Fresko entdeckt, das im 14./15. Jahrhundert entstanden ist.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 14.

1472 beanspruchte König Matthias Corvinus (1443–1490) die Abtei für sich und ließ 1486 den gotischen Kreuzgang in seiner heutigen Form errichten.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 17. Dazu wurde unter anderem eine neue Verstärkungsmauer entlang der Kirchenwand errichtet, die das Volto Santo verdeckte. Aufgrund der tragenden Konstruktion dieser vorgelagerten Mauer kann das Fresko bis heute nicht vollständig freigelegt werden.

Frühneuzeit bis Gegenwart Mit dem Vormarsch der Osmanen während der Türkenkriege gerieten die Kirchen und Klöster Ungarns in größte Bedrängnis und wurden vielfach zerstört. Priester und Ordensleute mussten fliehen. Pannonhalma wurde in dieser Zeit zur Grenzfestung umgewandelt, doch 1594 gelang es den Angreifern, den Martinsberg im Zuge ihres Kriegszugs gegen Győr einzunehmen. Bereits 1598 konnten die Osmanen von einem kaiserlichen Heer wieder vertrieben und die entvölkerte Region befreit werden.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 20–22.

Das verwüstete Pannonhalma wurde 1639 von zehn Mönchen neu besiedelt. Erster Nachkriegsabt war von 1639 bis 1647 Mátyás Pálffy, der aus dem niederösterreichischen Zisterzienserstift Heiligenkreuz stammte. Die mühsamen Wiederaufbauarbeiten und Neubesiedlungsmaßnahmen in den Besitztümern des Klosters wurden von dem erneuten Vormarsch der Osmanen 1683 empfindlich getroffen.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 22. Wieder verwüsteten die marodierenden Angreifer Pannonhalma, bevor sie endgültig besiegt werden konnten. Die Benediktiner, die noch 1683 zurückkehrten, fanden erneut eine Trümmerwüste vor, denn nicht nur Belagerung und Feuersbrunst, sondern auch ein Erdbeben hatte den Bauten zugesetzt. Lediglich die Kirche hatte die Ausnahmezustände gut überdauert. Doch ein Wiederaufbau der klösterlichen Infrastruktur und der Bauten scheiterte am anhaltenden Geldmangels. Um diesen zu beheben, mussten erst die schlimmsten Folgen der türkischen Invasion ausgeglichen werden: der massive Bevölkerungsverlust und die damit verbundene großflächige Verödung der Ländereien des Klosters.György Kelényi: Bauten und Baupläne der Abtei Pannonhalma aus dem 18. Jahrhundert. In: Acta historiae artium Academiae Scientiarum Hungaricae, 38. Bd. 1–4, Budapest 1996, S. 117–126; hier S. 117. Daher wurden zunächst neue Siedler ins Land geholt, Dörfer wieder errichtet und die Wirtschaft angekurbelt, um anschließend mit dem Wiederaufbau beginnen zu können.

mini|Der barocke Klosterbau

Unter dem von 1699 bis 1708 amtierenden Erzabt Egyed Karner feierte die Martinsberger Gemeinschaft ihr 700-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass ließ er die Treppenanlage zur Unterkirche dem romanischen Baustil angleichen und die Porta Speciosa renovieren. Diese auf historische Formen zurückgreifenden Maßnahmen sind in der barocken Baukunst Ungarns einzigartig.

Durch den nachfolgenden Klostervorsteher, Celesztin Göncz (1709–1722), begann 1714 mit der Errichtung der Liebfrauenkapelle mit darunter liegender Krypta der barocke Ausbau, doch gerieten weitere Bauprojekte nach dem Ausbruch des gegen die Habsburger Vorherrschaft gerichteten Rákóczi-Aufstands (1703–1711) ins Stocken. Daher entstand erst unter Erzabt Benedek Sajghó (1722–1768) ein barocker Klosterneubau. Herauszuheben ist insbesondere das üppig ausgestattete Refektorium,István Genthon, Reinhardt Hootz: Kunstdenkmäler in Ungarn. Deutscher Kunstverlag. München, Berlin 1974, S. 416. das der Architekt Márton Atanáz Wittwer entwarf.Szilveszter Sólymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 23. Göncz wurde als Erster in der Krypta der Frauenkapelle, der bis heute letzten Ruhestätte der Mönche beigesetzt. Ursprünglich war die Kapelle die Pfarrkirche der nahe der Abtei wohnenden, nicht ungarischsprachigen Einwohner. Die schöne Barockeinrichtung wurde unter Erzabt Benedek Sajghó (1722–1768) gestaltet. Das Altarbild des Hauptaltars stellt die Himmelfahrt der Jungfrau Maria dar. 1865 wurde das Gebäude im romantischen Stil erneuert.

1786 wurde das Kloster wie sämtliche Benediktinerklöster Ungarns von Kaiser Joseph II. aufgelöst. 1802 konnte der Orden wieder tätig werden und sich seiner neuen verpflichtenden Aufgabe – vornehmlich in der Lehrtätigkeit – widmen. Bis heute existiert im Kloster eines der angesehensten Schulinternate Ungarns.

1825 wurde der Grundstein zu einer neuen klassizistischen Bibliothek gelegt, der sich schon zur Zeit der Erbauung als zu klein erwies, weshalb bereits ab 1832 ein ovaler Saal nach den Plänen von János Páckh neu hinzugesetzt wurde. Die ausschließlich von antiken Künstlern und Geistesgrößen bevölkerten Malereien in der Bibliothek spiegeln den Geist der Aufklärung im 19. Jahrhundert wider. Die rasch wachsenden Buchbestände wurden insbesondere durch Ankäufe aus aufgelösten Klöstern in Deutschland stetig erweitert. Heute besitzt das Kloster ein Dutzend Kodizes, rund dreihundert Inkunabeln und um die dreihunderttausend Bände. Nach der Fertigstellung der Bibliothek wurde mit dem Bau eines neuen, 55 Meter hohen Kirchturms begonnen.Szilveszter Solymos: Pannonhalma. Ein Reiseführer. Erzabtei Pannonhalma, 2010, ISBN 978-963-9053-86-1, S. 24–27.