mini|Andreas Maier (2011) Das Zimmer ist der Titel eines 2010bei Suhrkamp erschienenen Romans von Andreas Maier. In ihm beschreibt der autornahe Erzähler das Leben seines behinderten Onkels J. und entwirft dabei ein Panorama des Lebens in der Wetterau und in Frankfurt am Main in den 1960er und 1970er Jahren. Der Roman ist der Auftakt zu einer elfbändigen FamiliensagaVgl. Christian Thomas: Hineinstechen in die Heimat, bis es nur so spritzt. In: Frankfurter Rundschau. 9. September 2010, die 2011 mit dem Roman Das Haus fortgesetzt wurde.

Inhalt Der Erzählerwie der Autor am 1. September 1967 in Bad Nauheim in der Wetterau geboren beginnt 1999 seine literarische „Rekonstruktionsarbeit“:Andreas Maier: Das Zimmer. Suhrkamp Verlag Berlin, 2010, S. 136, 138. Angeregt durch das „Museums-Haus“ seiner Großmutter in Bad Nauheim, das nach deren Tod 1992 ausgeräumt worden ist, schildert er das Leben seines Onkels J. Grundlagen sind Informationen seiner Eltern, seiner Großmutter und eigene Erinnerungen,Autobiographischer Bezug: Maier spricht von seinem Onkel als der „ärmsten Sau in [seiner] Familie“: Andreas Maier: Neulich. In: VOLLTEXT. Zeitung für Literatur. Nr. 3, Juni 2010, S. 136. die er mit seinen Vorstellungen ausmalt, denn zur Zeit der Haupthandlung ist er erst zwei Jahre alt: „So stelle ich mir einen Tag im Leben meines Onkels J. vor“.Andreas Maier: Das Zimmer. Suhrkamp Verlag Berlin, 2010, S. 21.

Wegen seiner geistigen Einschränkungen von Geburt an wird J. Boll von den Kindern ausgegrenzt, verspottet und, wenn ihn seine Schwester Ursel, die Mutter des Erzählers, nicht beschützen kann, in der Schule verprügelt, so dass ihn seine Eltern in einer Sonderschule im Rheinland unterbringen. Auffällig sind sein reduziertes Schmerzempfinden, seine unrealistischen Wahrnehmungen und sein geringes Erinnerungsvermögen, das ihn daran hindert, aus Erfahrungen zu lernen, so dass er immer wieder in dieselben Kreisläufe gerät. Fasziniert verfolgt er die Arbeit auf Baustellen mit großen Maschinen, die er in seinen Beschreibungen „superlativiert“. Er sammelt Militärspielzeug und schwärmt für Uniformen und ordnet sich Autoritäten unter. Nach seiner Rückkehr in die Wetterau wird er im elterlichen Steinmetz-Betrieb in Friedberg bis zum Tod seines Vaters, 1967, beschäftigt. Dann besorgt ihm sein Schwager, der Vater des Erzählers, eine Anstellung in der Poststation am Frankfurter Hauptbahnhof, wo er Pakete umlädt. Die Aufträge erfüllt er in seiner Suche nach Ordnung und „Gesetz“ als typischer Befehlsempfänger ohne Eigeninitiative. Bis zum Tod seiner Mutter lebt er, von ihr versorgt, in ihrem Haus. Dann „vegetiert“ er noch einige Jahre in einer anderen Wohnung mit seiner späteren Freundin Rosl.Andreas Maier: Das Zimmer. Suhrkamp Verlag Berlin, 2010, S. 43. mini|Ein VW Variant, wie ihn Onkel J. fahren durfte. Auf dem Buchcover ist das Auto allerdings olivgrün und wird im Roman als „nazibraun“ bezeichnet. Die Haupthandlung spielt, von Rückblicken, ZeitbezügenWichtigster historischer Bezugspunkt im Buch ist die Mondlandung. Andere kulturhistorische Bezugspunkte sind neben Luis-Trenker-Filmen auch die Aufenthalte von Elisabeth von Österreich-Ungarn (Sissi), Nikolaus II. und Elvis Presley in Bad Nauheim. Außerdem hat der Friedberger Dichter Fritz Usinger einen kurzen Auftritt, der „kosmologische Dichter“, der zeitweise Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung war (vgl. S. 173). und Reflexionen des Erzählers über seine Familie unterbrochen, im Herbst 1969 und schildert einen Frühschicht-Tagesablauf im Leben des damals fast 40-jährigen Onkels: Um drei Uhr früh steht er auf, fährt mit dem Zug von Bad Nauheim nach Frankfurt und beginnt seine Frühschicht um 5 Uhr, trinkt um 6 zusammen mit den Kollegen sein erstes Bier, viele Flaschen folgen bis zum Abend, und lädt bis zwei Uhr nachmittags Pakete um. Dann läuft er noch durch das Bahnhofviertel auf der Suche nach Pornoheften oder einer Frau, bevor er zurück in die Wetterau fährt, wo seine Mutter bereits mit Frikadellen auf ihn wartet. Mittags macht er mit seinem VW-Variant Besorgungen für die Familie: zuerst widerwillig („immer ich“), dann ruhig, ohne Widerspruch, nachdem er von seiner Mutter an seine Pflicht erinnert worden ist. An diesem Tag im Jahr 1969 gerät er mit seiner Schwester Ursel in einen plötzlichen, bisher nie erlebten Verkehrsstau in der Kaiserstraße, der die Friedberger Bürger in einer kollektiven Eingebung auf die Idee einer Umgehungsstraße bringt.Thema mehrerer Maier-Erzählungen: „So geht die Welt langsam zugrunde. Meine Heimat wird jetzt zu einer Ortsumgehungsstraße“. Andreas Maier: Neulich war ich im Forsthaus Winterstein". In: Onkel J. Heimatkunde". Suhrkamp Verlag Berlin, 2011, S. 33.

In seiner Freizeit schaut J. im Fernsehen gerne Heimat-, Bergsteiger und Bergretter-Filme, er beobachtet Tiere in der Natur, die zu ihm zu sprechen scheinen, und fährt abends zum Biertrinken ins Forsthaus Winterstein.Forsthaus Winterstein Js. Refugien, seine „Paradiese“, als Gegengewicht zum „Gesetz“ sind seine Werkstatt im Keller, wo er seine Zeit mit sinnlosen Reparaturen wahllos gesammelter Maschinen verbringt, und v. a. sein Zimmer, auf das sich der Romantitel bezieht. Der Erzähler hat diesen Raum, „eine Art frühester Darkroom in [s]einem Bewusstsein“,Andreas Maier: Das Zimmer. Suhrkamp Verlag Berlin, 2010, S. 189. nie betreten, aber in seiner Erinnerung ist er das „Urbild des Grauens“,Andreas Maier: Das Zimmer. Suhrkamp Verlag Berlin, 2010, S. 15. belastet mit dem Silagegeruch des Onkels.

Inzwischen wohnt der autornahe Erzähler in diesem Zimmer in der Uhlandstraße in Bad Nauheim. Es ist sowohl Ort der Erinnerung als auch der Niederschrift des Romans über den Onkel, dem er sich verwandt fühlt: Beispielsweise konnte sein Onkel frühmorgens, wenn die Sonne aufging, auf dem Johannisberg ebenso verharren wie er: „[W]ir, die beiden Nichtsnutze der Familie, er Schichtarbeiter, ich bloß verzweifelt zu Fuß unterwegs zwischen Bad Nauheim und Friedberg in meiner Not.“Andreas Maier: Das Zimmer. Suhrkamp Verlag Berlin, 2010, S. 189.

Autobiographische Bezüge Wie der Erzähler ist der Autor am 1. September 1967 in Bad Nauheim in der Wetterau geboren, hat eine ähnliche Biographie und kennt die Handlungsorte, wie das Forsthaus Winterstein oder den Johannisberg, aus eigener Erfahrung. In einer seiner Neulich-Kolumnen für die Literaturzeitschrift Volltext erinnert sich Andreas Maier daran, wie er 2001 seinen Onkel zum letzten Mal sah, bei einem Faschingsumzug in Friedberg: „[Ich] stand am Straßenrand und wusste nicht, dass ich mit meinem Onkel einige Jahre später das Schreiben neu lernen würde, wofür ich ihm, der ärmsten Sau in unserer Familie, dankbar bin bis heute, nur dass ich es ihm nicht mehr sagen kann und wohl auch nicht sagen würde. Seinen Namen muss niemand wissen. Aber dass er gelebt hat und war.“Andreas Maier: Neulich. In: VOLLTEXT. Zeitung für Literatur. Nr. 3, Juni 2010, S. 14.

Kritik Die Kritik hat den Roman ausführlich besprochen und vorwiegend positiv aufgenommen. Christian Thomas bezeichnet Das Zimmer in seiner Besprechung für die Frankfurter Rundschau als „grandiosen Roman“. Maier sei „ein fortwährend Heimathassender, wie er nur unter ewig Heimatverliebten zu finden ist“.

Ina Hartwig moniert in der Literaturbeilage der Zeit zwar, dass „die literarischen Vorbilder, besonders Thomas Bernhard und Arnold Stadler, gelegentlich etwas zu deutlich vernehmbar sind“. Das ist aber der einzige Einwand in ihrer durchweg lobenden Rezension. Allerdings sei es angesichts der noch ausstehenden Teile der geplanten Familiensaga zu früh für ein Gesamturteil.Ina Hartwig: Heimatmaschine Wetterau. In: ZEIT LITERATUR. Nr. 40, 30. September 2010, S. 53–55

In ihrer Kritik für Deutschlandradio Kultur findet Verena Auffermann, Maier werde mit zunehmendem Alter „literarisch entspannter“. Sein neuer Roman sei „kein rückwärtsgewandtes lamentierendes, sondern ein komisches und kluges Buch. Komisch, weil die Beobachtungen des Autors umwerfend genau sind, klug, weil im Kleinen die Auflösung von Gesellschaftsverhältnissen dargestellt wird, die uns weltweit zu schaffen machen.“Verena Auffermann: Welterfahrung auf engstem Raum. In: Deutschlandradio Kultur. 27. September 2010

Frank Fischer hebt in einem Kritikergespräch der Wochenzeitung der Freitag besonders die Gestaltung des Onkels J. hervor: „[Maier] macht aus diesem persönlich erlebten und erlittenen Onkel einen Typus. Onkel J. ist plötzlich ein naher Verwandter der großen Sonderlinge der Literatur neben Oskar Matzerath, neben Steinbecks Lennie Small, neben dem Simplicissimus und dem Taugenichts.“Frank Fischer, Dorothea Dieckmann, Michael Angele, Magdalene Geisler: Literarisches Quartett. In: der Freitag. Nr. 39, 30. September 2010, Literaturbeilage, S. I–III

In seiner Kritik für die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnet Friedmar Apel das Buch als „ein Meisterwerk der scharfen Beobachtung und der kleinen Wahrnehmung“.Friedmar Apel: Dieser Oldtimer fährt mit Navi. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2. Oktober 2010, Literaturbeilage, S. L 3.

Dierk Wolters ist in der Frankfurter Neuen Presse etwas kritischer: Maier geriere sich in seinem „Großerinnerungsversuch“ zwar als geschickter „Menschenentlarver“. Im Gegensatz zu seinen bereits publizierten Heimatglossen verlören sich im Roman aber die Pointen.Dierk Wolters: . In: Frankfurter Neue Presse. 27. September 2010

Christoph Schröder kommt in seiner Rezension für die Literaturzeitschrift Volltext zu der Einschätzung, die Qualität des Romans liege unter anderem darin, dass Maier in seinem Porträt die Erwartungshaltung des Lesers unterlaufe, die Figur der Lächerlichkeit preiszugeben, denn aus dem Roman spreche vor allem „Anteilnahme und Barmherzigkeit gegenüber einem Unschuldigen; ein beharrliches, genaues Sich-durch-und-Abarbeiten der Erzählerfigur gegenüber der Onkel-Figur“. Maiers Werke durchziehe keine Nostalgie, denn wer sie „genau liest, wird feststellen, dass sich immer nur die Rahmenbedingungen verändern, dass als Konstante aber der Mensch bleibt und der sich auch immer gleich bleibt“.Christoph Schröder: . In: VOLLTEXT. Zeitung für Literatur. Nr. 5/2010

Auszeichnungen Das Zimmer stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2010. Für Das Zimmer erhielt Andreas Maier den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2010. Wilhelm-Raabe-Preis an Andreas Maier. Braunschweig würdigt „Meister der literarischen Nahaufnahme“. In: derStandard.at. 1. Oktober 2010. (online) Dieser mit 30.000 Euro dotierte Preis würdigt „ein in deutscher Sprache verfasstes erzählerisches Werk (…), das einen besonderen Stellenwert in der Entwicklung des Preisträgers markiert“.Andreas Maier erhält den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2010. In: boersenblatt.net. 4. Oktober 2010. (online)

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Weblinks Gesammelte Rezensionen des Romans (perlentaucher.de)

Anmerkungen

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Roman, Epik