mini|Brunnendenkmal in Schornsheim Lioba von Tauberbischofsheim, in der älteren Literatur Lioba von BischofsheimVgl. Th. Nelk (Pseudonym von Aloys Adalbert Waibel): Der Faden, oder Die heilige Lioba von Bischofsheim. Guten Christen zur Ermunterung neu erzählt. Verlag Bolling, Augsburg 1829 (Digitalisat) (* um 700/710 in Wessex, England; † 28. SeptemberManuel Raisch: Lioba. S. 65; Leinweber: St. Lioba. S. 22, vermutet den 23. September als Todestag und hält den 28. September für den Tag ihrer Beisetzung in Fulda. 782 in Schornsheim), war Missionarin und Benediktinerin. Sie wird in der katholischen Kirche und in der orthodoxen Kirche als Jungfrau und Heilige verehrt.
Quellen Die Quellen zum Leben der heiligen Lioba sind nicht besonders umfangreich. Hauptquelle ist die Heiligenvita Rudolfs von Fulda, die Vita Liobae abbatissae Biscofesheimnenis.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Digitalisat von Bayerische Staatsbibliothek München. Signatur: Clm 11321, 101r-120r. Diese entstand 50 Jahre nach ihrem Tod. Daneben sind in Abschriften ein Brief der Lioba an den heiligen BonifatiusManuel Raisch: Lioba. S. 112ff.; Leinweber: St. Lioba. S. 13f., zwei Briefe des hl. Bonifatius an sieManuel Raisch: Lioba. S. 115ff. und einer des Bischofs von Mainz, LulManuel Raisch: Lioba. S. 114., an sie erhalten. Darüber hinaus wird Lioba in der Urkunde genannt, mit der ihr Karl der Große den Gutshof und die Kirche in Schornsheim überließ.Monumenta Germaniae Historica. Diplomatum Karolinorum 1. Hannover 1906, Nr. 144 (S. 195f.)
Leben Herkunft Der Vater Liobas, Dynne (auch: Dimo, Tinne) (* um 665Leinweber: St. Lioba. S. 6.; † um 725Manuel Raisch: Lioba. S. 51) war ein angelsächsischer Adeliger, die Mutter hieß Aebbe (auch: Ebba) (* um 665Leinweber: St. Lioba. S. 6; † nach 730Manuel Raisch: Lioba. S. 51) und war mit dem hl. Bonifatius verwandt.Manuel Raisch: Lioba. S. 51. Die Eltern gehörten so zur zweiten Generation nach der Christianisierung der angelsächsischen Königreiche.Leinweber: St. Lioba. S. 6. Die Eltern blieben lange kinderlos; Lioba war ihr einziges Kind.
Aebbe war schon relativ alt, als ihr Kinderwunsch in Erfüllung ging. Zuvor sah sie in einem Traum, wie in ihrem Leib eine Kirchenglocke läutete, und zog sie heraus, als sie noch läutete. Dies wurde Aebbe von ihrer Amme als Zeichen für die Geburt Liobas gedeutet.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 6 Deshalb wird die heilige Lioba in der christlichen Ikonographie oft mit einer Glocke als Attribut dargestellt. Bedingung für die Geburt sei jedoch, dass Lioba Gott versprochen werden müsse. Dabei nimmt Rudolf von Fulda in der Vita Leobae ausdrücklich Bezug auf die ähnliche Situation bei der Geburt des Propheten Samuel.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 6 Der Taufname des Mädchens war Truthgeb. Leobgyth(a) (lateinisch Lioba)Leinweber: St. Lioba. S. 6, 20, „die Geliebte“, war zunächst ein Kosename, wurde dann aber – auch von Lioba selbst – als Rufname verwendet.Manuel Raisch: Lioba. S. 51.
Erziehung Lioba wurde von ihren Eltern im Alter von etwa sieben Jahren der Benediktinerinnenabtei von WimborneManuel Raisch: Lioba. S. 54. (heute: Grafschaft Dorset) übergeben. Aus diesem Anlass erhielt die Amme ihrer Mutter, die die Geburt Liobas vorausgesagt hatte, die Freiheit.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 6 Lioba durchlief im Kloster eine Ausbildung in den Sieben Freien KünstenRudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 11. und erwarb dabei eine umfassende literarische und theologische Bildung, die auch das Kirchenrecht mit einschloss.Manuel Raisch: Lioba. S. 52 Sie lebte anschließend selbst als Nonne und Lehrerin in Klöstern in Wessex und Kent, darunter in Minster-in-Thanet.Leinweber: St. Lioba. S. 8 Diese Klöster unterstützten die Missionstätigkeit des hl. Bonifatius im Fränkischen Reich.
Mission Um 732/735 erbat Bonifatius von der Äbtissin des Klosters Wimborne, Tetta, Lioba als Missionarin.Manuel Raisch: Lioba. S. 55. Im Jahre 735 folgte Lioba dem Ruf des Erzbischofs nach Deutschland und Bonifatius soll ihr, nach quellenmäßig nicht gesicherter Tradition, Vgl. Bärbel Witten: Die Vita der Heiligen Lioba. Eine angelsächsische Äbtissin im Karolingerreich. Kovač, Hamburg 2012, S. 260–267; S. 280–285. Gereon Becht-Jördens: Manipulation der Erinnerung durch systematische Vernichtung und Fälschung von Quellen aus Misogynie? Zu der rezenten These eines ursprünglich nach angelsächsischem Muster unter weiblicher Leitung stehenden Doppelklosters Fulda. In: Zeitschrift für Deutsche Philologie Sonderheft zu 143, 2024, S. 135–149, hier S. 140 f. als Wirkungsstätte das angeblich damals neugegründete Benediktinerinnenkloster Bischofsheim (heute: Tauberbischofsheim übertragen haben.Bis ins 19. Jahrhundert war der Name der Stadt „Bischofsheim“. Zur besseren Unterscheidung von den Städten Bischofsheim am Neckar und Bischofsheim am hohen Steg bürgerte sich jedoch um 1850 der heutige Name „Tauberbischofsheim“ endgültig ein.), das sie fortan als Äbtissin leitete.Erzbistum Freiburg: . Online auf erzbistum-freiburg.de. Abgerufen am 28. April 2016.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 11 Sie unterrichtete junge, einheimische Mädchen der Oberschicht im Kloster und übernahm so das aus den angelsächsischen Königreichen bekannte Modell.Manuel Raisch: Lioba. S. 57ff Unter Liobas tatkräftiger Leitung erblühte das Tauberbischofsheimer Kloster rasch und entwickelte sich zu einem bedeutenden Bildungs- und Kulturzentrum für das untere Maintal. Eine Reihe ihrer Schülerinnen wurden wiederum Lehrerinnen und trugen so das Wissen weiter.Rudolf von Fulda nennt in der Vita Leobae, Kap. 1 (Prolog), namentlich die Nonnen Agatha, Thecla, Nana und Eolibe. Dadurch entstanden im Umkreis kleinere Tochtergründungen, über die Lioba die Oberaufsicht behielt.
Bemerkenswert sind ihre große Offenheit gegenüber der Bildung von Frauen und die Förderung von deren aktiver Tätigkeit in der Mission, wie sie das aus England kannte. Dies unterschied sich von dem wesentlich androzentrischeren römischen Modell, das sich in der Folgezeit durchsetzen sollte, deutlich.Manuel Raisch: Lioba. S. 82ff, 101.
Ratgeberin Lioba war in hohem Maß mit den Führungseliten des Fränkischen Reiches bekannt. Sie war mit einer der Frauen Karls des Großen, Königin Hildegard, befreundet und Karl der Große stellte ihr einen Alterssitz in Schornsheim zur Verfügung. Sie war bei weltlichen und Kirchenführern als Beraterin hoch angesehen.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 18
Das Erbe des Bonifatius Bevor Bonifatius 754 zu seiner letzten Reise nach Friesland aufbrach, bei der er das Martyrium erlitt, versammelte er seine Mitarbeiter um sich und ordnete seine Nachfolge: Sturmius war bereits früher als Abt des Klosters Fulda eingesetzt worden.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 11 Lul sollte Erzbischof von Mainz werden und Lioba wurde mit der Weiterführung des Missionswerks betraut. Bonifatius bekleidete Lioba mit seiner eigenen Kukulle und bestimmte, dass sie nach ihrem Tod in seinem Grab im Kloster Fulda beigesetzt werden solle. Er vertraute sie dem Schutz des Bischofs Lul und dem der Mönche des Klosters Fulda an.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 17 Daraufhin wurde der heiligen Lioba später als einziger Frau gestattet, ohne Begleitung die Klausur dieses Klosters zu betreten, um das Grab des heiligen Bonifatius aufsuchen zu können.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 19
Nach dem Tod des hl. Bonifatius kam es zu einem heftigen Streit zwischen Erzbischof Lul und Abt Sturmius, über die Frage, ob das Kloster dem Ortsbischof unterstehe oder exemt sei.Manuel Raisch: Lioba. S. 64 In dieser Auseinandersetzung obsiegte der Bischof. Wo Lioba in diesem Streit stand, ist aus den Quellen nicht zu erschließen. Zwei Fakten aber sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert: Zum einen verbrachte Lioba ihren Lebensabend nicht in einem der von ihr geleiteten Klöster, sondern in dem gestifteten Alterssitz in Schornsheim, 25 km südwestlich von Mainz. Ob sie so politisch aus dem Verkehr gezogen werden sollte, ist heute nur schwer zu beurteilen.Manuel Raisch: Lioba. S. 64f
Tod Lioba starb – vermutlich am 28. September 782 – auf ihrem Gut in Schornsheim. Kurz zuvor soll sie sich bei einem Besuch in Aachen von Königin Hildegard mit der Ankündigung verabschiedet haben, dass sie sich in diesem Leben nicht wiedersehen würden.Rudolf von Fulda: Vita Leobae. Kap. 20
Ihr Leichnam wurde – vermutlich zwischen Mainz und Fulda auf dem gleichen Weg wie 26 Jahre zuvor der Leichnam des heiligen BonifatiusLeinweber: St. Lioba. S. 22. – in das Kloster Fulda überführt, wo sie zunächst im Ostchor der von Abt Sturmi errichteten Stiftskirche St. Salvator nördlich des Hauptaltars beigesetzt wurde.Leinweber: St. Lioba. S. 22; Manuel Raisch: Lioba. S. 66 Der Wunsch des hl. Bonifatius, dass sie in sein Grab gelegt werde, wurde missachtet. Rudolf von Fulda begründete das damit, dass man aus Gründen der Verehrung des Heiligen nicht gewagt hätte, sein Grab zu öffnen.Rudolf von Fulda: Vita Leobae, Kap. 21
Verehrung Reliquien mini|Modell der Ratgar-Basilika Nach der Errichtung der sogenannten Ratgar-Basilika an der Stelle des Gründungsbaus war das Grab Liobas wegen des von Abt Eigil von Fulda 818 veranlassten nachträglichen Einbaus der Ostkrypta im Wege und musste verlegt werden.Leinweber: St. Lioba. S. 22 Im Jahre 819 erfolgte mit ausdrücklicher Genehmigung des zuständigen Erzbischofs Haistulf von Mainz die Translatio der Reliquien in das südliche Seitenschiff, neben eine Gedächtnistafel für den hl. Ignatius von Antiochien.Manuel Raisch: Lioba. S. 66 In dieser Zeit wurde Lioba bereits als Heilige verehrt.Gereon Becht-Jördens: Die Vita Aegil des Brun Candidus als Quelle zu Fragen aus der Geschichte Fuldas im Zeitalter der anianischen Reform. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte. 42, 1992, S. 37f
Da Lioba in der Klausur der Fuldaer Mönche beigesetzt wurde, war der Zugang für Frauen zu ihrem Grab unter normalen Umständen nicht gegeben. Da ihre Schülerinnen und Anhängerinnen aus der fränkischen Oberschicht stammten, dürfte der Druck auf das Kloster Fulda groß gewesen sein, hier eine Lösung zu schaffen. Die Lösung war, die Reliquien unter dem Fuldaer Abt Hrabanus Maurus zwischen 836 und 838Vgl.: Bullido del Barrio: Iuxta decreta. S. 192–199, Anm. 21, S. 194 in die von ihm errichtete Kirche St. Peter auf dem Petersberg zu überführen.
mini|St. Peter auf dem Petersberg bei Fulda mit der Cella St. Lioba vor der ehem. Klostermauer (links)
Es wurde dort kein Nebenaltar errichtet, sondern die Reliquien wurden in einem Steinsarkophag in der Krypta niedergelegt.Manuel Raisch: Lioba. S. 77 In der Krypta befanden sich außerdem eine große Anzahl Reliquien jungfräulicher Märtyrinnen.
Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurden die Reliquien wieder in die Hauptkirche des Klosters Fulda überführt. Der Sarkophag blieb auf dem Petersberg und wurde selbst zu einer Stätte, von der Wunderheilungen erwartet wurden.Leinweber: St. Lioba. S. 26f Dazu gibt es in der Krypta der Peterskirche ein barockes Wandbild, das die Übertragung der Reliquien darstelltChristine Kenner: Die Petersberger Kirche zwischen Kontinuität und Wandel. In: Die Kirche St. Peter in Petersberg bei Fulda – Denkmalpflege und Forschung. Darmstadt 2014. ISBN 978-3-8062-2609-6, S. 10–34 (15): Mütter legten ihre kranken Kinder in den leeren Sarkophag, um so die Fürsprache der Heiligen zu erbitten. Der Sarkophag wurde deshalb im Volksmund auch „Schreistein“ genannt. 1655 erhielten die Franziskaner, die in Tauberbischofsheim ein Kloster neu gründeten, die Reliquie eines Schulterblatts der Heiligen.Manuel Raisch: Lioba. S. 123 Die Schädelreliquie der Heiligen Lioba befindet sich seit 1995 wieder in der Kirche auf dem Petersberg.Manuel Raisch: Lioba. S. 78
Wunder Rudolf von Fulda berichtet eine Reihe von Ereignissen über das Leben der hl. Lioba: