Die Chicago Boys sind eine Gruppe chilenischer Wirtschaftswissenschaftler. Sie studierten von 1956 bis 1970 größtenteils an der University of Chicago und waren von den Ideen Friedrich August von Hayeks und Milton Friedmans inspiriert. Sie wurden in Chile unter der Herrschaft Augusto Pinochets wirtschafts- und sozialpolitisch sehr einflussreich. Diese Ökonomen waren von der Überlegenheit freier Märkte überzeugt, die sie durch Privatisierungs- und Deregulierungsmaßnahmen zu realisieren suchten.
Wegen der politischen Bedingungen in der Diktatur konnten sie ihre weitreichenden Reformvorstellungen zunächst ohne wesentliche Abstriche durchsetzen. Viele Kritiker wie auch Befürworter sehen in den Reformen daher ein wichtiges Experiment unter Realbedingungen, das Aufschlüsse über die Auswirkungen einer wirtschaftsliberalen und monetaristischen Praxis erlaubt. Auch in anderen lateinamerikanischen Staaten gewannen Ökonomen der Chicagoer Schule an Einfluss und werden ebenfalls oft als Chicago Boys bezeichnet.
Ausbildung und Organisation Als „Chicago Boys“ wurde die Gruppe von Ökonomen wegen ihrer Verbindung zur ökonomischen Fakultät der Universität Chicago bekannt, auch wenn nicht alle Mitglieder dort studiert haben.Rawi Abdelal, Mark Blyth und Craig Parsons: Constructing the International Economy, Cornell University Press, 2010, ISBN 0-8014-7588-0, S. 41. So haben vier der 26 bei Patricio Silva genannten einflussreichsten Chicago Boys Abschlüsse von anderen US-amerikanischen Fakultäten. Die Gruppe definierte sich jedoch über ein gemeinsames Projekt: Die in Chile vorherrschende strukturalistische Wirtschaftspolitik sollte durch die Lehren der Chicagoer Schule der Ökonomie abgelöst werden.Anil Hira: Ideas and economic policy in Latin America: regional, national, and organizational case studies. Greenwood Publishing Group, 1998, ISBN 0-275-96269-5, S. 135. Der lateinamerikanische Strukturalismus war eng mit der CEPAL (Comisión Económica para América Latina y el Caribe) mit Sitz in Santiago und ihrem langjährigen Direktor Raúl Prebisch verbunden.Joseph L. Love: The Rise and Decline of Economic Structuralism in Latin America: New Dimensions, In: Latin American Research Review, Bd. 40, Nr. 3 (2005), S. 100–125, 100f. Sie gilt als eng verwandt mit den – oft aber eher marxistisch orientierten – Ansätzen der Dependenztheorie.Joseph L. Love: The Rise and Decline of Economic Structuralism in Latin America: New Dimensions, In: Latin American Research Review, Bd. 40, Nr. 3 (2005), S. 119. Vgl. auch Valerie Brender: Economic transformations in Chile: the formation of the Chicago Boys In: American Economist, vom 1. April 2010. Anders als der Monetarismus der Chicagoer Schule gingen die lateinamerikanische Strukturalisten davon aus, dass Marktöffnung und internationale Arbeitsteilung wegen einer zu erwartenden Verschlechterung der Terms of Trade auf lange Sicht nachteilig für die Entwicklungsländer an der Peripherie der Weltwirtschaft seien und dass nur eine aktive Industrialisierungspolitik die Abhängigkeit vom Zentrum verringern könne.Stephanie Blankenburg, José Gabriel Palma und Fiona Tregenna: structuralism. In: Steven N. Durlauf und Lawrence E. Blume (Hrsg.), The New Palgrave Dictionary of Economics, Second Edition, 2008. Bezeichnet wird diese Strategie auch als importsubstituierende Industrialisierung.
Die Gruppe der Chicago Boys war durch persönliche Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen miteinander eng verbunden. Daher konnte sie noch zur Zeit der Herrschaft Pinochets auf kohärente Weise auftreten, was als einer der Gründe für ihren Erfolg angesehen wird.Anil Hira: Ideas and economic policy in Latin America: regional, national, and organizational case studies. Greenwood Publishing Group, 1998, ISBN 0-275-96269-5, S. 93. Eine Gruppe mit einem gemeinsamen politischen Programm haben die Chicago Boys jedoch erst nach ihrer Rückkehr nach Chile gebildet.Anil Hira: Ideas and economic policy in Latin America: regional, national, and organizational case studies. Greenwood Publishing Group, 1998, ISBN 0-275-96269-5, S. 89 ff. Unter den Absolventen des Austauschprogramms mit Chicago waren einige, wie etwa Ricardo Ffrench-Davis und Carlos Massad, die abweichende politische Ansichten hatten und daher später nicht zu den Chicago Boys gezählt wurden.Vergleiche etwa Carlos Huneeus: Technocrats and Politicians in an Authoritarian Regime. The “ODEPLAN Boys” and the “Gremialists” in Pinochet’s Chile. In: Journal of Latin American Studies (2000), Bd. 32, S. 461–501, 479.
mini|Universität Chicago mini|Universidad Católica de Chile Grundlage der Studienaufenthalte chilenischer Ökonomen in Chicago war ein Austauschprogramm, das auf Verträgen zwischen der University of Chicago, der Universidad Católica de Chile und der staatlichen Entwicklungshilfeorganisation International Cooperation Administration (heute: USAID) basierte.Juan Gabriel Valdés: Pinochet’s Economists: The Chicago School of Economics in Chile. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-521-45146-9, S. 127. Die Ford Foundation unterstützte spätere Programme finanziell. Die Verträge gingen auf eine Initiative des Entwicklungspolitikers Albion Patterson und den Chicagoer Ökonomen Theodore W. Schultz zurück.Juan Gabriel Valdés: Pinochet’s Economists: The Chicago School of Economics in Chile. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-521-45146-9, S. 109 ff.Economic transformations in Chile: the formation of the Chicago Boys. Valerie Brender, The American Economist, Vol. 55 issue 1, S. 111–122, 1 maart 2010 Schultz war auf Grundlage seiner Humankapitaltheorie davon überzeugt, dass die Entwicklungsländer Lateinamerikas nur durch verbesserte Bildung vorangebracht werden konnten. Patterson und Schultz hatten zunächst mit der Universidad de Chile Kontakt aufgenommen, die aber wegen ihrer strukturalistischen Ausrichtung Vorbehalte gegen eine exklusive Partnerschaft mit der Chicagoer Fakultät hatte, die sich seit den 1950er Jahren als eigenständige ökonomische Schule profiliert hat. Dagegen wollte der Dekan des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fachbereichs der Universidad Católica de Chile, Julio Chaná, seinen Fachbereich mit Schwerpunkt auf der Ökonomie modernisieren, so dass dann mit dieser Universität eine Kooperation entstand.
In den ersten Jahren zwischen 1956 und 1964 durchliefen 26 Chilenen das Ausbildungsprogramm in Chicago, insgesamt über 100.Yves Dezalay, Bryant G. Garth: The internationalization of palace wars: lawyers, economists, and the contest to transform Latin American states. University of Chicago Press, 2002, ISBN 0-226-14426-7, S. 114. Einige der Studenten dieser ersten Generation wurden später Professoren an der Universidad Católica, wo einer der ersten Austauschstudenten, Sergio de Castro, Dekan der Wirtschaftsfakultät geworden war. Unter der Anleitung von Chicago-Professoren richteten sie die Fakultät grundlegend neu aus. Mit Unterstützung der Rockefeller Foundation gingen Castro und andere Chicago Boys auch nach Argentinien und Kolumbien, um dort zu lehren.Verónica Montecinos und John Markoff: Economists in the Americas. Edward Elgar Publishing, 2009, ISBN 1-84542-043-8, S. 151. Eine zentrale Rolle bei der Durchführung des Programms zwischen der Católica und Chicago und für die Ausbildung der Studenten spielte Arnold Harberger, der ab 1955 häufig auch in Chile zu Besuch war. Milton Friedman hatte dagegen keinen so intensiven persönlichen Kontakt zu den Chicago Boys, auch wenn die meisten seine Lehrveranstaltungen und einige auch seinen Money and Banking WorkshopClaudia Rosett, zitiert nach Milton Friedman und Rose D. Friedman: Two Lucky People: Memoirs. University of Chicago Press, 1999, ISBN 0-226-26415-7, S. 403. besuchten. Obwohl die Fakultät in Chicago erst ab den späten 1950er Jahren als spezielle ökonomische Schule galt, seien nach George Stigler der Monetarismus, die neoklassische Preistheorie und die kritische Haltung gegenüber öffentlicher Regulierung charakteristisch gewesen. George P. Shultz beschreibt das Klima an der Fakultät als sehr streitbar und durch offene Debatten zwischen Professoren und Studenten geprägt.
Ein erster Zusammenschluss von Chicago Boys als politisch relevante Gruppe erfolgte zunächst in Opposition gegen Studentenproteste an der Universidad Católica Mitte der 1960er Jahre.Anil Hira: Ideas and economic policy in Latin America: regional, national, and organizational case studies. Greenwood Publishing Group, 1998, ISBN 0-275-96269-5, S. 89. In der Folge knüpften Chicago Boys Kontakte zu der PDC und der Gremialisten-Bewegung Jaime Guzmáns. Bei den sogenannten Gremialistas handelt es sich um eine rechtskonservative, katholische und zunächst stark korporatistisch geprägte Bewegung. Sie hatte sich in den 1960er Jahren ebenfalls an der Universidad Católica etabliert, war später eng mit den Chicago Boys verbunden und gewann wie diese in den Anfangsjahren des Pinochet-Regimes politischen Einfluss. Gesellschaftlichen Rückhalt konnten die Chicago Boys vor allem unter international orientierten Unternehmern gewinnen. Der Bankier und Eigentümer der konservativen Zeitung El Mercurio Agustín Edwards Eastman richtete 1968 ein ‚Zentrum für soziale und ökonomische Studien‘ (CESEC) ein, an dem viele Chicago Boys tätig wurden. Weiterhin bekam El Mercurio einen Wirtschaftsteil, für den die Chicago Boys Editorials schrieben.James Cypher: The Political Economy of the Chilean State in the Neoliberal Era: 1973–2005. In: Canadian Journal of Development Studies, Bd. 26, Nr. 4, 2005, S. 763, 768. In ihren Diskussionen in den 1960er Jahren sparten die Chicago Boys nach Angaben von Rolf Lüders politische Themen aus; sie waren der Auffassung, dass die Ziele einer wissenschaftlich fundierten Wirtschaftspolitik nicht verhandelbar seien.Juan Gabriel Valdés: Pinochet’s Economists: The Chicago School of Economics in Chile. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-521-45146-9, S. 209 f.
Die Gruppe wurde 1970 zu einer politischen Kraft der „neuen Rechten“, als die Chicago Boys den konservativen Präsidentschaftskandidaten Jorge Alessandri gegen Salvador Allende unterstützten.Anil Hira: Ideas and economic policy in Latin America: regional, national, and organizational case studies. Greenwood Publishing Group, 1998, ISBN 0-275-96269-5, S. 91. Während der Präsidentschaft Allendes trafen sich in einem sogenannten Montagsclub wöchentlich oppositionelle Presse- und Wirtschaftsvertreter im Verlagshaus des El Mercurio.Juan Gabriel Valdés: Pinochet’s Economists: The Chicago School of Economics in Chile. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-521-45146-9, S. 247. Zur Vorbereitung auf die Zeit nach dem geplanten Putsch initiierte dieser Kreis die Erstellung einer wirtschaftspolitischen Programmschrift.Juan Gabriel Valdés: Pinochet’s Economists: The Chicago School of Economics in Chile. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-521-45146-9, S. 247f. Zehn Ökonomen – davon acht mit Abschluss in Chicago – arbeiteten die Schrift aus, die später El Ladrillo (der Backstein) genannt wurde. Auf diese Programmschrift nahmen die Chicago Boys auch später bei der Umsetzung ihrer Reformen immer wieder Bezug.Anil Hira: Ideas and economic policy in Latin America: regional, national, and organizational case studies. Greenwood Publishing Group, 1998, ISBN 0-275-96269-5, S. 92.
Wirtschaftspolitik
Ausgangslage mini|Der Sitz des El Mercurio in Santiago von 1902 bis 1983: Unter Allende fanden hier die Treffen des oppositionellen Montagsclubs statt. Nach Pinochets Putsch vermittelte der „El Mercurio“-Aufsichtsrat Cubillos den Kontakt zu den Chicago Boys.