rechts|300px mini|Lageskizze römischer Militär-, Siedlungsbefunde und Gräberfelder in Wallsee mini|Befundskizze 1924–2013 mini|Modell des mittelkaiserzeitlichen Kastells im Römermuseum mini|Rekonstruktionsskizze des spätrömischen Restkastells, Ansicht von Nord mini|Schnitt durch das spätrömische Kastell
mini|Römerwelt Wallsee mini|Konservierte Mauern des Restkastells in der Römerwelt Wallsee mini|Ziegelbruch vom Dach des Kastells mini|Hakenförmiger Stützpfeiler der Arkade mini|Im Kastell verbaute Spolie mini|Pfostenfundament mini|Rathaus Wallsee mini|Faksimile einer Grabinschrift des Aurelius Docimus Römermuseum Wallsee-Sindelburg mini|Römisches Relief das einen Hund darstellt der einen Hasen tötet mini|Römischer Teller, RM Wallsee mini|Dolichenus-Altar, RM Wallsee mini|Tegula mit der eingeritzten Darstellung eines Fisches Das Kastell Wallsee (wahrscheinlich nicht mit dem antiken Ad Iuvense gleichzusetzen) war ein Auxiliar- bzw. Flottenkastell und Teil des norischen Limes in Österreich, Bundesland Niederösterreich, Bezirk Amstetten, Gemeindegebiet Wallsee-Sindelburg. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Das Kastell ist heute zur Gänze durch den Wallseer Ortskern überbaut, konnte jedoch archäologisch nachgewiesen werden. Die Reste eines spätantiken Kleinkastells in der SO-Ecke sind ebenfalls noch erhalten. Es war vom 1. bis ins 5. Jahrhundert kontinuierlich mit römischen Truppen belegt. Im 4. Jahrhundert wurden wahrscheinlich auch Patrouillenboote der Donauflotte hier stationiert. Das spätantike Restkastell von Wallsee ist neben den mit ihm vergleichbaren Anlagen von Zeiselmauer, Traismauer und Rusovce das besterhaltene Zeugnis einer spätantiken Kleinfestung am oberen Donaulimes. Es ist damit auch eines der wenigen römischen Gebäude in Österreich, von denen noch aufgehendes Mauerwerk erhalten geblieben ist. Die Ruine wurde bis 2018 restauriert bzw. konserviert und – als Bestandteil eines neu errichteten Gebäudes – für Besucher zugänglich gemacht.
Neben dem Kastell werden in diesem Artikel auch die benachbarten Wachtürme (Burgus) von Sommerau-Schweinberg und Au-Rotte Hof/Engelbachmühle behandelt.
Lage Die Überreste des Kastells liegen auf einem fast rechteckigen Felsplateau, einem Ausläufer der Strengberge, die bei Wallsee bis an das Südufer der Donau heranreichen. Die Sandsteinfelsen fallen an der West- und Ostseite zunächst drei Meter, dann bis zu 45 Meter zu den darunterliegenden Donauauen steil ab. Nordwestlich lag in einem Nebenarm der Donau vermutlich die römische Hafenanlage, weiter östlich wahrscheinlich auch eine Furt, die eine Überquerung des Stromes ermöglichte.Tscholl 1978, S. 113. Die erhöhte Lage bot einen guten Ausblick auf das nördlich der Donau liegende Machland. Außerdem bestand eine gute Sichtverbindung zu zwei nahegelegenen Wachtürmen, donauaufwärts zu dem von Au-Rotte Hof/Engelbachmühle und donauabwärts zu dem von Sommerau/Schweinberg.
Name In der älteren Forschung wurde dieser Stützpunkt im Allgemeinen noch mit Adiuvense gleichgesetzt,Kurt Genser: 1986, S. 191. wo laut der Truppenliste des norischen Dux in der Notitia DignitatumNotitia Dignitatum Occ. 34, 40. auch Liburnarier der Donauflotte stationiert waren, was für so ein hoch gelegenes Kastell ungewöhnlich ist. Nach Rudolf Egger bedeutet Ad Iuvense „das auf dem Berg gelegene (-Joch)“. Diese Interpretation würde auch gut zur Lage des Kastells passen. Hannsjörg Ubl nimmt hingegen an, dass mit dem Kastell in Wallsee in Wirklichkeit – das ebenfalls in der Notitia Dignitatum erwähnte – Loco FelicisNotitia Dignitatum occ. 34, 33. gemeint ist. Beide Annahmen sind jedoch umstritten und werden seit Jahren kontrovers diskutiert. Ad Iuvense wäre als Standort für ein Außenlager der Legio I Noricorum etwas zu nahe an Lauriacum (Enns) gelegen. Loco Felicis, Lacufelix, oder auch Locus Felix („der glückliche Ort“), das zwischen Lentia (Linz) und Arelape (Pöchlarn) situiert war, wurde bereits seit 1875 in Betracht gezogen. Der Fund eines Ziegelstempel (Rundstempelfragment eines magister figulinae mit Ortsnamen loco felicis aus Wallsee und St. Marienkirchen am Inn) mit dem enthaltenen Ortsnamen scheint nun aber auch endgültig den antiken Ortsnamen von Wallsee geklärt zu haben.Orsolya Heinrich-Tamáska (Hrsg.): Keszthely-Fenekpuszta im Kontext Spätantiker Kontunitärsforschung Zwischen Noricum Und Moesia. Castellum Pannonicum Pelsonense. Vol. 2, Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Geisteswissenschaftliches Zentrum, Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e. V. Balatoni Múzeum (Balatoni-Museum) Verlag Marie Leidorf GmbH, Budapest • Leipzig • Keszthely • Rahden/Westf. 2011. Darin: Peter Scherrer: Noricum in der Spätantike – Zu den Forschungen des vergangenen Jahrzehnts (mit einem Beitrag von Bernhard Schrettle), S. 108.
Forschungsgeschichte Seit 1868/69 vermutete Friedrich von Kenner in der exponierten Lage des Ortes ein ideales Terrain für ein Limeskastell. Auch in der Sammlung des Schlosses in Wallsee befanden sich zu dieser Zeit schon zahlreiche römerzeitliche Fundstücke, die nach einer Brandkatastrophe im Jahre 1879 bei Aushubarbeiten ans Tageslicht kamen und vom Archivar des Herzogs von Coburg inventarisiert wurden.Elmar Tscholl: 2002, S. 200.
Eduard Nowotny vermutete 1924 hier ebenfalls ein Kastell, als er an der Südostecke des Schulgebäudes eine zwei Meter abfallende Böschung als Reste eines Walles erkannte, der einst die Südostecke des Kastells gewesen sein musste. Auch die Nordostecke ist bei der St. Anna-Kapelle in einer bis zu sieben Meter hohen Geländestufe noch erkennbar.Eduard Nowotny: 1925, S. 112. Bestätigt wurden diese Annahmen aber erst 1966 durch den Heimatforscher und Volksschuldirektor Elmar Tscholl, als ca. zwei Meter breite Fundamente der Kastellmauer, die im aufgehenden Mauerwerk noch bis zu 1,50 m stark waren, entdeckt wurden. Das Keramikspektrum (nur teilweise publiziert), reicht vom späten 1. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts und spricht für eine lange Belegung des Kastellplatzes (90–488 n. Chr.) Wann genau das frühe Kastell errichtet worden ist, lässt sich jedoch heute noch nicht mit Sicherheit sagen.Erwin M. Ruprechtsberger: 1980, S. 22, Hanns-Jörg Ubl 1980, S. 590 Kurt Genser, 1986, S. 195.
Anhand der Beobachtungen Elmar Tscholls (vor allem Bodenstörungen und Risse in den Hausmauern) konnte das BDA seine Kenntnisse über Bauphasen und Befunde des Kastells noch wesentlich erweitern. Überall dort, wo die moderne Überbauung auf der Kastellmauer aufsaß, traten mit der Zeit auffällige Sprünge auf. Sie zeigten sich knapp über dem Bodenniveau als feine Haarrisse, die sich dann bis zum Dach hinaufzogen und dort am auffälligsten zu sehen waren. Nachdem zwischen 1966 und 1967 bei Kanalisationsarbeiten die Ostmauer des Kastells angeschnitten worden war, kamen bei der Verlegung einer Wasserleitung vor Haus Nr. 47 auch Teile der Nordmauer zutage.Fundberichte aus Österreich: Band 9, 1966–1970, S. 81. Im selben Jahr wurde bei Kabelverlegungsarbeiten für die Straßenbeleuchtung das Vorhandensein einer zweiten, ca. 15 m vorgelagerten, schwächeren Mauer festgestellt.Kurt Genser: 1986, S. 187. 1968 wurden bei Bauarbeiten neben der alten Volksschule wieder die Kastellmauer angeschnitten. Als drei Jahre später ein Umbau geplant wurde, führte das ÖAI eine Notgrabung durch. Zwei Sondierungsschnitte stellten in diesem Bereich drei Bauphasen der südöstlichen Kastellmauer fest, wobei die letzte in die ausgehende Spätantike gehört. Eine starke Brandschuttschicht deutet auf eine gewaltsame Zerstörung hin.Fundberichte aus Österreich: Band 10, 1971, S. 87, Elmar Tscholl: 1978, S. 146. 1969 wurde bei der Verlegung von Wasserrohren am Marktplatz vor Haus Nr. 43 eine Grube (Sohle 2,20 m tief, max. Breite 2,6 m) entdeckt, gefüllt mit Holzkohle und zahlreichen Schlackestücken (die sog. „Schwarze Grube“).Elmar Tscholl: 1978, S. 165. Im gleichen Jahr stieß man östlich von Haus Nr. 38 auf ein Hypokaustum (Heizanlage). 1978 wurde bei der Grabung durch das BDA (H. Ubl) Befunde des frühen Holz-Erde-Kastells dokumentiert. Hannsjörg Ubl führte daraufhin in den folgenden Jahren mehrere Ausgrabungen durch. Dabei wurden die Reste der Principia im Bereich des Hauptplatzes (direkt neben dem Rathaus) freigelegt.
1986 konnte in einer Flächengrabung im Zuge des Neubaues der Raiffeisenkasse Mauerstücke der Principia und eines antiken Wirtschaftsgebäudes ergraben werden. In deren Fundamenten fand sich eine mit einer Steinplatte abgedeckte und mit Lehm gefüllte Nische die noch die Reste eines Bauopfers aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. enthielt (mehrere Tongefäße, Sigillatenschüssel und ein Tierhorn).Elmar Tscholl: 1989, S. 64. Von 1987 bis 1989 wurde vor der Ostmauer in einem Suchschnitt ein Graben und ein Wall beobachtet. Die Entfernung vom Fuß der Kastellmauer zum Scheitel des Walles betrug ca. 12,7 m.Elmar Tscholl: 1990, Fundberichte aus Österreich: Band 27, 1988, S. 316. Mehrere Ausgrabungen des Österreichischen Archäologischen Institutes (ÖAI) (Herma Stiglitz) und des Österreichischen Bundesdenkmalamtes (Gustav Moßler) am früheren Schulgebäude brachten in dieser Zeitspanne auch die Reste des südöstlichen Eckturms und eine spätantike Überbauung durch ein sog. Restkastell ans Tageslicht. Die Nordwestecke dieses Kastells war danach als „Fenster in die Vergangenheit“ auf dem Gelände des Kindergartens zu besichtigen. Bei nachfolgenden Bau- und Grabungsarbeiten ließ sich im Laufe der Zeit vor allem seine Ausdehnung aber auch einige bauliche Details rekonstruieren. Im Zuge einer vom Bundesdenkmalamt durchgeführten Notgrabung gelang es schließlich, seine Lage präzise zu bestimmen.
1999 wurden in der Parzelle Nr. 88 wurden von Elmar Tscholl Reste eines Praefurniums entdeckt. Das Erdreich des Aushubs wurde anschließend auf römerzeitliche Funde untersucht. Dabei konnten unter anderem einige Münzen (konstantinisch) und 14 unbestimmte Ziegelstempel (C PR AV BR, CIAB) geborgen werden.Tscholl 1978, S. 168. 1996 bis 2000 wurde eine Ortssanierung und bauliche Umgestaltung des Marktplatzes vorgenommen. Tscholl hatte die Möglichkeit die Aushubtätigkeiten zu beobachten, dabei zahlreiche Funde zu bergen und das BDA von den Befundaufnahmen zu verständigen. Im Bereich des Marktplatzes wurden u. a. zahlreiche gestempelte Ziegel und Streufunde geborgen. Im nördlichen Teil des Marktplatzes konnten wieder Teile der Kastellmauer vom BDA dokumentiert werden.Fundberichte aus Österreich: Band 36, 1997, S. 31, Elmar Tscholl: 2002, S. 134 f. Bei Arbeiten im südlichen Bereich des Marktplatzes wurde die Südmauer (Haus Nr. 34 und 54) und das Südtor des Kastells angeschnitten.Elmar Tscholl: 2002, S. 141. Zusätzlich konnten beim Haus Nr. 55 die Reste eines spätantiken Zwischenturmes lokalisiert werden.Elmar Tscholl: 2002, S. 139 (Funde S. 161). Beim Abriss des Schulgebäudes stieß man 2011 bereits knapp 20 cm unter dem heutigen Gehhorizont auf die Grundmauern eines spätantiken Kleinkastells, das zwischen 2011 und 2013 vollständig freigelegt wurde. Seine Bausubstanz wurde konserviert und in das Erdgeschoß des neu errichteten Gebäudes der Lebenswelt für Gehörlose und Taubstumme integriert und als öffentlich zugänglicher Schauraum gestaltet (siehe Römerwelt Wallsee).
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