Bieber ist nach Kassel und vor Wirtheim/Neuwirtheim der zweitgrößte Ortsteil der Spessart-Gemeinde Biebergemünd im osthessischen Main-Kinzig-Kreis, im Weiteren gefolgt von Roßbach, Lanzingen und Breitenborn/Lützel.
Geografie Geografische Lage Bieber liegt auf einer Höhe von 215 m über NHN an dem gleichnamigen Fluss Bieber, im Obergrund des Biebertals, das sich nach Nordwesten aus dem Spessart öffnet. Es liegt etwa zwölf Kilometer südöstlich von Gelnhausen.
Nachbargemeinden Bieber grenzt im Norden an die Gemeinde Bad Orb, im Osten an Lettgenbrunn, einen Ortsteil der Gemeinde Jossgrund, im Südosten an die Gemeinden Flörsbach sowie Wiesen in Unterfranken und im Westen an den Ortsteil Roßbach.
Geschichte Vor- und Frühgeschichte mini|Relief und Umzeichnung der Ringwallanlage auf dem Burgberg „Von den Schnurkeramikern über die Kelten, Alemannen, Chatten bis zu den Franken war das Gemeindegebiet ein beliebter Siedlungsraum“Vorgeschichte, aufgerufen am 15. März 2022. Südöstlich des Ortes auf der westlichen Kuppe des Burgberges liegt eine, derzeit aufgrund geringer Funde nur als vorgeschichtlich eingestufte, langovale Nordwest-Südost ausgerichtete Ringwallanlage. Nach Süden und Westen sind Ringwallreste noch schwach sichtbar; die beschriebene sogenannte Abschnittsbefestigung nach Osten ist ein stark verstärkter und gut erhaltener Teil des Ringwalles. (Siehe auch: Liste vor- und frühgeschichtlicher Wallanlagen in Hessen)
Mittelalter Bereits etwa ab dem Jahr 1000 soll der Obergrund des Biebertals besiedelt worden sein. Die älteste erhaltene Erwähnung des Ortes stammt von 1339. In der betreffenden Urkunde wurde das Kondominat im Amt Bieber zwischen den Grafen von Rieneck und den Herren von Hanau geregelt, nachdem Hanau 1333 das Amt Bieber – und damit auch das gleichnamige Dorf – zur Hälfte von Kurmainz zu Lehen erhalten hatte. Historische Namensformen waren: Biberach (1339) Biber (1598)
Bieber war Mittelpunkt für die umliegenden Dörfer: Büchelbach, Gassen, Röhrig, Breitenborn, Lützel, Roßbach und Lanzingen mit dem Weiler Rodenhof, sowohl als Gerichtsort, als auch als Sitz der Hauptkirche des Amtes Bieber. Bei der Teilung der Grafschaft Hanau 1458 kam Bieber zum Hanau-Münzenberger Landesteil.
Neuzeit Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die kirchliche Mittelbehörde für Bieber das Archidiakonat St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, Dekanat Rodgau. Vielleicht schon 1542 wurde in den Grafschaften Rieneck und Hanau-Münzenberg die Reformation durchgeführt. Der größte Teil der Bevölkerung, sowie die beiden Kirchen, die Laurentiuskirche und die Burgbergkapelle wurden lutherisch.
Kurz darauf starben die Grafen von Rieneck 1559 aus. Ihre Rechte fielen an Kurmainz zurück. Bieber war nun ein Kondominat zwischen Kurmainz und Hanau-Münzenberg geworden. Dies bedeutete auch, dass die von Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg in der Grafschaft Hanau-Münzenberg durchgeführte „Zweite Reformation“, die Einführung der reformierten Variante der Reformation, nicht griff, und Bieber dadurch – im Gegensatz zur übrigen Grafschaft Hanau – lutherisch bliebK. Henß: Das Gebiet der Hanauer Union. In: Die Hanauer Union = Festschrift zur Jahrhundertfeier der evangelisch-unierten Kirchengemeinschaft im Konsistorialbezirk Cassel am 28. Mai 1918. Hanau 1918, S. 73 f..
Im Dreißigjährigen Krieg wurde Bieber schwer zerstört. Erst 1660 wurde die Laurentius-Kirche wieder aufgebaut. Ebenfalls 1660 wurde zwischen Kurmainz und Hanau vereinbart, dass die römisch-katholischen Einwohner Biebers die Burgbergkapelle erhielten und diese als Pfarrkirche nutzen durften.
1684 wurde das Kondominat zwischen Kurmainz und Hanau durch einen Vertrag aufgelöst: Das Amt Bieber wurde zusammen mit dem Amt Lohrhaupten vollständig an Hanau übertragen. Kurmainz erhielt zum Ausgleich das bis dahin ebenfalls gemeinschaftlich verwaltete Amt Partenstein vollständig. 1736 starb mit Graf Johann Reinhard III. der letzte Graf von Hanau und die Grafschaft Hanau-Münzenberg fiel an die Landgrafschaft Hessen-Kassel (ab 1803: „Kurfürstentum Hessen“). Im gleichen Jahr wurde in Bieber eine Oberförsterei eingerichtet. Die heutige Untere Kirche wurde 1766 als reformierte Kirche für zugezogene Bergleute gebaut.
1821 kam es im Kurfürstentum Hessen zu einer grundlegenden VerwaltungsreformVerordnung vom 29. Juni 1821 über die Umbildung der bisherigen Staatsverwaltung betreffend, in (Sammlung von Gesetzen, Verordnungen, Ausschreiben und anderen allgemeinen Verfügungen für Kurhessen vom Jahre 1821, Hof- und Waisenhaus-Druckerei, Cassel) kurhessGS 1821, S. 29–62; auch in: Wilhelm Möller und Karl Fuchs (Hrsg.): Sammlung der im Kurfürstenthum Hessen noch geltenden gesetzlichen Bestimmungen von 1813 bis 1860. Elwert’sche Universitäts-Buchhandlung, Marburg und Leipzig 1866, S. 311–351. Bieber gehörte ab dem 1. Januar 1822 zum neu gebildeten Kreis Gelnhausen, der wiederum 1974 im Main-Kinzig-Kreis aufging.
Gemeindefusionen und Gebietsreform Ab 1895 bildete das bis dahin eigenständige Dorf Gassen zusammen mit Büchelbach eine Gemeinde. Am 15. November 1928 wurden die vorher selbständigen Orte Röhrig und Büchelbach mit Bieber zur neuen Gemeinde Bieber zusammengelegt.
Am 1. Oktober 1971 wurden die bis dahin selbständigen Gemeinden Breitenborn A. B., Lanzingen und Roßbach im Zuge der Gebietsreform in Hessen in die Gemeinde Bieber eingegliedert, aus der wiederum zum 1. Juli 1974 gemeinsam mit Biebergemünd die neue Großgemeinde Biebergemünd kraft Landesgesetz gebildet wurde. Das geschah gegen den ausdrücklichen Beschluss beider Gemeindevertretungen. Im selben Jahr ging der Kreis Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis auf. Für die Ortsteile wurden keine Ortsbezirke nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.
Die Fläche der ehemaligen Gemeinde Bieber betrug 26,05 km².
Bis 2012 war Bieber ein staatlich anerkannter Erholungsort.
Bergbau Anfänge Der Bergbau im Biebergrund ist erstmals im Jahr 1494Auf den Spuren der Bieberer Bergbaugeschichte-Geschichtsverein Biebergemünd würdigte das Jubiläum „525 Jahre Bergbau“, Gelnhäuser Neue Zeitung, 9. September 2019 belegt. Er hatte wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des bis dahin armen Walddorfes Bieber. Zunächst konzentrierte er sich auf Kupfer, Silber und Blei, später auch auf Eisen und Kobalt. Anfänglich wurde der Abbau des sogenannten „Kalkofer Lettenflözes“ gewerkschaftlich betrieben. Aus diesem Abbau stammt u. a. auch das Silber für einige Altargeräte der Bieberer Kirche von 1722vgl. Freymann, S. 51.
Ära Cancrin Seit 1739 wurde das Berg- und Hüttenwesen von den Landgrafen von Hessen-Kassel betrieben und gelangte, ab 1741 durch die Familie des Bergmeisters Johann Heinrich Cancrin (1710–1768) und seine Söhne Johann Philipp Cancrin (um 1740–1789) und Franz Ludwig von Cancrin (1738–1816) zur Blüte. Erst in dieser Zeit wurde der Bergbau in Bieber bedeutender als andere kleine Bergbaugebiete im SpessartK. Freymann: Der Metallerzbergbau im Spessart, in: Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg, 1991.
Gegen den Widerstand der angestammten Belegschaft setzte Johann Heinrich Cancrin die Modernisierung der gesamten Anlage von der Erzgewinnung bis zu deren Verhüttung durch. In dieser Zeit gab es „nach dem derzeitigen Kenntnisstand, im Spessart nur zwei Orte mit Hochöfen für Eisen: Bieber und Laufach“J. Lorenz, „Spessartsteine. Spessartin, Spessartit und Buntsandstein - eine umfassende Geologie und Mineralogie des Spessarts“. Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Museums Aschaffenburg, 25 (Sonderband), 2010, Seite 743. Sein Sohn und Nachfolger Johann Philipp Cancrin realisierte 1765 mit dem Aufstauen des Wiesbüttsees eine Energiequelle, mit der eine neue Belüftung und Entwässerung der Silber-, Kupfer- und Blei-Bergwerksstollens, sowie die Lieferung von Aufschlagwasser für das Pochwerk möglich wurde abgerufen am 24. März 2024, mit dem die das Erz enthaltenden Steinbrocken aufgebrochen und zerkleinert wurden. Franz Ludwig von Cancrin führte damals schon als Assessor die Oberaufsicht über das Bergwerkswesen des LandesherrenLorenz/Nickel/Nossek, S. 25.
Die Aufbereitung des gewonnenen Erzes erfolgte in sich wiederholenden Schritten mittels Pochwerk mit anschließendem Auswaschen des zerkleinerten Materials im „Waschhaus“. Es war äußerst aufwändig und personalintensiv, zu großen Teilen Kinderarbeit, bei der Jungen wie Mädchen ab 11 Jahren bei einer Schichtdauer von 12 Stunden eingesetzt wurden. „Trotz schwerer Arbeit war die Ausbeute nur gering, so wurde etwa nur ein Zehntel der im Erz vorhandenen Metalle gewonnen“„Wie Kupfer und Silber in Bieber ans Licht kamen – Referent Dr. Klaus Freymann gibt interessante Einblicke in die 525-jährige Geschichte des Bergbaus“, Gelnhäuser Neue Zeitung, 19. November 2019. Der Rest findet sich, zusammen mit dem „tauben Gestein“ (darin auch arsenhaltiges Material), auf den damals geschütteten Halden.
Kupfer, Silber und Kobalt Zeitweise waren zwischen 400 und 500 Menschen hier beschäftigt. Dabei wurden aus einem Kupferschiefer, hier Kupferletten genannt, die Metalle Kupfer, Silber und zeitweise auch Blei gewonnen. In dieser Zeit wurden im Jahresdurchschnitt unter anderem über 200 kg Silber gefördert. Der Kupfererzbergbau brachte es im 18. Jahrhundert auf die Fördermenge bis zu 500 kg im Jahr.
Das Silber wurde zwischen 1754 und 1803 zu Münzen, den Bieberer Ausbeutetalern, geprägt. Es stammte vorwiegend aus dem südlichen Lochborner Lettenflöz (gefunden 1746, Förderung ab 1748 über ca. 40 Jahre), ab 1754 auch aus dem Röhriger Flöz. Dazu kam zwischen 1758 und 1773 Schiefererz aus Hain-Gründau. Insgesamt sollen ca. 40.000 bis 45.000 Ausbeutetaler und -gulden in Kassel und Hanau geprägt worden seinBeispiele für Ausbeutetaler bei spessartit.de.
Der Kupferbergbau wurde bald nach 1802 wegen Erschöpfung lohnender Erzgänge eingestellt, während der Kobaltbergbau auf arsenidische Kobalterze und deren Oxidationsprodukte bis 1867 andauerte. Der Kobaltbergbau begann mit dem Röhriger Kobaltrücken, dehnte sich dann auf die Gänge I–IV im Lochborn und schließlich auch auf einen Gang nördlich von Bieber aus. Die Kobaltrücken führten in der Regel nur im Bereich des Kupferlettens abbauwürdige ErzeJ.C.L. Schmidt: Mineralogische Beschreibung des Biebergrundes. In: CC Leonhards Taschenbuch für die gesamte Mineralogie. Frankfurt/Main 1808, S. 45–80, ähnlich wie im Richelsdorfer GebirgeE. Messer: Kupferschiefer, Sanderz und Kobaltrücken im Richelsdorfer Gebirge. In: Hessisches Lagerstättenarchiv. Heft 3, Wiesbaden 1955. Die Kobalterze wurden vor allem im Blaufarbenwerk Schwarzenfels im Sinntal verarbeitet. Röhriger Kobaltvitriol (wasserhaltiges Sulfat) wurde als eine Rarität hier erstmals entdeckt und unter dem Namen Bieberit bekannt. Ein weiteres Mineral, das neben dem Bieberit aus dem Biebertal beschrieben wird, ist Rösslerit.Typlokalität Bieber (Biebergemünd) beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 29. September 2022. Es ist benannt nach Karl Rößler (1788–1863), dem Hanauer Hutfabrikanten, Mineraliensammler und Direktor der Wetterauischen GesellschaftJoachim Lorenz und Weitere, „Spessartsteine – Spessartin, Spessartit und Buntsandstein – eine umfassende Geologie und Mineralogie des Spessarts“, Hrsg. Joachim Lorenz und Archäologisches Spessartprojekt, Aschaffenburg 2010.
Bieber war Sitz eines Berg- und Hüttenamtes.
Eisenerz Zur Förderung des Erzbergbaus, der mit Massentransporten verbunden ist, erhielt Bieber 1885 mit der schmalspurigen Spessartbahn einen Eisenbahnanschluss. Die Strecke führte vom Schürfort Lochborn durch das gesamte Biebertal zum Bahnhof Gelnhausen. Der Betrieb dieser Bahn wurde später, auch nach Stilllegung des Bergbaus im Mai 1925, zunächst noch für die Personenbeförderung fortgesetzt. 1951 stellte diese Bahn ihren Betrieb vollkommen ein. Ein Teil der Bahntrasse ist bei Bieber noch als Wander- und Radweg erhalten.