Das Frühstücksei (auch Das Ei)In der Ansage des Sketches in Loriot III kündigt Loriot den Sketch unter dem Titel Das Frühstücksei an. So heißt er auch in den Büchern Das Frühstücksei und Gesammelte Prosa, den VHS- und DVD-Sammlungen sowie der Website loriot.de. In den Sammelbänden Loriots dramatische Werke und Menschen, Tiere, Katastrophen erschien er unter dem Titel Das Ei. Dieser Titel wird auch bei Tonträgern aus den 1970er und 1980er Jahren verwendet. ist ein Zeichentrick-Sketch des deutschen Humoristen Loriot. Er zeigt ein Ehepaar am Frühstückstisch, dessen Streit über ein zu hart gekochtes Frühstücksei mit einer Morddrohung des Mannes endet. Der Sketch ist Teil der dritten Folge der Sendereihe Loriot, die im Mai 1977 im Ersten ausgestrahlt wurde. Darin bildet er zusammen mit den Trickfilm-Sketchen Feierabend und Fernsehabend die Szenen einer Ehe. 1981 erschien der Sketchtext in gedruckter Form.

Das Frühstücksei gehört zu den bekanntesten Sketchen von Loriot. Mit der gestörten Kommunikation im Allgemeinen und der Kommunikation zwischen Mann und Frau im Speziellen greift er zwei zentrale Motive im Werk des Humoristen auf. Mehrere wissenschaftliche Analysen beschäftigen sich mit dem Sketch. Untersucht wurde unter anderem, inwieweit die Ehepartner sich bei ihrem Gespräch kooperativ verhalten und welche rhetorischen Tricks sie verwenden, um im Streit zu obsiegen.

Handlung

Ein Ehepaar sitzt am Frühstückstisch. Der Mann hat gerade sein Frühstücksei geöffnet. Er spricht seine Frau an und sagt: „Das Ei ist hart!“ Als sie nicht darauf reagiert, wiederholt er seine Aussage. Die Frau bestätigt nun, dass sie es gehört habe. Daraufhin fragt der Mann nach der Kochzeit des Eis, worauf sie antwortet: „Zu viele Eier sind gar nicht gesund.“ Der Mann erklärt nun, er meine, wie lange dieses Ei gekocht habe. Sie antwortet, er wolle es doch immer viereinhalb Minuten gekocht haben. Als er bestätigt, dass er das wisse, fragt sie genervt, warum er dann überhaupt so eine Frage stelle. Er besteht nun darauf, dass dieses Ei nicht viereinhalb Minuten gekocht haben könne. Auf ihre Antwort, sie mache es aber jeden Morgen so, fragt er, warum es dann mal zu hart und mal zu weich sei. Sie erklärt, das wisse sie nicht, sie sei schließlich kein Huhn.

Der Mann fragt nun, wie die Frau die Zeit denn messen würde. Als sie angibt, sie habe es im Gefühl, vermutet er, dass mit ihrem Gefühl vielleicht etwas nicht stimmen könnte. Sie reagiert empört und zählt alles auf, was sie jeden Tag für ihn tue. Da könne er ihr doch nicht vorwerfen, mit ihrem Gefühl stimme etwas nicht. Er stimmt ihr zwar zu, betont aber, dass das Ei nach Gefühl nur zufällig viereinhalb Minuten koche. Als sie meint, das könne ihm doch egal sein, antwortet er, er wolle ein weiches Ei, aber kein zufällig weiches Ei, die Kochzeit sei ihm egal. Die Frau reagiert erneut empört, dass es ihm egal sei, wenn sie viereinhalb Minuten in der Küche für ihn schufte. Dabei sei die Kochzeit eben nicht egal. Der Mann wiederholt jetzt nochmal seinen Wunsch nach einem weichen Ei. Die Frau stellt daraufhin fest, „Gott, was sind Männer primitiv!“, während er düster murmelt: „Ich bringe sie um … morgen bringe ich sie um …“.

Produktion und Veröffentlichung mini|start=3:15|Geschichten aus dem Wiener­wald. Die Hintergrund­musik von Das Frühstücksei beginnt bei 3:15. Der Sketch entstand im Trickfilmstudio Loriots, das er Anfang der 1970er Jahre in Percha am Starnberger See unweit seines Wohnorts Ammerland gegründet hatte und in dem er bis zu fünf Mitarbeiter beschäftigte.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 45. Wie bei Loriots Trickfilmen üblich sind die Mundbewegungen der Protagonisten mit ihren gesprochenen Worten synchron. Um dies zu erreichen, war eine hohe Anzahl einzeln gezeichneter Phasen notwendig. Loriot übernahm wie bei fast allen seiner Trickfilme in Das Frühstücksei beide Sprechrollen selbst.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 226. Bei seiner Synchronisation der Ehefrau wurde die Tonhöhe technisch leicht nach oben verschoben. Musikalisch untermalt wird der Sketch mit dem ersten Walzerthema der Geschichten aus dem Wienerwald von Johann Strauss (Sohn).In Audiofassungen wurde stattdessen Strauss’ Walzer An der schönen blauen Donau verwendet.

mini|hochkant|Loriot 1971 während einer Autogramm­stunde Das Frühstücksei wurde erstmals in der dritten Folge der Sendereihe Loriot gezeigt, die am 16. Mai 1977 im Ersten Programm Premiere feierte. Darin ist der Sketch neben Feierabend und Fernsehabend eine der Szenen einer Ehe. Diese drei Trickfilme zeigen Situationen aus dem Ehealltag. Die ähnliche Kleidung und Frisuren legen nahe, dass es sich in allen drei Sketchen um dasselbe Paar handelt. Im Frühstücksei heißt die Frau Berta, in Feierabend heißt der Mann Hermann.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 275. Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 215. Die einzelnen Szenen reihen sich zeitlich aneinander. Nach dem Frühstück sieht sich das Paar erst zum Feierabend des Mannes wieder. Nachdem die Frau ihre Hausarbeit beendet hat, sitzen beide vor dem Fernseher.Zhu Yanfei: Die Reflexion des Frauenbildes in der Ehe-Trilogie von Loriot. 2017, S. 106.

1997 ordnete Loriot sein Fernsehwerk neu und machte aus den sechs ursprünglichen Folgen von Loriot mit einer Länge von 45 Minuten vierzehn Folgen mit einer Länge von 25 Minuten. Nötig geworden war diese Neuschnittfassung, da zu der Zeit deutsche Fernsehsender für Comedy-Formate keine Sendeplätze mehr vorsahen, die eine Länge von mehr als 30 Minuten hatten.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 304. Das Frühstücksei ist zusammen mit Feierabend Teil der ersten Folge Vom Glück der Liebe, der Ehe und des Erinnerns, die erstmals am 22. April 1997 ausgestrahlt wurde; die dritte Eheszene Fernsehabend ist Teil der zwölften Folge.Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 414, 417.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Loriot wurden einunddreißig seiner Trickfilme, darunter auch die drei Szenen einer Ehe, für das Kino neu gezeichnet. Unter dem Titel Loriots große Trickfilmrevue liefen sie im April 2023 in deutschen Kinos an. Der Film wurde von Loriots Töchtern Bettina und Susanne von Bülow produziert, Regie führte Peter Geyer.

Der Text von Das Frühstücksei erschien 1981 im Sammelband Loriots dramatische Werke, der die Texte der meisten Sketche der Sendereihe Loriot sowie einiger weiterer Fernseharbeiten Loriots enthält. Darin ist er dem Kapitel Szenen einer Ehe zugeordnet, das neben den drei Trickfilmen auch Texte einiger Realfilmsketche mit Ehepaaren enthält. Seitdem wurde der Text in einigen weiteren Sammelbänden von Loriot veröffentlicht.

Analysen Das Frühstücksei war eines der ersten Werke Loriots, die einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen wurden,Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. 2011, S. 274. Felix Christian Reuter: Chaos, Komik, Kooperation. 2016, S. 15–16. und gehört zu den am intensivsten untersuchten Arbeiten des Humoristen.

Über Macht und Ohnmacht sowie die Kunst des Streitens Eine der ersten Analysen lieferten die Autoren Manfred Gührs und Claus Nowak. Sie untersuchen den Sketch mithilfe der Transaktionsanalyse und kommen zu dem Schluss, das Gespräch bestehe „im wesentlichen aus einem wechselseitigen Versuch, den anderen in die Opferposition zu manövrieren.“Manfred Gührs, Claus Nowak: Das konstruktive Gespräch. 1995, S. 176. Dabei sei die Frau wesentlich erfolgreicher, wie Rainer von Kügelgen und Andreas Mahler in ihren Analysen des Sketches feststellen.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999. Andreas Mahler: Das harte Ei. 1999. Von Kügelgen bezeichnet den Sketch als „Meisterwerk der Eristik“, also der Kunst des Streitens, und bezieht sich in seiner Analyse auf Schopenhauers Eristische Dialektik und Arbeiten des Linguisten Jochen Rehbein. Die Ehefrau sei ihrem Mann rhetorisch weit überlegen und durch ihre Schlagfertigkeit gelinge es ihr, alle seine Vorstöße zu parieren.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999, S. 171. Der Mann hingegen sei nicht in der Lage, die rhetorischen Taktiken und Manöver seiner Frau zu durchschauen, wodurch er ihnen letztlich hilflos ausgeliefert sei.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999, S. 173, 175.

Zu den Kunstgriffen der Eristik, die die Frau verwende, zählt von Kügelgen die Konfusion der Argumentation zur Sache (ad rem) mit der Argumentation zur Person (ad hominem). Dies tue sie, als ihr Mann sie nach der Kochzeit des Eis fragt, sie daraufhin aber nur seinen Wunsch zitiert, er wolle es doch immer viereinhalb Minuten gekocht haben.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999, S. 179. Wie Mahler feststellt, kippt an dieser Stelle das Gespräch zum ersten Mal, da der Mann das Erstrederecht verliert und sich für seine Frage rechtfertigen muss. Diesmal gelinge es ihm aber noch, das Erstrederecht zurückzuerlangen.Andreas Mahler: Das harte Ei. 1999, S. 276–277. Dies scheitere doch, als er andeutet, es könne etwas mit dem Gefühl seiner Partnerin nicht stimmen, für Mahler der „erste entscheidende konversationelle Fehler des Mannes“. Durch diesen ungeschickten Themenwechsel verliere er erneut sein Erstrederecht und ermögliche es der Frau, zum Gegenangriff überzugehen.Andreas Mahler: Das harte Ei. 1999, S. 277–278. Diese verwendet dabei laut von Kügelgen die „sophistische Technik, mit Hilfe eines korrekten Widerlegungsverfahrens eine falsche These abzusichern“. So widerlegten die von ihr aufgezählten Tätigkeiten zwar, dass mit ihrem fürsorglichen Gefühl etwas nicht stimme. Mit ihrem Zeitgefühl, auf das sich der Mann eigentlich bezog, habe das aber gar nichts zu tun.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999, S. 182. Erlaubt habe der Frau diesen argumentativen Trick erst der Mann durch seine ungenaue Formulierung und seine bloße Übernahme des Worts Gefühl.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999, S. 181. Darin – so Uwe Ehlert in seiner Dissertation zu Kommunikationsstörungen im Werk Loriots – zeige sich seine „kommunikative Unzulänglichkeit“.Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. 2004, S. 223, Fußnote 393.

In der Folge begeht der Mann laut Mahler seinen zweiten entscheidenden Fehler. Mit seinem Einwand, ein Ei koche nur zufällig genau viereinhalb Minuten, wenn es nach Gefühl kocht, akzeptiere er zum ersten Mal, dass das zu harte Ei viereinhalb Minuten gekocht hat. Seinen dritten Fehler begehe er kurz darauf, als er die Kochzeit des Eis als egal bezeichnet.Andreas Mahler: Das harte Ei. 1999, S. 278. Da die Kochzeit Dreh- und Angelpunkt seiner bisherigen Argumentation gewesen sei, drehe er sich damit selbst das Wort im Munde um, so von Kügelgen. Dadurch ermögliche er seiner Frau „einen triumphalen Sieg eristischer Kunst“, wenn sie nun sein ursprüngliches Argument übernehmen kann und darauf besteht, dass die Kochzeit nicht egal sei, das Ei vielmehr genau viereinhalb Minuten kochen müsse.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999, S. 183–184. Die finale Aussage des Mannes, er hätte nur gern ein weiches Ei, ist für Mahler neben einer „den Triumph der Ehefrau akzeptierende[n] Kapitulation“ auch „eine Entschuldigung für die Initiation des Gesprächs überhaupt“.Andreas Mahler: Das harte Ei. 1999, S. 278–279. Die finale Morddrohung sieht von Kügelgen als Pointe, bestätige der Mann damit doch letztendlich das Urteil der Frau, dass Männer primitiv seien.Rainer von Kügelgen: Loriots „Ei“. 1999, S. 184.

Insgesamt – so Felix Christian Reuter in seiner Dissertation zu Loriots Fernsehsketchen – zeige von Kügelgens Analyse eine deutliche Bewunderung für die Gesprächsführung der Frau. Dies ergebe jedoch nur dann Sinn, wenn man „die Lust der Frau, ihren Mann in den Schatten zu stellen, positiv bewertet“.Felix Christian Reuter: Chaos, Komik, Kooperation. 2016, S. 135.

Über Kooperation und deren Verweigerung Grice’sche Konversationsmaximen nach FixUlla Fix: Text- und Stilanalyse unter dem Aspekt der kommunikativen Ethik. 1996, S. 53. Quantitätsmaxime (Sei informativ!)