Die Magyaren in Rumänien stellen die größte ethnische Minderheit des Landes dar. Gemäß der amtlichen Volkszählung von 2002 lebten in Rumänien rund 1.435.000 Magyaren (= Ungarn).edrc.ro Volkszählung 2002. 2012 fiel ihre Zahl auf 1,2 Millionen zurück.adz.ro, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien: Die Deutschen und Ungarn erreichten historisches Tief, 29. August 2012. Die größte Gruppe unter den Magyaren in Rumänien ist die der Szekler (ungefähr 600.000 Personen oder 40 % der rumänischen Ungarn).

Geschichte In den Donaufürstentümern und im Königreich Rumänien bis zum Ersten Weltkrieg

In den Donaufürstentümern – d. h. im Fürstentum Walachei und im Fürstentum Moldau – gab es relativ wenige Ungarn. Einige von ihnen waren in den größeren Städten – vor allem in Bukarest – als Kaufleute und Handwerker tätig.H. Malten: Neueste Weltkunde, Band 1. Verlag Heinrich Ludwig Brönner, Frankfurt/M. 1848, S. 62 f. Eine Besonderheit stellten die Tschangos in der Moldau dar. Deren Herkunft ist auch heute unklar; nach verschiedenen Theorien handelt es sich entweder um aus Siebenbürgen ausgewanderte SzeklerHarald Roth: Kleine Geschichte Siebenbürgens. Böhlau-Verlag, Köln/Weimar 2002, S. 143. ISBN 978-3-412-13502-7. oder um Nachfolger magyarisierter Kumanen.Friedrich Steger: Ergänzungs-Conversationslexikon. 1. Band. Romberg-Verlag, Leipzig 1846. S. 747. Sie sprechen (bzw. sprachen) einen ungarischen Dialekt. Von nationalistischen Rumänen werden sie als fremdländisch sprechende Rumänen angesehen.Heiko Fürst: Die Minderheitenpolitik des hohen Kommissars für nationale Minderheiten der OSZE in Rumänien. Akademische Schriftenreihe. GRIN-Verlag, München 2007. S 35f. ISBN 978-3-638-69680-7. Ihre Zahl wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Moldau auf 40.000,Johann Samuel Ersch et al.: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste. 19. Band. F. A. Brockhaus, Leipzig 1829, S. 267–269. 1845 auf 100.000Das Ausland. 19. Jahrgang, Ausgabe 1. Verlag der J. F. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart/Tübingen 1846. S. 343. geschätzt. Die Tschangos wurden in einem spätestens im 19. Jahrhundert beginnenden Prozess von der rumänischen Mehrheitsbevölkerung sprachlich assimiliert; dagegen bewahrten sie einige Traditionen und teilweise auch ihren römisch-katholischen Glauben.Parliamentary Assembly Documents, Working papers 2000 Ordinary session (3. Teil), Band IV. Europäischer Rat. Straßburg 2000.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Auswanderung vieler Szekler aus Siebenbürgen in die Moldau bzw. nach Rumänien, wo sie sich zumeist rasch assimilierten.Globus: Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde, Band 4. Verlag vom bibliographischen Institut, Hildburghausen 1863, S. 31.

Eine weitere kleine Gruppe Ungarn waren die Szekler der Bukowina. Ausgangspunkt war das Massaker von Madéfalva (Siculeni) im Januar 1764, bei dem etwa 400 aufständische Szekler getötet wurden; tausende Überlebende flüchteten in die Moldau.Paul Niedermaier, Gabriella Olasz: Die Szekler in Siebenbürgen: von der privilegierten Sondergemeinschaft zur ethnischen Gruppe. Siebenbürgisches Archiv, Band 40. Böhlau-Verlag, Köln und Weimar 2009. S. 8. ISBN 3-412-20240-1. Nach einer Amnestie und dem Beginn der österreichischen Herrschaft über die Bukowina (1785) wurde den Moldauer Szeklern auf Anregung des Grafen Andreas Hadik von Futak erlaubt, sich in der Bukowina niederzulassen, wo sie fünf Dörfer gründeten: Hadikfalva (Dornești), Istensegíts (Țibeni), Fogadjisten (Iacobești), Józseffalva (Vornicenii Mici) und Andrásfalva (Măneuți).Gábor Balás: A Székely művelődés évszázadai. Verlag Panoráma, 1988. S. 35.Zsuzsanna Palkó, Linda Dégh: Hungarian folktales. Garland Publishing, New York 1995. S. XIV. Die Zahl dieser ungarischen Siedler wuchs kontinuierlich an und erreichte in der Zeit zwischen den Weltkriegen etwa 16.000. Zunehmender Landmangel führte zur Auswanderung eines Teils von ihnen. Mit dem Vertrag von Saint-Germain 1919 wurden die Szekler der Bukowina rumänische Staatsbürger. Nach dem Zweiten Wiener Schiedsspruch 1940 nahmen die Spannungen zwischen der rumänischen Mehrheitsgesellschaft und den Ungarn Rumäniens zu. 1941 bekam Ungarn nach der Eroberung Jugoslawiens die serbische Provinz Batschka zugesprochen. Nach einem Abkommen zwischen Ungarn und Rumänien wurden fast alle Ungarn aus der Bukowina aus- und in der Batschka angesiedelt, von wo aus sie 1944 wiederum nach Ungarn flüchten mussten.Ágnes Tóth: Migrationen in Ungarn 1945–1948. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2001. S. 75–90. ISBN 978-3-486-56445-7.

In den heute nordwestlichen Landesteilen bis zum Ersten Weltkrieg mini|Die Ungarn im Ungarischen Königreich (1890) Eine grundlegend andere Situation bestand in den heute nordwestlichen Landesteilen Rumäniens, d. h. in Siebenbürgen, im Banat, im Kreischgebiet, in der Region Sathmar und in der Maramuresch. Diese Gebiete gehörten seit dem 10./11. Jahrhundert bis 1918 zum Königreich Ungarn, zum Fürstentum Siebenbürgen bzw. zu Österreich. Die ungarische Bevölkerung stellte hier lange zumindest in großen Teilgebieten die Mehrheit der Bevölkerung, wobei die Besiedlungsgeschichte, die Bevölkerungsverteilung zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Gebieten sowie sich daraus hergeleitete Rechte schon seit dem 19. Jahrhundert ein stets präsentes Thema im nationalistisch geprägten Streit zwischen Ungarn und Rumänen darstellen.Ambrus Miskolczy: Paradoxa von und über Iorga. Die „Geschichte der Rumänen in Siebenbürgen und Ungarn“. In: Endre Kiss, Csaba Kiss, Justin Stagl: Nation und Nationalismus in wissenschaftlichen Standardwerken Österreich-Ungarns ca. 1867–1918. Böhlau-Verlag, Wien 1997. S. 127–158. ISBN 978-3-205-98631-7.

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges stellten in Siebenbürgen und in den angrenzenden Regionen die Ungarn – und teilweise auch die hier lebenden Deutschen – die politisch führenden Schichten. Im Fürstentum Siebenbürgen war dies durch die Zusammensetzung der Landtage (nur Ungarn, Szekler und Siebenbürger Sachsen durften teilnehmen) auch institutionell manifestiert. Den hier lebenden Rumänen war eine nennenswerte politische Mitwirkung nicht möglich.Harald Roth: Kleine Geschichte Siebenbürgens. Böhlau-Verlag, Köln/Weimar 2002, S. 143. ISBN 978-3-412-13502-7. Die festgelegte Aufteilung des Bodens unter ungarischen Adligen, Szeklern und Siebenbürger Sachsen erlaubte den meisten Rumänen nur, als Hörige oder später als angestellte Landarbeiter auf deren Gütern tätig zu werden. Ausgeprägte wirtschaftliche Ungleichheiten führten zu sozialen Spannungen, die sich in unregelmäßigen Abständen zu Unruhen und Aufständen ausweiteten (so z. B. beim Aufstand unter Horea in Siebenbürgen 1784).Edgar Hösch et al.: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Böhlau-Verlag Wien/Köln/Weimar 2004, S. 289–291. ISBN 978-3-8252-8270-7. Eine gewisse Erleichterung brachten die Josephinischen Reformen Ende des 18. Jahrhunderts, die das Ende der Leibeigenschaft bedeuteten.Keith Hitchins: The Romanians, 1774–1866. Oxford University Press, 1996. S. 206. ISBN 978-0-19-820591-3. Der multiethnisch angelegte Habsburgerstaat erlaubte in begrenztem Umfang national orientierte Bewegungen.

Während der Revolution 1848/1849 versuchten national gesinnte ungarische Kräfte, das zu Österreich gehörende Ungarn aus dem habsburgischen Imperium loszulösen. Zu den von ihnen beanspruchten Gebieten gehörten auch Siebenbürgen und die anderen nordwestlichen Regionen des heutigen Rumäniens. Die meisten Rumänen fürchteten einen ungarischen Staat mehr als das Habsburgerreich und stellten sich während der Kampfhandlungen auf die Seite des österreichischen Kaisers; der bekannteste rumänisch-siebenbürgische Führer jener Zeit war Avram Iancu, der im Apuseni-Gebirge mit einer Partisanentaktik den ungarischen Revolutionstruppen erfolgreich trotzte.Preussische Jahrbücher, Bände 133–134. Verlag G. Reimer, Berlin 1908. S. 98. Er wird in Rumänien heute als Nationalheld verehrt.Rudolf Jaworski, Peter Stachel: Die Besetzung des öffentlichen Raumes: Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich. Verlag Frank & Timme GmbH, Berlin 2007. S. 404–406. ISBN 978-3-86596-128-0.

Der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867 ließ den ungarischen Staat unter Oberherrschaft des österreichischen Kaisers wieder erstehen. In den darauffolgenden Jahrzehnten setzte eine planmäßige Magyarisierung in allen von Nicht-Ungarn bewohnten Gebieten Ungarns ein, also auch in den von Rumänen besiedelten Regionen. Ziel war die Schaffung eines einheitlichen ungarischen Nationalstaates, möglichst ohne ethnische Differenzierung.Dietlind Hüchtker, Karsten Holste, Michael G. Müller: Aufsteigen und Obenbleiben in europäischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. Akademie-Verlag, Berlin 2009. S. 64 f. ISBN 978-3-05-004562-7.

Im August 1916 trat Rumänien an der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg ein, um Siebenbürgen und die nördlich und westlich anschließenden Gebiete dem eigenen Königreich einzugliedern. Nach anfänglichen begrenzten militärischen Erfolgen endete der Feldzug für die rumänische Armee katastrophal: im Verlauf des Rumänienfeldzugs 1916/17 vertrieben deutsche und österreichisch-ungarische Truppen die Rumänen aus Siebenbürgen und besetzten auch die Walachei und die Dobrudscha. Lediglich die Moldau blieb mit Hilfe der russischen Verbündeten unter rumänischer Kontrolle. Nachdem auch das Zarenreich im Zuge der Oktoberrevolution zusammenbrach, war Rumänien zum Friedensschluss gezwungen (Frieden von Bukarest). Die Gebietsverluste Rumäniens hielten sich jedoch in Grenzen; nur kleinere Gebiete an den Süd- und Ostseiten der Karpaten wurden von Österreich-Ungarn annektiert.Elke Bornemann: Der Frieden von Bukarest 1918. Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 1978. S. 28–30. Zudem änderte im Herbst 1918 die Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns die Situation grundlegend.

In der Zwischenkriegszeit

Der Sieg der verbündeten Franzosen und Briten erlaubte der rumänischen Regierung, trotz der eigenen militärischen Niederlage die meisten der eigenen Kriegsziele am Verhandlungstisch durchzusetzen. Siebenbürgen kam faktisch schon im Dezember 1918 an Rumänien. Schon wenige Monate später kämpften rumänische Truppen im Ungarisch-Rumänischen Krieg gegen die Räterepublik unter Béla Kun, die die territoriale Integrität des zerfallenden ungarischen Staates erhalten wollte.Karl-Heinz Schlarp: Das ungarische Numerus-clausus-Gesetz von 1920 als erste judenfeindliche Gesetzgebung in Europa – Ursachen und Folgen. In: Konrad Clewing, Oliver Jens Schmitt, Edgar Hösch: Südosteuropa. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2005. S. 361f. ISBN 978-3-486-57888-1. Im August 1919 gelang es der rumänischen Armee, weite Teile Ungarns einschließlich der Hauptstadt Budapest zu besetzen,Edgar Hösch et al.: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Böhlau-Verlag Wien/Köln/Weimar 2004, S. 555. ISBN 978-3-8252-8270-7. was die Verhandlungsposition Rumäniens für die parallel laufenden Pariser Vorortverhandlungen nochmals verbesserte. Im Vertrag von Trianon erhielt Rumänien 1920 schließlich außer Siebenbürgen auch Teile des Banats, des Kreischgebietes, der Region Sathmar und der Maramuresch von Ungarn.