mini|Maria, Johannes und Frauen aus Galilea beklagen den Tod Christi. Gemälde von Hans Memling aus dem späten 15. Jahrhundert.

Eine Klage im Sinne der Kulturwissenschaft und der Psychologie ist eine soziale Handlung, die darin besteht, dass ein Mensch Gefühle von Schmerz, Trauer oder Leid in Worten ausdrückt.J. G. Krünitz: Ökonomische Enzyklopädie: Klage Menschen, die sich beklagen, drücken dagegen Unzufriedenheit aus.Robin M. Kowalski: Complaining, teasing, and other ennoying behaviors. S. 28 In beiden Fällen werden sprachliche Mittel verwendet. Ihre sprachliche Gestalt unterscheidet die Klage von verwandten Ausdrucksformen wie dem Schreien, Weinen, Stöhnen und Seufzen und rückt sie in die Nähe des Jammers oder der Beschwerde.

Das Klagen unterliegt in hohem Maße dem Einfluss der Kultur. Dies gilt nicht nur für literarische und musikalische Klagen, sondern z. B. auch für religiöse und weltliche Trauersitten (vgl. Totenklage).Markus Schauer: Tragisches Klagen: Form und Funktion der Klagedarstellung bei Aischylos, Sophokles und Euripides. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-4885-X Selbst das alltägliche Sich-Beklagen von Menschen im Kollegen-, Freundes- oder Familienkreis oder in der Partnerschaft kann ritualisierte Züge aufweisen.Samuel Vuchinich: Problem Solving in Families: Research and Practice. Sage Publications, Thousand Oaks 1999, ISBN 0-7619-0877-3, S. 124

Klagen in der Bibel Altes Testament mini|Der Prophet Jeremia beklagt die Zerstörung Jerusalems. Ölgemälde von Rembrandt, 1630.

Die berühmteste Klagedarstellungen des Alten Testamentes finden sich in den Klageliedern Jeremias. Die im Versmaß einer hebräischen Totenklage (Qina) verfassten Lieder bilden ein Beispiel hochentwickelter hebräischer Dichtkunst. Als ihr Autor galt traditionell der Schriftprophet Jeremia, der dem Volk Israel vergeblich Umkehr zu Gott gepredigt und jahrelang den Untergang der Tempelstadt Jerusalem prophezeit hatte – eine Tragödie, die im Jahre 586 v. Chr. tatsächlich eintrat und die in den Liedern beklagt wird. Die Untergangs- und Klagevorhersagen Jeremias können verglichen werden mit denen der Propheten Jesaja, Micha und Sacharja.Zum Beispiel Jesaja 3.26, 24.11, 32.12; Micha 1.8; Sacharja 12 Historischer Hintergrund der Ereignisse war die Eroberung Jerusalems durch den neubabylonischen König Nebukadnezar II., die den Ausgangspunkt des Babylonischen Exils bildete und den Beginn der langen Wanderschaft des Gottesvolkes durchs „Jammertal“ markiert. Ein später an derselben Stelle errichteter Tempel wurde ebenfalls zerstört, die Westmauer blieb jedoch erhalten und ist im deutschen Sprachraum heute als Klagemauer bekannt. Der Ausdruck „Jeremiade“, der ursprünglich nur ein volkstümlicher Name für die Klagelieder Jeremias war, bezeichnet seit der Neuzeit im übertragenen Sinne auch ein literarisches Werk, in dem der Niedergang bzw. die Dekadenz einer Gesellschaft beklagt wird.

Klagenden Charakter haben auch viele der alttestamentlichen Psalmen, beispielsweise die Psalmen 6, 22, 64 und 102.Psalm 6; Psalm 22; Psalm 64; Psalm 102 Die Psalmen dienten der jüdischen Gemeinde als Gebets- und Gesangbuch; Gläubigen, denen Leid widerfuhr, gingen zum Tempel und konnten ihre Klagen in Form eines Psalms vor Gott bringen.Die Psalmen die-bibel.de

Auch die Bücher Mose und die Geschichtsbücher enthalten Klagedarstellungen. Dort beklagt u. a. Abraham den Tod Sarahs, Josef den seines Vaters Jakob, Jiftach die Opferung seiner Tochter, David den Tod Sauls und Abners, Jeremia beklagt den Tod Joschijas.1. Mose 23 Abraham/Sarah; 1. Mose 50 Josef/Jakob; Richter 11 Jeftach; Michaela Bauks: Jephthas Tochter, Tübingen: Mehr Siebeck, 2010, ISBN 978-3-16-150255-2, S. 64f; 2. Samuel 1 David/Saul; 2. Samuel 3 David/Abner; 2. Chronik 35 Jeremia/Joschija Weitere Klagedarstellungen findet man im Buch Hiob.Z. B. Hiob 2, 7, 30

Neues Testament Auch im Neuen Testament bildet die Klage – neben der (Für-) Bitte, dem Dank und Lobpreis und Anbetung – eine wichtige Gebetsform. Klagedarstellungen sind allerdings seltener als im Alten Testament. Nach dem Kindermord in Betlehem beklagt Rahel (als Symbolfigur für das Volk Israel) ihre Kinder, und auch die verstorbene Tochter des Jaïrus, die Christus dann ins Leben zurückruft, wird beklagt.Mattäus 2,18 Rahel; Lukas 8,52 Tochter des Jaïrus Nur ganz vereinzelte Klagedarstellungen sind in den Berichten der Evangelisten über die Passion und Kreuzigung Christi enthalten. Lukas erwähnt Frauen, die dem mit dem Kreuz beladenen Jesus folgen und ihn beklagen;Lukas 23,27 Markus berichtet auch von klagenden Frauen am Grabe.Markus 16,10 Die knappen Klagedarstellungen in den Evangelien stehen in keinem Verhältnis zu der Fülle und Detailliertheit der Beweinungen Christi, die die europäische Malerei vom 12. Jahrhundert an hervorgebracht hat.

Klage als Literatur Griechische Mythologie In der griechischen Mythologie gibt es zahlreiche große Klagedarstellungen. Hier beklagt u. a. Elektra den Tod ihres Vaters Agamemnon und den vermeintlichen Tod ihres Bruders Orestes, Ariadne beklagt Theseus, Penthesilea beklagt ihre Schwester Hippolyte, und Orpheus beklagt seine Frau Eurydike. Narziss klagt über die Unerfüllbarkeit seiner Liebe zum eigenen Spiegelbild, und Kalamos klagt über seinen toten Geliebten Karpos. Die griechische Mythologie berichtet auch vom Kokytos, dem in der Unterwelt gelegenen wilden und abscheulichen Fluss des Wehklagens.

In der Ilias wird der Tod des griechischen Kämpfers Patroklos und – schmerzlicher noch – der seines trojanischen Gegenübers Hektor beklagt. Die griechischen Kämpfer beklagen außerdem den Tod des Helden Achilleus.

Griechische Tragödie mini|In Euripides’ Tragödien – hier eine Szene aus Medea – nehmen Klagedarstellungen eine zentrale Stellung ein.

Als Literaturform ist die Klage gut dokumentiert im Falle der klassischen griechischen Tragödien (Aischylos, Sophokles, Euripides).Elinor Scollay Wright: The Form of Laments in Greek Tragedy, Dissertation, University of Pennsylvania, 1986 Abstract. Rudolf Hölzle: Zum Aufbau der lyrischen Partien des Aischylos: Untersuchung über die Bedeutung religiösen Gedanken- und Formengutes für die Gliederung der Lieder. Dissertation, Freiburg, 1934 Klagedarstellungen – in der Gräzistik spricht man auch von „threnetischen“ Elementen – nehmen in diesem Textkorpus eine zentrale Stellung ein. Angeregt sind sie zum Teil durch die mündlichen Gattungen der traditionellen Totenklage (Threnos, Goos, Logos Epitaphios).Markus Schauer: Tragisches Klagen: Form und Funktion der Klagedarstellung bei Aischylos, Sophokles und Euripides. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-4885-X, S. 12 Klagedarstellungen erscheinen in lyrischer Form (als Chorlied, Amoibaion oder Monodie), aber auch in Sprechverspartien (Rhesis, Stichomythie). Trotz der großen formalen Bandbreite zeigen alle eine typische und sogar stereotyp anmutende Topik und Motivik.Markus Schauer: Tragisches Klagen: Form und Funktion der Klagedarstellung bei Aischylos, Sophokles und Euripides. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-4885-X, S. 17 Zu den formelhaften Wendungen zählen die einleitende Klageerklärung („Ich klage“, „ich weine“, „ich schreie“ etc.), Trauergebärden (sich auf das Haupt schlagen), Klageaufforderungen und Imperative (sog. ecce-Motive, „Oh seht, wie ich leide!“), Klagerufe, Fragen nach dem Ursprung des Unheils, an die Götter und Moiren adressierte Vorwürfe, Gedanken über das Schicksal, und anderes mehr.Markus Schauer: Tragisches Klagen: Form und Funktion der Klagedarstellung bei Aischylos, Sophokles und Euripides. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-4885-X, S. 30f

Mittelalter Zu den charakteristischen Formen der mittelalterlichen Dichtung zählt die Minneklage, in der ein männliches lyrisches Ich, das eine Frau vergeblich, aber den Spielregeln der Hohen Minne entsprechend liebt, einen emotionalen Lagebericht liefert.

Die Klage in der Musik mini|Im Werk z. B. von Gustav Mahler nehmen musikalische Klagen breiten Raum ein.

Viele überlieferte Formen der literarischen Klage waren gleichzeitig musikalische Formen (Klagelieder). Dies gilt etwa für den Threnos (griechische Antike), die Nänie, die Elegie (beide römische Antike) und den Planh (altprovenzalische Trobadordichtung). Obwohl die Musik kaum schriftlich fixiert war, ist die musikalische Form als solche oft auch dann erneut aufgegriffen worden, wenn neuzeitliche Künstler aus den Beständen der antiken Vorbilder geschöpft haben (z. B. Penderecki: Threnos; Brahms: Nänie; Bernstein: Elegie auf den Tod eines Hundes). Zu den neuzeitlichen Formen zählen das Lamento (Monteverdi: Lamento della Ninfa) und der Trauermarsch (Frédéric Chopin: Klaviersonate Nr. 2, 3. Satz). In der Kammermusik (Mahler: Kindertotenlieder) sind musikalische Klagen ebenso beheimatet wie in der Orchestermusik (Tschaikowski: 6. Sinfonie (Pathétique), 4. Satz) und in der geistlichen Musik (Schütz: Musikalische Exequien).

Weitere Gattungen, in denen musikalische Klagen vorkommen, sind das Oratorium und die Oper. Beispiele finden sich im Werk von Monteverdi (L’Arianna), Charpentier (Médée, 3. Akt), Händel (Saul, 3. Akt), Wagner (Das Rheingold, 4. Szene) und Fortner (Bluthochzeit). Besonders reich an Klageszenen ist das Opernwerk von Giuseppe Verdi (z. B. Nabucco, Les vêpres siciliennes, Don Carlos). Auch einige Musicals enthalten musikalische Klagen (z. B. Evita, Les Misérables).

Sich beklagen Während das „Klagen“ vor allem Schmerz ausdrückt, ist das „Sich-Beklagen“ ein Ausdruck von Unzufriedenheit. Es zeugt von Enttäuschung, Ärger, Entrüstung, Missfallen, Abneigung oder Ressentiment, wobei diese Gefühle allerdings auch vorgeschützt sein können. Während das Klagen nur gelegentlich eine Beschuldigung einschließt (z. B. als Vorwurf an Gott), impliziert das Sich-Beklagen regelmäßig Kritik, Schelte, Vorwürfe oder Schuldzuweisungen. Diese beziehen sich entweder auf den Adressaten der Klage oder auf eine dritte Person oder Sache.

Der Ausdruck „sich beklagen“ verbreitete sich im Deutschen erst in der Neuzeit; noch in Luthers Bibelübersetzung kommt das Verb „beklagen“ in seiner reflexiven Form nicht vor. bibel-online.net

Kulturelle Perspektive Das moderne amerikanische Jiddische kennt den Ausdruck kwetschen bzw. kvetch, der nicht nur „quetschen“, sondern auch „jammern“ und „sich beklagen“ bedeutet, und zwar auf entweder gewohnheitsmäßige oder nörgelnde bzw. jammernde Weise. Ein kvetcher ist ein Mensch, der gewohnheitsmäßig nach Anlässen zu suchen scheint, über die er sich beklagen kann.Kvetcher Merriam-Webster; kvetch Dictionary.com; kvetcher YourDictionary.com; cancercurmudgeon.com

Philosophische Perspektive Friedrich Nietzsche setzt sich mit dem Sich-Beklagen in seiner Spätschrift Götzen-Dämmerung (1889) auseinander. Gegenstand seiner Kritik ist hier der ressentimentvolle Menschentypus, der für sein Schlechtbefinden und für seine persönlichen Mängel stets andere verantwortlich mache. Dieser Typus klage über die Ungerechtigkeit der Welt, gewinne seiner „schönen Entrüstung“ und dem Gefühl, der moralisch Bessere zu sein, aber soviel Vergnügen und Machtgefühl ab, dass er das Leben um dieses Reizes willen doch aushalte.Nietzsches Werke, Erste Abtheilung, Band VIII.: Der Fall Wagner. Götzen-Dämmerung. Nietzsche contra Wagner. Der Wille zur Macht I. Dichtungen. Naumann, Leipzig 1899, S. 141f Noch einen Schritt weiter ging Max Scheler, als er schrieb, dass dieser Menschentypus Situationen, in denen er sein Ressentiment bilde, geradezu aktiv aufsuche oder schaffe, und dass seine Vorwürfe auch gar nicht darauf zielen, den Kritisierten zu bessern.Max Scheler: Das Ressentiment im Aufbau der Moralen. 2. Auflage. Vittorio Klostermann, Frankfurt/M. 2004, ISBN 3-465-03335-3, S. 31

Pädagogische Perspektive