Alfred Dillmann (* 17. März 1849 in Germersheim; † 5. Dezember 1924) war ein Rechtsanwalt und Polizeipräsident im Königreich Bayern, der durch die Etablierung der zentralen Erfassungsstelle für damals „Zigeuner“ genannte Personen in der Erkennungsdienstlichen Abteilung der Polizei in München bekannt wurde.Findbuch zum Bestand ED 459 (PDF; 38 kB), Archiv des Institut für Zeitgeschichte München, NL-DIL, Stadtarchiv München Dillmanns Beitrag zur repressiven „Zigeunerpolitik“ ist die systematische Erfassung und Kontrolle. Seine Kategorisierung nach „rassischen“ und soziologischen Kriterien setzte sich in der Amtspraxis durch. Die Erfassung führte im polizeilichen Alltag zu einer Gleichstellung von „Zigeunern“ und „nach Zigeunerart umherziehenden Personen“ mit Serienstraftätern.Rezension von Martin Holler zu: Marion Bonillo: „Zigeunerpolitik“ im Deutschen Kaiserreich 1871–1918 (hsozkult.geschichte.hu-berlin.de).
Schule und Studium Dillmann schloss 1866 das Wilhelmsgymnasium MünchenJahresbericht über das K. Wilhelms-Gymnasium zu München 1865/66. ab. Anschließend studierte er Jura an der Universität München.
Dillmann und die „Zigeunerzentrale“ mini|Titelblatt des Zigeuner-Buches von Alfred Dillmann (1905) 1899 entstand unter Dillmanns Leitung in München der „Nachrichtendienst für die Sicherheitspolizei in Bezug auf Zigeuner“, kurz „Zigeunerzentrale“Till Bastian: Sinti und Roma im Dritten Reich S. 21, der mit der Anlage einer Kartei aller „Zigeuner“ in Deutschland begann, die älter als sechs Jahre waren. Neben erkennungsdienstlichen Daten wurden auch genealogische Daten und vor allem Informationen zur Delinquenz gesammelt. 1905 wurde aus dieser Sammlung Dillmanns Zigeuner-Buch kompiliert, das Einzelangaben zu 3.350 Personen enthielt und das den Polizeidienststellen zur Verfügung gestellt wurde. Hans Hesse, Jens Schreiber: Vom Schlachthof nach Auschwitz: die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland. S. 24 (books.google.de).
In der Einleitung des Buches heißt es:
Das Buch enthält Personenbeschreibungen, z. T. mit Fotos der Beschriebenen.Israel W. Charny: Encyclopedia of genocide. S. 512 (books.google.de). Das Buch wurde in 7000 Exemplaren verbreitet.Leo Lucassen: « Harmful tramps » Police professionalization and gypsies in Germany, 1700–1945, S. 29–50 (chs.revues.org).
Dillmanns Versuch, 1911 auf einer „Zigeunerkonferenz“ in München eine „Reichszigeunerzentrale“ mit Sitz in München zu gründen, scheiterte am preußischen Widerstand.Holler, Martin (2004), Rezension zu: Angelika Albrecht: Zigeuner in Altbayern 1871–1914. Eine sozial-, wirtschafts- und verwaltungsgeschichtliche Untersuchung der bayrischen Zigeunerpolitik. (hsozkult.geschichte.hu-berlin.de).
Die Konferenz definierte „Zigeuner“ für die Praxis:
1925, ein Jahr nach dem Tod Dillmanns, hatte sein Nachrichtendienst Akten zu 14.000 Personen und Familien aus Deutschland angelegt.Donald Kenrick: Historical Dictionary of the Gypsies (Romanies). 2. Auflage. Lanham, Maryland / Toronto / Plymouth 2007, S. 97.
Veröffentlichungen Zigeuner-Buch; herausgegeben zum amtlichen Gebrauche im Auftrage des K.B. Staatsministeriums des Innern vom Sicherheitsbureau der K. Polizeidirektion München. München, Dr. Wild’sche Buchdruckerei 1905.
Literatur Stephan Bauer: Von Dillmanns Zigeunerbuch zum BKA. 100 Jahre Erfassung und Verfolgung der Sinti und Roma in Deutschland. Siedentop, Heidenheim an der Brenz 2008, ISBN 978-3-925887-27-7.
Archivalien Bestand Dillmann, Alfred Signatur ED 459 (Tagebuch und politische Aufzeichnungen ab 1914) Institut für Zeitgeschichte Weitere umfassende Tagebuchaufzeichnungen befinden sich im Stadtarchiv München.
Einzelnachweise
Kategorie:Person des Rassismus Kategorie:Jurist in der Polizeiverwaltung Kategorie:Antiziganismus bis 1933 Kategorie:Person (München) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1849 Kategorie:Gestorben 1924 Kategorie:Mann