miniatur|rechts| Diana und Kallisto, Tizian, 1556–1559, Scottish National Gallery, Edinburgh miniatur|rechts|Diana und Actaeon, Tizian, 1556–5159, Scottish National Gallery, Edinburgh Die Sammlung Orléans war eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen des 18. Jahrhunderts.Louis-François Dubois de Saint-Gelais: Description des tableaux du Palais Royal avec la vie des peintres à la tête de leurs ouvrages, 1727 Genf. Angaben zu allen Werken finden sich im Getty Provenance Index (Hinweis: unter den “Archival Documents” nach „Orleans” suchen), abgerufen am 2. März 2011. Ihre rund 500 Gemälde, darunter insbesondere Hauptwerke der italienischen Schule, wurden von Philippe II. de Bourbon, duc d’Orléans, zwischen 1715 und seinem Tod 1723 in Paris zusammengetragen. Neben den fürstlichen Gemäldesammlungen, wie sie in Dresden, Madrid oder Stockholm geformt wurden, gilt sie als eine der wichtigsten Sammlungen europäischer Malerei.Nicholas Penny: The Sixteenth Century Italian Paintings. Band II: Venice 1540-1600, National Gallery Publications, London 2008, S. 461.
Sammlungsgeschichte Vorgängersammlungen in Prag, Stockholm und Rom Einen Kern der Sammlung Orléans bildet ein Konvolut von Gemälden aus der Sammlung Rudolf II. Seine Kollektion auf der Prager Burg enthielt unter anderem Werke, die bereits der Minister seines Großonkels Karl V., Kardinal Granvelle, im Laufe des 16. Jahrhunderts zusammengetragen hatte, oder die Karl V. von anderen Fürsten wie den Gonzaga in Mantua als Geschenk überreicht worden waren.Hugh Trevor-Roper: Princes and Artists, Patronage and Ideology at Four Habsburg Courts 1517-1633, Thames & Hudson, London 1976, S. 112. Ein Werk, welches sich nachweislich in allen Sammlungen der Provenienzkette von Kardinal Granvelle bis zur National Gallery in London findet, ist Corregios Werk Venus mit Merkur und Cupido (Die Schule der Liebe), um 1525 (Inventarnummer: NG10).
Teile der Sammlung Rudolf II. wurden im Dreißigjährigen Krieg die Beute schwedischer Truppen bei ihrer Besetzung der Prager Kleinseite im Jahr 1648.Nicholas Penny: The Sixteenth Century Italian Paintings. Band II: Venice 1540-1600, National Gallery Publications, London 2008, S. 463. Zusammen mit Bildern, die von den Schweden 1632 in München geraubt wurden waren, bildeten sie einen Grundbestand der später in Stockholm vereinigten Sammlung. Aus dieser entnahm Christina von Schweden 70 bis 80 Gemälde und andere Kunstgegenstände, darunter rund 50 Bilder italienischer Meister, Statuen und Wandteppiche, als sie nach ihrer Abdankung 1654 Schweden verließ und sich schließlich nach ihrer Konversion zum Katholizismus 1655 in Rom niederließ.Peter Watson: Wisdom and Strength, the Biography of a Renaissance Masterpiece, Vintage, New York 1990, S. 127–129. In Rom erweiterte Christina von Schweden die Sammlung um weitere Meisterwerke, so etwa Bilder aus der Predella des von Raffael geschaffenen Altars der Familie Colonna (1504–1505, Metropolitan Museum of Art, New York).Inventarnummer: 16.30ab. Vgl. Peter Watson: Wisdom and Strength, the Biography of a Renaissance Masterpiece, Vintage, New York 1990, S. 127-129. Die Bilder der Predella werden heute im Metropolitan Museum of Art in New York, (Christus am Ölberg; Inventarnummer: 32.130.1), in der National Gallery in London (Prozession zum Kalvarienberg; Inventarnummer: NG2919) sowie in der Dulwich Picture Gallery in London (Hl. Antonius von Padua, Inventarnummer: DPG243; Hl. Franz von Assisi; Inventarnummer: DPG241) und im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston (Pietà; Inventarnummer: P16e3) verwahrt. Außerdem erhielt sie von anderen katholischen Regenten Bilder als Geschenk und verschenkte selbst Bilder. So ließ Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich ihr Tizians Tod des Aktaion (1559–1575, National Gallery, London) überbringen.Inventarnummer: NG6420 Vgl. Nicholas Penny: The Sixteenth Century Italian Paintings. Band II: Venice 1540-1600, National Gallery Publications, London 2008, S. 255. Das Gemälde ist noch in David Teniers d.J. Bild Erzherzog Leopold Wilhelm in seiner Galerie in Brüssel (ca. 1651, Kunsthistorisches Museum Wien) als Teil der Sammlung des Erzherzogs zu sehen. Christina wiederum übergab Philipp IV. Albrecht Dürers Tafeln Adam und Eva (1507, Museo del Prado, Madrid).Inventarnummern: P02177 bzw. P02178 Nach ihrem Tod 1689 übernahm ihr Erbe und Nachlassverwalter Kardinal Azzolini die Sammlung, doch starb dieser ebenfalls innerhalb von sechs Wochen. Sein Neffe, der Marchese Pompeo Azzolini, erbte daraufhin die Sammlung und verkaufte sie danach an Don Livio Odescalchi. Sie enthielt zu diesem Zeitpunkt 275 Gemälde, wovon 140 italienischen Meistern zugeschrieben wurden.Peter Watson: Wisdom and Strength, the Biography of a Renaissance Masterpiece, Vintage, New York 1990, S. 170. Nach dessen Tod 1713 traten seine Erben, der Marchese Baldassare Odescalchi und Kardinal Erba Odescalchi, in Verhandlung mit Pierre Crozat, der als Unterhändler für Philippe II. de Bourbon fungierte. Der Handel wurde mit der Übergabe der Werke 1721 beschlossen, wobei die französischen Händler kritisierten, dass Königin Christina die Gemälde an den Rändern beschnitten habe.Peter Watson: Wisdom and Strength, the Biography of a Renaissance Masterpiece, Vintage, New York 1990, S. 196–197.
miniatur|Die Erweckung des Lazarus, Sebastiano del Piombo, 1516–1518, National Gallery, London
Die Sammlung in Paris Philippe II. de Bourbon begann ab etwa 1715 intensiv mit der Sammlung von Gemälden und erwarb in diesem Zuge auch die Bilder von Christina von Schweden. 1715, beim Tode Ludwig XIV., wurde Philippe Regent für den minderjährigen Ludwig XV., bis dieser 1723 den Thron bestieg. In diese Phasen fallen nicht nur wichtige Ankäufe für die Gemäldesammlung, sondern Philipp bekam als Regent auch bedeutende Werke geschenkt. So erhielt er von Philipp V. von Spanien drei Werke Tizians aus dessen Poesien-Folge.Hugh Brigstocke: Italian and Spanish Paintings in the National Gallery of Scotland, 2. Auflage, National Galleries of Scotland, 1993 Edinburgh, S. 181. Konkret waren dies die nunmehr in Edinburgh konservierten Bilder Diana und Kallisto (1556–1559, Scottish National Gallery, Edinburgh, Inventarnummer: NGL 059.46) und Diana und Aktaion (1556–1559, Scottish National Gallery, Edinburgh, Inventarnummer: NG 2839) sowie der Raub der Europa (1560–1562, Isabella Stewart Gardner Museum, Boston, Inventarnummer: P26e1).
Nach dem Ankauf wurde die Sammlung Königin Christinas in Paris im Palais Royal gezeigt. Dort befanden sich die Werke in zwei Raumfolgen im westlichen Flügel der Anlage, die der Vater Philipp II., Philippe I. von Orléans, als Empfangsräume genutzt hatte.Nicholas Penny: The Sixteenth Century Italian Paintings. Band II: Venice 1540–1600, National Gallery Publications, London 2008, S. 464. Aus einem 1727 angefertigten Katalog der im Palais Royal ausgestellten Werke geht hervor, dass sich dort nur fünfzehn von Philippe I. vererbte Bilder befanden, während der überwiegende Teil der insgesamt 495 Gemälde auf die Sammlungsaktivitäten Philippe II. zurückging.Louis-François Dubois de Saint-Gelais: Description des tableaux du Palais Royal avec la vie des peintres à la tête de leurs ouvrages, 1727 Paris. Vgl. Peter Watson: Wisdom and Strength, the Biography of a Renaissance Masterpiece, Vintage, New York 1990, S. 185–186. Der Herzog erhielt zudem Werke aus dem Nachlass des Geliebten seines Vaters, dem Chevalier de Lorraine. Insgesamt soll Philippe mehr als 550 Gemälde (einschließlich Miniaturen) geerbt haben. Während des 18. Jahrhunderts war die Sammlung im Palais Royal nicht der königlichen Familie vorbehalten, sondern für einen größeren Publikumskreis zugänglich.Robert W. Berger: Public Access to Art in Paris, The Pennsylvania State University Press, University Park 1999, S. 201–208. Die Popularität der Sammlung und ihrer Werke wurde zusätzlich dadurch gesteigert, dass neben dem Katalog ab 1785 die wichtigsten Werke in einer Serie von 352 Grafiken verbreitet wurden. Diese wurden auf Subskriptionsbasis gehandelt. Die Serie wurde im Laufe der Französischen Revolution unterbrochen und 1808 fertiggestellt.Galerie du Palais royal, gravée d'après les Tableaux des differentes Ecoles qui la composent: avec un abrégé de la vie des peintres & une description historique de chaque tableau, par Mr. l'abbé de Fontenai Dediée à S. A. S. Monseigneur le duc d'Orléans, premier prince du sang, par J. Couché, 3 Bände, Jacques Couché, Paris 1786–1808. Die Kopien waren eine Mischung aus Kupferstich und Radierung. Vgl. Nicholas Penny: The Sixteenth Century Italian Paintings. Band II: Venice 1540–1600, National Gallery Publications, London 2008, S. 466–467.
Weitere Ankäufe von Philippe II. umfassten Bilder wie Sebastiano del Piombos Erweckung des Lazarus (1516–1518, National Gallery, London)Inventarnummer: NG1 oder Nicolas Poussins Die sieben Sakramente (2. Serie 1644–1648, Scottish National Gallery, Edinburgh).Das Sakrament der letzten Ölung, Inventarnummer: NGL 067.46 G, Das Sakrament der Firmung, Inventarnummer: NGL 067.46 B, Das Sakrament der Taufe, Inventarnummer: NGL 067.46 A, Das Sakrament der Ehe, Inventarnummer: NGL 067.46 C, Das Sakrament der Beichte, Inventarnummer: NGL 067.46 D, Das Sakrament der Einsetzung, Inventarnummer: NGL 067.46 E, Das Sakrament des letzten Abendmahls, Inventarnummer: NGL 067.46 F. Vgl. Nicholas Penny: The Sixteenth Century Italian Paintings. Band II: Venice 1540–1600, National Gallery Publications, London 2008, S. 462. Philippe II. erwarb Werke aus den Sammlungen der Erben der Kardinäle Richelieu und Mazarin, von Kardinal Dubois sowie aus den Kollektionen anderer wichtiger französischer Adliger wie der Herzöge von Noailles, Gramont und Vendôme.William Buchanan: Memoirs of Painting, with a Chronological History of the Importation of Pictures of Great Masters into England by the Great Artists since the French Revolution, Bd. 1, Ackermann, London 1824, S. 14.
Über den Kauf und die Erbschaft von Bildern war die Sammlung Orléans mit anderen berühmten Sammlungen verbunden. So erwarb Philippe II. Werke, die andere französische Händler 1650 im „Sale of the Late King's Goods“ nach der Hinrichtung Karl I. von England erworben hatten. Aus dieser Sammlung gingen dadurch Werke in die Kollektion im Palais Royal über, die Karl I. wiederum aus den Sammlungen der Gonzagas in Mantua erworben hatte. So befand sich im Besitz Philippe II. etwa Giulio Romanos Bild Der junge Jupiter bewacht von den Korybanten auf der Insel Kreta (ca. 1553, National Gallery, London), das sich vorher 1637 im Inventar Karl I. befindet und davor bereits in Mantua nachzuweisen ist.Inventarnummer: NG624; Vgl. Cecil Gould: The Sixteenth Century Italian Schools, National Gallery Catalogues, London 1975, S. 119. Auch über die Witwe Karl I., die seit 1665 dauerhaft in Frankreich im Exil lebende Henrietta Maria, und über die erste Ehefrau seines Vaters, der Tochter Karl I., Henrietta Anne Stuart, gelangten Werke aus dessen Sammlung in den Besitz Philippe II.Peter Watson: Wisdom and Strength, the Biography of a Renaissance Masterpiece, Vintage, New York 1990, S. 186.
miniatur| Die Mühle, Rembrandt, 1645–4168, National Gallery of Art, Washington