mini|Verlauf des Stanegate und des Hadrianswalls mit Standorten der Kastelle mini|Münzportrait des Vespasian mini|Die Altstadt aus der Vogelperspektive (2008), links oben Carlisle Castle
Luguvalium (Carvetiorum) () war ein römisches Kastell samt zugehöriger Zivilstadt auf dem Gebiet der Stadt Carlisle in der Unitary Authority Cumberland im Nordwesten Englands.
Luguvalium wurde als Militärlager und Nachschubbasis gegründet. Römische Soldaten erbauten dort im späten 1. Jahrhundert n. Chr. ein mehrphasiges Holz-Erde-Kastell, das im späten 2. Jahrhundert durch ein Steinlager ersetzt wurde. Neben den Kastellen entwickelte sich eine größere Zivilsiedlung. Nach Errichtung des Hadrianswalls in der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. entstand im nahen Stanwix ein weiteres Kastell um eine 1.000 Mann starke Reitereinheit, die größte am Hadrianswall, aufzunehmen. Als der Großteil der Besatzungssoldaten des Nordens dorthin verlegt wurden, nahm die militärische Bedeutung Luguvaliums als Grenzfestung ab, es avancierte stattdessen – wie Coriosopitum im Osten – zum Logistikzentrum am westlichen Ende des Stanegate. Die Stadt entwickelte sich im 3. Jahrhundert zur Metropole der indigenen Volksgruppe der Carvetii. Bis zur Spätantike blieb sie, aufgrund ihrer Nähe zum Stanegate, bzw. zum Hadrianswall, sowie zur cumbrischen Küste ein regionaler Verwaltungs- und Siedlungsschwerpunkt. Seine Position als „Grenzstadt“, sowie die Besonderheiten der umgebenden verliehen ihr eine besondere Rolle als Bollwerk zur Verteidigung der römischen Britannia und später der Trennlinie zwischen zwei neuen, aufstrebenden Königreichen, England und Schottland.
Name Der antike Name des heutigen Carlisle hatte keltische Wurzeln und bedeutete ursprünglich wohl die „Festung des Lugus oder Luguwalos“, ein Vorname, der als „die Macht oder Stärke des Lugus“ aufgelöst wird. Wer dieser Luguvalos war, ist nicht bekannt, möglicherweise war er in der Eisenzeit ein Angehöriger der örtlichen Adelsschicht, ein anderes hochrangiges Mitglied des Carvetii-Stammes oder eine Gottheit, also theonymen Ursprungs. Letzteres ist am wahrscheinlichsten. Der Name wurde im Kymrischen weiter verwendet und dort um das Element caer („Befestigung“) erweitert.Sheard 2011, S. 122.
Luguvalium Carvetiorum (auch Luguvallo oder Luguvallio) wird erstmals im Itinerarium Antonini des 3. Jahrhunderts aufgelistet, das Luguvalii des 4. Jahrhunderts in der Notitia dignitatum. Die Stadt scheint auch in der Kosmographie des Geographen von Ravenna, im 7. Jahrhundert als Lagubalium zwischen den Einträgen für Voreda (Old Penrith, Cumbria) und Magnis (Carvoran, Northumberland) auf.R&C 129 Civitas Carvetiorum könnte der Name der Zivilsiedlung gewesen sein.
Das frühmittelalterliche Cair Ligualid wurde in der Chronik des Nennius unter den 28 Städten Britanniens und im Llyfr Taliesin erwähnt, in dem es als Caer Liwelyδ (walisisch Caer Liwelydd) bezeichnet wird. Diese leiten sich wohl vom ursprünglichen britischen Namen ab und stammen somit nicht aus dem lateinischen.
Die früheste Erwähnung des Ortes in einer altenglischen Quelle ist Civitas Luel (ca. 1050/Beda), spätere Bezeichnungen lauten auf Carleol (1106), Karlioli und Cærleoil.Rivet/Smith 1979, S. 301–302, Jackson 1953, S. 39, Fulton 2005, S. 15–31, Burnham/Watcher 1990, S. 51, Southern, 2016, Itinerarium Antonini/Iter II: "Der Weg von den Verschanzungen zum Hafen Rutupiae", hier werden alle Straßenstationen zwischen Hadrianswall und Portus Rutupiae (Richborough in England) angeführt, darunter Luguvallo, 12 (römische) Meilen von Castra Exploratorum (Netherby, Cumbria) und 14 Meilen von Voreda (Old Penrith, Cumbria). Die Stadt ist auch der nördliche Endpunkt des Iter V: "Die Route von Londinium nach Luguvalium an der Mauer, 433000 Schritte", diesmal Luguvalio genannt und 36 Kilometer von Brocavum (Brougham, Cumbria) entfernt. Das Lugubalia des Beda Venerabilis (ca. 730 ) basiert auf dem lateinischen Ortsnamen.
Lage Seine günstige Lage in der Cumberland Plain verlieh diesen Ort schon seit vorrömischer Zeit eine hohe strategische Bedeutung. Carlisle liegt 8 km oberhalb der Gezeitengrenze, am Zusammenfluss dreier Flüsse, etwa 16 km von der heutigen Grenze zu Schottland entfernt und etwa 13 km flussaufwärts des Solway Firth. Die Hadriansmauer bei Stanwix befand sich weniger als 1 km nördlich von Carlisle. Das römische Kastell stand am nördlichen Ende einer Klippe mit Blick auf die Einmündung des Caldew in den Eden (Ituna) nördlich des heutigen Stadtzentrums. Diese war Teil eines niedrigen Hügels aus rotem Sandstein, der sich sanft ansteigend über dem Tal des Eden nach Süden erstreckt. Die Sandsteinfelsen bilden den heute von der mittelalterlichen Burg eingenommenen, etwa dreieckig geformten Steilhang. Geologisch handelt sich dabei um eine eiszeitliche Gletschermoräne, die sich über die alluvialen Schlick- und Lehmablagerungen des Eden geschoben hat. Die höchsten Geländepunkte sind zwei Kuppen, die heute von der Stadtburg und der Kathedrale St. Mary's eingenommen werden. Nördlich und westlich fällt sie steil zu Eden und Calder ab; im Osten fließt der Petteril am Kastell vorbei. Einige Kilometer weiter nördlich bildet der Meeresarm des Solway Firth die natürliche Grenze zu den schottischen Lowlands. Luguvalium stand zudem am westlichen Ende des Stanegate, der sie mit dem Handels- und Nachschubzentrum im Osten, Coriosopitum (Corbridge), verband. Diese und eine andere Fernstraße in Richtung Norden, überquerte östlich des Kastells den Eden. Der Schnittpunkt zweier Fernverkehrsrouten begünstigte die schnelle Entwicklung des anfänglichen Militärstandortes zu einer der größten Städte in Nordbritannien. Im 2. Jahrhundert zählte die Region zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda und ab dem späten 4. Jahrhundert – mutmaßlich – zur Provinz Valentia.
Straßenverbindungen bestanden in Richtung Westen nach Aballava (Burgh by Sands, Cumbria), in Richtung Südosten nach Barrockside und Brampton/Old Church. Eine andere Ausfallstraße nach Süden verlief entlang des Petteril zwischen Carlisle und Penrith, markiert durch die heutige A6. Neben dieser Straße wurden mehrere Signalstationen nachgewiesen, darunter ein Turm bei Wrey Hall. in Richtung Norden nach Uxelodunum (Stanwix, Cumbria), über den Moose zum Vorpostenkastell Castra Exploratorum (Netherby) und möglicherweise noch weiter nach Broomholm. Eine weitere Straße zweigte von dieser ab, nachdem die Lyne südlich von Netherby überquert worden war. Wahrscheinlich querte sie auch den Esk bei Burnfoot und führte weiter nach Westen zum Vorposten Blatobulgium (Birrens), dann weiter in das Gebiet um Dumfries, in Richtung Südwesten nach Old Carlisle (Maglona) und
über die Militärstraße (Richtung Westen) nach Grinsdale. Eine kürzlich entdeckte Römerstraße, die von Kirkbride in der Nähe der Mündung des Wampool nach Osten führte, verlief in Richtung Burgh-by-Sands und müsste ebenfalls nach Carlisle geführt haben. Es wird angenommen, dass diese Straße im frühen zweiten Jahrhundert die Erweiterung der Stanegate nach Westen bildete.Burnham/Watcher 1990, S. 51
Forschungsgeschichte Römische Überreste in Carlisle werden von Beda Venerabilis (7. Jahrhundert), Wilhelm von Malmesbury (11. Jahrhundert), John Leland und William Camden (16. und 17. Jahrhundert) erwähnt. Trotz dieser langen Tradition der Beschäftigung mit dem römischen Carlisle sind erst in den letzten Jahren zusätzliche Informationen über die Herkunft, die Art und das Ausmaß der römischen Besiedlung im heutigen Stadtgebiet ans Tageslicht gekommen. Die Theorie, dass der vom Carlisle Castle besetzte Hügel der Standort einer römischen Festung gewesen war, wurde bereits seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vertreten. Auch eine Analyse von Keramikscherben aus Carlisle deutete auf eine frühflavische Militärpräsenz. Kragenurnen aus der Bronzezeit wurden 1861 am Standort des Garlands Hospital gefunden. Während der Ausgrabungen in The Lanes östlich der Scotch Street wurde eine befestigte Straße und Pflugspuren beobachtet, von denen angenommen wird, dass sie prähistorischen Ursprungs sind und die eine landwirtschaftliche Tätigkeit zu dieser Zeit belegen. Vereinzelte Funde, darunter Pfeilspitzen mit Widerhaken, zeugen ebenfalls von vorgeschichtlichen Aktivitäten innerhalb des Gebiets um Carlisle. Der erste archäologische Beweis für ein römisches Kastell im Stadtgebiet stammt aus dem Jahr 1892. Ab dem frühen 19. Jahrhundert kam auch eine große Anzahl von Urnen und Inschriftensteinen aus dem 5. Jahrhundert zum Vorschein.
Besonders bei der Neugestaltung des Stadtzentrums im 20. und 21. Jahrhundert wurden immer wieder Teile von der Zivilstadt und dem südlichen Teil des Kastells aufgedeckt. Das temporäre Marschlager von Golden Fleece wurde auf Luftbildern entdeckt, die zwischen 1945 und 1949 aufgenommen wurden. Beim Tullie House kamen in den Jahren 1954 und 1955 (Dorothy Charlesworth) Fundamentreste einer Rasenziegel- und Holzkonstruktion zum Vorschein, die zur agricolanischen Festung gehörten. Sie wurde schließlich als Fundament des Nordwalles erkannt. Nach den Befunden zu urteilen, wurde der frühere Militärstandort zu Beginn des 2. Jahrhunderts von der Armee evakuiert – möglicherweise auf Grund der Errichtung des Wallkastells von Stanwix – und zunächst den Zivilisten überlassen. 1978 fanden weiter nördlich Ausgrabungen der Carlisle Archaeological Unit in der Annetwell Street statt. Dabei kam das – in einen schon 1973 entdeckten Holz-Erde-Wall eingelassene – Südtor des Kastell II zum Vorschein. Zu den Funden in der Annetwell Street zählen auch die Reste von hölzernen Schreibtafeln, vergleichbar der von Vindolanda, ein Fragment eines unbeschrifteten Altars aus rotem Sandstein, ein Relieffragment aus dem gleichen Material, sowie zwei Statuenköpfe mit Mauerkronen, interpretiert als Schutzgeister (Genii).