mini|Wachen am Grab von Moissei Urizki. Petrograd. Übersetzung der Inschrift auf dem Transparent: „Tod den Bourgeois und ihren Helfern. Es lebe der Rote Terror.“ (Anfang September 1918) Der Rote Terror war in erklärter Anknüpfung an die terreur der Französischen Revolution – die von den kommunistischen Bolschewiki nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland begonnene Phase von Staatsterror, in der sie zur Durchsetzung ihres Machtanspruchs terroristische Mittel gegen von ihnen als konterrevolutionär verstandene Kräfte einsetzten. Der Begriff wurde von ihnen selbst geprägt und zur öffentlichen Drohung benutzt.

Er stand im Russischen Bürgerkrieg im Gegensatz zum konterrevolutionären Weißen Terror, der bis zum Ende des Bürgerkrieges gleichfalls wütete, jedoch anders als jener nicht strategisch gesteuert und institutionalisiert war.Jörg Baberowski: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Deutsche Verlagsanstalt, München 2003, hier: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, 2007, S. 37–39; Nicolas Werth, Ein Staat gegen sein Volk, S. 96. Im Unterschied zur Französischen Revolution, deren Terrorphase einige Monate dauerte und sich überwiegend gegen die Repräsentanten des Ancien Régime sowie Revolutionsgegner wandte, stand beim Roten Terror als Leitmotiv der Satz des stellvertretenden Leiters der Tscheka, Martyn Iwanowitsch Lazis, veröffentlicht im November 1918 in der Zeitschrift Krasnyi terror (Der Rote Terror), im Vordergrund: „Wir führen nicht Krieg gegen einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse.“Zitiert nach Jörg Baberowski: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Deutsche Verlagsanstalt 2003, hier: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, 2007, S. 38 f.

Darüber hinaus wird der Begriff Roter Terror im westlichen Sprachgebrauch gelegentlich für Menschenrechtsverletzungen in realsozialistischen Staaten genutzt. Der Begriff Roter Terror diffundierte zeitlich und örtlich.So beispielsweise für die Stalin-Ära von Jörg Baberowski: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus oder von Bernd Pieper: Roter Terror in Cottbus ISBN 3-925434-91-7.

Geschichte

Sowjetunion Der Terror begann nach der Oktoberrevolution und wurde von Anfang an von Lenin entschieden unterstützt.Jörg Baberowski: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus hier: Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2007, S. 39 f. Schon 1908 befürwortete er, Gegner einer kommenden Revolution „an die Wand zu stellen“.Lenin - Ohne Terror kein Sieg, in: Der Spiegel Spezial IV (1991), S. 57ff. Lenin hielt den Radikalismus der Jakobiner während der Schreckensherrschaft für vorbildlich und schrieb 1917, die Bolschewiki müssten als die „Jakobiner“ des 20. Jahrhunderts etwas „Großes, Unvergängliches und Unvergessliches vollbringen“.Der Spiegel, 26. Januar 2010 Seine ersten Opfer waren Führer der liberalen Kadettenpartei, „streikende Arbeiter“ und „renitente Bauern“Jörg Baberowski: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Deutsche Verlagsanstalt München 2003, hier: Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2007, S. 39. und er intensivierte sich deutlich nach den zwei Attentaten vom 30. August 1918 auf den Vorsitzenden der Petrograder Tscheka Urizki und auf Lenin, das Fanny Kaplan zur Last gelegt wurde.

Der offizielle Beginn des Roten Terrors – die Tscheka als sein Hauptorgan war bereits 1917 gegründet worden – datiert mit dem Dekret der Sowjetregierung Über den Roten Terror vom 5. September 1918:

Das Dekret war eine Reaktion auf die genannten Attentate, aber auch auf Ereignisse wie den antibolschewistischen Aufstand in Ischewsk, bei dem Gegner der Bolschewiki die Macht ergriffen und ca. 500–1000 Personen, meist Parteigänger der Bolschewiki, töteten.Dimitrj Olegovic Curakov: Der antibolschewistische Arbeiteraufstand in Izevsk. Probleme der Etablierung ziviler Machtorgane - August bis November 1919. in: Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 139–160, insbes. S. 142. Diese Gewaltakte waren wiederum Reaktion auf die Alleinherrschaft der Bolschewiki, die zivile Opposition nicht duldeten. Der Rote Terror kann somit als Teil einer Gewaltspirale gelten, bei der Gewalt zum Mittel politischer Auseinandersetzung wurde. Zur Durchsetzung der Revolution forderte in dieser Phase auch Lenin nachdrücklich die Anwendung von Terror: „In Nischni Nowgorod wird allem Anschein nach ein weißgardistischer Aufstand vorbereitet. Man muß alle Kräfte spannen, eine Trojka von Diktatoren zusammenstellen, den Massenterror sofort einführen, Hunderte von Prostituierten, die Soldaten zum Suff verführen, ehemalige Offiziere u. a. erschießen und abtransportieren“, telegraphierte er am 9. August 1918. Am gleichen Tag schickte Lenin auch ein Telegramm nach Pensa und forderte: „Der gnadenlose Massenterror gegen Kulaken, Popen und Weißgardisten ist durchzuführen; zwielichtige Elemente sind in ein Konzentrationslager außerhalb der Stadt einzusperren.“ Am 22. August befahl er als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare „die Verschwörer und Schwankenden zu erschießen, ohne um Erlaubnis zu bitten und den idiotischen Amtsschlendrian zuzulassen“.Aleksandr Šubin: Einführung in die Quelle Beschluß des Rates der Volkskommissare über den Roten Terror, 5. September 1918 (Faksimile), auf der Website 1000dokumente.de, Abruf am 27. September 2016.

Die Zeit bis März 1921 (Beginn der Neuen Ökonomischen Politik, NÖP) wird als Roter Terror und Ära der Politik des Kriegskommunismus bezeichnet. Auch danach gingen jedoch die Erschießungen Oppositioneller, Deportationen in Zwangsarbeitslager (siehe Gulag) und Repressionsmaßnahmen gegen dissidente Völker weiter. Ralf Stettner schreibt, dass „in den Zeiten von Kriegskommunismus, NÖP und den Übergangsjahren bis 1928/29 ein […] Geflecht an Konzentrationslagern, Zwangsarbeitslagern und ‚Lagern zur besonderen Verwendung‘“ existierte. Es sei „falsch, das Lagersystem ausschließlich der Stalinzeit zuzuordnen“, wenngleich die Lager der Leninzeit im Vergleich zur späteren Ära des Stalinismus auch „im Ausmaß weniger bedeutend“ waren.Ralf Stettner: Archipel Gulag; Schöningh, Paderborn 1996. Das sowjetische Lagersystem stand, so Stettner, in der Leninzeit erst am Anfang, und die stetige Weiterentwicklung der Kapazitäten unter Stalin nahm naturgemäß viele Jahre in Anspruch.

Das als „Roter Terror“ bezeichnete Terrorregime der Geheimpolizei Tscheka erhielt ab Mai 1922 einen gesetzlichen Rahmen: Lenin entwickelte den Strafgesetzbuch-Paragraphen 58, der Zwangsarbeit und Todesstrafe für „politische Delikte“ vorsah. So schrieb Lenin am 17. Mai 1922 über seinen Rohentwurf des § 58:

Offiziell eingeführt wurde der Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR durch Josef Stalin im Jahre 1927, der ihn erheblich verschärfte; so fügte er neben Terrorismus „Propaganda oder politische Agitation“ und „organisatorische Tätigkeit“ als Gesetzesverstöße hinzu.

Als Roter Terror im engeren Sinne wird das gewaltsame Vorgehen der Tscheka in den Städten – eigentliches Machtzentrum der Bolschewiki – betrachtet. Im gleichen Zusammenhang ereigneten sich auch die Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Bauernschaft, insbesondere mit den als wohlhabend geltenden Bauern (Kulaken), deren physische Vernichtung Lenin mit der Politik der Getreiderequirierung betrieb. Lenin hatte etwa im August 1918 die „Genossen Arbeiter“ zum „letzten, entscheidenden Kampf“ aufgerufen:

Im selben Monat hatte Lenin auch schon verfügt: „Schonungsloser Massenterror gegen Kulaken …“, „Übermitteln Sie allen Mitgliedern des Exekutivkomitees und allen Kommunisten, dass es ihre Pflicht ist, die Kulaken schonungslos niederzuschlagen und bei den Aufständischen das gesamte Getreide zu konfiszieren“.

Der Rote Terror richtete sich ebenfalls gegen das Bürgertum, gegen zaristische Offiziere, nichtbolschewistische Sozialisten (v. a. Menschewiki, Sozialrevolutionäre), Geistliche sowie oppositionelle Teile der Arbeiterschaft. Die Durchsetzung der Terrormaßnahmen – wie Erschießungen, Folterungen und Einweisungen in Konzentrationslager – erfolgte durch die Geheimpolizei Tscheka, die ab 1922 in die GPU umbenannt wurde. Schätzungen gehen von 250.000 bis 1.000.000 Opfern in diesem Zeitraum aus, teilweise durch Massenexekutionen.Im Netz der Spione vom 23. September 2007 auf History Channel, vergleichbar hohe Zahlen werden auch genannt bei: Jörg R. Mettke: Putsch oder Revolution. Henker als Heilige, in: Der Spiegel (Geschichte Spezial) vom 18. Dezember 2007, Seite 32.Vor 100 Jahren: Beschluss des "Roten Terrors", Bundeszentrale für politische Bildung, 4. September 2018, abgerufen am 25. April 2019.

Der Rote Terror endete nicht mit dem Russischen Bürgerkrieg. So wurde die Bezeichnung „Kulaken“ während der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft von 1928 bis 1933 mehr und mehr auf alle selbstständigen Bauern ausgedehnt,Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, C.H. Beck, München 1998, S. 1184. (online) sodass der Terror nicht nur den als wohlhabend geltenden Bauern galt (→ Entkulakisierung). Mitte der 1930er Jahre begannen die Bolschewiki unter Stalin den Großen Terror, der sich sowohl gegen Angehörige der Eliten als auch gegen einfache Sowjetbürger richtete.

Die sowjetische Besetzung der baltischen Staaten im Jahr 1940 brachte zwei Wellen politischer Repression, von denen die erste zwischen Sommer 1940 und Sommer 1941 stattfand und dann vom Deutsch-Sowjetischen Krieg (1941–1945) unterbrochen wurde. Der sowjetische Sieg und die Rückkehr der Roten Armee ins Baltikum im Jahr 1944 brachte auch eine zweite stalinistische Repressionswelle mit sich, die im Jahr 1949 mit einer großen Massendeportation ihren Höhepunkt fand. Beide Repressionswellen bilden im baltischen Geschichtsbild gemeinsam einen „Roten Terror“; die erste Welle von 1940/1941 erhöhte die Motivation der Bewohner des Baltikums, im Sommer 1941 mit der Wehrmacht zu kollaborieren.

Finnland Im Finnischen Bürgerkrieg (1918) begingen sowohl die kommunistischen Aufständischen als auch die antikommunistischen Regierungstruppen Massaker und andere Kriegsverbrechen, wobei der von den Kommunisten ausgehende „Rote Terror“ weniger Opfer forderte als der „Weiße Terror“ ihrer letztlich siegreichen Gegner. Der Rote Terror teilt sich in zwei Hauptwellen, von denen die erste im Februar 1918 und die zweite im April 1918 zu verorten sind. Die Zahl der Todesopfer des Roten Terrors wird auf etwa 1.650 geschätzt, wobei allein 670 während des ab April 1918 einsetzenden Rückzugs der unterlegenen Kommunisten ermordet wurden. Die Opferzahl des Weißen Terrors liegt mit ungefähr 10.000 deutlich höher.

Ungarn Im Kontext der Geschichte Ungarns bezieht sich der Begriff Roter Terror vor allem auf die Verbrechen, die von kommunistischen Milizen (vor allem den Lenin-Jungs) im Jahr 1919 während der für viereinhalb Monate bestehenden Ungarischen Räterepublik begangen wurden.Ferenc Bódi, Gergely Fábián, Thomas R. Lawson (Hrsg.): Local Organisations of Social Services in Hungary (= Studies in Comparative Social Pedagogies and International Social Work and Social Policy, Band XXII). Europäischer Hochschulverlag, Bremen 2012, S. 20 f. Er forderte nach aktuellem Forschungsstand (2022) innerhalb weniger Wochen 300 bis 600 Tote sowie Tausende Misshandlungsopfer.Béla Bodó: Die ungarische Räterepublik: Eine „Diktatur des Proletariats“ oder eine proletarische Demokratie? In: Mike Schmeitzner (Hrsg.): Die Diktatur des Proletariats. Begriff – Staat – Revision. Baden-Baden 2022, S. 109–134, hier S. 130 Die kurzlebige Phase des ungarischen Kommunismus mitsamt des Roten Terrors provozierte zunächst den von den Alliierten gebilligten Einmarsch rumänischer Truppen in Ungarn und wurde später zu einer häufig zitierten Komponente der Propaganda der rechtsautoritären Regierung von Miklós Horthy, die eine strikt antikommunistische Linie verfolgte.

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