Das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen (BfM) war eine 1987 in West-Berlin gegründete Künstlergruppe, die bis Mitte der 1990er Jahre im linksalternativen Spektrum Berlins aktiv war und sich mit Politkunst beschäftigte. Die Vorgeschichte der Gruppe, deren zentrale Köpfe vor allem Kurt Jotter und Barbara Petersen waren, reichen zurück bis in die linken K-Gruppen des Berlins der 1970er Jahre. Das Büro arbeitete vielfach mit Mitteln des Theaters, der Performance oder der Installation; viele ihrer Aktionen lassen sich der Kommunikations- bzw. Spaßguerilla zuordnen. Künstlerisch bildete ein erweiterter Begriff der Collage das zentrale Motiv der Arbeit der Gruppe. Zentrales Ziel war es, auf solche Weise politische Inhalte in den öffentlichen Raum zu tragen. Ende 2013 hat Kurt Jotter wieder mit der Fortführung dieser aktionskünstlerischen Arbeit und dem Aufbau einer neuen Gruppe begonnen. 2014 starb Petersen, 2022 Kurt Jotter.

Besonderes Aufsehen erregten 1988 die vom Büro inszenierten Aktionen im Rahmen der Proteste gegen die Jahrestagung von IWF und Weltbank 1988 in West-Berlin. Für seine Aktionen erhielt das Büro 1988 den Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft zugesprochen.

Vorgeschichte Künstlergruppe „Foto, Design, Grafik, Öffentlichkeitsarbeit“ (FDGÖ) mini|Demonstration im Berliner „Häuserkampf“, Transparent der FDGÖ Gegründet wurde die Gruppe von dem Grafiker, Publizisten und Theaterwissenschaftler Kurt Jotter (* 1950) und der Politik- und Kunstwissenschaftlerin Barbara Petersen (* 1951). Die beiden hatten sich bereits Mitte der 1970er Jahre im Umfeld der K-Gruppen kennengelernt und später beschlossen, als eine Art Werbeagentur für politisch links stehende Auftraggeber zu arbeiten. Dazu gründeten sie 1977 die in Kreuzberg ansässige Künstler-Gruppe „Foto, Design, Grafik, Öffentlichkeitsarbeit“ (FDGÖ). Name und Logo spielten auf die viel zitierte Freiheitlich-Demokratische Grundordnung (FDGO) an.

Die aus Designern, Künstlern und Autodidakten bestehende Gruppe wollte für mehr Schwung, Witz und Kreativität in den oft ernsthaften und humorlosen linken Zusammenhängen sorgen, ihre Devise hieß: „Verfremdet die Medien, Ämter und Behörden! Montiert euch eure Hampelmänner selbst! Laßt die Puppen tanzen!“ Zu diesem Zweck gestalteten sie „in wechselnder Besetzung und jeweils themenabhängiger Zusammenarbeit mit sich »assoziierenden« KünstlerInnen politische Plakate, Fotomontagen, Postkarten, Sticker, gestaltete Transparente, Objekte, etc.“, bis hin zu Wahlkampfslogans als Auftragsarbeit für die Alternative Liste.

In einem frühen Manifest zu Zeiten der FDGÖ verweist Jotter auf einige Einflüsse, so allgemein den Dadaismus („Clown Dada“), insbesondere aber John Heartfield („Onkel Heartfield“) und Bertolt Brechts Lehrstücke Geschichten vom Herrn Keuner. In einem Interview von 1998 grenzte er sich zudem gegen ein Dasein rein als Grafiker und Plakatkünstler wie im Falle von Klaus Staeck zugunsten eines multimedialen Ansatzes ab.

Mit einer Arbeit im Auftrag des Berliner Mietervereins handelte die Gruppe im Frühjahr 1987 erstmals im öffentlichen Raum. Als Protest gegen die durch den CDU-/FDP-Senat betriebene Aufhebung der Mietpreisbindung realisierte sie die Aktion „Berlin wird helle“. Nach einem Plakataufruf an „alle Berliner Künstler“ gingen 100 Beiträge ein, eine Auswahl daraus leuchtete auf rund 200 Häusermauern als Dia-Projektionen. Viele der Projektionen waren dabei zwar analog zu konventionellen Großplakaten, erstmals aber wandte die Gruppe eine Technik an, die sie später „Realmontage“ nannte und welche die Methoden der Fotomontage, eine der zentralen Techniken der Gruppe, in den öffentlichen Raum übertrug: „Da hatten wir z. B. auf ein Haus, vor dem ein Gerüst stand, ein Dia projiziert, wo nur Schatten-Menschen mit Transparenten drauf waren. Das sah so aus, als ob total viele Leute auf dem Gerüst stehen und Transparente halten – eine ganz einfache Simulation.“

Selbst der Generalsekretär der Berliner CDU, Klaus-Rüdiger Landowsky, lobte die Aktion als „künstlerisch beachtenswert und interessant“. Sie erschließe im Bereich öffentlicher Kommunikation zusätzliche ästhetische Räume und Formen, der politische Inhalt hingegen sei „nicht besonders erhellend“.

Gründung des Büros mini|Vorder- und Rückseite des Handzettels zum „Anti-Kreuzberger Schutzwall“

Anlässlich des Berlin-Besuches von US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987 hatte die Polizei Kreuzbergs SO 36 unangekündigt vollkommen abgeriegelt. Aus Angst vor Krawallen durch Autonome wurden U-Bahnen und anderer öffentlicher und privater Verkehr für einen halben Tag gestoppt. Darauf reagierte die FDGÖ mit den Mitgliedern ihres Standorts in der ehemals besetzten Fabrik „Kerngehäuse“ am 17. Juni mit einer großen Aktion an der Kottbusser Brücke zwischen Neukölln und Kreuzberg. Ein zwei Meter hoher „Anti-Kreuzberger Schutzwall“, aus Holz, Pappe und Stoffrollen der Berliner Mauer nachempfunden, wurde auf den Fahrspuren der Brücke aufgestellt. Jotter gab mit Frack, Zylinder und einer schwarz-rot-goldenen Schärpe als angeblich neuer Senator für Inneres und Architektur (in Anspielung auf den für die Reagan-Abriegelung verantwortlichen Innensenator Kewenig) bekannt: „Wir lassen unser schönes Berlin nicht von den Kreuzberger Anti-Berlinern kaputt machen. […] Aus diesem Grund hat der Berliner Senat nach dem durchschlagenden Erfolg der Kreuzberger Blockade zum Reagan-Besuch in geheimer Sitzung den Bau des Anti-Kreuzberger Schutzwalls beschlossen.“ An Passanten wurden beim Betreten des Stadtteils Passierscheine ausgegeben und gemahnt, dass das „Freiwild-Gehege SO 36“ nur auf eigene Gefahr betreten werden dürfe.

Rund 200 Teilnehmer trugen Transparente mit der Forderung nach „Freiem Reiseverkehr“ und „Familienzusammenführung“ und verlangten „Die Mauer muss weg“ oder „Hau weg den Scheiß“. Die Aktion erregte Aufsehen, hatte aber auch strafrechtliche Konsequenzen: Da sie nicht als Demonstration angemeldet war, wurde sie als Verstoß gegen das Versammlungsgesetz angesehen, das Verfahren wurde im März 1988 aber gegen eine Geldauflage eingestellt. Aus den dessen ungeachtet positiven Erfahrungen dieser Aktion wie auch dem vorhergehenden „Berlin wird helle“ ging dann im September 1987 das „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“ hervor.

Strukturen Konzeption mini|Die „Übergabe des Kaufpreises für die DDR“ im Rahmen der Aktion „Das letzte Geläut“, 1990

Von der FDGÖ unterschied sich die neu gegründete Gruppe nicht nur durch ihren Namen, sondern auch ihre Konzeption. Sie wandte sich von den Mitteln traditioneller Öffentlichkeitsarbeit zugunsten einer politischen Aktionskunst ab, die direkt im öffentlichen Raum stattfinden und diesen für sich beanspruchen sollte, auch unter Einschluss neuartiger Medien wie Video-Theater-Installationen und Medien-Skulpturen. Konzept war es gemäß eigener Definition, dass eine Aktion „im Zusammenwirken verschiedener Kunstdisziplinen wichtige soziale Themen aufgreift und Aspekte beleuchtet, die sonst in der gesellschaftlichen Diskussion untergehen würden“. So verfolgte das Büro also zentral das Ziel der Gegenöffentlichkeit, immer aber auch mit der Option, über das Spektakel zugleich in die massenmediale Öffentlichkeit vorzudringen.

In seinen Erläuterungen zu den Protesten gegen die Jahrestagung von Weltbank und IWF erklärte das Büro (gemeinsam mit der Frankfurter Gruppe):

Neben Jotter und Petersen als Kern der Gruppe wechselten die weiteren Mitglieder des Büros, langjährige Mitarbeiter waren Christian Josef Krafczyk, Elke Hollmann, Trixi Frings, Romi Morana, Marion Ibrahini, Rainer Sauter, Rolf Lorenz und andere. In der Produktion sah sich das Büro einem möglichst egalitären und partizipativen Ansatz verpflichtet und erklärte, es wolle „keinen elitären Kunstbegriff pflegen, sondern bewusst mit der Kreativität, die in allen Menschen steckt, operieren. Es will einen Anlaufpunkt bilden für Ideen und Erfahrungen, eigenständig Aktionen entwerfen und mit Anderen zusammen realisieren; sowie Andere bei der Realisierung ihrer Ideen unterstützen“. Ganz in diesem Sinne tauchte das Büro in einer Studie zur Struktur alternativer Gruppen 1989 in West-Berlin als eine der kooperationsfreudigsten Gruppen der Stadt auf. Auch die Aktionen sollten nicht Unikate im künstlerischen Sinn sein, sondern Modellcharakter haben. Sie zielten darauf ab, als Kopiervorlagen außerhalb der Gruppe wahrgenommen, imitiert und umgestaltet zu werden, in der Hoffnung, dass sich so in der politischen Kultur eine „phantasievolle Militanz“ durchsetze.

Politische Position Das BfM war Teil des linksalternativen Spektrums Berlins, dem eigenen Tätigkeitsfeld getreu insbesondere außerparlamentarischen Strukturen politischer Arbeit. Jotter stand der Alternativen Liste nah, sah ihre parlamentarische Tätigkeit aber zeitweise skeptisch, 1988 diagnostizierte er: „Das völlige Sich-Einlassen auf parlamentarische ‚Notwendigkeiten‘ und die Mitarbeit in allen Gremien hat dermaßen viel Kräfte absorbiert, dass die Beteiligung der AL am Kampf außerhalb der Parlamente immer unmöglicher wird.“ Er riet ihr, zwar an Wahlen teilzunehmen, die Sitze aber anschließend nicht zu besetzen.

Finanzierung mini|Titelblatt des Kataloges der FDGÖ

Die FDGÖ lebte fast ausschließlich von Aufträgen der linksalternativen Szene, hatte allerdings auch Einnahmen aus dem Verkauf von Plakaten oder Postkarten – diese dienten insbesondere der Querfinanzierung der Arbeit für Initiativen, die kein Budget hatten. Trotzdem war es von Anfang an knapp. In einem Rückblick sagte Jotter 1998, dass die Gründung der FDGÖ die Situation verschärfte, „weil es natürlich schwieriger ist, mit vielen davon leben zu können. […] das Geld wurde immer weniger und weniger.“ Problematisch war wohl vor allem, „den Initiativen klar zu machen, wie hoch der Aufwand […] dieser Arbeit überhaupt war“. In einem Interview sagten sie so noch 1987, dass sie es begrüßen würden, wenn „die Kulturwelt von Udo Lindenberg & Co. mal ein Scherflein rüberreichen“ würde.

Das Büro selbst finanzierte sich später durch Spenden und bundesweite Workshops, durch Projekte über die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) und den Etat für Freie Theatergruppen des Berliner Senats, was später bei der CDU zu Protesten führte.

Zentrale Aktionen mini|Aufruf zur B 750-Parade

B 750-Parade 1987 Bereits einen Monat nach der Gründung, am 25. Oktober 1987, trat das Büro erstmals mit einer größeren Aktion öffentlich in Erscheinung. Zur Berliner 750-Jahr-Feier veranstaltete sie auf dem Kurfürstendamm die „B 750-Parade“ mit rund 3000 bis 5000 Teilnehmern sowie 30.000 Zuschauern. Die Parade folgte einem übergroßen Berliner Bären und als in einem Konfettiregen aus Volkszählungsbögen dessen riesiges rosa Geschlechtsteil enthüllt wurde, skandierten die Teilnehmer der Parade den Slogan „Nix geht über Bärenmacke!“

Der Kulturwissenschaftler Gottfried Korff empfand die Veranstaltung als uneindeutig, „eine teils witzig, teils verbissen wirkende «Gegenaktion» zu den offiziellen Schlußfeierlichkeiten“, der Theaterwissenschaftler Martin Maria Kohtes hingegen sprach von einem „alternativen Karnevalszug mit […] beißend ironischen Transparenten und szenischen Einlagen“, „[m]edien- und publikumswirksam inszeniert …“

Tagung von IWF und Weltbank 1988 mini|Transparentaktion des Büros im Vorfeld der IWF-/Weltbank-Tagung 1988

Im September 1988 war das Büro bei den Protesten gegen die Jahrestagung von IWF und Weltbank 1988 in West-Berlin federführend aktiv bei der „Koordination von theatralisch-künstlerischen Aktionen und Herstellung von Öffentlichkeitsmaterialien“ und veranstaltete während der vier Tage des Treffens mit zahlreichen weiteren Initiativen eine ganze Folge von Aktionen und Veranstaltungen.