mini|Stempel der Menslager Lesegesellschaft um 1850 Die Menslager Lesegesellschaft, gegründet 1796, war eine Lesegesellschaft in dem Artländer Kirchspiel Menslage. Sie zählte zu den seltenen Lesegesellschaften, die schichtenübergreifend allen Ständen, allen Berufen und beiden Geschlechtern offenstanden. Die Menslager Lesegesellschaft widerlegt die Vorstellung von einer erst im Lauf des späten 19. Jahrhunderts langsam schwindenden Bildungsferne und das oft düster gezeichnete Bild der Bildungsbedingungen auf dem Lande, wo ausreichend Bildung, ein Kontakt zur Schrift und damit die Entwicklung einer Schrift- und Lesekultur nicht möglich gewesen sein sollen.

Die vergleichsweise materialreich überlieferte Menslager Lesegesellschaft war weder eine im Zeitalter der Aufklärung pädagogisch motivierte Veranstaltung von Honoratioren des ländlich-bäuerlichen Raums zur Bildung des zurückgebliebenen Landvolks noch eine Einrichtung lokaler bürgerlicher Eliten. Sie war auch kein Mittel zur Erlernung oder Verbreitung des Lesens, sondern die gezielte Reaktion auf bereits vorhandene ausdifferenzierte Lesebedürfnisse und damit eine Einrichtung organisierten Lesens, die aus dem Wunsch der Bevölkerung des Artländer Kirchspiels erwuchs, dessen dörfliche Schichten um 1800 nahezu vollständig alphabetisiert waren. Sie lässt sich vielmehr nach dem von Georg Jäger, Alberto Martino und Reinhard Wittmann eingeführten Begriff als „enzyklopädische Lesegesellschaft“ einordnen, die „vornehmlich Sachliteratur für ein aufgeklärtes Publikum bereitstellte.“

Eine weitere Besonderheit war das weitgehende Fehlen von Zeitschriften im Bestand der Menslager Lesegesellschaft, da ansonsten Periodika als wichtigster Grundstock oder sogar Gründungsanlass eingeschätzt werden.

Ungewöhnlich an der Lesegesellschaft ist schließlich ihr vergleichsweise langes Bestehen von rund 100 Jahren.

Hintergrund Lesestoff und Buchproduktion im 17. und 18. Jahrhundert mini|150px|Historische Bücher Im 17. und frühen 18. Jahrhundert wurden Bücher in Westeuropa überwiegend von Gelehrten für Gelehrte in Form von wissenschaftlichen Werken, überwiegend zur Theologie und in lateinischer Sprache verfasst. Ein literarisches Lesepublikum im heutigen Sinn gab es nicht; das Angebot für Laien beschränkte sich auf Wiederholungslektüre, wie religiöse Andachtsliteratur, die sich um 1700 erkennbar ausbreitete sowie Gebrauchsliteratur, wie medizinische oder juristische Bücher und allgemeine Nachschlagewerke. Deutschsprachige Belletristik wurde kaum verlegt.

Dabei blieb die Buchproduktion zunächst weit hinter Verbreitung und Auflagen der Anfang des 17. Jahrhunderts aufkommenden Zeitungen und Zeitschriften zurück, die als erste Massenmedien die Medienlandschaft der Frühen Neuzeit grundlegend veränderten und eine neue Form des Lesens einführten. Das Zeitunglesen drang schnell in breitere Schichten vor, da nicht nur wissenschaftliche Fachblätter, sondern auch Publikumszeitschreiben angeboten wurden.

Das Angebot von mehr Büchern in deutscher Sprache, eine inhaltliche Verschiebung von religiöser zu belletristischer Literatur und eine Veränderung der Buchformate (statt Foliant oder Quart kleinere, handlichere Buchformate) rief ab dem späten 17. Jahrhundert ein verändertes Leseverhalten hervor. Ganz allgemein vollzog sich ein Übergang von intensiver und repetitiver Lektüre, wie Erbauungsliteratur, zu extensiver, unterhaltender oder informativer Lektüre. Zunächst spielten neben Kleinformen, wie Essay oder Traktat, belehrende und informierende Literatur sowie Lexika, Anthologien, Kompendien eine dominierende Rolle, bis zunehmend auch schöngeistige und unterhaltende Literatur angeboten wurden.Daniela Schmitt: Veränderung des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft. GRIN Verlag, 2008, ISBN 3-640-23101-5.

Unterstützt durch das Instrument der Lesegesellschaft entwickelte sich eine bürgerliche Lesekultur. Dabei war das Entstehen von Lesegesellschaften nicht nur auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Zeitalter der Aufklärung oder Einflüsse von Vormärz und Biedermeier zurückzuführen, sondern wurden auch durch diese gleichzeitige Revolutionierung des Buchmarkts erleichtert, die nach einer Stagnation des Buchdrucks im 17. Jahrhundert einen sprunghaften Anstieg der Buchproduktion bewirkte.Engelsing: Der Bürger als Leser. S. 183, 186.

Alphabetisierung, Leseverhalten, Schrift- und Lesekultur 175px|mini|Aus einer ABC-Fibel um 1830 Eine breit angelegte historische Alphabetisierungsforschung, wie sie in anderen Ländern längst durchgeführt wurdeDeutsches Historisches Institut, Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft: Francia. Band 25, Teil 2. Verlag Thorbecke, 1999. S. 175 ff. ISBN 3-7995-7253-8, steht für das deutsche Sprachgebiet noch aus. Alphabetisierung wird in der deutschsprachigen Forschung begrifflich meist eng gefasst und auf den elementaren Zugang zu der jeweiligen Schrift und den Gebrauch der Schriftzeichen bezogen. Dementsprechend werden bei der Erforschung des Alphabetisierungsgrads überwiegend seriell verfügbare Quellen, wie Unterschriften in Heiratsregistern, ausgewertet, die seit rund 200 Jahren, nämlich seit Einführung der Zivilstandsregister und der Standesämter verfügbar sind.

Das Lesen (und Verstehen) von Literatur, also die Entwicklung einer Lesekultur, setzt indes einen deutlich fortgeschrittenen Alphabetisierungsgrad und das Vorliegen eines gewissen Maßes von Allgemeinwissen und Bildung voraus. Auch daher erwuchs seit dem frühen 18. Jahrhundert ein Bemühen um eine deutliche Verbesserung des Elementarschulwesens, allerdings auf bestimmte Regionen beschränkt. Unter anderem war ein gewisser Wohlstand der Region erforderlich, die den Unterhalt von Schulen und die Beschäftigung von Lehrern finanziell ermöglichte und der Bevölkerung erlaubte, ihre Kinder nicht vorrangig als unabkömmliche Arbeitskräfte zu sehen; zum anderen förderte der Protestantismus die Alphabetisierung und Lesekultur – Voraussetzungen, die das protestantische Artland mit seiner wohlhabenden bäuerlichen Kultur erfüllte.

In der Forschung galt lange eine enge Verknüpfung von Alphabetisierungsgrad und gesellschaftlich-ökonomischem Fortschritt bei einem Gegensatz von bildungsfördernder Stadt und bildungsfernem Land. Die neuere Forschung hat dieses Modell zunehmend infrage gestellt.Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann (Hrsg.): Sprachgeschichte: Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Verlag Walter de Gruyter, 2003, ISBN 3-11-015883-3, S. 2404ff. Doch auch Reinhard Wittmann geht in seiner Geschichte des deutschen Buchhandels weiter von den Zahlen von Engelsing und R. Schenda aus, wonach „bis 1770 … die Zahl der Lesekundigen auf 15 Prozent gestiegen, bis 1800 weiter auf 25 Prozent , 1840 seien 40 Prozent und 1870 bereits 75 Prozent erreicht gewesen“, gesteht aber auch ein, dass diesen Zahlen kaum empirische Daten zugrunde lägen.Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels. S. 189. Gleichwohl zitiert er einen „schwäbischen Aufklärungspfarrer“, der 1793 resümiert haben soll: „Kaum lernt das Kind buchstabiren, nie etwas mit Verstand lesen, kaum seinen Namen schreiben, niemals aus seinem Kopf etwas zu Papier bringen, es stammelt seinen Katechismus, ohne etwas vom Inhalt zu wissen … dabei bleibts in seinem Leben.“

links|mini|Lesende Artländer Bäuerin um 1816 Der Historiker Peter Moraw geht in seiner Neuen deutsche Geschichte von gar nicht unähnlichen Zahlen aus, konstatiert aber auch: „Schaut man auf einzelne Ortschaften, gelangt man zu verblüffenden Beobachtungen. In der Osnabrücker Kirchengemeinde Menslage konnten um 1800 nahezu alle Landbewohner lesen. Im pietistisch geprägten Laichingen auf der Schwäbischen Alb besaßen Ende des 18. Jahrhunderts 94,5 Prozent aller Familien vom ärmsten Weber bis zum reichsten Bauern mehr als zwei Bücher.“Peter Moraw: Neue deutsche Geschichte. Band 7. C.H.Beck, 1995, ISBN 3-406-30819-8, S. 214–215.

Die wenigen bislang vorliegenden Regionalstudien zur Alphabetisierung legen nach Anne ConradAnne Conrad (Hrsg.): Das Volk im Visier der Aufklärung: Studien zur Popularisierung der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert. Band 1 von Veröffentlichungen des „Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte“. LIT Verlag, Münster 1998, ISBN 3-8258-3100-0, S. 13. die Vermutung nahe, dass die Lesefähigkeit weiter verbreitet war, als bisher angenommen wurde. Auch hat sich zunehmend die Ansicht durchgesetzt, dass es zur Rezeption von Schriften vor allem auf die Lesemotivation ankam.Holger Böning: Der gemeine Mann als Adressat aufklärerischen Gedankengutes. In: Das achtzehnte Jahrhundert. Band 1. Wallstein Verlag, 1996, ISBN 3-89244-221-5, S. 65.

Zu denselben Ergebnissen kommt Karl-Heinz Ziessow, der in seiner Studie über das Artländer Kirchspiel Menslage unter anderem die Zivilstandsregister aus der französischen Zeit ausgewertet hat, die für die Zeit von 1808 bis zum Herbst 1813 vorliegen. Danach bietet Menslage das Erscheinungsbild eines um 1810 mit sehr hoher Signierfähigkeit ausgestatteten Kirchspiels: 84,35 Prozent der um 1810 rund 2 870 Einwohner beurkundeten den Akt der Eheschließung mit ihrer eigenen Unterschrift. Auch der Geschlechterabstand lag in Menslage mit gut 81 Prozent signierfähiger Frauen in einem für andere Räume Mitteleuropas untypisch engen Abstand.Anne Conrad (Hrsg.): Das Volk im Visier der Aufklärung: Studien zur Popularisierung der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert. LIT Verlag, Münster 1998, ISBN 3-8258-3100-0, S. 50.

Lesegesellschaftsforschung mini|Lesekabinett von Heinrich Lukas Arnold (1815–?) Bedingt durch die Quellenlage konzentriert sich die Lesegesellschaftsforschung auf die Analyse städtischer Lesegesellschaften und speziell auf die Schicht des gehobenen Stadtbürgertums. Ländliche Lesegesellschaften sind deutlich seltener untersucht worden und die wissenschaftliche Position folgt dabei oft Irene Jentsch, die in ihrer Dissertation aus den 1930er Jahren die Ansicht vertritt, ländliche Lesegesellschaften seien hierarchisch strukturierte Veranstaltungen lokaler Honoratioren zur begrenzten Aufklärung der ungebildeten dörflichen Bevölkerung und mehr „Vorlese-“ denn Lesegesellschaften gewesen.Irene Jentsch: Zur Geschichte des Zeitungslesens in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts. Eine typische Formulierung dieser Position stammt von Felicitas Marwinksi, die noch 1981 schreibt:

Die bäuerlichen LGG waren Ende des 18. Jahrhunderts meist nur von kurzer Dauer. Die Gründe sind darin zu sehen, daß es nur wenige, speziell für das Bildungsniveau der Landbevölkerung geeignete Schriften gab (wie Rudolph Zacharias Beckers ‚Not- und Hülfsbüchlein‘), daß das ländliche Schulwesen noch zu unterentwickelt war und daß das Interesse unter den Bauern großen Schwankungen unterworfen war. Außerdem orientierte sich die Aufklärungsbewegung zu dieser Zeit mehr auf die städtische Intelligenz.Felicitas Marvinski: Die Frankenhäuser Lesegesellschaft von 1795. In: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie. 82 (1981), Heft 2, S. 63–83.