mini|Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, um 1900 Die Psychoanalyse (von psychḗ ‚Atem, Hauch, Seele‘, und ἀνάλυσις análysis ‚Zerlegung‘, im Sinne von „Untersuchung der Seele“) ist eine psychologische Theorie, Kulturtheorie, psychotherapeutische Behandlungsform und Methode zur Selbsterfahrung, die um 1890 vom Wiener Arzt Sigmund Freud begründet wurde. Aus der Psychoanalyse haben sich die verschiedenen Schulen der Tiefenpsychologie entwickelt.

Der Begriff Psychoanalyse steht sowohl für das auf Freuds Theorien über die Psychodynamik des Unbewussten gegründete Beschreibungs- und Erklärungsmodell der menschlichen Psyche als auch für die analytische Psychotherapie und für die psychoanalytische Methodik, die sich auch mit der Untersuchung kultureller Phänomene beschäftigt. In allen drei Aspekten wird die Psychoanalyse bis heute von Klinikern und Forschern weiterentwickelt und verändert. So ist die Psychoanalyse als medizinisch-psychologische DisziplinMichael Laier: Psychoanalyse. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1193–1195. heute durch einen theoretischen, methodischen und therapeutischen Pluralismus charakterisiert.

Verschiedene Studien und Metaanalysen zeigen, dass die Psychoanalyse effektiv und wirksam in der Behandlung psychischer Störungen ist.

Definitionen Entsprechend den Definitionen, die Freud in dem 1923 von Max Marcuse herausgegebenen Handwörterbuch der Sexualwissenschaft formulierte, unterscheidet man die Psychoanalyse als Theorie mit Aussagen über Entwicklung, Struktur und Funktion der menschlichen Psyche, als Methode zur Untersuchung seelischer Vorgänge und Krankheiten und als ein therapeutisches Verfahren.

Psychoanalyse als Theorie Die Psychoanalyse ist in der Hauptsache eine Theorie über unbewusste, psychische Vorgänge. Nach Freud beschränkt sie sich nicht auf das Individuum, sondern hat darüber hinaus zum Ziel, eine umfassende Konzeption des Mentalen und der Körperlichkeit auch in den soziokulturellen Bereichen zu erarbeiten. Hierfür fasste er in seiner Metapsychologie die grundlegenden Elemente der psychoanalytischen Forschung zusammen: das Kriterium der Dynamik, das der Topik und das der Ökonomie.

Diese Kriterien liegen insbesondere Freuds Modell der Psyche zugrunde, da sich dessen drei Instanzen (Es, Ich und Über-Ich) funktional wie auch topisch ergänzen und die Gesundheit des gesamten Organismus von der einwandfreien Ökonomie der triebenergetischen Dynamik charakterisiert ist. Hierbei lässt sich der Zustand der Gesundheit nach Auffassung des Autors „eben nicht anders beschreiben als metapsychologisch“,Sigmund Freud: Die endliche und die unendliche Analyse. (1937) In: Gesammelte Werke. S. Fischer, Band 16, S. 57–99. womit also gemeint ist, dass das Modell der Psyche die genannten Bedingungen sowohl logisch als auch empirisch gesichert integriert. Evolutionstheoretische Erwägungen und Forschungsbefunde bilden das Fundament der metapsychologischen Definition des Begriffes Gesundheit. Neben der reinen Physiologie und dem Vermögen zur Erschaffung von Kulturen, umfasst er, ausgehend von den hypothetisch angeborenen Verhaltensgrundlagen, auch die Theorie zur psychischen Entwicklung des Homo sapiens als die sozial und mental am höchsten entwickelte Lebensform in der Ordnung der Primaten.

In der Metapsychologie sah Freud „das äußerste Ziel der Psychoanalyse“, jedoch als eines, dessen Erreichung zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht möglich war: Die damaligen Versuche blieben „ein Torso, ich brach nach wenigen Abhandlungen (Triebe und Triebschicksale – Verdrängung – Das Unbewußte – Trauer und Melancholie usw.) ab und tat gewiß wohl daran, denn die Zeit für solche theoretische Festlegung war noch nicht gekommen“. Dieser Begründung zum Abbruch der Metapsychologie liegt die Feststellung wichtiger damals noch fehlender wissenschaftlicher Entwicklungen zugrunde. Weder existierten fundierte Beschreibungen zum Verhalten unserer primatischen Verwandten, noch bot die zeitgenössische Neurologie Genaueres über die Funktionen der verschiedenen Bereiche des menschlichen Gehirns. Die Erkenntnisse beispielsweise, dass sich Persönlichkeitsvorstellungen und Planung des sozialen Verhaltens als höchste Formen des bewussten Denkens im Frontbereich des Neocortex entwickeln, der limbische Gehirnbereich darunter hingegen neben anderem für das dauerhafte Einprägen der Erfahrungen zuständig ist (funktionaler Aspekt des Über-Ichs) stellen wissenschaftliche Errungenschaften erst des 21. Jahrhunderts dar und werden u. a. von der Neuropsychoanalyse in Freuds Modell der Seele integriert. auf: neuro-psa.org.uk Derselben postfreudschen Forschungsepoche entstammt die Entdeckung, dass in der Lebensform unserer nächsten evolutionären Verwandten kein überstarker Urvater mit seinem Harem existiert (wie der Autor erstmals in Totem und Tabu postulierte und in Massenpsychologie und Ich-Analyse einer Nachbeurteilung unterzieht), sondern zwei Gruppen der erwachsenen Geschlechter (vgl. Der Schimpansenkrieg von Gombe).

Zum theoretisch zentralen Bereich der Psychoanalyse gehört schließlich noch die Annahme, dass die Funktionen der drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich (Sitz der angeborenen Bedürfnisse, des ihrer Stillung dienenden Beurteilens der Umwelt und der durch das Handeln anfallenden Erfahrungen) nicht genau mit dem sog. Un-, Vor- und Bewusstsein übereinstimmen. So kann ein Bedürfnis des Es, das dem Ich einmal innerlich wahrnehmbar und bewusst war, infolge traumatischer Erfahrungen ins Unbewusste verlagert oder zurückgedrängt werden. Diesen energetisch aufwändigen, daher auch vom Kriterium der Ökonomie erfassten Vorgang bezeichnete Freud als „Verdrängung“.Sigmund Freud: Die Verdrängung. In: Das Unbewußte. Schriften zur Psychoanalyse. S. Fischer Verlag, 1963, S. 69, zuerst erschienen in: Zeitschrift für Psychoanalyse. 1915, Band III; Gesammelte Werke. S. Fischer, Band X. Dieses Phänomen geht häufig einher mit dem Beginn eines neurotischen Leidens, daher existiert an diesem Punkt der psychoanalytischen Theorien ein möglicher Übergang zu ihrer Anwendung als Therapie. In der Aussage „Wo Es war, soll Ich werden“ fasste Freud deren eigentliches Ansinnen zusammen: die Aufhebung der Verdrängung, indem es dem Ich gelingt, sich die betroffenen Es-Anteile wieder bewusst zu machen. Die dafür aufzubringenden Anstrengungen verglich er mit einem seinerzeit berühmten zivilisatorischen Großprojekt: die Trockenlegung der Zuidersee.

Die Vollendung der Metapsychologie stellt einen unverzichtbaren Bestandteil dieses Vorhabens dar. Ohne Primatenethologie – deren zeitgenössisches Fehlen Freud noch einmal in Der Mann Moses konstatierte – existiert keine im Sinne der Evolutionstheorie fundierte Option, das von ihm zur Diskussion gestellte Zusammenlebensmodell der Darwin’schen Urhorde in einem ersten Schritt zu überprüfen, ggf. zu korrigieren – somit auch keine Möglichkeit, die Verschiedenheit der dem Es angeborener Maßen innewohnenden Bedürfnisse naturwissenschaftlich zu präzisieren (etwa den Sozialitätsinstinkt neben der körperlichen Lust und der eher geistig angelegten Wissbegierde). Die Notwendigkeit, den von Freud hinterlegten Torso zu einem vollständigen Modell der seelischen Gesundheit zu entwickeln, erhellt sich insbesondere aus den Anforderungen, die die Diagnostik an den Analytiker stellt, denn ohne solche dem Ich bewusst zugänglichen Inhalte sind ihm Beschaffenheit und Herkunft der pathogenen Abweichungen nicht in der ganzen wünschenswerten Deutlichkeit zu erkennen. Nichtsdestotrotz leisten Mitteilungen und Auseinandersetzungen dieser Art auch auf Seiten der Klienten einen nicht unerheblichen Beitrag zur Wiedererstarkung des Ichs. Siehe auch den Freudschen „Primat des Intellekts“ (im Dienste des Es).

Psychoanalytiker der auf Freud folgenden Generationen haben die Psychoanalyse in vielfältige Richtungen weiterentwickelt, teils mit seinen metapsychologischen Grundanschauungen übereinstimmend, teils weit von ihnen abweichend. Diese stetige Differenzierung der psychoanalytischen Theorie und Methodik hat – ergänzt um integrative Bemühungen – zur Entstehung einer Vielzahl von psychoanalytischen Schulen mit unterschiedlichen Konzepten und Schwerpunkten geführt. Dazu zählen z. B. die Ich-Psychologie, die Objektbeziehungstheorie (u. a. Melanie Klein, Donald Winnicott, Wilfred Bion), die Selbstpsychologie (Heinz Kohut), die Relationale und Intersubjektive Schule der Psychoanalyse sowie die Strukturalistische oder Strukturale Psychoanalyse (Jacques Lacan). (Siehe auch Weiterentwicklung der Topik.)

Psychoanalyse als Methode Die Psychoanalyse als psychologisches Theoriegebäude hat außerdem Methoden zur Untersuchung des menschlichen Erlebens, Denkens und Verhaltens – sowohl einzelner Menschen (z. B. Entwicklungspsychologie, Psychopathologie) als auch von Gruppen (Massenpsychologie) und Kulturen (Ethnopsychoanalyse) – hervorgebracht. Leitidee ist, dass sich hinter der wahrnehmbaren „Oberfläche“ von Verhaltensweisen (z. B. eines individuellen Verhaltens), aber auch hinter Normen und Werten einer kulturellen Gemeinschaft oft unbewusste, dem Ich nicht ohne Weiteres bewusst zugängliche Inhalte und Bedeutungen verbergen, die sich mit Hilfe der psychoanalytischen Konzepte und Methoden jedoch aufdecken lassen und verständlich werden.

In den Jahrzehnten nach Freud haben andere Psychoanalytiker weitere Methoden entwickelt, so z. B. zur Analyse der Persönlichkeitsstruktur (u. a. Arbeitskreis OPD) oder der Erzählstrukturen (z. B. Boothe: Erzählanalyse JAKOB). Auch Märchen, Mythen und Werke der bildenden Kunst, der Literatur und des Films wurden psychoanalytisch interpretiert.Z. B. Bruno Bettelheim: The Uses of Enchantment, The Meaning and Importance of Fairy Tales. New York 1976. (deutsch: Kinder brauchen Märchen. ISBN 3-423-08495-2)

Psychoanalyse als Therapie mini|Behandlungscouch von Sigmund Freud im Freud-Museum (London) Im engeren Sinn ist die Psychoanalyse ein psychotherapeutisches Behandlungsverfahren. Im Unterschied zu den übenden bzw. trainierenden Verfahren (wie Verhaltenstherapie) zählt sie zu den aufdeckenden Therapien, die versuchen, dem Patienten ein vertieftes Verständnis für die ursächlichen, ihm bislang meist unbewussten Zusammenhänge seines Leidens zu vermitteln. Es wäre jedoch ein Missverständnis, im Gewinn solcher Einsichten das eigentliche Ziel einer psychoanalytischen Therapie zu vermuten. Vielmehr wird dem Klienten eine weitgehende Umstrukturierung seiner Persönlichkeit insbesondere in denjenigen Bereichen ihres Gefühlslebens und zwischenmenschlichen Verhaltens anempfohlen, die symptomatisch ins Leiden involviert waren und ohne die diagnostisch empfohlenen Änderungen seines Lebenswandels weiterhin beitragen würden zur Psychopathologie des Alltags. mini|Die Psychoanalytikerin Melanie Klein beim Notieren