mini|hochkant=1.5|Illustration zu einer spätmittelalterlichen Ausgabe von Augustinus’ Gottesstaat, entstanden um 1475: Während der Plünderung Roms durch die Westgoten werden liturgische Gefäße in Sicherheit gebracht.

Die Plünderung Roms durch überwiegend westgotische Krieger unter Alarich erfolgte vom 24. bis zum 27. August 410. Dies war die erste Einnahme Roms seit dem Einfall der Kelten rund 800 Jahre zuvor. Das Ereignis bedeutete einen auch von Zeitgenossen wie Hieronymus, Augustinus und Orosius intensiv diskutierten Einschnitt in der Geschichte Roms. Das Geschehen erschütterte das Vertrauen in die weströmische Regierung tief und die Plünderung beschleunigte den Abstieg der Stadt Rom, die bereits seit fast einem Jahrhundert keine ständige Kaiserresidenz mehr war.

Obwohl kaum gesicherte Nachrichten über den Verlauf der Ereignisse vorliegen, beschrieben zahlreiche Autoren die Westgoten im Anschluss an Augustinus und Orosius als vergleichsweise gesittete Plünderer, die Roms heilige Stätten schonten, das Kirchenasyl respektierten und frommen Römerinnen kein Leid zufügten. Allerdings betonten einige Historiker, darunter Edward Gibbon und Ferdinand Gregorovius, dass die Bewohner der Stadt die Eroberung Roms durch Alarich sehr wohl als Katastrophe erlebt haben dürften.

Im Gegensatz zu früher geläufigen Ansichten betonen viele heutige Althistoriker wie Mischa Meier, Michael Kulikowski, Guy Halsall oder Henning Börm, dass es sich bei den Ereignissen nicht um eine Eroberung Roms durch eingefallene Barbaren, sondern vielmehr um eine systematische Plünderung durch eine meuternde Söldnerarmee im Kontext eines Bürgerkrieges gehandelt habe.

Geschichte

Goten auf römischem Gebiet

mini|Kaiser Theodosius I. (Münzbildnis)

Zu Zusammenstößen zwischen Römern und Goten kam es erstmals im Jahr 238, während der Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Kaiser Claudius Gothicus gelang es im Jahr 269, Goten, die nach Illyricum und Pannonien eingedrungen waren und sich auf dem Peloponnes festgesetzt hatten, durch den Sieg bei Naissus für ein Jahrhundert aus dem Reich zu verdrängen. Einige Gruppen, wie die Terwingen, siedelten sich in Dakien an, einer Provinz, die Rom 271 aufgegeben hatte.Zu den Terwingen

Erst seitdem terwingische Goten unter Fritigern im Jahr 376 die Donau überschritten hatten,Orosius 7,33,9 f.; Jordanes, Getica 131 f. Der Name Fritigern findet sich bei Ammianus Marcellinus, zuerst in Ammian 31,4,8. befanden sich ständig Goten auf Reichsgebiet. Aufgrund von Versorgungsproblemen wandten sich die Neuankömmlinge bald gegen die Römer und schlugen diese 378 in der Schlacht von Adrianopel vernichtend.Zur Schlacht Ammian 31,12 f. Theodosius I., Nachfolger des in der Schlacht gefallenen Kaisers Valens, schloss 382 einen Vertrag (foedus) mit den Goten und gestand ihnen – im Gegenzug für militärische Unterstützung – Siedlungsgebiete südlich der unteren Donau zu. Sie übernahmen im Gegenzug als Foederaten den Grenzschutz.

Im Jahr 394 kämpften 20.000 gotische Krieger als Foederaten in der Schlacht am Frigidus an der Seite des Theodosius unter sehr hohen Verlusten gegen den Usurpator Eugenius.Jordanes, Getica 145; Orosius 7,35,19. Befehligt wurden sie von Alarich,Zosimos 5,5,4. der spätestens seit dem Jahr 395 den später als Westgoten bezeichneten Teil der Goten anführte.

mini|Ein in Ravenna entstandenes Medaillon des Honorius, zu dem ein weiteres der Galla Placidia gehört (kurz nach 425, entdeckt 1715)

Nachdem Theodosius Anfang 395 gestorben und durch seine jungen Söhne Arcadius im Osten und Honorius im Westen abgelöst worden war, entließ man die gotischen Krieger ohne angemessene Entschädigung. Daraufhin zog Alarich mit seinen Truppen plündernd durch den Balkan zur Hauptstadt Konstantinopel, ließ sich aber durch Zahlungen des Prätorianerpräfekten Rufinus zum Abzug bewegen. Die von Stilicho, der als Vormund des Honorius das Westreich regierte, angebotene Hilfe schlug Kaiser Arcadius aus, da er dies als Angriff Stilichos auf seinen Reichsteil wertete. Stattdessen musste Stilicho die oströmischen Truppen unter seinem Kommando wieder abgeben. Alarich konnte daher ungehindert durch Griechenland ziehen und Athen plündern,Philostorg 12,2. Vgl. Hieronymus, Briefe 60,16. bis Stilicho im Jahr 397 erneut eingriff und die Goten in der Nähe von Olympia stellte. Arcadius reagierte auf diese Einmischung aus dem Westen, indem er Stilicho zum Staatsfeind erklären ließ und Alarich zum römischen Heermeister erhob. Seine Krieger durften sich in Dakien und Makedonien niederlassen und wurden wohl von den Römern versorgt. Alarich ging es darum, seinen Männern ein gesichertes Einkommen und sich selbst eine Position im römischen Militär zu verschaffen.

Da das Ostreich nach dem Sturz des einflussreichen kaiserlichen Beraters Eutropius im Jahr 399 und dem Putschversuch des Goten Gainas jedoch zu keinen weiteren Verhandlungen bereit war, wandte sich Alarich im Jahr 401 zum ersten Mal nach Italien.Chronica minora, Band 1, S. 299. Auch Stilicho zeigte kein Entgegenkommen und schlug Alarich 402 in Schlachten bei Pollentia und Verona.Orosius 7,37,2; Chronica minora, Band 1, S. 465. Die Goten zogen sich daraufhin für mehrere Jahre auf den Balkan zurück. Trotz dieser Erfolge fühlte sich Honorius in Mailand nicht mehr sicher und verlegte seine Residenz Ende 402 in das besser gegen Angriffe geschützte Ravenna.Spätestens am 6. Dezember: Codex Theodosianus 7,13,15. 405 akzeptierte er sogar den Heermeistertitel, den Alarich von Arcadius erhalten hatte. Von nun an war Alarich Heermeister des weströmischen Reiches.

Der Arianer Alarich war jedoch nicht der einzige gotische Anführer, der auf römischem Territorium operierte. Ende 405 fiel der heidnische Warlord Radagaisus in Italien ein. Mit der Unterstützung gotischer Foederaten unter Sarus wurde er im Sommer 406 von Stilicho in der Schlacht bei Faesulae besiegt und hingerichtet.Orosius 7,37,4 ff.; Chronica minora, Band 1, S. 299, 652; Band 2, S. 68. Die Atempause, die Stilicho dem Westreich damit verschafft hatte, währte aber nur kurz. Am letzten Tag des Jahres 406 überschritten germanische Krieger in großer Zahl den Rhein und verheerten das römische Gallien.Orosius 7,40,3; Chronica minora, Band 1, S. 299 (31. Dezember), 465 (30. Dezember).

Alarich vor Rom

Stilicho, der nach dem Sieg über Radagaisus einen Schlag gegen das Ostreich geplant und bereits den neuen weströmischen Heermeister Alarich nach Epirus vorausgeschickt hatte, musste in Italien bleiben. Dass er Alarich dennoch die für den Vorstoß nach Epirus versprochenen 4.000 Pfund Gold bezahlte, nahmen ihm der Senat und wohl auch Honorius übel. Als nach dem Tod des Arcadius im Sommer 408 eine Meuterei gegen Stilicho ausbrach, wandte sich Kaiser Honorius gegen seinen Feldherrn. Ein Offizier namens Heraclianus enthauptete Stilicho, der sich in eine Kirche Ravennas geflüchtet hatte.Zosimos 5,32 ff.; Chronica minora, Band 1, S. 300.

mini|Siliqua des Priscus Attalus, den Alarich zum Gegenkaiser erheben und nach gut einem halben Jahr wieder absetzen ließ

Nach Stilichos Tod und den anschließenden Ausschreitungen, denen zahlreiche Soldaten germanischer Herkunft und deren Angehörige zum Opfer fielen, schlossen sich viele seiner Anhänger Alarich an. Dennoch zeigte sich dieser zunächst zum Frieden bereit. Als Honorius nicht auf sein Angebot einging, belagerte er Rom, das zwar nicht mehr kaiserliche Residenzstadt, aber immer noch die größte Stadt des Reiches war. Erst nachdem er 5.000 Pfund Gold, 30.000 Pfund Silber und weitere Wertgegenstände erhalten hatte, zog er Ende 408 wieder ab.Zosimos 5,41,4. Nun war zwar auch Honorius an Frieden interessiert, Alarichs Bedingungen – Ernennung zum obersten Reichsfeldherrn (magister utriusque militiae) und Siedlungsgebiete für seine Krieger – wollte er jedoch nicht akzeptieren. Auch als Alarich seine Forderungen reduzierte, blieb der Kaiser unnachgiebig.Zosimos 5,46 ff.

Alarich belagerte Rom daraufhin Ende 409 erneut. Nachdem er in die Stadt gelassen worden war, ließ er den Stadtpräfekten Priscus Attalus vom Senat zum Gegenkaiser erheben. Attalus verlieh Alarich zwar wie gewünscht den Titel des magister utriusque militiae, wollte den Goten aber nicht die Provinz Africa – die Kornkammer des Westreichs – als Siedlungsgebiet überlassen. Heraclianus, der inzwischen als comes Africae die Truppen der Provinz befehligte und sich gegenüber Honorius loyal verhielt, stoppte unterdessen die Getreidelieferungen nach Italien. Da sich Attalus als nutzlos erwies, wurde er deshalb Anfang Juli 410 wieder abgesetzt.Zosimos 6,7–6,10; Sozomenos 9,8; Philostorg 12,3. Neuerliche Verhandlungen zwischen Honorius und Alarich wurden durch Sarus – vielleicht war er ein alter Rivale Alarichs – hintertrieben, der den vor Ravenna wartenden Gotenführer angriff.Sozomenos 9,9; Philostorg 12,3. Dass Sarus ein alter Rivale Alarichs aus den 390er Jahren sein könnte, vermutet etwa Heather, Untergang, S. 268.

Alarichs Heer plündert Rom

mini|Die Porta Salaria, durch die die Goten in die Stadt eindrangen, in einer Darstellung des 18. Jahrhunderts. Das Tor wurde 1871 abgerissen.

Alarich, dessen Krieger bereits hungerten, war unter diesen Umständen nicht bereit, weiter zu verhandeln, und kehrte nach Rom zurück, um die Stadt ein drittes Mal zu belagern. Wie bereits 409 wurde ihm schließlich Einlass gewährt: Am 24. August 410Chronica minora, Band 1, S. 466. wurden seine Männer kampflos in die Stadt gelassen. Angeblich wurde von einer Aristokratin namens Proba oder von zu diesem Zweck eingeschleusten Sklaven die Porta Salaria geöffnet, durch die Alarichs Truppen in die Stadt strömten.Sozomenos 9,9 spricht allgemein von Verrat; Prokop, Bellum Vandalicum 1,2 bietet beide Varianten: 300 als Sklaven eingeschleuste junge Männer (1,2,15 ff.) oder die Aristokratin Proba (1,2,27). Es ist aber gut möglich, dass dies spätere Erfindungen sind, die die Katastrophe erklären sollten. Denn anders als im Jahr zuvor verweigerte Alarich seinen Männern diesmal nicht das Beutemachen. Drei Tage lang plünderten sie die „ewige Stadt“.

Die zahlreichen Kirchen und die Menschen, die sich darin aufhielten, wurden von den Kriegern geschont. Der Quellenwert der Anekdoten, mit denen verschiedene spätantike Autoren zeigen wollten, dass Alarichs Goten vergleichsweise gesittet plünderten, ist aber nach Ansicht mancher Forscher begrenzt.Orosius 7,39 f.; Sozomenos 9,9 f.; Sokrates Scholastikos 7,10; Jordanes, Getica 156. Vgl. Mischa Meier: Alarich und die Eroberung Roms im Jahr 410. In: Ders. (Hrsg.): Sie schufen Europa. München 2007, ISBN 978-3-406-55500-8, S. 57–58; Michael Kulikowski: Die Goten vor Rom. Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-21598-0, S. 181–182; Thomas S. Burns: Barbarians within the Gates of Rome. Bloomington 1994, ISBN 0-253-31288-4, S. 244. Als Alarichs Truppen Rom am 27. August wieder verließen, blieb wohl kaum etwas von Wert in der Stadt zurück.Zur Größe der Beute vgl. Herwig Wolfram: Die Goten. München 2009, ISBN 978-3-406-33733-8, S. 165; Bruno Bleckmann: Die Germanen. München 2009, ISBN 978-3-406-58476-3, S. 242; Mischa Meier: Alarich und die Eroberung Roms im Jahr 410. In: Ders. (Hrsg.): Sie schufen Europa. München 2007, ISBN 978-3-406-55500-8, S. 53. Auch zahlreiche hochrangige Persönlichkeiten, darunter Galla Placidia, die Halbschwester des Honorius,Orosius 7,40,2; Chronica minora, Band 2, S. 70; Olympiodor, Fragmente 6 Blockley. Vgl. Alexander Demandt: Die Spätantike. München 2007, ISBN 978-3-406-55993-8, S. 178 mit Anm. 75. Dagegen Herwig Wolfram: Die Goten. München 2009, ISBN 978-3-406-33733-8, S. 165: „Allerdings dürfte die römische Prinzessin bereits vor 410 zu den Goten gekommen sein“. mussten die Stadt mit Alarich verlassen.