mini|Topographische Karte. Beim Vergleich mit der unteren Karte erkennt man die bevorzugte Lage der Bilderhöhlen: an den Ausläufern von Gebirgen mit mächtigen Kalkformationen (Höhlenbildung), am Rand von Flusstälern und an Küsten (günstig für Jagd und Fischfang). mini|Archäologische Karte der frankokantabrischen Bilderhöhlen.Rote Punkte: die wichtigsten Höhlen.Weiß: ungefähre Ausdehnung der ständigen Vereisung.Hellgrün: ungefähre Ausdehnung der jetzt unter Wasser liegenden Gebiete. mini|Die Lagekarte des Aurignacien zeigt die frühe Kunstentfaltung in Europa (37.000–28.000 BP)

Als frankokantabrische Höhlenkunst wird ein Kunstkreis des Jungpaläolithikums bezeichnet, dessen Verbreitungsgebiet in Südfrankreich und Nordspanien liegt. In den dortigen Höhlen entstanden im Laufe von ca. 20.000 Jahren (etwa 30.000 bis 10.000 BP) Malereien, Reliefs und Zeichnungen, vor allem an den Wänden (daher auch Parietalkunst genannt). Diese eiszeitliche Kunst ist oft von hoher künstlerischer Qualität. Außerdem wurden gemalte, plastische, gravierte und geritzte Werke der mobilen Kunst gefunden.

Allein in Frankreich sind bisher rund 150 Höhlen und Abris mit Höhlenkunst entdeckt worden (Stand 2000),Lorblanchet, S. 56. die Zahl steigt jedoch ständig. Insgesamt fand man bis 2014 ca. 350 Bilderhöhlen im gesamten frankokantabrischen Raum.

Dieser Artikel besteht aus einem allgemeinen Teil und einem Listenteil. In den Listen werden stichwortartig die wichtigsten Daten und besondere Merkmale der Höhlen angegeben.

Begriff Der Begriff wurde seinerzeit zur Abgrenzung von der mesolithischen spanischen Levante-Kunst geprägt, also Felsmalereien und -gravuren außerhalb von Höhlen im östlichen Spanien.Ries, S. 34; Leroi-Gourhan: Prähistorische Kunst, 1975, S. 425. Die Bezeichnung wurde dann vorübergehend auf ähnliche Kunstwerke ganz Europas ausgedehnt. In Südfrankreich und Nordspanien liegen zwar die weitaus ältesten Fundstellen der Höhlenkunst weltweit, die Eigenständigkeit der anderen europäischen Höhlenkunst – etwa in Skandinavien, Süddeutschland, Osteuropa und auf dem Balkan – ist aber inzwischen erkannt worden. Man verwendet den Begriff nun einfach, um die erstaunliche regionale Häufung der jungpaläolithischen Höhlenkunst in Südfrankreich und Nordspanien zu bezeichnen.Lexikon der Kunst. Bd. 2, S. 571. 90 Prozent der Höhlenmalereien konzentrieren sich auf dieses Gebiet.

Die Bezeichnung frankokantabrisch ist eigentlich nicht exakt, weil die nordspanischen Höhlen nicht alle in Kantabrien liegen, sondern auch weiter westlich in Asturien und weiter östlich im spanischen Baskenland. In Kantabrien befinden sich rund die Hälfte der nordspanischen Bilderhöhlen, darunter eine der schönsten und berühmtesten: die Höhle von Altamira.

Bedeutung Der belgische Religionshistoriker Julien Ries (1920–2013) notierte: „Das Entstehen einer Felskunst in der Dunkelheit tiefer Höhlen während der Kultur des Magdalénien stellt eine in der Geschichte einzigartige Tatsache dar […] Seit einem Jahrhundert versuchen die Prähistoriker in das Geheimnis dieser Kulthöhlen und ihres ikonographischen und künstlerischen Reichtums einzudringen“.Ries, S. 35, 41. Die Qualität dieser Kunst ist so hoch, dass man sie als ersten Höhepunkt menschlichen Kunstschaffens betrachtet. Die frühen Entdecker nannten etwa die Höhle von Niaux das „Versailles der Prähistorie“ und die Höhle von Lascaux die „Sixtinische Kapelle des Paläolithikums“.

Zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen in Frankreich seit 1979 die Höhlen des Vézère-Tals, darunter die Höhle von Lascaux. In Spanien wurde im Jahr 1985 die Höhle von Altamira zum Weltkulturerbe erklärt und im Jahr 2008 weitere 17 Höhlen (siehe Paläolithische Höhlenmalerei im Norden Spaniens).

Die Motive für die jahrtausendelange Ausgestaltung dieser Höhlen in ihren meist schwer zugänglichen, tiefen, dunklen und nicht bewohnten Bereichen werden in der religiösen Vorstellungswelt der damaligen Menschen vermutet (siehe hierzu prähistorischer Schamanismus). Emmanuel Anati (* 1930) sieht in dieser Fels- und Höhlenkunst den Ursprung des begrifflichen Denkens.Anati, S. 228–239. Hermann Müller-Karpe spricht von einer „Bewusstseinsintensivierung“.Müller-Karpe, Grundzüge, Bd. 1, 1998, S. 36. Die in den großen Bildern enthaltenen Symbole können uns nach Ries in die Mythen des Homo sapiens einführen.Ries, S. 50.

Entdeckungs- und Forschungsgeschichte Die Forschungsgeschichte begann, als die ersten Entdecker staunend vor den für sie unfassbar kunstvollen Hinterlassenschaften einer Zeit standen, die man bisher als primitiv eingestuft hatte. Die Grotte Chabot im Département Gard wurde 1878 als erste gravierte Höhle entdeckt; der Fund der Malereien in der Höhle von Altamira folgte schon 1879. Von 1895 an wurde die prähistorische Kunst mit beiden Erscheinungsbildern – mobile plastische Kunst und die Bildkunst an den Höhlenwänden – als Kunst anerkannt. Von 1900 an verbreitete der französische Priester Henri Breuil (1877–1961) das Wissen über sie und betrieb einschlägige Forschungen.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unterstellte man dieser Kunst eine religiöse oder magische Bedeutung. Eine solche Betrachtungsweise schuf, so André Leroi-Gourhan, „ein Bewusstsein [...] für den gemeinsamen Ursprung von Religion und Kunst“.Anati, S. 223–228. Die Deutungen waren aber von Anfang an umstritten. Andere sahen den prähistorischen Menschen als religionslos und seine Kunst als zweckfrei an.

Die Ethnologie fokussierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Konzepte wie Jagdzauber, wie er bei den Aborigines zu finden war. Vor allem Henri Breuil vertrat diese Richtung. Andere Autoren favorisierten den Totemismus oder den Schamanismus als Erklärung. Diese Deutungsversuche bezogen sich nicht nur auf die frankokantabrische Höhlenkunst, waren aber maßgeblich von ihr bestimmt – die meisten der damals führenden Prähistoriker waren Franzosen.Ries, S. 38 f.

In den 1970er und 1980er Jahren bildete sich unter dem Einfluss von Prähistorikern wie André Leroi-Gourhan, Annette Laming-Emperaire, Yves Coppens, Emmanuel Anati, Paolo Graziosi und A. Beltran eine Koordinationsgruppe für die Forschung, das Studium und die Erhaltung der Fels- und Höhlenkunst. Sie erreichte, dass einige Höhlen für die Öffentlichkeit gesperrt wurden, nachdem die Touristenströme mittlerweile mehr Schaden an den Bildern angerichtet hatten als die zwanzigtausend Jahre zuvor. Durch die Zusammenarbeit von Forschern und inspiriert durch die Entdeckung weiterer Bilderhöhlen wie der Grotte Chauvet und der Grotte Cosquer entstand ein erstes Gesamtbild dieses Erbes.

Allgemeine Voraussetzungen: Umwelt, Mensch und Kultur Warum die frankokantabrische Höhlenkunst überhaupt entstand, ist umstritten.Sherratt, S. 88; Cunliffe, S. 86 f. Mehrere Faktoren spielten bei dieser „jungpaläolithischen Revolution“ eine Rolle: die Umwelt des Jungpaläolithikums: der Wechsel zwischen wärmeren und kälteren Phasen innerhalb der Würm-Eiszeit, die Pflanzen- und Tierwelt;Müller-Beck, S. 25 f., 35 f.; Cunliffe, S. 55–58. der damalige Mensch: der Cro-Magnon-Mensch, der den Neandertaler verdrängte und dessen Auftauchen mit dem plötzlichen Beginn der Kreativität zusammenfällt;Cunliffe, S. 55, 67–72, 81 Höhlen und Höhlengruppen als Lebenszentren im Zusammenhang mit den Wanderungen der Jagdtiere und als Heiligtümer;Müller-Beck, S. 16, 27 ff.; Cunliffe, S. 73–79 die Entstehung einer differenzierten Sozialstruktur;Cunliffe, S. 88. die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins.Müller-Beck, S. 20 ff., 50 f.; Gesamtdarstellung dieser Thematik in: Lewis-Williams: The Mind in the Cave, 2002.

Die eiszeitliche Umwelt Klima mini|So wie diese herbstliche Tundralandschaft auf Spitzbergen kann man sich den größten Teil Frankreichs während der kälteren Phasen der letzten Eiszeit vorstellen mini|Während der wärmeren Phasen drang der mit Birken und Espen durchsetzte boreale Nadelwald (hier in Alaska) etwas weiter nach Norden vor

Die letzte Kaltzeit des gegenwärtigen Eiszeitalters dauerte in Westeuropa etwa von 115.000 BP bis 10.000 BP. Im Alpenraum heißt sie Würm-Kaltzeit, in Nord- und Osteuropa Weichsel-Kaltzeit. Längere kalte Phasen (Stadiale) wurden von wärmeren und feuchteren Phasen unterbrochen (Interstadiale).

Die letzte Phase der letzten Kaltzeit ab etwa 35.000 BP ist mit dem Jungpaläolithikum identisch. In dieser Zeit entwickelte sich die frankokantabrische Höhlenkunst. Das Kältemaximum lag zwischen 20.000 und 18.000 BP, als der Rhônetalgletscher bis dicht vor das heutige Lyon reichte und fast das gesamte Gebiet des heutigen Südfrankreich eine baumlose Tundra war. Die Temperaturen lagen um 5 bis 13 °C niedriger als heute. Der Meeresspiegel lag um etwa 120 m tiefer als jetzt und der damalige Küstenverlauf oft über zehn Kilometer vor dem heutigen. Gletscher erstreckten sich als bis zu 3000 m dicke Eisschilde über weite Teile des nördlichen Europa, teilweise bis nach Mitteleuropa. Im Süden waren die Alpen bis tief ins Vorland vergletschert, ebenso die Pyrenäen. Der Raum zwischen dem nördlichen Eisschild und den Alpen war wie heute in Sibirien von Permafrostböden gekennzeichnet.Schwarzbach, S. 247 ff.; Lamb, S. 129 ff. Einige Sommer mögen mit heutigen kühlen Sommern vergleichbar gewesen sein, doch die Winter waren durchweg sehr kalt mit Temperaturen unter −10 °C über mehrere Wochen. Das Klima war in Europa relativ trocken.Cunliffe, S. 55–60; Clottes/Courtin: Cosquer, S. 33–40; Hoffmann, S. 91 ff.

Die letzte Kaltzeit schloss mit einem scharfen Kältezacken, der Jüngeren Dryas (ca. 12.700–11.700 BP). Die Temperatur sank um bis zu 15 Grad unter das heutige Niveau ab, die Vergletscherung nahm nochmals stark zu, der Meeresspiegel sank. Zu dieser Zeit war die frankokantabrische Höhlenkunst bereits im Niedergang begriffen. Sie endete mit der Erwärmung des Klimas vor etwa 11.700 Jahren, als das Holozän begann.

Pflanzenwelt Für Erkenntnisse über die Flora sind paläobotanische Pollenbefunde die Hauptquellen. An den Rändern der nördlichen Eisschilde und bis weit nach Süden fand sich die wegen des Permafrostes baumlose Kältesteppe (Tundra), weiter südlich borealer Nadelwald (Taiga). Ganz im Süden – in Küstennähe und im unteren Rhônetal sowie in Nordspanien – gab es eine Parktundra mit vereinzelten Baumgruppen. Direkt an der Mittelmeerküste stand etwas dichterer Laubmischwald, ebenso an der Nordküste Spaniens. Weiter südlich ging die Landschaft wieder in relativ baumlose Trocken- bzw. Buschsavannen über. Die Ausdehnung dieser Bereiche war stark von den Phasen der Eiszeit abhängig, die sich als wärmere Interstadiale und Eisvorstöße abwechselten.

Die sogenannte Mammutsteppe der nördlicheren Breiten war mit einer arten- und nährstoffreichen Vegetation bewachsen und stellte für weidende Pflanzenfresser im Sommer einen üppigen Lebensraum dar, mit heutigen Almweiden vergleichbar. Der Winter bedeutete allerdings einen Nahrungsengpass. Die Steppenlandschaft des Südens war von Fichten-, Birken-, Erlen- und Kieferngehölzen aufgelockert und mit Wacholder, Süßgräsern und Beifuß bewachsen. Sie bot ebenso wie die baumlosen nördlichen Tundren einer artenreichen Fauna Schutz und Nahrung.V. Koenigswald, S. 145.

Tierwelt Die Eiszeitmenschen lebten hauptsächlich als Großwildjäger. Für die Deutung der Höhlenbilder ist das Wissen über die jeweilige Verbreitung der Tierarten unentbehrlich.V. Koenigswald, S. 143–149. Die Tierwelt tritt uns in den Höhlenbildern vielfach entgegen, allerdings nicht gemäß der jägerischen Bedeutung einzelner Tierarten, die sich aus den Knochenresten ergibt.Lorblanchet, S. 57–61. Insgesamt stammt unser Wissen über die damalige Großfauna sowohl aus Essensresten als auch aus den Darstellungen in den Höhlen, wobei diese oft anatomisch ungenau sind, so dass manchmal die Tierart nicht bestimmt werden kann.Von Koenigswald, S. 40–137.