mini|hochkant|Paul Hausser – hier im Jahr 1941 als SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS Paul Hausser (* 7. Oktober 1880 in Brandenburg an der Havel; † 21. Dezember 1972 in Ludwigsburg) war Generalleutnant der Reichswehr und später SS-Oberst-Gruppenführer und Generaloberst der Waffen-SS. Damit war Hausser neben Sepp Dietrich der ranghöchste Offizier in der Waffen-SS. Ihm unterstehende Einheiten waren verantwortlich für Kriegsverbrechen, insbesondere an der sowjetischen und italienischen Zivilbevölkerung, für die er nie angeklagt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg entfaltete Hausser eine vielfältige Lobbyarbeit für die Veteranen der Waffen-SS.
Leben
Herkunft und militärische Laufbahn Hausser war der Sohn des preußischen Majors Kurt Hausser und dessen Ehefrau Anna Hausser (geb. Otto). 1892 kam er mit zwölf Jahren an die Preußische Kadettenanstalt Köslin, dann Preußische Hauptkadettenanstalt Lichterfelde und wurde 1899 in die Armee mit Eintritt in das 7. Westpreußische Infanterie-Regiment Nr. 155 übernommen. Im März desselben Jahres wurde er zum Leutnant und nach Verwendungen als Bataillons- und Regimentsadjutant und dem Besuch der Kriegsakademie im August 1909 zum Oberleutnant befördert. Nach einer Kommandierung zur Kaiserlichen Marine wurde er 1912 in den Großen Generalstab versetzt.Samuel W. Mitcham, Jr.: SS-Oberst-Gruppenführer und Generaloberst der Waffen-SS Paul Hausser, in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. Band 1: Von den Anfängen des Regimes bis Kriegsbeginn. Darmstadt 1998, S. 89–101. Am 9. November 1912 heiratete er Elisabeth Gerard (* 18. Juli 1891 in Berlin; † 16. Oktober 1979 in München). Seine Beförderung zum Hauptmann erfolgte am 22. März 1913.
Im Ersten Weltkrieg wurde Hausser wechselnd in Front- und Generalstabsverwendungen eingesetzt und mehrfach ausgezeichnet. 1916 bis 1918 war er meist in der 109. Infanterie-Division eingesetzt. Bei Kriegsende war er Major i. G. Nach dem Waffenstillstand beteiligte er sich an dem gegen polnische Gebietsbestrebungen eingesetzten „Grenzschutz Ost“. Mit Unterzeichnung des Versailler Vertrags mussten dessen Verbände aufgelöst werden. Hausser wurde daraufhin 1920 in die Reichswehr als Berufsoffizier übernommen, wo er anfänglich als Erster Generalstabsoffizier (Ia) bei der Reichswehr-Brigade 5, seit 1922 im Stab des Wehrkreiskommandos II eingesetzt wurde.
1923 wurde er als Oberstleutnant Kommandeur des III. Bataillons im 4. (Preußisches) Infanterie-Regiment und war anschließend ab 1925 Chef des Stabes der 2. Division in Stettin. Im Juli 1927 wurde er Kommandeur des 10. (Sächsisches) Infanterie-Regiments und in dieser Stellung im November des gleichen Jahres zum Oberst befördert. 1930 wurde er als Infanterieführer IV nach Magdeburg versetzt, 1931 dann zum Generalmajor ernannt. 1932 schied Hausser im Alter von 51 Jahren altersbedingt mit dem Charakter eines Generalleutnants aus der Reichswehr aus. Nach seiner Entlassung aus der Reichswehr schloss sich Hausser Anfang 1933 dem antidemokratischen, paramilitärischen Stahlhelm an, in dem er die Position des Landesführers „Berlin-Brandenburg“ innehatte.
Nationalsozialismus
Vorkriegszeit Anfang März 1933 wurde der Stahlhelm von der Sturmabteilung (SA) übernommen und eingegliedert. In der neuen SA-Reserve II, die aus dem ehemaligen Stahlhelm gebildet wurde, hatte er nun den Rang und die Dienststellung eines Standartenführers. Nach einer Veranstaltung der Reiter-SA in Braunschweig trat er im November 1934 der Allgemeinen SS bei (SS-Nummer 239.795). Ab Ende 1934 war Hausser Kommandeur einer SS-Junkerschule in Braunschweig und Inspekteur der SS-Junkerschulen Braunschweig und Tölz, ab 1936 dann auch Chef des Amtes I (Führungsamt) im SS-Hauptamt und Inspekteur der SS-Verfügungstruppe. Dort übernahm er die militärische Ausbildung aller bewaffneten SS-Einheiten (mit Ausnahme der SS-Totenkopfverbände), namentlich der SS-Standarten „Deutschland“, „Germania“ und „Der Führer“ als motorisierte Verbände. Zwischen SS-Verfügungstruppe und Totenkopfverbänden gab es einen ständigen Personalaustausch.George H. Stein: Geschichte der Waffen-SS. Düsseldorf 1978 (Erstausgabe New York 1966), S. 235 ff. In der SS-Hierarchie stieg er rasch auf. 1935 wurde er SS-Oberführer, im Mai 1936 SS-Brigadeführer und im Juni 1939 SS-Gruppenführer. Als Ausbildungschef der SS-Verfügungstruppe führte Hausser für deren Soldaten Tarnuniformen ein.
Nach Ablauf der vierjährigen Aufnahmesperre beantragte er am 5. Mai 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.158.779).Bundesarchiv, R 9361-IX KARTEI/13921376. Da die SS eine politische Gliederung der NSDAP war, bekundete er als Leiter der SS-Führerschule Braunschweig, dass er eine „Parteimitgliedschaft für notwendig“ erachte.Bernd Wegner: Hitlers Politische Soldaten: die Waffen-SS 1933–1945. Paderborn, 1982, S. 249. An der NSDAP hatte ihn schon vor 1933 – so er selbst im Rückblick 1951 – „angezogen“, dass sie die Revision von Versailles beabsichtigte, die Linke bekämpfte und für eine „Volksgemeinschaft“ eintrat. Damit sah er sich in einer Kontinuität eines „erheblichen Teils des Offizierskorps“ der Reichswehr mit dem Nationalsozialismus.Bernd Wegner: Hitlers Politische Soldaten: die Waffen-SS 1933–1945. Paderborn, 1982, S. 255. Laut Mark Gingerich soll Hausser „in keiner Weise in der nationalsozialistischen Ideologie als solcher befangen“ gewesen und deshalb später aus beruflichen Gründen der NSDAP beigetreten sein.Mark Gingerich: Paul Hausser – Der Senior der Waffen-SS. In: Ronald Smelser, Enrico Syring (Hrsg.): Die Militärelite des Dritten Reiches. 27 biographische Skizzen. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-548-33220-X.
Zweiter Weltkrieg Hausser nahm im Stab der Panzer-Division Kempf (auch Panzerverband „Ostpreußen“ genannt), dem unter anderem das SS-Regiment „Deutschland“ unterstellt war, am Überfall auf Polen teil. Im Oktober 1939 stellte er den ersten selbständigen SS-Kampfverband auf: die „SS-Verfügungsdivision“, die spätere Division „Das Reich“. Zugleich erhielt damit Hausser das Recht, den militärischen Rang eines Generalleutnants zu tragen. Er und Theodor Eicke, der erste Kommandeur der SS-Division Totenkopf und zuvor Inspekteur der Konzentrationslager und der SS-Totenkopfverbände, waren die ersten SS-Führer, die Titel und Schulterstücke eines Generals der Wehrmacht trugen.
Die Verfügungsdivision führte er im Westfeldzug 1940, im Balkanfeldzug 1941 und beim Angriff auf die Sowjetunion. Am 1. Oktober 1941 wurde Hausser zum SS-Obergruppenführer befördert. Nach einer im Oktober 1941 beim Vormarsch auf Moskau erlittenen schweren Verwundung und einer Genesungspause wurde Hausser im Juni 1942 mit der Aufstellung des SS-Panzerkorps (später II. SS-Panzerkorps) beauftragt, das zunächst im Westen blieb. Im November 1942 erhielt er den Befehl über die beim Unternehmen Lila, dem versuchten Handstreich gegen die in Toulon vor Anker liegende Vichy-Flotte, eingesetzten Truppen. mini|V. links Walter Krüger, Hans-Albin Freiherr von Reitzenstein, Paul Hausser, Werner Ostendorff bei der SS-Panzergrenadier-Divisionen "Das Reich", bei Charkow (1943) Mit dem SS-Panzerkorps und den drei unterstellten SS-Panzergrenadier-Divisionen wurde Hausser nach der schweren Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 zur Heeresgruppe Süd an die Ostfront verlegt, um dort zu einer Stabilisierung der kritischen Lage beizutragen. Während der Kämpfe in und um Charkow ignorierte er den Befehl Hitlers, Charkow bis auf den letzten Mann zu halten, und ordnete stattdessen den Rückzug aus der Stadt an, um seine Truppen vor der drohenden Einkesselung durch die Rote Armee zu bewahren. Hitler, der in der Regel in solchen Fällen mit unterschiedlichen Sanktionen reagierte, nahm Haussers Ungehorsam hin. So hatte Hitler Hausser drei Wochen vorher mit dem Goldenen Parteiabzeichen der NSDAP ausgezeichnet und fürchtete einen Prestigeverlust, wenn er einen Offizier der Waffen-SS bestrafen würde.Samuel W. Mitcham jr., S. 91. Stattdessen enthob er Haussers unmittelbaren Vorgesetzten, Hubert Lanz, des Kommandos, wie dieser auch bei späteren Ordensverleihungen übergangen wurde.Ludger Tewes: Die Panzergrenadierdivision Grossdeutschland im Feldzug gegen die Sowjetunion 1942 bis 1945. Klartext Verlag, Essen 2020, ISBN 978-3-8375-2089-7, S. 287–288 im Zusammenhang S. 266–290. Als Strafe wegen Charkow wurde aber ein Vorschlag, „Hausser mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz auszuzeichnen, bis Juli 1943 nicht ausgeführt“.Samuel W. Mitcham jr., S. 91. Vier Wochen später wurde die Stadt von deutschen Truppen unter der Leitung Generalfeldmarschalls von Manstein erneut eingenommen, woran das SS-Panzerkorps unter Hausser maßgeblich beteiligt war. Seine SS-Einheiten verübten dabei sowohl gegen Soldaten der Roten Armee wie gegen die sowjetische Zivilbevölkerung zahlreiche Kriegsverbrechen und schwere Übergriffe.Enrico Syring: Paul Hausser- „Türöffner“ und Kommandeur „seiner“ Waffen-SS. In: Ronald Smelser, Enrico Syring (Hrsg.): Die SS. Elite unter dem Totenkopf. Schöningh, Paderborn 2000, S. 190–207, hier: S. 199.
Nach der Teilnahme am Unternehmen Zitadelle wurde Haussers Korps im Sommer 1943 – die Alliierten waren inzwischen in Sizilien gelandet – mit der SS-Division „Leibstandarte“ nach Oberitalien verlegt. Hausser hatte den Auftrag, bei Eintreten des „Falls Achse“ in Norditalien die italienischen Streitkräfte zu entwaffnen, deren Angehörige als italienische Militärinternierte zur Zwangsarbeit ins Reich zu deportieren waren, sowie „die Säuberung des Ostraumes“.Syring, S. 199. In der Umsetzung bedeutete das – bis heute unzureichend untersuchte – Verbrechen an der italienischen Zivilbevölkerung im Rahmen der Bekämpfung des italienischen Widerstands gegen die Besetzung. Gesichert ist, dass Einheiten unter Jochen Peiper am 19. September 1943 die piemontesischen Ortschaften Boves und Castellar niederbrannten und dabei Massaker unter den Einwohnern begingen. Hausser hatte zum Zeitpunkt der Massaker das verantwortliche Generalkommando des II. SS-Panzerkorps inne; in einer Meldung des Panzerkorps an die Heeresgruppe B hieß es: „Die Versorgungsbasen für Banditen Boves und Castellar wurden abgebrannt.“Meldung zitiert bei Schreiber, Kriegsverbrechen, S. 129 f. Eine erklärende Reaktion auf das Massaker hat es von Hausser weder zum damaligen Zeitpunkt noch nach dem Ende des Nationalsozialismus je gegeben. Er hat vielmehr stets geleugnet, dass es diese wie andere Verbrechen seiner SS-Angehörigen überhaupt gegeben habe.Syring, S. 199. Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien. Täter, Opfer, Strafverfolgung. München 1996, S. 129 ff.
In Erwartung der alliierten Invasion im Westen wurde er mit seinem Korps im Dezember 1943 nach Frankreich verlegt. Nach dem Eintreten einer schweren Krise bei der Heeresgruppe Nordukraine (siehe Kesselschlacht von Kamenez-Podolski) wurde das Korps dann jedoch wieder an der Ostfront eingesetzt. Erst nach der Landung der Alliierten in der Normandie wurde das Korps Ende Juni 1944 erneut in den Westen verlegt. Am 29. Juni 1944 übernahm Hausser nach dem Tod seines Vorgängers Friedrich Dollmann die 7. Armee an der Invasionsfront und wurde Anfang August 1944 zum SS-Oberst-Gruppenführer und Generaloberst der Waffen-SS befördert. Neben ihm hatte allein der wegen seiner Normüberschreitungen berüchtigte Josef „Sepp“ Dietrich diesen Rang.Syring, S. 202.