miniatur|Friedrich Nietzsche um 1875 Die Umwertung aller Werte ist ein von Friedrich Nietzsche geprägtes Schlagwort und ein zentraler Begriff seiner Philosophie und Moral-Kritik. Sie ist philosophisches Prinzip und individualisierte Lebenseinstellung gleichermaßen.
Das Konzept In der modernen Welt seiner Zeit konstatierte Nietzsche einen Niedergang der Kultur, der sich in einem sich ausbreitenden Werteverlust ausdrückte. Dieser hatte seine Ursachen in der zunehmenden Einsicht, dass einerseits der Begriff der Wahrheit inhaltlich nicht zu füllen war („Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ (Zur Genealogie der Moral = GM III, 24)), und andererseits der Glaube an einen Gott als Leitidee für den Sinn des Lebens immer mehr verloren ging. Als Konsequenz sah Nietzsche einen immer stärker werdenden Nihilismus als dem „Wertloswerden der obersten Werte“.Martin Heidegger: Holzwege, Klostermann, Frankfurt 1994, 223.
Werte betrachtete Nietzsche als relativ. Sie sind perspektivisch auf das jeweilige „Herrschafts-Gebilde“ ausgerichtet. Das Grundproblem der Wertbildung, die für ihn in der falschen Vorstellung vom Subjekt lag, formulierte er in Jenseits von Gut und Böse:
„Man darf nämlich zweifeln, erstens, ob es Gegensätze überhaupt giebt, und zweitens, ob jene volksthümlichen Werthschätzungen und Werth-Gegensätze, auf welche die Metaphysiker ihr Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schätzungen sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus einem Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern geläufig ist? Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! — Aber wer ist Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack und Hang haben als die bisherigen, — Philosophen des gefährlichen Vielleicht in jedem Verstande. — Und allen Ernstes gesprochen: ich sehe solche neue Philosophen heraufkommen.“ (Jenseits von Gut und Böse = JGB 2)
Den Ursprung des Niedergangs der Kultur lastete Nietzsche in einer religionsgeschichtlichen Analyse der Religion an. Religion leugnet das Positive des Aristokratischen und führt einen Kampf zugunsten der Schwachen. Hierdurch erfolgt in der Geschichte eine erste Umwertung der Werte, die man auch als Entwertung bezeichnen kann.
„Die ritterlich-aristokratischen Werthurtheile haben zu ihrer Voraussetzung eine mächtige Leiblichkeit, eine blühende, reiche, selbst überschäumende Gesundheit, sammt dem, was deren Erhaltung bedingt, Krieg, Abenteuer, Jagd, Tanz, Kampfspiele und Alles überhaupt, was starkes, freies, frohgemuthes Handeln in sich schliesst. Die priesterlich-vornehme Werthungs-Weise hat — wir sahen es — andere Voraussetzungen: schlimm genug für sie, wenn es sich um Krieg handelt! Die Priester sind, wie bekannt, die bösesten Feinde — weshalb doch? Weil sie die ohnmächtigsten sind. Aus der Ohnmacht wächst bei ihnen der Hass in’s Ungeheure und Unheimliche, in’s Geistigste und Giftigste. Die ganz grossen Hasser in der Weltgeschichte sind immer Priester gewesen, auch die geistreichsten Hasser: — gegen den Geist der priesterlichen Rache kommt überhaupt aller übrige Geist kaum in Betracht. Die menschliche Geschichte wäre eine gar zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohnmächtigen her in sie gekommen ist: — nehmen wir sofort das grösste Beispiel. Alles, was auf Erden gegen „die Vornehmen“, „die Gewaltigen“, „die Herren“, „die Machthaber“ gethan worden ist, ist nicht der Rede werth im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie gethan haben: die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden und Überwältigern zuletzt nur durch eine radikale Umwerthung von deren Werthen, also durch einen Akt der geistigsten Rache Genugthuung zu schaffen wusste.“ (GM I, 7)
Die in der jüdischen Religion und Sozialphilosophie liegende Verteidigung des Schwachen setzt sich im Christentum fort. Auch dieses fordert eine „Umwerthung aller antiken Werthe“ (JGB 3, 46) Die Erziehung zur Toleranz, wie sie aus dem Imperium Romanum überliefert wurde, wird abgelöst durch den „treuherzigen und bärbeissigen Unterthanen-Glauben“ Luthers, Cromwells oder eines sonstigen „nordischen Barbaren des Geistes“. Die Aufklärung ist ein wesentlicher Schritt des Niedergangsprozesses, der im passiven Nihilismus endet und dessen Auftakt die französische Revolution gewesen ist. Dieser „Sklaven-Aufstand“ ist ein Sieg des Egalitarismus der Schwachen.
Nietzsche sah im Niedergang bis hin zum Nihilismus eine Notwendigkeit der Geschichte. Doch sah er auch einen Weg, wie der Mensch wieder aus dem Niedergang herauskommen und Fortschritte erzielen kann. Demokratie bedeutet nicht nur Verfall der politischen Organisation, sondern auch Verfall und Verkleinerung des Menschen. Es bedarf der Zucht und Züchtung von edlen und herausragenden Führern (siehe „Übermensch“), die den Nihilismus überwinden können.
„Das Bild solcher Führer ist es, das vor unsern Augen schwebt: — darf ich es laut sagen, ihr freien Geister? Die Umstände, welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen, theils ausnützen müsste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermöge deren eine Seele zu einer solchen Höhe und Gewalt aufwüchse, um den Zwang zu diesen Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Werthe, unter deren neuem Druck und Hammer ein Gewissen gestählt, ein Herz in Erz verwandelt würde, dass es das Gewicht einer solchen Verantwortlichkeit ertrüge; andererseits die Nothwendigkeit solcher Führer, die erschreckliche Gefahr, dass sie ausbleiben oder missrathen und entarten könnten — das sind unsre eigentlichen Sorgen und Verdüsterungen, ihr wisst es, ihr freien Geister?“ (JGB 5, 203)
Der Hintergrund des Konzeptes der Umwertung aller Werte ist Nietzsches Theorie des Willens zur Macht, der allen Dingen (als eine Art Entelechie) zugrunde liegt. Der Wille zur Macht als treibende Kraft strebt danach, sich zu verselbständigen, alle bestehenden Werte zu zerstören und sich selbst zum obersten Wert zu erheben. Er führt damit zur Auflösung der herkömmlichen Moral. Die neue Umwertung aller Werte bedeutet, dem Leben einen Sinn geben, „einen neuen Sinn in das sinnlos Gewordene zu legen.“ (Nachlass 2 (106), KSA 12, 113). Es ist ein Übergang von einem passiven zu einem aktiven Nihilismus. Dies kann nur der Übermensch, der sich von den überkommenen Werten, insbesondere der Religion und dem Glauben an eine Wahrheit freigemacht hat. Der Mensch wird zum „homo natura“, zu einem sich selbst aus der Natur Hervorbringenden. Umwertung bedeutet nicht Schaffung neuer Werte, sondern ein Zurück zu den Werten vor dem Niedergang, d. h. zu den Werten der Antike vor Sokrates und Platon, die durch das philosophische Fragen und durch den Einsatz der Vernunft den ersten Schritt zur Aufklärung getan und damit den Niedergang eingeleitet haben. Maßstab ist nicht mehr Gottes Wille, sondern der in der Natur des Menschen liegende Wille zur Macht. Nietzsche will keine neue Moral, wie sie Sokrates, Platon und das Judentum vertraten, sondern fordert eine Loslösung von der Moral. Er vertritt einen Immoralismus, für den die Umwertung eine Ablehnung ethischer Werte bedeutet.Volker Gerhard: Die Moral des Immoralismus. Nietzsches Beitrag zu einer Grundlegung der Ethik. In: Günter Abel und Jörg Salaquarda (Hrsg.): Krisis der Metaphysik, de Gruyter, Berlin 1989, 417-447, sowie Andreas Urs Sommer: Umwerthung der Werthe, in: Henning Ottmann (Hrsg.): Nietzsche-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart / Weimar 2000, S. 345–346.
Darstellung im Zarathustra Ohne dass der Terminus „Umwertung aller Werte“ benutzt wird, findet sich der Grundgedanke bereits in Nietzsches dichterisch-philosophischem Werk Also sprach Zarathustra (= ZA) in der Rede „Von den drei Verwandlungen“ (KSA 4, ZA 29-31).Marcin Milkowski: Freiheit als Ethik bei Nietzsche. In: Zeitenwende – Wertewende. Internationaler Kongreß zum 100. Todestag Friedrich Nietzsches, hrsg. von Renate Reschke, Akademie, Berlin 2001, 335-338. Der Geist durchläuft drei Entwicklungsstufen. Die erste ist die Einsamkeit, in der der Geist in die Wüste geht und als Kamel die Demut und Leidensfähigkeit lernt. Es herrscht die diffuse Unsichtbarkeit. Ziel des Geistes ist, das Richtige zu lernen. Danach kommt die Stufe der Widerspenstigkeit. Der Geist wird zum Löwen, der sich gegen das Gefälschte wehrt und den Drachen der Unwissenheit tötet. Das bisher Heilige wird als dumm und lächerlich verworfen. Schließlich wird der Geist in der dritten Stufe der Vergnügtheit zum Kind, das den Kampf hinter sich gelassen hat und in Unschuld wie „ein aus sich rollendes Rad“ dem Leben begegnet. In diesem Prozess der ewigen Wiederkehr findet zugleich in den Entwicklungsstufen jeweils auch eine Umwertung aller Werte statt.
Im III. Band des Zarathustra schreibt Nietzsche: „Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles „Es war“ umzuschaffen, bis der Wille spricht: „Aber so wollte ich es! So werde ich’s wollen —“ — Diess hiess ich ihnen Erlösung, Diess allein lehrte ich sie Erlösung heissen:“ (Also sprach Zarathustra III, Von alten und neuen Tafeln, 3 KSA 4, 249)
Abbildung im weiteren Werk Nietzsche hat in seinem Spätwerk die Idee der Umwertung aller Werte immer wieder aufgenommen. Weitere Zitatstellen sind: „Unterschätzen wir dies nicht: wir selbst, wir freien Geister, sind bereits eine ‚Umwertung aller Werthe‘, eine leibhafte Kriegs- und Siegs-Erklärung an alle alten Begriffe von ‚wahr‘ und ‚unwahr‘“ (Der Antichrist, KSA 6 179) „Das Christenthum, aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als Gewächs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der Züchtung, der Rasse, des Privilegiums dar: — es ist die antiarische Religion par excellence: das Christenthum die Umwerthung aller arischen Werthe, der Sieg der Tschandala-Werthe, das Evangelium den Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammt-Aufstand alles Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen, Schlechtweggekommenen gegen die ‚Rasse‘, — die unsterbliche Tschandala-Rache als Religion der Liebe…“ (Götzen-Dämmerung, „Die „Verbesserer“ der Menschheit“, 4) „Und damit berühre ich wieder die Stelle, von der ich einstmals ausgieng — die ‚Geburt der Tragödie‘ war meine erste Umwerthung aller Werthe: damit stelle ich mich wieder auf den Boden zurück, aus dem mein Wollen, mein Können wächst — ich, der letzte Jünger des Philosophen Dionysos, — ich, der Lehrer der ewigen Wiederkunft…“ (Götzen-Dämmerung, „Was ich den Alten verdanke“, 5) „Die Deutschen haben Europa um die letzte grosse Cultur-Ernte gebracht, die es für Europa heimzubringen gab, — um die der Renaissance. Versteht man endlich, will man verstehn, was die Renaissance war? Die Umwerthung der christlichen Werthe, der Versuch, mit allen Mitteln, mit allen Instinkten, mit allem Genie unternommen, die Gegen-Werthe, die vornehmen Werthe zum Sieg zu bringen…“ (Der Antichrist, 61) „Aber meine Wahrheit ist furchtbar, denn man hieß bisher die Lüge Wahrheit. – Umwertung aller Werte, das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist.“ (Ecce Homo, „Warum ich ein Schicksal bin“, 1, KSA 6, 365)