mini|Massimo Stanzione: Mädchen in neapolitanischer Tracht mit Hahn, 1635, Fine Arts Museums of San Francisco
Als Neapolitanische SchuleVergl.: Neapolitanische Schule. In: Heinrich August Pierer (Begr.): Pierer’s Universal-Lexikon, Band 19. Altenburg 1865, S. 874. bezeichnet man in der Kunstgeschichte eine eigene Richtung der Malerei in der süditalienischen Stadt Neapel und im ehemaligen Königreich Neapel. Die Blütezeit reichte vom späten 16. bis zum 18. Jahrhundert.
Es handelt sich um eine eigene Ausprägung der bildenden Kunst, die im Laufe der Zeit unter dem Einfluss einiger führender Protagonisten unterschiedliche Stilvarianten annahm und auch einen nicht unerheblichen Einfluss auf die übrige italienische, die spanische und europäische Malerei ausübte, ab dem späten 17. Jahrhundert besonders auch auf die Freskenkunst.
Für die vielen Kirchen der Stadt und private Mäzene entstand vor allem ein großer Anteil an religiöser Malerei, die neben den üblichen christlichen Szenen und Madonnenbildern auch von Darstellungen typisch neapolitanischer Schutzpatrone wie San Gennaro, oder der Heiligen Lucia und Rosalia geprägt ist. In naturalistischer Weise gehen auch Figuren aus dem einfachen Volk prominent in die Komposition ein. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurden auch mythologische Szenen immer beliebter.
Domenico Morelli und Vincenzo Petrocelli waren die Gründer der Zeichenschule an der Akademie der Schönen Künste in Neapel. Ihre entscheidende Zusammenarbeit trug dazu bei, die Grundlagen der „neapolitanischen Malerei“ zu schaffen. Die neapolitanische Malerschule, von ihnen gegründet, zeichnete sich durch ihren bedeutenden Beitrag zur italienischen Malerei aus und beeinflusste eine nachfolgende Generation von Künstlern.
Geschichte Vor 1500 mini|Roberto d'Oderisio: Giovanna I. von Anjou heiratet Luigi di Taranto, Detail der Fresken in Santa Maria Incoronata, Neapel
Der wichtigste Biograph der neapolitanischen Malerei bis zum 18. Jahrhundert war Bernardo De Dominici (1683–1759), der in seinen Vite dei Pittori, Scultori, ed Architetti Napolitani (1742–1745) mehr oder weniger alle Maler behandelte, die seit dem Mittelalter je in Neapel ihre Spuren hinterlassen hatten.Eine Liste der von De Domenici behandelten Künstler mit Seitenangaben findet sich am Ende des Buches. Bernardo De Dominici: Vite de pittori, scultori e architetti napolitani, 1744, Nachdruck: Bologna, 1979, online als E-Book (zuletzt abgerufen am 14. April 2019; italienisch). Trotz seiner etwas abseitigen, südlichen Lage kam Neapel Anfang des 14. Jahrhunderts in Kontakt mit den revolutionären Neuerungen der Malerei, die zu dieser Zeit von toskanischen Malern ausgingen. Schon 1308 hatte Carlo II. von Anjou den Giotto-Nachfolger Pietro Cavallini nach Neapel gerufen, der einen bedeutenden Freskenzyklus in San Domenico Maggiore hinterließ.Loredana Gazzara: Napoli. Mondadori-Electa, Mailand, 2007, S. 36 Der aus Siena stammende Simone Martini (1284–1344) war einige Jahre Hofmaler der neapolitanischen Herrscherfamilie der Anjou, und malte einige Werke in ihrem Auftrag in Assisi und Siena, in Neapel selber schuf er 1317–18 einen Hl. Ludwig von Toulouse für San Lorenzo Maggiore (heute: Museo di Capodimonte, Neapel).Michela Becchis: "MARTINI, Simone", in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 71, 2008. (Italienisch; abgerufen am 14. April 2019) Giotto (1267 oder 1276–1337) schuf zwischen 1328 und 1331 im Kloster von Santa Chiara und in der Capella Palatina des Castel Nuovo einige Fresken, die nach mehreren Erdbeben und den Bomben des Zweiten Weltkrieges jedoch nur noch rudimentär erhalten sind.Loredana Gazzara: Napoli, ..., 2007, S. 30, 93, 124. In der Nachfolge von Giotto stehen Fresken eines unbekannten Meisters in der Kirche San Pietro a Majella und Roberto d'Oderisios Fresken in der kleinen Kirche Incoronata.Loredana Gazzara: Napoli, ..., 2007, S. 93 ff.
Zu den wichtigsten Malern, die im 15. Jahrhundert in Neapel wirkten, gehören Colantonio (ca. 1420-nach 1460), der Lehrer von Antonello da Messina, und der aus Mailand stammende Leonardo da Besozzo, der zusammen mit Antonio da Fabriano und Perinetto da Benevento die Cappella Caracciolo del Sole in San Giovanni a Carbonara ausmalte.Loredana Gazzara: Napoli, ..., 2007, S. 110 f"Chiesa di San Giovanni a Carbonara" auf „napoligrafia“, Unterpunkt: Cappella Carraciolo del Sole, gesehen am 12. März 2019 (italienisch) Doch kann bis dahin noch nicht wirklich von einer neapolitanischen Schule der Malerei gesprochen werden.
16. Jahrhundert mini|hochkant|Raffaels sogenannte Madonna mit dem Fisch (um 1512–14), ursprünglich in San Domenico Maggiore in Neapel; heute im Prado, Madrid
Vor der Entstehung einer eigentlichen neapolitanischen Malerei mit eigenen Stilmerkmalen und führenden Meistern von überragender Bedeutung kamen auch in der Renaissance vor allem Maler aus anderen Regionen in die süditalienische Hauptstadt und hinterließen teilweise bedeutende Spuren, darunter spanische Maler wie Pedro Fernández (gen. „Pseudo-Bramantino“) und Pedro Machuca oder der Leonardo-Schüler Cesare da Sesto.Andrea Zezza: "SABATINI, Andrea, detto anche Andrea da Salerno", in: Dizionario Biografico degli Italiani, Vol. 89, 2017, online auf "treccani.it", (abgerufen am 15. April 2019)Francesco Abbate: Storia dell’arte nell’Italia meridionale, III, Il Cinquecento, Rom 2001, S. 83–91 für Einfluss von Fernández und Machuca, „online als Googlebook“ (abgerufen am 28. April 2019) Antonio Solario (um 1465–1530) malte einen großen Freskenzyklus über das Leben des Hl. Benedikt in Santi Severino e Sossio (schlecht erhalten)."Solario, Antonio", in der "Encyclopaedia Britannica, 1911", gesehen am 15. April 2019.In einem der Kreuzgänge von „Santi Severino e Sossio“, siehe Informationen auf „napoligrafia“, gesehen am 15. April 2019. Der Text bezieht sich auf: Maria Rosaria Costa: I chiostri di Napoli, Rom, Newton & Compton, 1996 Auch Polidoro da Caravaggio (um 1499/1500–ca. 1543) wirkte vorübergehend in Neapel und Umgebung. Giorgio Vasari (1511–1574) schuf 1544–1545 eine bedeutende frühmanieristische Dekoration im ehemaligen Refektorium (heute: Sakristei) von Sant’Anna dei Lombardi.Als „Sakristei des Vasari“ (sagrestia del Vasari) bekannt; die Kirche hieß ursprünglich „Monteoliveto“. Loredana Gazzara: „Monteoliveto“, in: Napoli. Mondadori Electa, Mailand 2007, S. 88–91
Einige berühmte Maler aus den nördlicheren Kunstzentren Italiens waren zwar selber nie in Neapel, aber seit Beginn des 16. Jahrhunderts befanden sich in einigen Kirchen der Stadt Meisterwerke wie Peruginos Himmelfahrt Mariä im Dom (ca. 1506) und die Himmelfahrt Mariä von Pinturicchio in der Cappella Tolosa des Klosters Monteoliveto (1510; heute im Museo di Capodimonte). Einen erheblichen Einfluss auf das Stilideal der neapolitanischen Malerei im 16. Jahrhundert übte ganz besonders Raffaels Madonna del Pesce (ca. 1512) aus, die einen Altar in San Domenico Maggiore zierte, bevor sie Mitte des 17. Jahrhunderts in den Besitz der spanischen Könige kam (heute im Prado, Madrid).
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich nach und nach eine lokale Schule von Malern, als deren erster der aus Salerno stammende Andrea Sabatini (oder "da Salerno", ca. 1480–ca. 1531) gilt, der in seiner Werkstatt auch andere Maler ausbildete, insbesondere Giovan Filippo Criscuolo (aktiv von ca. 1525 bis ca. 1550). Auch Giovanni Antonio Amato d. Ä. (1475–1555) hatte mehrere Schüler, die in der Mitte des 16. Jahrhunderts in der neapolitanischen Kunstszene eine gewisse Rolle spielten, darunter Giovanni Bernardo Lama (1508–1579), Pietro Negroni (1505–1567) und Cesare Turco (1510–1560).Bernardo de Dominici: Vite d’pittori, scultori ed architetti napoletani. Band 2, Neapel 1743, S. 52–58 (gdz.sub.uni-goettingen.de Digitalisat) = 2. Ausgabe Neapel 1843, Band 2, S. 103–112. mini|links|hochkant|Marco da Siena: Der Erzengel Michael, Sant’Angelo a Nilo, Neapel Im Manierismus kam es bereits zu einer ersten Blüte der Malerei in Neapel, die jedoch noch relativ wenig erforscht istStand 2019 und zu der nach wie vor zahlreiche auswärtige Künstler zählten, darunter auch Niederländer wie Cornelis Smet († 1592), Aert Mytens (1556–1602) und Teodoro d’Errico (eigentl. Dirk Hendricksz, 1544–1618), die jahrzehntelang in der Stadt lebten und viele Werke in einem italienisch beeinflussten Stil hinterließen. Das Hauptwerk von d’Errico sind die Malereien der Decke von San Gregorio Armeno.Loredana Gazzara: Napoli. Mondadori-Electa, Mailand, 2007, S. 74 f. Als einer der wichtigsten Begründer der neapolitanischen Schule kann der aus Siena stammende Manierist Marco Pino (um 1525–um 1587) gelten, der spätestens ab 1552 mit wenigen Unterbrechungen in Neapel und Umgebung wirkteLuca Bortolotti: "Marco di Giovanni Battista (Marco Pino)", in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 69, 2007 (zuletzt abgerufen am 15. April 2019). und zahlreiche Schüler hatte, darunter auch Fabrizio Santafede (1555–1626).Stefano De Mieri: „Santafede, Fabrizio“, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 90, 2017, online auf Treccani, zuletzt abgerufen am 15. April 2019
Neapolitanische Malerei des 16. Jahrhunderts findet man in Neapel außer im Museum von Capodimonte besonders in den Kirchen San Giovanni a Carbonara, Santi Severino e Sossio, Sant’Anna dei Lombardi, Gesù Vecchio, Gesù delle Monache, und im Dom.
Bedeutende Maler in Neapel im 16. Jahrhundert waren:
Antonio Solario (um 1465–1530) Giovanni Antonio Amato d. Ä. (1475–1555) Andrea Sabatini (oder "da Salerno", ca. 1480–ca. 1531) Marco Cardisco (um 1486–1542) Polidoro da Caravaggio (um 1499/1500–ca. 1543) Giovan Filippo Criscuolo (tätig zwischen ca. 1525 und ca. 1550) Pietro Negroni, gen. Zingarello (* um 1505 oder 1515–1520) Giovanni Bernardo Lama (1508 – 1579) Cesare Turco (1510–1560) Marco Pino (genannt Marco da Siena; um 1525–um 1587) Girolamo Stabile (16. Jahrhundert) Francesco Curia († 1608) Cornelis Smet (auch: Cornelio Ferraro; † 1591 in Neapel) Teodoro d’Errico (eigentl. Dirk Hendricksz, 1544–1618) Aert Mytens (1556–1602)
Blütezeit im Frühbarock mini|hochkant|Fabrizio Santafede: Der hl. Petrus heilt Tabitha, 1611, Pio Monte della Misericordia