Die Ewigkeit der Welt ist ein zentrales Problem menschlichen Nachdenkens. Ob die Welt einen Anfang in der Zeit hat oder in einem ewigen, unbegrenzten All seit jeher besteht, wird in der Naturphilosophie von der Antike bis ins 19. Jahrhundert diskutiert. Neben der Philosophie und Religion spielt die Frage auch in der Kosmologie eine Rolle.
Immanuel Kant stellte sie in seiner Kritik der reinen Vernunft als ersten Widerstreit dar, in den sich die Vernunft verstricken kann, wenn sie über die Grenzen der Erfahrung hinausgehen will, um metaphysische Erkenntnisse zu gewinnen.Ewigkeit der Welt. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 2, S. 844
Im Mittelalter diskutierten die Scholastiker das Problem aus der religiösen Perspektive, dass die Welt Gottes Schöpfung sei. Hierbei wurde das Verhältnis von Glaube und Vernunft, Theologie und Philosophie problematisch.
Ursprünge Für die indische Philosophie, die chinesische Philosophie und die griechische Philosophie ist die Frage nach der ewigen Welt seit jeher ein Grundmotiv. In mythischen Kosmogonien und Schöpfungserzählungen der Ägypter, Babylonier und Perser spielt es eine ebenso wichtige Rolle wie in der Theogonie Hesiods, der frühen Germanischen Dichtung und den großen Offenbarungsreligionen.
Philosophie Für die klassische griechische Philosophie bezog sich die Lehre von der ewigen Welt zunächst nicht auf die dauerhafte Gestalt des Kosmos, sondern auf den Urstoff, aus dem in einem nie versiegenden Fluss des Werdens neue Welten hervorgingen.
Die frühen Hylozoisten wie Thales von Milet und Anaximander, die Vorsokratiker Heraklit, Empedokles und Anaxagoras vertraten diese Auffassung ebenso wie die Atomisten Demokrit und Leukipp.
Am charakteristischsten ist sie in den Worten Heraklits überliefert, nach denen diese Welt weder von Gott noch dem Menschen geschaffen worden sei: Sie „war und ist und wird immer sein ein ewig lebendiges Feuer, aufflammend nach Maßen und verlöschend nach Maßen.“Heraklit, zit. nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Ewigkeit der Welt, Band 2, S. 844
Platon miniatur|hochkant|Platon (links), den Timaios haltend, und Aristoteles; Ausschnitt aus Raffaels Die Schule von Athen (1510–1511), Stanza della Segnatura, Vatikan Platons Spätwerk Timaios dreht sich um zentrale kosmologische Fragen und geht – in den Ausführungen Kritias’ – daneben auf das mythische Inselreich Atlantis ein. Vor der eigentlichen Rede des Timaios gibt Kritias eine Erzählung Solons wieder. Dieser habe von einem Priester von den regelmäßigen Zerstörungen gehört, die sich aus den alten Überlieferungen ergäben. Es haben schon „vielerlei Vertilgungen der Menschen stattgefunden und werden auch fernerhin noch stattfinden, die umfänglichsten durch Feuer und Wasser, andere, geringere aber durch unzählige andere Ursachen.“ Helios’ Sohn Phaethon habe den Wagen seines Vaters bestiegen und aus Unachtsamkeit die Erde verbrannt, bis er „selber vom Blitze erschlagen ward“. Zwar klinge dies wie eine Fabel, „doch ist das Wahre daran die veränderte Bewegung der die Erde umkreisenden Himmelskörper und die Vernichtung von allem, was auf der Erde befindlich ist, durch vieles Feuer, welche nach dem Verlauf gewisser großer Zeiträume eintritt.“Platon, Timaios, Platon, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Timaios in der Übertragung Friedrich Schleiermachers, Band 2, Timaios. Phaidon Verlag, Essen, S. 197
Nach diesem Bericht bittet Sokrates, Timaios zu sprechen, habe er doch soeben die Götter angerufen. Wer sich anschicke, „über das All zu sprechen“ und die Frage, ob es entstanden sei oder „unentstanden von Ewigkeit war“, so Timaios, müsse „den Verstand verloren haben“, wenn er dies nicht täte, da den Beistand nötig habe, „das Ganze vor allem nach ihrem Sinne“ zu erläutern.Platon, Timaios, Platon, Sämtliche Werke in zwei Bänden, Timaios in der Übertragung Friedrich Schleiermachers, Band 2, Timaios. Phaidon Verlag, Essen, S. 201 In seiner von der Ideenlehre ausgehenden Rede unterscheidet Timaios zunächst das „immer Seiende, welches kein Werden zulässt“ und das „immer Werdende, welches niemals zum Sein gelangt“. Alles Werdende setze eine Ursache voraus, da nichts ohne sie entstehe.
Ein möglicher Demiurg werde sich an den ewigen Ideen, dem immer Seienden orientieren, so dass die von ihm geschaffenen Dinge „vortrefflich“ würden. Blicke er auf das Gewordene als eines Urbildes, wäre die so entstehende Welt hingegen unvollkommen. „Von dem ganzen Weltgebäude nun oder Weltall“ müsse jeweils untersucht werden, „ob es immer war und nicht erst, in das Werden eintretend, einen Anfang genommen hat, oder ob es entstanden und von einem Anfange ausgegangen ist.“
Da die Gegenstände sinnlich wahrnehmbar seien, müssten sie entstanden sein und gehörten somit dem Werden an, das auf einer Ursache beruhe: „So ist denn jene [die Welt] als eine solche ins Leben gerufen worden, die nach dem Urbilde dessen entstanden, was der Vernunft und Erkenntnis erfassbar ist und beständig dasselbe bleibt [Idee].“
Die philosophische Kosmologie des Timaios wurde, indem sie Wissen hinter den Erscheinungen sucht, zur Propädeutik für Glück und Seinserkenntnis. Es ist möglich, dass Platon mit seiner Betonung astronomischer Phänomene auf Eudoxos’ Entdeckungen reagierte. Platons Werk beeinflusste die Entwicklung der antiken Astronomie wesentlich.
Mit seiner Kosmologie soll der Timaios erklären, wie eine sich ständig bewegende Sinnenwelt analysierbar ist und beschrieben werden kann, obwohl die Welt der Ideen die eigentliche Wirklichkeit darstellt. Der platonische Seelenbegriff beinhaltet einen kinetischen Aspekt, indem kosmische Bewegungen – etwa von Planeten – mit Seelen in Verbindung gebracht werden. Der Zugang zu den Naturwissenschaften wird erleichtert, weil Platon die Bewegungen ontologisch aufwertete.Michael Erler: Die Philosophie der Antike. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie, Band 2/2, Platon, § 6, Die Lehre Platons. Schwabe Verlag, Basel 2007, S. 454
Letztlich scheint die Güte Gottes die Ursache für die Existenz des Kosmos zu sein, der als großes, aus Weltkörper und -seele bestehendes Lebewesen vorgestellt wird. Ein guter Gott wünsche, dass alles so gut wie möglich werde, ordne die vorgefundene Bewegung und gebe Geist und Seele hinzu. So ist das Vorbild des Demiurgen ein vollkommenes Wesen, das dem Reich der Ideen angehört. Bei der Erschaffung der Welt richtet sich der Demiurg nach der Idee des Lebewesens, das alle anderen umfasse.
Platon ließ die Welt als vollendete, um sich selbst rotierende Kugel entstehen, von der Weltseele durchdrungen und von ihr umhüllt. Auf diese Weise ist die Welt, die voll Göttlich-Ewigem ist, zugleich ideell und materiell. So ist der für den Menschen sichtbare Kosmos nicht als Erscheinung eines Gottes, sondern als (gewordenes) „Abbild“ vom ewigen „Urbild“ zu unterscheiden.Michael Erler: Die Philosophie der Antike. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie, Band 2/2, Platon, § 6, Die Lehre Platons. Schwabe Verlag, Basel 2007, S. 455
Aristoteles hochkant|miniatur|Aristoteles fasste die Welt als ungeworden und unvergänglich auf Aristoteles war der erste Philosoph, der die Welt als unvergänglich, ungeworden und ursprungslos auffasste und die Ewigkeit der Welt systematisch darstellte. So formulierte er in seiner nur fragmentarisch erhaltenen Schrift Protreptikos, dass „der gesamte Himmel“ nicht geworden sei und daher nicht zugrunde gehen könne. Es gebe nur einen ewigen, der „weder einen Anfang noch ein Ende“ habe, so „dass er in sich die unendliche Zeit hat und umfasst.“Aristoteles, Protreptikos, zitiert nach Eberhard Orthbrandt: Geschichte der großen Philosophen, Aristoteles, Kritik an Platons Welterklärung. Verlag Werner Dausien, Hanau, S. 166.
In „De caelo“ (Über den Himmel), der von der Forschung in eine frühe Zeit datiert wird und kein einheitliches Werk ist, beschrieb Aristoteles den Himmel als ungeworden und unvergänglich. Er untersuchte die Beständigkeit des Universums und setzte sich mit der im Timaios von Platon dargestellten Lehre auseinander. Für ihn war es unmöglich, dass etwas Gewordenes ewig sei oder etwas Ungewordenes vergehen könnte, wie Timaios behauptet hatte.Die Philosophie der Antike. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie Band 3, Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos, § 13 Das Werk des Aristoteles, Da caelo. Schwabe Verlag, Basel 2004, S. 248
Die Ewigkeit der Welt, die sich für Aristoteles vor allem in den Sternen zeigte, leitete er aus der Lehre von der Ewigkeit der Bewegung ab: Wenn die Bewegung einen Anfang gehabt hätte, so nur durch eine andere Bewegung, die dem Anfang schon vorausgegangen war. Etwas wird nur aktuell durch ein anderes Aktuelles, das seinerseits etwas voraussetzt, bis man zu einem ersten Bewegenden (Unbewegter Beweger) kommt, das aus sich selbst reine Aktualität ist. Andererseits kann es kein Ende der Bewegung geben, da dies ebenfalls durch etwas anderes Aktuelles bewirkt werden müsste – dieses aber würde die bisherige Bewegung überdauern. Aus alledem folgte für Aristoteles die Ewigkeit der Welt. Er verstand sie nicht als Zeitlosigkeit, ein Zustand, der für Strömungen des Existentialismus (etwa Karl Jaspers) eine Rolle spielen sollte, sondern als grenzenlose und unermessliche Zeit.Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, Band 1, S. 429.
Bedeutung Da sich das kosmologische Weltbild und die Bewegungslehre des Aristoteles aus heutiger Sicht (vor dem Erkenntnisfortschritt der Astronomie) als überholt erweist, ist es nicht leicht, sie unvoreingenommen darzustellen. So ist es sinnvoll, zu prüfen, gegen welche Vorstellungen er sich absetzte. Im Grunde war dies die gesamte kosmologische Tradition von Anaximander bis Speusipp, die Aristoteles als gleichrangig betrachtete und der – wenn auch mit gewissen Differenzierungen – die Vorstellung eines Anfangs gemeinsam war, aus dem die Welt hervorging.Die Philosophie der Antike. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie, Band 3, Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos, § 14, Die Lehre des Aristoteles, Naturphilosophie und Naturwissenschaft. Schwabe Verlag, Basel 2004, S. 351–352 Aristoteles’ sich aus wenigen Grundannahmen und deren Konsequenzen ergebendes System hatte als Mittelpunkt den Begriff der Bewegung, so dass seine Kosmologie und Elementarlehre als kinetisch zu charakterisieren sind.
Die aristotelische Kosmologie war grundlegender Bestandteil des Aristotelismus und wurde von vielen späteren Denkern auf eigene Weise rezipiert.
Philon Philon glaubte an einen Weltanfang, ging aber von der ewigen Fortdauer des Universums aus. Wie später Augustinus führte ihn die Philosophie Platons zur Neu-Interpretation seiner Religion. So suchte er nach philosophischen Aspekten des Alten Testaments und verbrachte einen Großteil seines Lebens mit dessen Exegese. Dabei favorisierte er eine allegorische Vorgehensweise, ein von der Stoa entwickeltes Instrument der Interpretation, mit dem hinter dem wörtlichen Sinn eines Textes dessen verborgener Sinn ermittelt wurde.
Nach dem philosophischen Kern der Bibel suchend, hielt er ihre so ausfindig gemachten Inhalte für die Quellen, aus denen sich die griechische Philosophie speise. Mose erscheint so als der erste Philosoph, der im „mythischen“ Gewand die höchste Theologie verkündet habe und über seinen Schüler Pythagoras zum Lehrer der Griechen und damit Platons wurde. So verschmolz der personale Gott des jüdischen Monotheismus mit dem transzendenten der platonischen Metaphysik.Philon. In: Metzler-Philosophen-Lexikon. Metzler, Stuttgart 1995, S. 673 Über Gott als das Seiende, Wahre und Gute kann – wie in der Negativen Theologie Plotins – nichts Positives gewusst werden; die dennoch getroffenen positiven Aussagen stammen aus der Bibel und somit göttlicher Offenbarung: Gott schuf mit seinem Willen die Welt, wie in den ersten Worten der Genesis beschrieben.
Frühchristliche Philosophie und Neuplatonismus