mini|Röttler Kirche von Osten mini|Röttler Kirche von Südosten mini|Evangelische Kirche im Weiler Rötteln von Norden gesehen
Die Röttler Kirche war sehr wahrscheinlich dem heiligen Gallus geweiht.Albrecht Schlageter: Sankt Gallen Kirch zu Rötteln, S. 127ff. Die evangelischen Gemeinden von Haagen und Tumringen, die von Beginn an zusammen mit dem Weiler Rötteln zum Kirchspiel Rötteln gehörten, halten dort für ihre rund 3000 Gläubigen die Gottesdienste. Mit der ersten Erwähnung im Jahr 751 und der Neuerrichtung 1401 ist sie älteste Kirche in Lörrach und Rötteln ältester Kirchenort im vorderen Wiesental. In der Kirche befindet sich eine Grabkapelle des Markgrafen Rudolf III. und seiner Gemahlin Anna. Die bemalten Grabplatten gehören zu den bedeutendsten Steinplastiken im südwestdeutschen RaumStadt Lörrach: Kirchen in Lörrach und besterhaltenen Zeugnissen spätgotischer Grabmalkunst.Kunst. Thermen. Wein. Entdeckungsreisen durch das Markgräflerland, S. 33 Die Röttler Kirche war 1556 und in den Folgejahren Ort mehrerer Synoden zur Einführung der Reformation im Markgräflerland und damit geistiger Mittelpunkt, weswegen ihr eine besondere historische Bedeutung zukommt.
Geschichte Anfänge mini|Urkunde aus dem Jahr 751
Die älteste Beurkundung der Röttler Kirche ist in einem Dokument des Klosters St. Gallen vom 7. September 751 enthalten. Darin wird einem Ebo von Wahinhofen, dem heutigen Gut Wenkenhof in Riehen, und seiner Frau Odalsinde von einem Priester Landarius und elf Zeugen alle bewegliche und unbewegliche Habe „in Wahinhofen, Laidikofen und Bodinhofen einschließlich der hier wohnenden Leute, dazu auch einen Teil unserer Kirche in dem Ort, welcher genannt wird Raudinleim“ bestätigt. Weitere schriftliche Erwähnungen stammen aus dem Jahr 800 und vom 13. Oktober 898.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 30 In verschiedenen Schriften wird die Kirche als dem Heiligen Gallus geweiht erwähnt; Urkunden fehlen jedoch. Das ursprüngliche Patrozinium der früheren römisch-katholischen Röttler Kirche ist gänzlich unbekannt.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 64
Auf den Grundmauern der durch das Basler Erdbeben 1356 zerstörten Vorgängerkirche ließ Markgraf Rudolf III. nach dem Wiederaufbau der Burg Rötteln eine neue, vergrößerte Kirche errichten, die wie ihre Vorgängerin die Funktion der Grabkirche übernehmen sollte. Dazu stattete er sie 1418 durch Pfründe besonders aus und wählte sie zu seiner Hauptkirche. Den Bedürfnissen der wachsenden Gemeinde wurde St. Gallus in der Folgezeit durch mehrere Anbauten gerecht. Im südlichen Winkel zwischen Kirchenschiff und Glockenturm ließ Rudolf IV. von 1479 bis 1482 eine geräumige Kapelle errichten.Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Landkreis Lörrach (Hrsg.): Der Landkreis Lörrach, Band II (Kandern bis Zell im Wiesental), Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1994, ISBN 3-7995-1354-X, S. 99 Die letzte Beisetzung fand 1503 mit der Urne von Philipp von Hachberg-Sausenberg, des letzten Hachberger Markgrafen, statt. Nach 1503 wurden jedoch weitere Bestattungen vorgenommen, die Leichen jedoch ohne Sarg mit Kalk bedeckt, was dafür spricht, dass es sich um Opfer einer Pestepidemie handelte.Lörrach: Landschaft – Geschichte – Kultur, S. 607
Rötteln zur Zeit der Reformation mini|hochkant|Simon Sulzer
Der Markgraf schloss sich 1556 der Reformation im Markgräflerland an. Die Röttler Kirche wurde den neuen Erfordernissen angepasst. Eine führende Rolle spielte dabei der Reformator und damalige Antistes am Basler Münster, Simon Sulzer. Durch das Studium von Martin Luthers und Philipp Melanchthons Werken wurde er leidenschaftlicher Anhänger von Luthers Abendmahlsauffassung. Im Konkordienstreit versuchte er als Zwinglianer zu vermitteln und stieß dabei auf großen Widerstand. Er wurde in Bern seines Amtes enthoben und ging nach Basel. Auch dort war er umstritten. Seine Reformationsbemühungen weiteten sich auf die Markgrafschaft Baden-Durlach aus, wo er zunächst in Lörrach aktiv wurde. Sulzer konnte sich den Augsburger Reichs- und Religionsfrieden vom 25. September 1555 zunutze machen, um den wegen der bedrohlichen österreichisch-katholischen Nachbarschaft zögerlichen Markgrafen zu überzeugen, am 21. Januar 1556 eine länger vakante Pfarrstelle in Lörrach mit dem ersten protestantischen Pfarrer, seinem Schwager Ulrich Koch, zu besetzen. Damit bereitete er die Reformation in der Markgrafschaft vor. Markgraf Karl II. ernannte Sulzer zum Generalsuperintendenten der Diözese Rötteln, Müllheim, Schopfheim und Hochberg.
mini|links|hochkant|Johann Jakob Grynaeus
Am 14. und 15. März 1566 wurde in Rötteln die erste Synode unter dem Vorsitz von Sulzer und Landvogt Johann Albrecht von Anwyhl abgehalten. Es wurden Interpretationen verfasst, Theologiestudenten examiniert, Berichte über Schulen vorgetragen und Geistliche beurteilt. Einem Pfarrer aus Weil wurde verboten, den Kelch beim heiligen Abendmahl zu erheben, wie es nach katholischer Sitte üblich war. Pfarrer und Superintendent von Rötteln seit der Reformation war Thomas Grynaeus. Er blieb es bis zu seinem Tod 1564. Ihm folgte sein Sohn Johann Jakob Grynaeus, der sich im Gegensatz zu Sulzer zum Anhänger des reformierten helvetischen Bekenntnisses entwickelte.
In einer weiteren Synode 1577 kam es zum endgültigen Bruch zwischen dem Lutheraner Sulzer und dem Zwinglianer Grynaeus wegen der Konkordienformel. Am 18. November 1577 schrieb der Heidelberger Arzt und Schwiegervater Grynaeus’, Thomas Erastus:1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 212
Erastus war als streitbarer Nicht-Theologe eine der Triebfedern, die Grynaeus veranlassten, sich gegen die Konkordienformel zu stellen.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 182 Am 29. Oktober 1577 wurden alle Kirchendiener und Lehrer des Röttler Kreises einberufen, um sie die zwölf Punkte der Konkordienformel unterschreiben zu lassen. Durch die zwei Tage dauernde Vorlesung entbrannte der Streit zwischen den Gelehrten Grynaeus, Sulzer und Dürr, einem Mitstreiter Sulzers. Die teilnehmenden Lehrer und Geistlichen waren sich ebenfalls uneins, sodass die Angelegenheit bis zur nächsten Besprechung vertagt wurde.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 214 In der nächsten Zusammenkunft in Binzen entschieden sich die Anwesenden einstimmig, die Unterschrift zu leisten, allerdings mit Ausnahme der Anathematismendas Anathematismus (gr.-lat.): Verfluchung, Kirchenbann und des Artikels über das heilige Abendmahl. Etwa zehn Pfarrer verweigerten jedoch die Unterschrift ganz und zogen nach Basel, um sich über das weitere Vorgehen Rat einzuholen. Der Basler Rat verbot Sulzer, sich weiter einzumischen und untersagte ihm sogar den Besuch der Röttler Synode.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 216
Die letzte Synode fand am 14. August 1578 in Rötteln mit Sulzer statt, um die Verweigerer zur Unterschrift zu bewegen. Die Synode schloss mit dem Begehren, die alte Kirchenordnung zu belassen und sich im Katechismus an die Augsburger Konfession zu halten. Insbesondere durch die Fürsprache des Basler Bürgermeisters Bonaventura Vonbrunn blieben die Unterschriftverweigerer von nachteiligen Folgen ihrer Haltung verschont.
Der über Jahre dauernde Konkordienstreit teilte auch die Basler in zwei Lager und ließ Sulzer Anhänger und Freunde verlieren, während Grynaeus nach dem Tod Sulzers 1585 als neuer Antistes am Basler Münster die Kirche zum reformierten Bekenntnis zurückführte.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 217
Seit dem 17. Jahrhundert Während des Holländischen Krieges 1678 zerstörten französische Truppen das Dorf und die Burg Rötteln. Nur die Kirche und das Staffelgiebelhaus östlich davon überstanden den Brand.
Im 17. Jahrhundert wurde eine Empore eingebaut, um für die Gläubigen mehr Platz zu schaffen; die Fenster wurden vergrößert. Ein kleiner Dachreiter wurde 1734 auf das Satteldach des Glockenturms gesetzt. Dies könnte ein Versuch gewesen sein, die Röttler Kirche als Hauptkirche optisch besonders hervorzuheben. Allerdings muss der Dachreiter architektonisch als Fremdkörper gewirkt haben, so dass er spätestens 1790 wieder entfernt wurde. Bereits eine Kirchenvisite vom 3. August 1749 sprach von dem „unnötigerweise oben auf dem gesetzten Gipfel“.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 314
1749 umfasste die Diözese Rötteln nach dem Protokollbuch der damaligen Kirchenvisitation 20 Pfarreien in Kleinkems, Blansingen, Welmlingen, Efringen, Kirchen, Egringen, Wollbach, Schallbach, Fischingen, Wittlingen, Rötteln, Hauingen, Eimeldingen und Märkt, Binzen und Rümmingen, Ötlingen, Haltingen, Tumringen, Weil, Grenzach, Brombach und Lörrach. Damit entsprach sie in etwa dem heutigen Kirchenbezirk Lörrach. Mit der Verlegung des Oberamts Rötteln 1689 nach Lörrach und spätestens seit der Zerstörung der Burg 1678 verlagerten sich auch die wichtigen Ämter und Institutionen in die Stadt. Auch die Röttler Landschule und der Sitz des Spezial der Diözese Rötteln wurden dorthin verlegt.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 151 Im Jahr 1749 waren von den 9418 Einwohnern der Diözese Rötteln 9081 Lutheraner, 219 Reformierte, 69 Juden und 49 Katholiken.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 154
Mitte des 19. Jahrhunderts entfernte man im Rahmen von Renovierungsarbeiten die südliche Empore wieder. Im Laufe der Jahrhunderte verwahrloste die Kirche zusehends und bis auf Fenster, die man ersetzte, blieben Mauern und Dachstuhl unverändert, so dass Anfang des 20. Jahrhunderts die Kirche grundlegend renoviert und erweitert werden musste. In einem Bericht der Bauinspektion vom 12. Dezember 1895 heißt es dazu:
mini|Röttler Kirche 1901 mit Emporen
Von 1901 bis 1903 kam es zu umfangreichen Erneuerungs- und Erweiterungsarbeiten. Die Kirche wurde nach Süden durch eine zweijochige, kreuzgewölbte Halle mit 90 Sitzplätzen1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 270 und einen Seitenturm mit Kegeldach erweitert. Die Orgelempore wurde entfernt und damit ein freier Blick auf das 1903 neu eingesetzte Glasfenster des Freiburger Künstlers Fritz Geiges ermöglicht.Lörrach: Landschaft – Geschichte – Kultur, S. 608 Anlässlich der Einweihung der renovierten und erweiterten Kirche in Rötteln stattete ihr Großherzog Friedrich I. von Baden im Oktober 1903 einen Besuch ab.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 355
Im 20. Jahrhundert wurde die Kirche nach und nach modernisiert, alte Bausubstanzen wurden restauriert. 1912 ermöglichten Spenden der Gemeindemitglieder die Einrichtung einer elektrischen Beleuchtung sowie ein Jahr später die Installation einer Gasheizungsanlage mit sechs Öfen. 1915 erhielt die Kirche im Mittelschiff neue Ausziehsitze. Im Jahr 1920 wurde das mechanische Uhrwerk durch ein elektrisches ersetzt und seit 1930 werden die Läuteeinrichtung und das Orgelgebläse ebenfalls elektrisch betrieben.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 131
1938 wurden die Außenwände der Kirche und des Turms neu verputzt und die Tür- und Fensterrahmen gereinigt. 1985 wurden ebenfalls Außenrenovierungen durchgeführt, die sehr umfassend waren und bei denen die Kirche mit einem leicht veränderten Farbton versehen wurde. Seit 1999 wird die Kirche von den Abendstunden bis in die Nacht angestrahlt.1250 Jahre Röttler Kirche: 751–2001, S. 133 Von September 2004 bis Juni 2005 wurden weitere grundlegende Außen- und Innenrenovierungsarbeiten durchgeführt.
Beschreibung
mini|Kirche von Westen mit der sie umgebenden Ringmauer Lage