mini|hochkant|Lage der Muna Lübberstedt mini|hochkant|Lageplan der Muna Lübberstedt mini|Das Mahnmal vor dem Eingang des Geländes stellt den Grundriss der Muna Lübberstedt dar
Die Lufthauptmunitionsanstalt Lübberstedt (umgangssprachlich Muna Lübberstedt) war eine zwischen 1936 und 1945 bestehende Munitionsanstalt der deutschen Luftwaffe im Bremer Wald zwischen Lübberstedt und Bilohe im heutigen Landkreis Osterholz.
Die genaue Bezeichnung lautete Lufthauptmunitionsanstalt 2/XI Lübberstedt, sie unterstand der Luftzeuggruppe 11 (XI) Hannover. Von August 1944 bis April 1945 gehörte ein Außenlager des KZ Neuengamme zu der Muna. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gelände in den Händen britischer und amerikanischer Truppen und wurde später von der Bundeswehr übernommen.
Geschichte Der Beginn der Bauarbeiten zur MUNA Lübberstedt ist nicht durch ein Dokument zu belegen. Angaben weichen voneinander ab – zwischen 1936 und „bis unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg“. Im Herbst 1939 wurde in Axstedt und Lübberstedt bekannt, dass „im Walde jenseits der Albstedter Straße von der Luftwaffe ein Munitionslager und Anstalt gebaut werden sollte“.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 13. Im Dezember 1939 wurde in einer leerstehenden Lehrerdienstwohnung in Axstedt ein Büro der Bauleitung eingerichtet. Ein Baubataillon der Luftwaffe und Abteilungen des Reichsarbeitsdienstes machten sich an die Arbeit. Ein erstes Barackenlager war am 1. Februar 1940 bezugsfertig. Ausländer sowie Axstedter und Lübberstedter Bauern mit Traktoren und Pferdegespannen wurden eingesetzt. Im Herbst 1940 wurde die Billerbeek in Axstedt begradigt und vertieft, um die Muna zu entwässern. Der zusammenhängende Kernbereich wird mit 420 Hektar angegeben.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 18. Die Produktionsgebäude wurden am 3. Mai 1945 gesprengt. Nach Zeitzeugenangaben und Besichtigung der Reste gehörten 22 Gebäude zur Füllanlage. 102 erdummantelte Betonbunker hat es für auf Abruf lagernde und in der Muna gefertigte Sprengstoffe gegeben. Das Wasser für die Produktion wurde aus zwei 1938/39 gebohrten 26 Meter tiefen Brunnen gewonnen. Für die Unterkünfte gab es ein eigenes Wasserwerk. Eine spezielle Kläranlage zur Entsorgung der mit Chemikalien verunreinigten Gewässer gab es nicht. Im Gelände war ein Straßennetz von 30 Kilometern vorhanden. Die Gesamtlänge der Eisenbahngeleise beträgt 7,6 km. Das Nebengleis der Bahn verläuft durch die Anlage – mit mehreren Verzweigungen zu verschiedenen Laderampen.
Das Herzstück der Lübberstedter Muna war die Füllanlage. Die Granaten- und Bombenhüllen wurden für das Füllen mit Sprengstoff vorbereitet. Als Material für die Füllung diente ein Gemisch mehrerer Substanzen. Der Hauptanteil war TNT, das pulverförmig mit der Bahn angeliefert wurde. Bei etwa 90 Grad wurde es in einem Mischkessel geschmolzen und mit Salpeter als Sauerstoffträger gemischt. Die Mischung wurde durch isolierte Rohre gleichzeitig in 16 Granaten abgefüllt, der Vorgang dauerte etwa eine Minute. Nach Reinigung und Abkühlung erhielten die Granaten einen Zünder. Im Fallschirmhaus wurden die für Seeminen bestimmten Fallschirme gepackt. Woher das Material dafür stammte, ist nicht bekannt. „Bei einem Gesamtgewicht von 1.000 kg pro Mine müssen gewaltige Fallschirmflächen bewegt worden sein.“Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 38.
In der Pulvermühle wurde Sprengstoff aus fehlerhafter Munition ausgebohrt und zerkleinert - ein Abfallsprengstoff zur Wiederverwendung. Nach dem Krieg wurde dort alte Munition verbrannt. Das gesprengte Gebäude aus dicken Stahlbetonmauern ist als Ruine erhalten.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 22.
Deutsche Dienstverpflichtete
Ab 1. Oktober 1935 galt für jeden männlichen Jugendlichen die Pflicht, ein halbes Jahr Dienst im Reichsarbeitsdienst (RAD) zu leisten. Ab September 1939 galt diese Pflicht auch für weibliche Jugendliche.
Unweit des Dorfes Oldendorf nördlich von Lübberstedt wurde von September bis November 1936 ein RAD-Lager aufgebaut. Nach Kriegsende dienten die Oldendorfer Baracken mehrere Jahre lang 300 Flüchtlingen als Unterkunft.
In Lübberstedt gab es mehrere RAD-Lager: am Mützenweg in der Nähe des Bahnüberganges zur Muna, im Dorf um die Lübberstedter Mühle herum, auf dem Bargkamp und an der Ecke Bogenstraße/Schmiedestraße. Nur das erste Lager blieb bis April 1945 ein RAD-Lager. Die anderen wurden zeitweilig auch mit Bausoldaten, Ostarbeitern, Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen belegt. Es gab auf dem Gelände der heutigen Birkenstraße eine Gemeinschaftsküche, ein Schwimmbad und eine Sanitätsbaracke.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 46 f.
Tagesablauf im RAD 7 Uhr Wecken Frühsport bei jedem Wetter mit dem Hocker als Turngerät erstes Frühstück Flaggenappell und Gruppeneinteilung Arbeit (z. B. Entwässerungsgräben ziehen, Bachläufe begradigen, Felder und Wiesen drainieren, Straßenarbeiten, Arbeiten auf der Anlage der Muna) zweites Frühstück auf der Arbeitsstelle Rückkehr ins Lager und warmes Essen eine Stunde Bettruhe Unterricht (Ergänzung und Vertiefung von Allgemeinwissen, politischer Unterricht, Singen) 18 Uhr dienstfrei (aber noch Putz- und Flickarbeiten, Spaten auf Hochglanz bringen mit Sandpapier und Speckschwarte) 22 Uhr Zapfenstreich: BettruheLw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 48.
Zwischen Axstedt und der Muna gab es ein weiteres RAD-Lager, das 1939 eingerichtet wurde. Zeitweilig waren dort Bauleitung, deutsche und ausländische Zivilarbeiter untergebracht.
Zwischen dem Dorf und dem Bahnhof Lübberstedt gab es das G-Lager (=Gemeinschaftslager). Dieses Lager am Mützenweg diente den Arbeitern der Firmen und den Fremdarbeitern, die am Bau der Muna beteiligt waren, als Unterkunft. Es hatte mit dem RAD nichts zu tun. Ab Mitte 1944 wurden die Ostarbeiterfamilien von Bilohe nach hier verlegt.
Anfang 1945 sind auch Aktivitäten der Organisation Todt, einer militärisch organisierten Bautruppe in Lübberstedt belegt.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 53.
Kriegsgefangene mini|Kopfstein des Projekts Stolperstein verlegt am 11. Juli 2025; siehe Liste der Stolpersteine in Hambergen
Kriegsgefangene wurden in Stammlagern (Stalags) und Offizierslagern (Oflags) erfasst. Das Stalag X B in Sandbostel war in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Wesermünde seit Kriegsbeginn auch im Bereich Lübberstedt die Einsatzzentrale für Tausende von Kriegsgefangenen. Schon 1939 wurden 50 polnische Kriegsgefangene für Arbeiten in der Landwirtschaft im Gasthaus Brünjes in Axstedt untergebracht.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 56. Auch Belgier und Franzosen waren dort einquartiert.
Im Tanzsaal des Gasthauses von Rönn in Hambergen waren serbische Kriegsgefangene untergebracht. Bewacht wurden sie von einem einzigen Soldaten. Er kam morgens mit dem Fahrrad, weckte die Gefangenen um 6 Uhr, schickte sie zur Arbeit und fuhr abends, nachdem er sie eingeschlossen hatte, wieder nach Hause. Eine Bewachung während der acht Stunden Arbeit – meist bei Bauern, aber auch bei einem Kohlenhändler – gab es nicht.
In der Bevölkerung gab es Versuche, den Gefangenen z. B. mit Stiefeln zu helfen, aber .Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 62. Zum Ende des Krieges war die Versorgung der Kriegsgefangenen schlecht, obwohl sie schwere Arbeit leisten mussten.
Die russischen Kriegsgefangenen sollen zum Kriegsende zum Sammellager in Nordholz abtransportiert worden sein. Mehrere Quellen und Zeitzeugen berichten auch von italienischen Militärinternierten.
„Fremdvölkische“
Im Februar 1942 wurde mit dem Ostarbeiter-Erlass das Leben der ausländischen Arbeiter geregelt. Die „angeworbenen“ Ostarbeiter waren dem Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit“ im Wesentlichen ebenso schutzlos wie die Kriegsgefangenen ausgesetzt.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 73.
Arbeitsformen und Arbeitszeit Die Zahlenangaben über die Ostarbeiter im Komplex der Muna sind unterschiedlich. Alle Quellen geben um die 450 Personen an. Sie verrichteten Arbeiten außerhalb des Lagers in der Landwirtschaft oder Aufräumarbeiten in der Muna oder auch beim Schuster oder einem Maler, der zehn Ostarbeiter beschäftigte und dessen Frau für alle kochte. Bewaffnete Zivilisten beaufsichtigten sie und begleiteten sie auf dem Fußweg zur Arbeit. Sie wurden für die Arbeit bezahlt und hatten sonn- und feiertags frei, konnten allerdings freiwillig arbeiten. Beim Bau der Eisenbahn haben sie Schwellen getragen, Kies und Erde bewegt. Auch die Betonstraße wurde von ihnen gebaut. Waggons mussten sie ent- und beladen: Holzblöcke, -platten und Munition. Auch Gräben wurden von ihnen gereinigt.
Über den Arbeitsablauf der Ostarbeiter wird berichtet: Aufstehen um 6 Uhr, wenn es noch dunkel war in Dreierkolonnen bewacht von Polizisten in schwarzen Uniformen zur Arbeit laufen Arbeiten solange es hell war - teilweise zusammen mit deutschen Meistern, die Polnisch konnten und Befehle übersetzten, auch mit deutschen Arbeitern oder Italienern Der Arbeitstag war 12 Stunden lang von 7 bis 19 Uhr (andere Quellen geben leicht veränderte Zeiten an)Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 78 f.
Die Entlohnung war sehr unterschiedlich. Einige bekamen kein Geld, andere bis zu 25 Mark im Monat. Es fehlte an Möglichkeiten, den Lohn sinnvoll auszugeben. Auch das Verhalten des Aufsichtspersonals war sehr unterschiedlich. Von Beschimpfungen als Schweine und Schläge mit dem Gummiknüppel ist die Rede, aber auch von einem eigenen Zimmer auf dem Bauernhof, gleiches Essen wie die Familie und weder Beschimpfungen noch Prügel.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 80 f.
Verpflegung in den Ostarbeiterlagern Lübberstedter Ostarbeiter erinnern sich an die Verpflegung in den Ostarbeiterlagern. 300 Gramm Brot mit Rübenschnitzel oder Holzmehl gestreckt 10 – 30 Gramm Margarine „Heißes Wasser namens Kawa“ mittags ein Liter dünne Kohl- oder Kartoffelsuppe, auch mal zwei Liter Steckrübensuppe oder Sauerkraut und Weißkohl „Es gab auch Pferdefleisch, aber es stank wie Kadaver.“ zusätzliche Brot- und Kartoffelrationen konnte man im Lager kaufen (eine Portion Brot für fünf Mark, drei Kartoffeln für eine Mark) Schwerarbeiter erhielten ein Kilogramm schwarzes Brot pro Woche und bekamen an großen Fest- und Feiertagen Nudel- oder Graupensuppe
Manchmal kamen sonntags Bauern und holten sich Arbeiter aus dem Lager. Für Arbeiten in Haus und Hof bekamen sie Brot.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 82.
Im Standesamt Axstedt wurden 24 Geburten durch die Lagerleiterin angemeldet. Zwei der drei Frauen, die über ihre Lagerzeit berichteten, hatten im Lager ein Kind bekommen. Alle bestätigten, dass das deutsche Personal ein gutes Verhältnis zu den Kindern gehabt habe. Für die Babys habe frische Milch und Grieß zur Verfügung gestanden. Die stillenden Ostarbeiterinnen bekamen Malzbier und durften alle vier Stunden ihre Kinder stillen.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 85.
Ende des Krieges Das Ende des Krieges verlief teilweise chaotisch. Aus Angst vor Racheakten sollten die Gefangenen nicht freigelassen werden, sondern weiterhin bewacht und geschlossen an die Sieger übergeben werden. Fünf Männer konnten einer fast hundertmal größeren Zahl von Ostarbeitern keinen Respekt einflößen. Das Lager wurde zu Kriegsende auch geplündert. „Karo-Bettzeug, Röcke, Blusen, Spinde, alles ist durch die Gegend geflogen.“ Von Hambergen [und] Bokel sind [die Plünderer] gekommen.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 88. In den letzten Kriegstagen kamen auch Gefangene vom U-Boot-Bunker Valentin in Bremen-Farge durch Lübberstedt und Hambergen. (Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 89 f.)
Menschliches Handeln „Menschliches Handeln zwischen Mitleid und Strafe“ fand vielfach statt.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 95. Eine besonders mutige Begebenheit:
In einem Brief beschrieb die Tochter des Lagerleiters Major Pfeiffer, dass auch ihr Vater Ostarbeiterinnen und russischen Kriegsgefangenen heimlich Brot, Gemüse- und Kartoffelabfälle aus der Küche zugänglich machte – offiziell bekam er sie „für seine Stallhasen“.Lw. 2/XI - Muna Lübberstedt, S. 95.
Das KZ-Außenlager Lübberstedt-Bilohe