mini|Brigitta Kreß Brigitta Kreß (* 15. Juli 1952 in Berlin) ist eine deutsche Sozialwissenschaftlerin und Familiensoziologin mit dem Schwerpunkt Förderung von Gleichstellungsmaßnahmen von Frauen und Männern im betriebswirtschaftlichen Kontext.
Bis 2001 war sie im fünfköpfigen Team der Wissenschaftlichen Begleitung zur Implementierung von Gender-Mainstreaming in der Bundesregierung.
Derzeit lehrt sie angewandte Soziologie und Diversity an der Hochschule Darmstadt. Zuvor hatte sie Lehraufträge für die Landesgleichstellungsgesetze an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung.
Leben Studium Brigitta Kreß studierte in Heidelberg Sozialpädagogik und in Frankfurt am Main Soziologie, unter anderem mit den Schwerpunkten Gerontologie und Sexualmedizin. Zu Beginn der 80er Jahre widmete sie sich als Wissenschaftsjournalistin für Hörfunk und Printmedien den Themen der Familien- und Geschlechterforschung sowie den modernen Sozialisationsbedingungen von Männern im Industriezeitalter und des europäischen Kulturraums. Daneben hat sie im Vorstand der Pro-Familia-Beratung in Frankfurt ehrenamtlich gearbeitet.
Betriebliche Frauenförderung Für den Verein ERGO e. V. und das Frauenreferat Frankfurt am Main, entwickelte sie eine Karriereberatung für Frauen. Im einjährigen Kooperationsprojekt des Landes Hessen mit dem Pfungstädter Backwarenhersteller Wilhelm Weber GmbH (500 Mitarbeitende, gehört heute Barilla) entwickelte sie 1993 einen Frauenförderplan für die 100 weiblichen Angestellten. Über alle betrieblichen vorhandenen Hierarchieebenen hinweg analysierte sie die Frauenarbeitsplätze hinsichtlich ihrer Arbeitszeitausrichtungen, der finanziellen Gleichstellung mit männlichen Kollegen, den Aufstiegsmöglichkeiten, sowie der körperlichen und geistigen Anforderungen. Sie erstellte einen Maßnahmenkatalog mit angepasstem Stufen- und Zeitplan und einen „Berufwegplan mit Bausteinsystem“. „Es bedeutet für die betriebliche Frauenförderung, dass sie unbedingt hart an den Realitäten ansetzen muss um erfolgreich zu sein. Das heißt, sie muss an den Arbeitsplatz der einzelnen Frau, auf ihren familiären Hintergrund und exakt auf die Anforderungen des Unternehmens zugeschnitten sein. Dazu bedarf es, den qualifizierten, externen Blick auf die interne Situation.“Brigitta Kreß: Zwei Schritte vor - ein Schritt zurück? Dokumentation der gleichnamigen Fachtagung, 8. Oktober 1994, DBG Hessen/IG Metall, Frankfurt am Main. Der Frauenförderplan hatte ebenfalls, die Installierung eines Kooperationsverbundes für die gemeinschaftliche Förderung von Kinderbetreuungseinrichtungen zum Ziel, was durch die Stadt Pfungstadt, die regionalen Kirchen und benachbarte Unternehmen (z. B. Wella AG, Softwarehouse GmbH) erreicht wurde. Es wurde mit Hilfe ihrer Vernetzungsaktivität und Moderation der unterschiedlichen Organisationsvertretungen eine Kindertagesstätte errichtet und das gesamte Projekt mit einer Betriebsvereinbarung verabschiedet und veröffentlichtVgl. D. Assig, A. Beck: Frauen revolutionieren die Arbeitswelt. Frauenförderplan der Fa. Wilhelm Weber GmbH, Vahlen Verlag, München 1996, S. 43–48. Der Frauenförderplan war in dieser Form europaweit der erste Plan der mit einer Betriebsvereinbarung verpflichten verabschiedet wurde. Die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen wertete den Plan als „ausführliche Festlegung für den Zugang zu Arbeitsplätzen mit der Maßgabe die Geschlechtertrennung auf allen Hierarchieebenen und in allen Tätigkeitsfeldern zu beseitigen sowie Maßnahmen im Bereich zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie z. B. Elternurlaub, und Arbeitszeitregelungen, die Vätern in leitenden Positionen die Übernahme von Familienpflichten zu erleichtern, etwa durch Jobsharing oder Teilzeitarbeit.“Brian Bercussion, Anni Weiler: Chancengleichheit und Tarifverhandlungen in der europäischen Union, Innovative Vereinbarungen. Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, Luxemburg, 1999, S. 46.
Entwicklungsansätze für die Betriebliche Kinderbetreuung Für das Deutsche Jugendinstitut e. V. war sie von 1996 bis 1999 als Wissenschaftliche Referentin im Bundesprojekt „Förderung betrieblicher Kinderbetreuung“ tätig. Hierin wurden zehn Standorte und Modelle betrieblicher Förderung von Kinderbetreuung in Ost- und Westdeutschland analysiert und deren finanzielle, pädagogische und organisatorische Konzepte und Vorgehensweisen dokumentiert und verglichen. Das dreijährige Projekt sollte dazu beitragen, dass die qualitativen Wechselwirkungen zwischen Familie und Arbeit am Beispiel der betrieblichen Förderung von Kinderbetreuung sichtbar und kalkulierbar gemacht werden können. Dadurch wurden die finanziellen Vorteile für Unternehmen deutlich, die bei familien- und frauenfreundlichen Personalstrukturen zum Tragen kommen, wodurch das Modellprojekt „Betriebe, Gewerkschaften und die Träger der Jugendhilfe [anregt], sich aktiv für eine Kinder- und familienfreundliche Zeitpolitik einzusetzen.“U. Hagemann, B. Kreß, H. Seehausen: KINDER ZEIT. 1/96. Dadurch dass in dem Projekt der Fokus auf der Kinderbetreuung lag, wurden nicht nur Mütter, sondern erstmals auch Väter in die Neugestaltung des Zusammenhangs von Arbeit und Familie miteinbezogen: „Betriebliche Kinderbetreuung stellt eine Schnittstelle zwischen den Lebenswelten von Eltern und Kindern dar. Neue Zeitbrücken können auch hier entlasten und Vätern die Möglichkeit zur Teilhabe an der Entwicklung ihrer Kinder bieten.“Brigitta Kreß: Hessisches Frauen-Info des Hessischen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Sozialordnung. Nr. 28, 1996. Die Ergebnisse des Projektes wurden in einem Buch dokumentiert, dass darauf aufbauend praktische Beispiele zur Anwendung für mittelständische Unternehmen bietet.Ulrich Hagemann, Brigitta Kreß, Harald Seehausen: Betrieb und Kinderbetreuung – Kooperation zwischen Jugendhilfe und Wirtschaft. München 1998.
Betriebswirtschaftliche Aspekte familiengerechter Maßnahmen Das Thema „Kosten und Nutzen der familienfreundlichen Maßnahmen für Unternehmen“ verfolgte Brigitta Kreß weite, indem sie zeigte, dass die quantitativen Kosten qualitativ sichtbar zu machen sind, um schließlich den Nutzen für Unternehmen bezüglich der Nachhaltigkeit ermitteln zu können. So erstellte sie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums eine Broschüre zum Thema „Kinderbetreuung lohnt sich! – Steuertips für Unternehmen“Brigitta Kreß: Kinderbetreuung lohnt sich! – Steuertips für Unternehmen (Hrsg.): Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Mai 1997 (4. Aufl. 1999). in der den Unternehmen die Steuervorteile bei der Einrichtung oder Beteiligung an betrieblichen Kinderbetreuungsplätzen errechnet wurden.
Eigene Beraterfirma Im Jahr 2000 gründete sie die Beratungsorganisation „balancing consult – Vereinbarkeit von Beruf und Familie“.balancing-consult.de Ende der 90er Jahre hatte sie mit balancing consult die deutsche Leitung des dreijährigen EU-Projektes „Managing E-Quality“ übernommen die sie zuvor für das Frankfurter Institut für Frauenforschung ausgefüllt hatte. Gemeinsam mit Bildungsträgern und Unternehmen aus Österreich (Gender Link, Salzburg), England (mba –Training, Research, Development, London), und Ungarn (Ungarisches Sozialministerium, Budapest), wurde hierin ein länder- und kulturübergreifendes, Seminar (Gendertraining) für Führungskräfte aus der Privatwirtschaft entwickelt, das EU-weit anwendbar ist. Die Methoden zur Sensibilisierung von Führungskräften und praktischen Anleitungen wurden in mehrsprachigen Broschüren publiziert.Managin E-Quality Manual Für die hierzu stattgefundenen Fachtagungen mit Vertretungen aus Großunternehmen und Gewerkschaften (u. a. Lufthansa, Fraport AG, Deutsche Telekom, GEW, IG Metall) in Wien und Frankfurt (1999) wurde das Schwerpunktthema auf die Förderung der aktiven Vaterschaft gelegt, da dies für Unternehmen eine neue familienfreundliche Ausrichtung erfordert. Nach Brigitta Kreß ist es eine der Aufgaben von MEQ-Seminaren, „[e]ine Umorientierung bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu erreichen, …, denn männliches Selbstwertgefühl basiert auf beruflichen Erfolg.“Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. April 1999. Wirtschaftsteil: Väter sind in Deutschland benachteiligt. Familienfreundliche Betriebe spielen bereits Mitte der 90er-Jahre für Brigitta Kreß in Bezug auf die demographische Entwicklung eine Rolle, denn „je besser die Brücken zwischen Beruf und Familie …, desto mehr Frauen würden sich für ein Kind entscheiden. In Schweden, wo 86 % der Mütter berufstätig seien, bekomme jede Frau im Schnitt 2, 3 Kinder, in Deutschland seien es nur 1,3.“Viel Ahnung haben die Herren nicht – EU-Projekt belehrt Manager über „Väterförderung“. In: Frankfurter Rundschau. 30. April 1999.
Implementierung von Gender-Mainstreaming in der Bundesregierung Bis 2001 war sie drei Jahre im fünfköpfigen Team der Wissenschaftlichen Begleitung zur Implementierung von Gender-Mainstreaming in der Bundesregierung. Es entstand ein „Handbuch Gender Mainstreaming für die Bundesverwaltung“, das für die Leitungskräfte sämtlicher Ressorts der Bundesregierung in printform und im Intranet einsichtig ist.
Interreligiöse Arbeiten Im Jahre 2006 beriet Brigitta Kreß die interreligiösen Fraueninitiative Sarah & Hagar in einem vom Hessischen Sozialministerium finanziell geförderten Zielfindungsprozess und wurde anschließend katholisches Mitglied der Gruppe. In Form einer Broschüre formulierte die Gruppe von Jüdinnen, Christinnen und Musliminnen gesellschaftspolitische Leitlinien zu den Themen Arbeit, Familie und Bildung, die für die Frauen aller drei abrahamischen Religionen, der jüdischen, der christlichen und der islamischen Gültigkeit hatten und die im öffentlichen Diskurs weiterentwickelt werden sollten. Die Sarah-und-Hagar-Initiative „…sucht nach einem sozialpolitischen Konsens, zwischen deutschen Frauen, jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens. Damit stellt sie eine gemeinsame Aktionsplattform her, von der aus andere gesellschaftliche Gruppierungen in eine demokratische Suchbewegung eintreten können: auf welchem Weg können Religionsfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit verwirklicht werden?“Annette Mehlhorn: Impulse für eine geschlechtergerechte Sozialpolitik auf der Basis jüdische, christlicher und muslimischer Traditionen. Dokumentation des Evangelischen Pressedienstes, Januar 2006. Die öffentlichen Referate der Gruppe, in denen immer wieder auch der eigene jahrelange Prozess der Annäherung Gegenstand ist, werden stets von drei Vertreterinnen dieser Religionen gemeinsam wahrgenommen. So war „der Verzicht auf eine Missionierung des anderen das zunächst größte Hindernis … um in einen normal geführten Dialog zu treten.“Der schwierige Prozess der Annäherung. In: Neue Post. Neu Isenburg 5. Juli 2008. 2009 wurde der Sarah-und-Hagar-Initiative für ihr Engagement der Leonore-Siegele-Wenschkewitz-Preis des Vereins zur Förderung Feministischer Theologie in Forschung und Lehre e. V. verliehen.