mini|Chinesen in der Pferdebahn, Zeichnung von Christian Wilhelm Allers in seinem Buch Spreeathener (1889)
Die Gemeinschaft der Chinesen in Deutschland (alternative Bezeichnungen sind Deutsch-Chinesen oder chinesische Deutsche) besteht aus ethnisch chinesischen Migranten in Deutschland und ihren Nachkommen. Sie sind mit etwa 212.000 Personen eine der zahlenmäßig kleineren Zuwanderergruppen in der Bundesrepublik (Stand: 2013).
Überblick mini|hochkant|Gedenkstein für in Hamburg gestorbene chinesische Seeleute und Staatsangehörige auf dem Ohlsdorfer Friedhof
Die Zahl der derzeit in Deutschland wohnenden Chinesen lässt sich nicht genau beziffern, zumal im Allgemeinen eine Klassifikation von Menschen bestimmter Herkunft nicht leicht umsetzbar ist. Die verschiedenen Definitionskriterien (chinesische Staatsbürgerschaft, chinesische Muttersprache oder entsprechenden Migrationshintergrund) führen zu sehr divergierenden Ergebnissen. Hinzu kommt, dass viele trotz genannter Kriterien sich nicht mit China identifizieren, wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Eine Schätzung jedoch ergibt, dass 2009 etwa 80.000 Staatsangehörige der Volksrepublik China in Deutschland lebtenGütinger, Erich (1998), "A Sketch of the Chinese Community in Germany: Past and Present", in The Chinese in Europe von Benton, Gregor; Pieke, Frank N., Macmillan, S. 199–210, ISBN 978-0-312-17526-9.. Hinzu kommen taiwanische Bürger sowie chinesischstämmige Migranten aus Singapur, Malaysia, Indonesien und anderen Ländern, in denen es eine chinesische Minderheit gibt.
Insgesamt wurde von ungefähr 212.000 Personen mit chinesischer Abstammung in Deutschland im Jahr ausgegangen, einschließlich derer, die die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt haben (Stand: 2013). Damit ist die chinesische Gemeinschaft in Deutschland eine der kleineren Volksgruppen. Einer Statistik von 2004 zufolge wurden 4,5 % der in Deutschland lebenden Chinesen auch dort geboren.
Seit dem Jahr 1935 existieren auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg zwei Grabfelder (Bp 68 und N 34-35) für verstorbene Chinesen. Ein Gedenkstein markiert den Zugang zu den beiden Bereichen.Artikel (Online und Print) „Totengedenken und Opfergaben bei den Chinesen“ von Petra Schmollinske im Magazin des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e. V., Nr. 124, I, Hamburg 2014. ISSN 18667449. Seit 2017 existiert auf dem Bonner Nordfriedhof ein 2000 m² großes Grabfeld für Angehörige der chinesischen Volksgruppe.Artikel in der Welt „Vertrag über chinesisches Grabfeld in Bonn unterzeichnet“ vom 25. April 2017.
Geschichte Im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg mini|Deutsch-Chinesische Hochschule in Tsingtau, im Jahr 1913
In Deutschland ließen sich ab etwa 1870 chinesische Seefahrer und Matrosen, die auf deutschen Schiffen arbeiteten, in den Hafenstädten Bremen und Hamburg nieder; 1890 lebten in Hamburg 43 Chinesen,Erich Gütinger: Die Geschichte Der Chinesen in Deutschland: Ein Überblick über die ersten 100 Jahre ab 1822, Waxmann Verlag, 2004. ISBN 978-3-8309-1457-0. 1910 insgesamt 207, meist ehemalige Seeleute. Aufgrund der jeweils nur zeitweilig in den Häfen logierenden Seeleute schätzt Conrad die tatsächliche Zahl in diesen Jahren bereits als deutlich höher ein. In Hamburg hatte sich in den 1920er Jahren bereits fest ein „Chinesenviertel“ etabliert, das älteste Chinatown in Deutschland. Viele deutsche Reedereien hatten seit den 1890er Jahren angefangen, ihre deutschen Besatzungen durch die deutlich günstigeren Chinesen (auch Inder und Afrikaner) zu ersetzen, insbes. für die extrem beschwerliche Heizerarbeit in den über 40° heißen Maschinenräumen. Von den 47.780 registrierten Seeleuten der Seeberufsgenossenschaft um die Jahrhundertwende waren über 3.000 Chinesen. Daneben beteiligten sich die Reedereien auch am lukrativen Transport chinesischer Arbeiter nach Übersee.Sebastian Conrad: "Kulis" nach Preußen? Mobilität, chinesische Arbeiter und das Deutsche Kaiserreich 1890-1914. In: Comparativ, 13 (2003), Heft 4, S. 80-95, hier S. 89 f.
Ein anderer Teil der frühen chinesischen Gemeinde in Deutschland bestand unter anderem aus Studenten, die sich für eine begrenzte Zeit im Deutschen Reich aufhielten. Unter ihnen befand sich Zhou Enlai, späterer Führer der Kommunistischen Partei Chinas.
Ab den späten 1880ern wurde auch über die Anwerbung chinesischer „Kulis“ als Landarbeiter für die ostelbische Landwirtschaft debattiert, da man sich zunehmend um die politische Mobilisierung der überwiegend polnischen Saisonarbeiter und deren dauerhafte Ansiedlung in weiteren Teilen der Ostprovinzen sorgte. Gerade die weitere ungehinderte Vermischung der eng verbundenen Polen und Deutschen im Grenzgebiet wurde als gefährlich angesehen, sodass man eine ethnisch völlig fremde Gruppe als das geringere Übel ansah, da sie leichter zu segregieren wäre. Der spätere Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung, Friedrich Syrup, schrieb daher später: „Bleiben die Ausländer bei großer Anzahl als bewußt erkannte, geschlossene Fremdkörper im Deutschen Reiche bestehen, so ist dies erträglicher, als wenn die Ausländer der deutschen Bevölkerung untergemischt werden.“F. Syrup-Stettin: Die ausländischen Industriearbeiter. In: Archiv für exakte Wirtschaftsforschung, 9 (1922), S. 278–301, hier S. 295 f. Chinesen galten nach den Erfahrungen anderer Kolonialmächte zu dieser Zeit als besonders unempfindlich gegenüber fremden kulturellen Einflüssen. Gutsbesitzer drängten wiederholt auf diese Lösung oder zumindest die genauere Untersuchung derartiger Vorschläge, so z. B. bereits 1889 in Pommern, wo Forderungen an das preußische Landwirtschaftsministerium gerichtet wurden. Die öffentliche und behördliche Meinung war „beinahe durchgängig ablehnend“, v. a. wegen der zeitgleichen Ausgrenzung und des Misstrauens gegenüber den Chinesen in Nordamerika und Australien (vgl. Gelbe Gefahr), eng verbunden mit Ängsten vor „Rassenmischung“. Dennoch stellten die preußischen Behörden Erkundigungen an, so bspw. über die Lage der chinesischen Arbeiter in Niederländisch-Ostindien. Nachdem das Auswärtige Amt dann 1895 einen ausführlichen Bericht aus Peking erhalten hatte, kam man v. a. wegen Fragen des Transports und der Lohnkosten zu dem Schluss, dass „der Plan einer Überführung ländlicher Arbeiter der chinesischen Rasse nach Ostpreußen keine Aussicht auf Erfolg biete[t].“Geheimes Staatsarchiv Berlin, I. HA, 87 B, Nr. 211, S. 152. In den Jahren 1906 und 1907 häuften sich derartige Anfragen abermals, sodass die deutsche Kolonialverwaltung in Kiautschou um eine Stellungnahme gebeten wurde, die allerdings ähnlich ausfiel.Sebastian Conrad: "Kulis" nach Preußen? Mobilität, chinesische Arbeiter und das Deutsche Kaiserreich 1890-1914. In: Comparativ, 13 (2003), Heft 4, S. 80-95, hier S. 81–86.
Chinesische Arbeitskräfte wurden auch für das deutsche Kolonialreich herangezogen, parallel zum Vorgehen Englands oder Frankreichs. So warben die Deutschen bis 1894 rund 1.000 „Kulis“ für Ostafrika an, die aber derart unter Prügelstrafe und tropischem Klima litten, dass die britischen Kolonialbehörden keine weiteren Anwerbungen erlaubten. Einen neuen Schwerpunkt bildeten daher ab 1900 die Südseekolonien, für deren Plantagenwirtschaft chinesische Arbeiter als unerlässlich galten. So lebten im Jahre 1914 in Deutsch-Neuguinea 1.377 Chinesen (gegenüber 1.137 Weißen), auf Deutsch-Samoa 2.184 Chinesen (gegenüber 373 Deutschen). Die Spannungen mit der chinesischen Regierung über die brutalen Arbeits- und Lebensbedingungen wurden nie völlig beigelegt. Die Chinesen wurden den Europäern rechtlich nie gleichgestellt, sondern ihrer „niedrigen Kulturstufe“ wegen rechtlich wie die Eingebornen behandelt – von denen sie andererseits aber auch ethnisch getrennt bleiben sollten.Sebastian Conrad: "Kulis" nach Preußen? Mobilität, chinesische Arbeiter und das Deutsche Kaiserreich 1890-1914. In: Comparativ, 13 (2003), Heft 4, S. 80-95, hier S. 90-93.
1898 erwarb das Deutsche Kaiserreich das Pachtgebiet Kiautschou mit der Hauptstadt Tsingtau, wodurch erstmals eine relevante Anzahl ethnischer Chinesen auf deutschem Herrschaftsgebiet lebte. In Kiautschou sollte eine „deutsche Musterkolonie“ entstehen. Während der 16-jährigen deutschen Kolonialzeit entstanden Schulen, Hochschulen, Bahnhöfe, Hafenanlagen und andere öffentliche Gebäude. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs musste Deutschland die Kolonie 1914 an Japan abtreten.
Die chinesische Einwanderung nach Deutschland ging mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs zurück. Während dieser Phase wurden in verschiedenen deutschen Städten, insbesondere in Bremerhaven und Hamburg, mehrere Hundert Chinesen interniert.
Weimarer Republik und Drittes Reich
mini|Gedenktafel in der Nähe des ehemaligen Arbeitserziehungslagers „Langer Morgen“, in dem Chinesen interniert waren mini|Chiang Wei-kuo in der Wehrmachtsuniform eines Fahnenjunkers mit Schützenschnur
Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der chinesischen Zuwanderer wieder an. Sie bildeten Mitte der 1920er-Jahre die viertgrößte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland. Manche sympathisierten mit dem Kommunismus, einige der in Deutschland lebenden Chinesen wurden Mitglied in der KPD, die in Berlin einen „Zirkel für chinesische Sprache“ unterhielt.berlin-magazin.info: Chinesen in Berlin Größere chinesische Gemeinden bildeten sich in den 1920er-Jahren insbesondere in Hamburg und Berlin. Auf Hamburg-St. Pauli entstand mit dem „Chinesenviertel“ ein kleines „Chinatown“.Lars Amenda: „Keine Weltstadt ohne Chinatown“ (Artikel basierend auf der Dissertation Fremde – Hafen – Stadt. Chinesische Migration und ihre Wahrnehmung in Hamburg 1900 – 1970) Dort lebende Chinesen betrieben Wäschereien, Restaurants und Ballsäle wie das „Cheong Shing“. Die „Hongkong-Bar“ wurde 1938 als Restaurant und Schankwirtschaft eröffnet und ist seit 1964 eine Kneipe mit angeschlossenem Hotel.Artikel „Die ‚Schneeflocke‘ vom Hamburger Berg“ in Hinz&Kunzt. Das Hamburger Straßenmagazin. Nr. 302, Ausgabe April 2018. Seite 32–37.
Chiang Wei-kuo, ein Adoptivsohn Chiang Kai-sheks, heiratete 1957 die Deutschchinesin Chui Ru-hsüeh. Chiang Wei-Ko absolvierte seine militärische Ausbildung in den 1930er-Jahren in Deutschland und gehörte zum Gebirgsjägerregiment 98 der 1. Gebirgsdivision. Mit einer Alpenkriegsausbildung nahm er am Anschluss Österreichs als Panzerkommandant teil. Chiang Wei-Ko nutzte seine Kontakte zu den in die Bundeswehr übernommenen Militärangehörigen der Wehrmacht für die Etablierung einer militärischen Zusammenarbeit zwischen der Republik China und der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen 1964 und 1972 wurden 25 Offiziere durch die Führungsakademie der Bundeswehr ausgebildet.
Der Sohn des Revolutionärs Xie Weijin ist der in Berlin geborene Han Sen und Autor einer Autobiografie: Ein Chinese mit dem Kontrabass. Er arbeitete zwischen 1928 und 1933 in Berlin für verschiedene Komintern-Institutionen. Sein in Berlin geborener Sohn floh mit seinem Vater, Erwin Kisch, Otto Heller und Willi Münzenberg 1933 aus Deutschland. In den nächsten drei Jahren setzte er seine Tätigkeit für die Komintern in Österreich und der Schweiz fort. Dort lernte er die rumänische Ärztin Anna Kapeller kennen, die seine Ehefrau wurde. Beide zogen für die Internationalen Brigaden in den Spanischen Bürgerkrieg.
Da ein Großteil der in Deutschland lebenden Chinesen politisch links orientiert war, wurden Chinesen, auch wenn sie politisch nicht aktiv waren, überwacht oder aufgrund ihrer politischen Einstellungen interniert, sodass die Mehrheit von ihnen Deutschland wieder verließ.Dagmar Yu-Dembski: „Chinesenverfolgung im Nationalsozialismus - Ein weiteres Kapitel verdrängter Geschichte“, in: Bürgerrechte & Polizei/CILIP, Ausgabe 58, 3/1997.