mini|hochkant|Renée Falconetti im Alter von 18 Jahren (um 1910/11) Renée Jeanne Falconetti (* 21. Juli 1892 in Pantin; † 12. Dezember 1946 in Buenos Aires), auch unter den Namen Falconetti oder Maria Falconetti bekannt, war eine französische Schauspielerin. Ab den 1910er Jahren trat sie im Pariser Boulevardtheater in Erscheinung und war kurzzeitig Mitglied der Comédie-Française (1924–1925). Sowohl anerkannt für ihre Auftritte in Komödien als auch Dramen (unter anderem Lorenzaccio, 1927; Die Kameliendame, 1928) wurde ihr Spiel von zeitgenössischen Kritikern mit dem einer Gabrielle Réjane oder Eleonora Duse verglichen. Nachhaltige Bekanntheit erlangte sie durch die Titelrolle der Jeanne d’Arc in Carl Theodor Dreyers Stummfilm Die Passion der Jungfrau von Orléans (1928), der ihr einziger Auftritt in einem Spielfilm bleiben sollte.

Leben

Kindheit und Ausbildung Renée Falconetti wurde 1892 in PantinHélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 15 (andere Quellen geben fälschlicherweise als Geburtsjahr 1891Renée Falconetti. In: Jean-Loup Passek (Hrsg.): Dictionnaire du cinéma. Larousse, Paris 1986, ISBN 2-03-512303-8, S. 231 oder 1893 sowie als Geburtsort Sermano, Korsika,Felice Cappa: Dizionario dello spettacolo del '900. Baldini + Castoldi, Milano 1998. an) als Tochter von Pierre Falconetti, einem gebürtigen Korsen, und der zwanzig Jahre jüngeren Lucie Lacoste († 1935) geboren. Der Vater arbeitete als Verkäufer für Seide im Pariser Großwarenhaus Bon Marché. Falconetti, „Nénette“ genannt (im Erwachsenenalter „Falco“), wuchs mit einem jüngeren Bruder auf. Die Ehe der Eltern verlief unglücklichHélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 16–17 und sie trennten sich, als Falconetti noch ein Kind war. Daraufhin lebte sie bei den Großeltern mütterlicherseits, die eine Schneiderei betrieben. Später wurde sie von ihrer berufstätigen Mutter, getrennt von ihrem Bruder, in einem religiösen Heim untergebracht. Einen Schulabschluss erwarb sie nie.

Falconetti begann früh, die Schauspielerin Sarah Bernhardt zu verehren und sich im Alter von acht Jahren für den Schauspielberuf zu begeistern. Mit 13 Jahren übernahm sie die Hauptrolle in einer Schulaufführung. 1910 nahm ihre Mutter, die einen Textilunternehmer kennen gelernt hatte, die beiden Kinder wieder zu sich. Falconettis Berufswunsch traf bei den übrigen Familienmitgliedern auf Unverständnis. Aufgrund der schwierigen finanziellen Lage in der sich ihre Familie befand, trat sie eine Stelle in einer internationalen Gesellschaft an. Sie wurde daraufhin unter anderem in die Niederlassungen nach Hamburg und Liverpool entsandt.

Beziehung zu Henri Goldstuck und erste Theaterauftritte Während ihres Aufenthalts in England traf die junge Falconetti auf den sehr viel älteren Henri Goldstuck. Der Millionär entstammte einer jüdischen Familie aus Riga und war durch die Versicherung von Frachtgütern zu Wohlstand gekommen. Falconetti wurde seine GeliebteHélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 25–27 und zog zwei Jahre später mit ihm in ein Haus in die Pariser Rue de Longchamp. Goldstuck ermöglichte Falconetti fortan, einen gehobenen Lebensstil zu führen und Schauspielunterricht bei Maurice de Féraudy zu nehmen. Gegen den Willen ihrer Familie bereitete sie sich 1912 auf die Aufnahme am Pariser Conservatoire d’art dramatique vor. Gleichzeitig sah sie zahlreiche Theaterstücke unter anderem mit Jean Mounet-Sully und Gabrielle Réjane, die zu einem ihrer Vorbilder wurde.Hélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 41 Als eine von 15 Schülerinnen und Schülern wurde Falconetti schließlich am Conservatoire angenommen und gelangte in die Klasse von Eugène Silvain.

Falconetti besuchte den Unterricht bei Silvain zweimal wöchentlich und erhielt eine klassische Schauspielausbildung. Gegenüber ihren Kommilitonen stets zurückhaltend, machte sie als Schauspielschülerin erstmals im Sommer 1913 auf sich aufmerksam. Beim öffentlichen Vorspiel („Concours“) interpretierte sie eine Szene aus dem dritten Akt von George Sands Le Mariage de Victorine und belegte einen zweiten Platz.Hélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 35–36 Daraufhin wechselte sie im zweiten Jahr in die Klasse von Mademoiselle du Mesnil und verdoppelte ihre Anstrengungen. Bei ihrem zweiten öffentlichen Vorspiel im Sommer 1914 wählte Falconetti eine Szene aus dem ersten Akt von Racines Tragödie Esther und belegte zu ihrer EnttäuschungHélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 39 erneut einen zweiten Platz.

Während des Ersten Weltkriegs wurde Falconetti aus Propagandazwecken mit anderen Schülern des Conservatoire zu einer Tournee durch die Schweiz verpflichtet. Am 29. Mai 1915 gab sie am Pariser Théatre de l’Odéon mit einem Auftritt in Anton Tschechows Einakter Der Heiratsantrag ihr professionelles Bühnendebüt. Drei Jahre sollte Falconetti dem Ensemble des Schauspielhauses angehören. Ihre erste künstlerisch anspruchsvolle Rolle erhielt sie im zweiten Jahr in dem Stück Gretchen (1916).Hélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 46 Der Durchbruch als Schauspielerin folgte im selben Jahr mit der Nebenrolle der Hélène in Saint-Georges de Bouhéliers Le Carnaval des enfants, dem die Hauptrolle einer Blinden in dem Melodram Les Deux Orphelines (1917) sowie vermehrt Auftritte in Lustspielen folgten. Im Jahr 1917 erschien Falconetti außerdem in dem Kurzfilm Le Clown, bei dem ihr ehemaliger Mentor Maurice de Féraudy die Regie übernahm und die Hauptrolle spielte. Im selben Jahr sollte sie auch eine Rolle in Georges Denolas und Jean Kemms Stummfilm La Comtesse de Somerive (1917) bekleiden.

Erfolge auf der Bühne und Vertragsschauspielerin an der Comédie-Française Gegen Ende des Ersten Weltkriegs zog Falconetti in eine Wohnung an den Champs-Élysées 32. Nach dem Krieg konnte sie mit der Hauptrolle in Saint-Georges de Bouhéliers Stück La Vie d’une femme (1919) an vorangegangene Erfolge anknüpfen. Daraufhin verließ sie das Théatre de l’Odéon. Sie ging in europäischen Casinos wie Interlaken, dem Lido, Monte Carlo und Deauville auf Tournee und erschien in Inszenierungen verschiedener Pariser Schauspielhäuser. Erfolge wie Aux jardins de Murcie am Théâtre Antoine (1919) oder Jacques Devals Komödie Une faible femme (1920), mit der sie sich von der Zusammenarbeit mit Saint-Georges de Bouhéliers löste, standen wenige Misserfolge wie Firmin Gémiers provokatives Stück La Captive (1920) oder ihr wenig beachteter Part in Sacha Guitrys Le Comédien (1921) gegenüber. Für das Eifersuchtsdrama Le feu qui reprend mal (1921) erhielt sie großes Lob seitens der Kritiker, die ihre darstellerischen Fähigkeiten als Tragödin mit denen einer Réjane oder Eleonora Duse verglichen. 500 bis 800 Franc verdiente Falconetti zu dieser Zeit pro Auftritt und hatte den Vorteil, sich ihre Theaterrollen frei aussuchen zu können. Daneben arbeitete sie als Fotomodel für Haute Couture.Hélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 81

1923 erschien Falconetti an der Seite von Harry Baur und Charles Boyer in ihrer ersten Hosenrolle als Charly, für deren Vorbereitung sie Gesangs- und Ballettstunden genommen hatte. Nach zwei weiteren umjubelten Bühnenrollen (La Fille perdue, 1923; Le Bien-Aimé, 1924) wurde sie am 22. Februar 1924 Ensemblemitglied der Comédie-Française. Falconetti erhoffte sich mit diesem Schritt Rollen in den großen klassischen Tragödien, in denen eine Sarah Bernhardt brilliert hatte. Sie konnte sich jedoch an das dortige strenge Repertoiresystem und dem vorherrschenden Konkurrenzkampf nicht gewöhnen. Aufgrund der Anspannung begann sie zunehmend unter Schlafstörungen zu leiden. Sie ließ Proben ausfallen und quartierte sich auf dem Anwesen der Schauspielkollegin Anna Judic auf dem Land in Chatou, unweit von Paris ein.Hélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 109 Ein Angebot des befreundeten Georges de Porto-Riche in einem modernen Lustspiel zu erscheinen, schlug Falconetti aus und gab stattdessen mit einer Inszenierung von Beaumarchais’ Le Barbier de Séville (1924) ihr Debüt an der Comédie-Française. Mit dem Stück war ihr jedoch kein Erfolg bei Kritikern beschieden.Hélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 119 Obwohl Falconettis moderne Spielweise noch im selben Jahr in dem Stück Amoureuse gelobt wurde,Hélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 129 gab sie nach einer Inszenierung des Stückes Bettine (1925) mit Maurice Escande ihren Abschied von der Comédie-Française.

Zusammenarbeit mit Carl-Theodor Dreyer Nach ihrem Ausscheiden aus der Comédie-Française kehrte Falconetti erfolgreich zu Boulevardkomödien zurück. Sie erschien 1925 erneut in der Titelrolle des Charly am Théâtre de l’Étoile sowie in Claude Roger-Marx’ Simili jeweils an der Seite von Charles Boyer. Den beiden Stücken folgte die Theaterversion von Victor Marguerittes Romanerfolg La Garçonne, durch die der dänische Filmregisseur Carl Theodor Dreyer auf die Schauspielerin aufmerksam wurde. Dreyer weilte zu dieser Zeit in Paris, wo er nach dem Erfolg seiner Komödie Du sollst deine Frau ehren (1925) von der Société Générale eingeladen worden war. Die französische Produktionsfirma bot ihm an, einen Film über eine historische Frauenfigur zu drehen. Dreyer hatte die Wahl zwischen Katharina von Medici, Marie-Antoinette und Johanna von Orléans. Er wählte letztere, woraufhin ihm genügend Zeit für die Dreharbeiten und ein Budget von sieben Millionen Franc zuteilwurden.Carl Theodor Dreyer. In: John Wakeman (Hrsg.): World Film Directors. Volume One, 1890–1945. The H.W. Wilson Company, New York 1987, ISBN 0-8242-0757-2. Falconetti wählte er nach einem zweistündigen Gespräch als Titelheldin aus.

Über anderthalb Jahre vergingen vom Beginn der Vorbereitungen bis zum Endschnitt des Stummfilms Die Passion der Jungfrau von Orléans.Siehe Die Passion der Jungfrau von Orléans. In: Das große TV-Spielfilm-Filmlexikon (CD-ROM). Directmedia Publ., 2006, ISBN 3-89853-036-1. Dreyer schrieb das ursprünglich auf Joseph Delteils preisgekröntem Roman basierende Drehbuch mit dem Historiker Pierre Champion umHélène Falconetti: Falconetti. Ed. du Cerf, Paris 1987, ISBN 2-204-02845-2, S. 159 und orientierte sich an den Original-Dokumenten des Gerichtsprozesses. Gleichzeitig ließ er von Hermann Warm und Jean Hugo ein komplexes, detailgetreues Set aus Mauern, Türmen, Häusern, einer Zugbrücke und einer Kirche kreieren. Beim Dreh arbeitete Dreyer überwiegend mit Großaufnahmen von Falconettis Gesicht, die bevorzugt aus der Untersicht aufgenommen wurden sowie mit hochstilisierten Kamerabewegungen. Dies sollte einigen Kritikern missfallen, die den Film später als „eine Streckung von Stillfotografie“ beschrieben. Sowohl Falconetti als auch das übrige Schauspielensemble um ihren ehemaligen Mentor Eugène Silvain, Antonin Artaud und Michel Simon trugen während der Dreharbeiten kein Make-up. Falconetti selbst isolierte sich von den anderen, um sich komplett mit der Rolle identifizieren zu können. Auch ließ sie sich den Kopf für die finale Hinrichtungsszene Johannas kahl scheren. Dieser Umgang mit seiner Hauptdarstellerin sollte Dreyer den Ruf eines anspruchsvollen und tyrannischen Regisseurs einbringen. Gerüchten zufolge hätte er Falconettis zutiefst leidenden Gesichtsausdruck nur dadurch erreicht, indem er sie mehrere Stunden auf den Steinfliesen knien und ein und dieselbe Szene bis zu ihrer vollständigen Erschöpfung wiederholen ließ. Obwohl Die Passion der Jungfrau von Orléans zum kommerziellen Misserfolg geriet, wurde der Film überschwänglich von Kritikern angenommen und gilt heute aufgrund seiner kunstvollen Schwarzweiß-Bilder und Falconettis Darstellung als eine der Höhepunkte des Stummfilmschaffens.