mini|J. J. Leon (Stich von Salom Italia, 1641) Jacob Judah Leon (* 1602 in der Nähe von Coimbra, Portugal; † 17. Juli 1675 in Amsterdam) war ein sephardischer Rabbiner und Schullehrer, der vor allem durch ein Modell des Salomonischen Tempels bekannt wurde. Dieses Modell wurde bis ins 18. Jahrhundert in Amsterdam und London ausgestellt und zog zahlreiche, auch christliche Besucher an. Leon veröffentlichte eine Beschreibung des Tempels, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Heute ist das Modell verschollen.
Leben Jacob Judah Leons Vater war Abraham de Leão, seine Mutter Felipa de Fonseca. Sein eigener Name wird unterschiedlich angegeben als Jacob Jehuda Leon, Jacob Judah Leon (Aryeh) Templo oder Jacob Judah Leon Templo.
Leão (portugiesisch), Leon (spanisch) oder Aryeh (hebräisch) bedeutet jeweils Löwe und steht als Wappentier für den israelitischen Stamm Juda, nach Genesis „Ein junger Löwe ist Juda.“ Der Namenszusatz „Templo“ war ein Neckname, der sich auf das Tempelmodell bezog. Er wurde von ihm selbst nicht verwendet, sondern erst von seinen Söhnen angenommen.
Leons Lebensgeschichte lässt sich nur aus verstreuten Informationen rekonstruieren.Siehe: A. K. Offenberg: Jacob Jehuda Leon en zijn Tempelmodell. In der älteren Literatur finden sich zum Teil abweichende Informationen. Jehuda Leon wurde 1602 in der Nähe von Coimbra geboren. Er stammt aus einer marranischen Familie, die über Sevilla und Frankreich 1605 nach Amsterdam flüchtete.
Seine Ausbildung zum Rabbiner erhielt Leon in Amsterdam bei Isaac Uziel.A. K. Offenberg: Jacob Jehuda Leon en zijn Tempelmodell. S. 35. In den folgenden Jahren war er in verschiedenen kleinen Gemeinden tätig und 1628/29 Rabbiner in einer der drei Hamburger Kleingemeinden, wo bis 1622 sein Mitschüler Isaac Athias ebenfalls Rabbiner gewesen war.A. K. Offenberg: Jacob Jehuda Leon en zijn Tempelmodell. S. 36. 1635 ist er in ähnlicher Stellung in Amsterdam. 1639 musste Leon vermutlich seine Stellung aufgeben, weil sich mehrere Amsterdamer Kleingemeinden zusammenschlossen. Ab 1640 war er Rabbiner und Hauslehrer in Middelburg in Zeeland. Die kleine sephardische Gemeinde hatte um diese Zeit eine offizielle Erlaubnis erwirkt, ihre Religion privat zu praktizieren. Ein Friedhof, ein wichtiges Zeichen fester Gemeindestrukturen, wurde aber erst 1655 angelegt.Isidore Harris: A Dutch Burial-Ground and its english connection. In: Transaction of the Jewish Society of England. 1912, S. 113–146. Um diese Zeit begann die Zusammenarbeit zwischen Leon und Adam Boreel.
Die Zusammenarbeit mit Adam Boreel an der Mischna Boreel war ein niederländischer Theologe und Hebraist, der ein konfessionsfernes Christentum vertrat. Boreel stand mit einem Kreis um Samuel Hartlieb aus englischen und niederländischen Gelehrten in Verbindung, der unter anderem philosemitische Projekte verfolge. Zwar war letztlich die Bekehrung der Juden zum Christentum ihr Ziel, sie nahmen aber dem Judentum gegenüber eine freundlichere Haltung ein als viele ihrer Zeitgenossen. Teilweise war ihre Haltung vom Millenarismus geprägt, der Hoffnung auf eine baldige Aufrichtung des Reiches Gottes und das Kommen des Messias. Die Konversion blieb aber Werk Gottes.Ernestine van der Wall: The Amsterdam Mellenarian Petrus Serrarius (1600–1669) and the Anglo Dutch Philo-Judaist. In: J. van den Berg, E. G. van der Wall (Hrsg.): Jewish-Christian relations in the seventeenth century: Studies and documents. Kluwer, Dordrecht 1988, S. 73. Boreels Freund Petrus Serrarius wünschte nicht nur den Juden, dass die biblischen Verheißungen des Alten Testaments für sie in Erfüllung gehen würden, sondern erwartete auch die Wiederaufrichtung des Tempels in Jerusalem und die Wiedereinsetzung des Opferkultes.Ernestine van der Wall: The Amsterdam Mellenarian Petrus Serrarius (1600–1669) and the Anglo Dutch Philo-Judaist. In: J. van den Berg, E. G. van der Wall (Hrsg.): Jewish-Christian relations in the seventeenth century: Studies and documents. Kluwer, Dordrecht 1988, S. 75. Boreel selbst war allerdings in Bezug auf den Millenarismus zurückhaltend.
Zu diesen Projekten des Hartliebkreises gehörte die Übersetzung der Mischna ins Lateinische, die Übersetzung des Neuen Testaments in orientalische Sprachen und die Edition von Schriften, die die Juden von der Göttlichkeit des Neuen Testaments überzeugen sollten. Dazu war die Errichtung eines Kollegs für jüdische Studien geplant. Auch der Bau eines Tempelmodells gehörte zu den geplanten Tätigkeiten.Ernestine van der Wall: The Dutch Hebraist Adam Boreel and the mishnah Project, six unpublished Letters. In: LIAS. Nr. 2, 16, 1989, S. 239.
Die Ausgabe und Übersetzung der Mischna, der ältesten Schicht des Talmuds, sollte Christen das Verständnis des Judentums näher bringen, denn den meisten christlichen Gelehrten war die rabbinische Literatur und das zeitgenössische Judentum wenig vertraut.
Die Edition der Mischna, wie Boreel sie beabsichtigte, umfasste eine vokalisierte Fassung des hebräischen Textes und eine Übersetzung ins Spanische und ins Lateinische.Ernestine van der Wall: The Dutch Hebraist Adam Boreel and the Mishnah Project, six unpublished Letters. In: LIAS. 16/2, 1989, S. 240. Die vokalisierte Fassung erleichterte das Verständnis und war für Juden und Christen, die das Hebräische nicht so gut beherrschten, gedacht. Die lateinische Übersetzung sollte Christen mit den Inhalten des rabbinischen Judentums vertraut machen.
Die vokalisierte Edition wurde 1647 bei Menasse ben Israel gedruckt. Zwei christliche Kaufleute finanzierten sie. Menasse und Leon schreiben jeweils ein Vorwort. Darin betonen sie die Bedeutung der Vokalisierung für schwierige Stellen und Leser, die das Hebräische nicht so gut beherrschten. Boreel wird im Buch absichtlich nicht genannt, um die Glaubwürdigkeit bei jüdischen Lesern zu wahren. Die lateinische Übersetzung erschien aber nicht mehr vor Boreels Tod 1665; erst 1698 veröffentlichte Willem Surenhusius eine lateinische Übersetzung der Mischna, die auf mehreren verschiedenen Teilübersetzungen beruhte. Nachdem sich Surenhusius lange um passende Illustrationen bemüht hatte, erhielt er schließlich von Leons Sohn Salomo zweihundert Vorlagen aus dem Erbe seines Vaters. Auch wenn in der älteren Literatur Leon als Zeichner genannt wird, ist er wahrscheinlich eher Sammler und Auftraggeber von Abbildungen, die im Zusammenhang mit dem Tempel standen.A. L. Shane: Rabbi Jacob Judah Leon (Templo) of Amsterdam (1603–1675) and his connections with England. In: The Jewish Historical Society of England – Transactions. Vol. XXV, 1973/75, S. 122.
In Middelburg lebten Leon und Boreel zeitweise zusammen. Boreel erlernte Spanisch und Portugiesisch, um mit Leon über die Inhalte diskutieren zu können. Sie arbeiteten mit großer Intensität an der Mischnaausgabe. Leon lieferte die Vokalisierung und die Übersetzung ins Spanische, Boreel kommentierte und übersetzte ins Lateinische, dabei erläuterte Leon Boreel die Bedeutung im Judentum.Ernestine van der Wall: The Dutch Hebraist Adam Boreel and the Mishnah Project, six unpublished Letters. In: LIAS. Nr. 2, 16, 1989, S. 241. Die Mischnaausgabe erwies sich aber unter Christen als nahezu unverkäuflich. Hartlieb schickte 1660 zweihundert bis dreihundert Exemplare zurück, ohne etwas davon abgesetzt zu haben.R.H. Popkins, Ernestine van der Wall: Samuel Harlieb, John Worthington and John Durie on Adam Boreel’s Latin Translation of the Mishna (1659–1661). In: J. van den Berg, E. G. van der Wall (Hrsg.): Jewish-Christian relations in the seventeenth century: Studies and documents. Kluwer, Dordrecht 1988, S. 155.
Das Tempelmodell mini|Afbeeldinge van den Grooten ende Heerlijken Tempel Solomonis, Stich aus De templo Hierosolymitano, libri IV, Helmstedt, 1665
Auch der Bau des Tempelmodells war eine Frucht der Zusammenarbeit mit Boreel, der das Modell finanzierte. Leon begann mit den Arbeiten um 1640. Boreel nahm ebenso wie die zwei Middelburger Prediger Willem Apollonius und Willem Goeree nahezu täglich Anteil am Fortschritt des Modellbaus.
Als Quelle für die Rekonstruktion diente unter anderem das einflussreiche Werk des spanischen Jesuiten Juan Bautista Villalpando, dessen Abbildungen viel zur allgemeinen Vorstellung des Salomonischen Tempels beitrugen. Leon benutzte daneben auch jüdische Quellen, insbesondere in Mischna und Talmud wird die Opferliturgie des Tempels beschrieben. Die Glaubwürdigkeit des Modells bei Christen beruhte auch darauf, dass Leon als Rabbiner per se als Fachmann angesehen wurde.Adri K. Offenberg: Jacob Jehuda Leon (1602–1675) and his Model of the Tempel. In: J. van den Berg, E. G. van der Wall (Hrsg.): Jewish-Christian relations in the seventeenth century: Studies and documents. Kluwer, Dordrecht 1988, S. 101.
Leon wählte für seinen Tempel einen Maßstab von 1:300. Die genaue Größe ist nicht bekannt, sie wird von Leon selbst verschieden angegeben. Rekonstruktionen sprechen von 6 × 3 × 2 Metern oder nur 130 × 120 × 60 Zentimetern. Das Modell stellte nicht nur den Tempel selbst dar, sondern auch dessen Nebengebäude. Einen großen Teil nahm die befestigte Gestalt des Tempelberges ein. Kleinere Details des Tempels, die im biblischen Text beschrieben werden, waren nur aufgemalt zu sehen. Das Modell bestand aus Holz und war zerlegbar. Über seine Gestalt geben vor allem Abbildungen Auskunft.
mini|Kolorierter Einblattdruck ca. 1647, der die Aufstellung der Israeliten um die Stiftshütte darstellt, der begleitende Text ist niederländisch. Im Jahr 1642 veröffentlichte Leon eine Beschreibung des Tempels in Niederländisch und Spanisch, der Literatur- und Gelehrtensprache der Sepharden. Das Werk ist in Kapitel und kurze Paragraphen gegliedert und beschreibt in populärer Weise den Tempel im Allgemeinen, seine Gestalt, die Altäre und die umliegenden Gebäude. Das Werk ist Würdenträgern der Provinz Zeeland und der Stadt Middelburg gewidmet und erhielt von den Staaten von Zeeland ein Druckprivileg, um es vor Nachdruck zu schützen. In dem Werk werden ausschließlich jüdische Quellen zitiert. Es wandte sich aber an jüdische und christliche Leser gleichermaßen. Übersetzungen ins Hebräische, Französische und Lateinische folgten.
1643 schloss Leon einen Vertrag mit Pieter Willemsz, einem Experten für perspektivische Zeichnungen, betreffend Zeichnungen des Tempels als Vorlagen für Stiche. Leons Bücher waren nicht illustriert, er verkaufte vielmehr die Stiche separat, so dass in den erhaltenen Bänden jeweils verschiedene Illustrationen eingebunden sind.
Leon übersiedelte 1643 von Middelburg nach Amsterdam, um einen Posten als Lehrer an der Talmud Tora, der Schule der Gemeinden, anzutreten. Auch Boreel zog im Dezember 1645 nach Amsterdam. In Amsterdam wurde das Modell zu einer Art Sehenswürdigkeit, das Leon in seinem Haus im Judenviertel ausstellte. Sein Buch, Stiche sowie weitere Einblattdrucke verkaufte Leon an seine Besucher.
Philipp von Zesen schildert in seiner Beschreibung der Stadt Amsterdam, einer Art eines frühen Reiseführers, nicht nur das Judenviertel, sondern auch Leons Tempelmodell als Sehenswürdigkeit der Stadt:
1646 kam ein Modell der Stiftshütte dazu. Außerdem zeigte Leon weitere Replikate von Tempelgeräten in einem größeren Maßstab. In den folgenden Jahren veröffentlichte Leon weitere spanische Werke über die Stiftshütte, die Bundeslade und die Cherubim, deren Statuten die Lade im Tempel umgaben. Zu den berühmtesten Gästen der Ausstellung gehörte Henrietta Maria, die Mutter des englischen Königs, die sich im niederländischen Exil aufhielt.