Nur zwei Dinge ist ein Gedicht des deutschen Lyrikers Gottfried Benn. Es ist datiert auf den 7. Januar 1953 und wurde erstmals in der Frankfurter Ausgabe der Neuen Zeitung vom 26. März 1953 veröffentlicht. Im Mai desselben Jahres erschien es in Benns Gedichtsammlung Destillationen. Den letzten durch Benn persönlich herausgegebenen Band, die Gesammelten Gedichte aus seinem Todesjahr 1956, beschließt Nur zwei Dinge vor dem lyrischen Epilog.
Das Gedicht blickt in einer Du-Ansprache auf ein Leben zurück, stellt die Sinnfrage und findet die Antwort im Ertragen des Vorbestimmten. Nach der Einsicht in die allgemeine Vergänglichkeit schließt das Gedicht mit einer Gegenüberstellung von Leere und gezeichnetem Ich. Im Gegensatz zu den abstrakten, nihilistischen Aussagen steht die geschlossene und eingängige Form des Gedichts, die durch traditionelle Stilmittel geprägt ist. Dabei lassen chiffrenhafte Formeln vieldeutige Interpretationen zu. Nur zwei Dinge gehört zu den populärsten Gedichten Gottfried Benns und wurde auch als seine persönliche Lebensbilanz verstanden.
Inhalt
Die erste Strophe des dreistrophigen GedichtsDer Volltext kann online zum Beispiel im folgenden Artikel eingesehen werden: Stefanie Golisch: Möblierter Herr. Gottfried Benn und Leopoldo María Panero: Nur zwei Dinge. Auf poetenladen.de, 21. Juni 2006. lautet:
„Durch so viel Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du, doch alles blieb erlitten durch die ewige Frage: wozu?“
Dies wird als Kinderfrage bezeichnet. Erst spät hat das Du des Gedichts erkannt, was es im Leben zu ertragen gelte:
„dein fernbestimmtes: Du mußt.“
Angesichts der allgemeinen Vergänglichkeit, wofür beispielhaft Rosen, Schnee und Meere genannt werden, bleibt als Fazit:
„es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich.“Gottfried Benn: Nur zwei Dinge. In: Sämtliche Werke. Band I. Gedichte 1. Stuttgarter Ausgabe, herausgegeben von Gerhard Schuster. Klett-Cotta, Stuttgart 2006, ISBN 3-608-95313-2, S. 320.
Form Aufbau des Gedichts Vers VersmaßNach Fred Lönker: Gottfried Benn. 10 Gedichte. S. 139. Reim 1 υ – υ – υ υ – υ a 2 υ – υ – υ – b 3 υ – υ – υ – υ a 4 υ υ – υ υ – υ υ – b 5 υ – υ υ – υ – υ c 6 υ – υ υ – υ – d 7 υ – υ – υ υ – υ c 8 υ – υ – υ – υ c 9 υ – υ – υ υ – d 10 υ – υ υ – υ – υ e 11 υ – υ υ – υ υ – f 12 υ – υ υ – υ υ – υ e 13 – υ υ – υ υ – f – : betonte Silbe υ : unbetonte Silbe
Das Gedicht besteht aus drei Strophen. Die vier Verse der beiden Außenstrophen stehen im Kreuzreim und enden abwechselnd mit einer Hebung oder Senkung. Die Binnenstrophe wird mittels eines zusätzlichen Paarreims auf fünf Verse erweitert.Mario Leis: Gottfried Benn. Gedichte. Lektüreschlüssel. Reclam, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-015410-6, S. 59. Durch den Einschub als Parenthese fällt der achte Vers aus dem Gedicht heraus, das sich ebenso gut ohne ihn lesen ließe. Die Wirkung der zusätzlichen Zeile ist laut Gisbert Hoffmann ein Ritardando, eine Verzögerung des Strophenschlusses. Gleichzeitig verstärkt sie den vorigen Vers 7, „es gibt nur eines: ertrage“, und macht ihn zum Mittelpunkt des Gedichts. Benn setzte das Stilmittel eines zusätzlichen Verses in seinem Werk wiederholt in einzelnen Strophen ein, zwei seiner Gedichte bestehen vollständig aus fünfzeiligen Strophen. Die unruhige Wirkung der Metrik von Nur zwei Dinge erklärte Hoffmann mit der variierenden Anzahl von Silben pro Vers sowie den unregelmäßigen und unerwartet verteilten Versfüßen.Gisbert Hoffmann: Vergänglichkeit und Dauer. S. 67–69. Die allesamt dreihebigen Verse bestehen aus unterschiedlichen Kombinationen von Jamben und Daktylen mit Ausnahme der rein jambischen Verse 2, 3 und 8, des aus Anapästen gebildeten Verses 4, sowie des abschließenden Verses 13, der als einziger mit einer Hebung beginnt und dadurch die Schlussformel akzentuiert.Fred Lönker: Gottfried Benn. 10 Gedichte. S. 139. Allerdings sind auch abweichende Skandierungen möglich, nach denen etwa Vers 4 betont, Vers 13 dagegen unbetont einsetzt und somit das Schema von Vers 9 wiederholt.Gisbert Hoffmann: Vergänglichkeit und Dauer. S. 68.
Fehlt in der ersten Strophe des Gedichts noch jedes Subjekt, tritt an dessen Stelle ab der zweiten Strophe eine Du-Anrede. Dies kann als monologische Selbstansprache verstanden werden, allerdings wies Kaspar H. Spinner darauf hin, dass die Aussagen aus einem höheren Bewusstsein heraus zum Du gesprochen werden. Dabei hebe die Du-Form die Verse über eine Identifizierung des Autors als Sprecher hinaus, sie verleihe dem Gedicht eine Autonomie in der Aussageinstanz. Während das „Du“ die Rolle des lyrischen Ichs übernehme, wandle sich das „Ich“ als substantiviertes Pronomen zum Objekt, im letzten Vers sogar mit Artikel und Adjektiv.Kaspar H. Spinner: Zur Struktur des lyrischen Ich. Akademische Verlagsgesellschaft, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-7997-0253-9, S. 144–147. Gernot Böhme und Gisbert Hoffmann sahen eine Aufspaltung des Ichs in ein frühes und ein spätes Ich. Letzteres wende sich auf der Grundlage des erworbenen Wissens an sein früheres Bewusstsein, sein biografisches Ich.Gernot Böhme und Gisbert Hoffmann: Einleitung: Existentielle Interpretationen In: Gernot Böhme, Gisbert Hoffmann: Benn und wir. Existentielle Interpretationen zu Gedichten von Gottfried Benn. Xenomoi, Berlin 2008, ISBN 978-3-936532-81-4, S. 26–27. Dieser „Ich-Du-Zirkel“ lade laut Ulrike Draesner den Leser ein, „sich ins Rondo des Sprechens und Angesprochenseins einzuschalten“, indem eine Kommunikationsebene eröffnet werde, die sonst intimen Selbstgesprächen vorbehalten bleibe.Ulrike Draesner: Kleines Gespenst. Gedanken zum lyrischen Ich. In: Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-93621-1, S. 26.
Theo Meyer betonte den Kontrast zwischen der offenen Frage und den definitiven Antworten des Gedichts, das einen Hang zur Generalisierung und zum Thesenhaften aufweise. Insbesondere die beiden ersten Strophen bestünden ausschließlich aus abstrakten Aussagen ohne jedes bildhafte Element. Auch ein historisch-aktueller Bezug sei vollständig ausgeblendet.Theo Meyer: Kunstproblematik und Wortkombinatorik bei Gottfried Benn. S. 342. Allerdings sah Hans-Martin Gauger die Abstraktion durch Reim und Rhythmus „rhetorisch rauschend“ gestaltet. Das Satzgefüge sei hypotaktisch, der „sprachliche Prunk“ erzeuge einen „hohen Ton“.Hans-Martin Gauger: Hoher Stil als eskalierende Schriftlichkeit. Gottfried Benn: „Restaurant“ und „Nur zwei Dinge“. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Jahrbuch 1996. Wallstein, Göttingen 1997, ISBN 3-89244-252-5, S. 124–125. Der Aufbau des Gedichts übernimmt nach Achim Geisenhanslüke eine traditionelle Liedform.Achim Geisenhanslüke: Energie der Zeichen. Zur Tradition artistischer Lyrik bei Gottfried Benn, Paul Celan, Thomas Kling und Marcel Beyer. In: literatur für leser 25, Heft 1/2002, S. 12. Jürgen Schröder beschrieb eine „parlandohafte Poesie“, die einen Gegensatz zum „apodiktischen Inhalt“ bilde. Der weiche Ton des Gedichts werde durch Assonanzen, Alliterationen und Anaphern hervorgerufen. So beginnen die ersten sechs Verse mit dem Buchstaben D, der im Abschluss der beiden letzten Strophen wieder aufgegriffen wird. Weitere wiederholte Stilmittel sind die in jede Strophe montierte Reihung dreier Substantive, der mehrfach zur Zuspitzung eingesetzte Doppelpunkt, sowie das Enjambement der abschließenden Verse. Im Ergebnis entstehe laut Schröder ein rhythmischer Auf- und Abstieg jeder einzelnen Strophe, sowie ein Kreislauf von Anfang bis Ende des Gedichts, der sich vom „Ich“ des zweiten zum „Ich“ des letzten Verses runde. Insgesamt verliehen die lyrischen Mittel Nur zwei Dinge eine starke Suggestivität, die den Leser zur Identifikation mit den radikalen inhaltlichen Aussagen verführe.Jürgen Schröder: Destillierte Geschichte. Zu Gottfried Benns Gedicht Nur zwei Dinge. S. 20–22. Für Helmuth Kiesel wirkte insbesondere der Reim vordergründig im Sinne einer „Milderung und Bekömmlichmachung“ des desillusionierenden Inhalts, er sende aber auch unterschwellig eine Gegenbotschaft der Schönheit.Helmuth Kiesel: Reim als Botschaft. In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts. Insel, ISBN 3-458-17012-X, Frankfurt am Main 2000, S. 122–123.
Interpretation
Trotz der direkten Formulierungen des Gedichts ist laut Hermann Korte keine eindeutige Entschlüsselung des Inhalts möglich. Zwar lasse sich das Thema mit den Begriffen Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und Einsamkeit eingrenzen, doch setzen sich die Verse aus vieldeutigen Chiffren zusammen, die ihren Sinn nicht vollständig preisgeben. Der Rückgriff auf Prinzipien der Reduktion und Lakonie zeige hermetische Tendenzen.Hermann Korte: Lyrik von 1945 bis zur Gegenwart. Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-637-88681-2, S. 51–52. Für Dieter Liewerscheidt kennzeichnete sich Nur zwei Dinge gleichermaßen durch semantische Offenheit wie syntaktische Unschärfe. Die chiffrierten Kurzformeln und Leerstellen des Gedichts laden zur Rezeptionsästhetik ein, die allgemeinen Andeutungen und die unterschiedliche Interpretierbarkeit der Begriffe erlaubten ein „sympathetisches Einschwingen des Lesers“ in die Grundstimmung von Weltschmerz.Dieter Liewerscheidt: Gottfried Benns Lyrik. Eine kritische Einführung. Oldenbourg, München 1980, ISBN 3-486-17721-4, S. 65.
„Durch so viel Formen geschritten“
Edith A. Runge, eine der frühesten Interpretinnen von Nur zwei Dinge, sah im Gedicht „die Summe der Existenz“ gezogen, wobei bereits die erste Zeile Resignation, Bedeutungslosigkeit und Vergänglichkeit ausdrücke. Die durchschrittenen Formen „Ich“, „Wir“ und „Du“ deutete sie als das Selbst, die Gemeinschaft und das Gegenüber.Edith A. Runge: Gottfried Benns „Nur zwei Dinge“. S. 343–344. Für Gisbert Hoffmann symbolisierten die drei Personalpronomina dagegen einen Lebensweg durch verschiedene Stadien des Daseins,Gisbert Hoffmann: Vergänglichkeit und Dauer. S. 56. ähnlich Helmuth Kiesel, der von vergangenen Versuchen eines erfüllten Lebens durch Individualismus, Kollektivismus und Partnerschaft ausging.Helmuth Kiesel: Reim als Botschaft. S. 122. Jürgen Schröder erklärte die Stadien historisch: Danach stehe das „Wir“ für das Jahr 1933 und damit für Benns eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus.Jürgen Schröder: Destillierte Geschichte. Zu Gottfried Benns Gedicht Nur zwei Dinge. S. 27.
Einen ganz anderen Ansatz verfolgte Friederike Reents. Ihrer Interpretation zufolge schreite Benn als Dichter durch literarische Formen, durch Lyrik, Prosa und Essay, um am Ende das vollendete Gedicht zu schaffen, in dem sich Form und Poetik erfüllen. Insofern stehen die „Leere“ und das „gezeichnete Ich“ für sie am Ende auch nicht für nihilistische Resignation, sondern bis zuletzt für den Glauben des Dichters, durch Kunst Unvergängliches aus dem Nichts zu schaffen.Friederike Reents: Nur zwei Dinge – Zur Doppelsichtigkeit des lyrischen Ichs. In: Friederike Reents (Hrsg.): Gottfried Benns Modernität. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0151-1, S. 75–88. Eine Verbindung von ästhetischen Formen im ersten Vers und sozialen Beziehungen im zweiten Vers stellte Jürgen Egyptien her,Jürgen Egyptien: Entwicklungslinien in Gottfried Benns Lyrik und Poetik 1920 bis 1956. In: Dieter Burdorf (Hrsg.): Liebender Streit. Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn. Institut für Kirche und Gesellschaft, Iserlohn 2002, ISBN 3-931845-60-5, S. 86. während sich für Hans Bryner in beiden Versen Existenz- und Sprachformen verknüpfen und eine Verbindung von Leben und Schreiben herstellt: Für den Dichter Benn gehe es darum, das Leben schreibend zu gestalten.Hans Bryner: Das Rosenmotiv in Gottfried Benns Lyrik. Skizzen zu Bild und Bau. S. 120.
„die ewige Frage: wozu?“