miniatur|Graureiher

Als Avifauna Mitteleuropas werden die Vogelarten bezeichnet, die als Brutvogel, Durchzügler oder Wintergast in Mitteleuropa auftreten. Damit zählen zur Avifauna auch Neozoen wie beispielsweise die Kanadagans, die in Mitteleuropa durch den Menschen eingebürgert wurde, und die sogenannten Irrgäste, deren eigentliche Brutareale, Zugwege und Überwinterungsgebiete weit entfernt liegen und die Mitteleuropa nur selten oder ausnahmsweise erreichen. Insgesamt sind derzeit Brutvögel aus 21 Ordnungen in Mitteleuropa vertreten, davon geht der rezente Brutbestand von zwei Ordnungen, nämlich den Papageien und Flamingos, allein auf Gefangenschaftsflüchtlinge zurück. Keine der Arten ist ausschließlich auf Mitteleuropa beschränkt. Nur wenige Arten wie beispielsweise der Rotmilan haben ihren Verbreitungsschwerpunkt in Mitteleuropa.

Die Zahl der Brutvögel variiert in Abhängigkeit von der Lebensraumvielfalt, die eine Region bietet. In der Schweiz brüten beispielsweise im tendenziell formenvielfältigeren Flachland auf einer Fläche von 100 Quadratkilometern durchschnittlich 97 Arten, dagegen werden in den vergleichsweise formenärmeren Regionen oberhalb von 1800 Höhenmetern 47 Arten von Brutvögeln gezählt.Jacques Gilliéron, Claude Morerod: Tiere der Alpen: Die Wirbeltiere. SAC Verlag, 2005, ISBN 3-85902-238-5, S. 17. Der Brutvogelbestand einer Region ist grundsätzlich nicht statisch. Auch ohne anthropogenen (menschlichen) Einfluss verschwinden gebietsweise einzelne Arten oder erschließen sich eine Region neu. Wacholderdrossel und Türkentaube sind Beispiele für Arten, die sich natürlich in den letzten zwei Jahrhunderten weite Teile Mitteleuropas als Lebensraum erschlossen haben. Die Brutbestände des Steinsperlings dagegen sind unter anderem aufgrund einer Nistplatzkonkurrenz mit Staren und Haussperlingen sowie einer Folge kühler und feuchter Sommer in Mitteleuropa erloschen. Anthropogene Einflüsse haben jedoch sowohl auf die Artenvielfalt als auch auf den jeweiligen Bestand deutlich stärkeren Einfluss. Großräumige Waldrodungen während der mitteleuropäischen Siedlungsgeschichte haben vielen nicht an den Wald gebundenen Vogelarten erst die Möglichkeit gegeben, sich in Mitteleuropa weiträumig zu verbreiten. Die mitteleuropäischen Heiden, ein Landschaftstyp, der für viele Ödlandbrüter eine wichtige Bedeutung als Brutareal hat, sind fast ausschließlich durch langjährige Übernutzung durch den Menschen entstanden. In den letzten Jahrzehnten hat der Mensch den mitteleuropäischen Lebensraum jedoch sehr schnell verändert. Grundwasserabsenkung, Entwässerung von Feuchtgebieten, Flussbegradigungen, Zerstörung von Überschwemmungsflächen und Verlandungszonen, Torfabbau, Aufforstung von Mooren, Flurbereinigung, Eindeichung und die Eutrophierung von Böden und Gewässern sowie ein großräumiger Pestizideinsatz haben bei vielen Arten zu deutlichen Bestandsrückgängen geführt. Parallel dazu haben die Anstrengungen zugenommen, die mitteleuropäische Artenvielfalt zu erhalten. Sehr früh wurden einzelne Arten unter Schutz gestellt, was beispielsweise bei Mäusebussard, Graureiher und Kormoran zu deutlichen Bestandserholungen geführt hat. Erhebliche naturschutzpolitische Anstrengungen haben auch zu einer positiven Bestandsentwicklung bei See-, Stein- und Fischadler, Uhu und Wanderfalke geführt. Ein großer Teil der derzeitigen Anstrengungen, die Vielfalt der Avifauna Mitteleuropas zu bewahren, konzentriert sich mittlerweile auf den Lebensraumerhalt.

Mitteleuropa Der Begriff Mitteleuropa Mitteleuropa bezeichnet eine Region in Europa, für die es keine eindeutigen Kriterien gibt, die zur Abgrenzung herangezogen werden können. Die Region kann politisch, kulturhistorisch oder naturräumlich definiert werden, als grobe naturräumliche Abgrenzung gelten im Westen und Nordwesten der Rhein, im Norden die Nordsee, die Eider und Ostsee sowie im Osten Weichsel und Ostkarpaten, im Südosten der Unterlauf der Donau, im Süden die Drau und die Alpenkette. Behelfsmäßig werden häufig Staatengrenzen herangezogen, um den Raum Mitteleuropas zu definieren. Diesen Ansatz greift auch das Handbuch der Vögel Mitteleuropas auf, dem hier gefolgt wird. Der mitteleuropäische Raum umfasst nach dieser Definition die Staaten Belgien, Deutschland, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Schweiz, Slowakei, Tschechien und Ungarn sowie das Fürstentum Liechtenstein.

Klimatische Verhältnisse miniatur|Nebel in Ostfriesland

Mitteleuropa liegt innerhalb der temperaten Zone, für die ein kühl gemäßigtes Klima mit einem ausgeprägten Jahreszeitenwechsel kennzeichnend ist. Verglichen mit Nordeuropa dauern Frühjahr und Herbst lang an. Extreme Temperaturwerte sind in Mitteleuropa wenig ausgeprägt. Lufttemperaturen von mehr als 30 °C werden im Sommer selten über- und Temperaturen von −20 °C im Winter selten unterschritten. Vom Westen nach Osten ist ein deutliches Ozeanitätsgefälle feststellbar: Der Westen und der Nordwesten Mitteleuropas weisen ein atlantisch-subatlantisches Klima auf, während im Osten subkontinentale Klimabedingungen vorherrschen.Werner Härdtle, Jörg Ewald, Nordbert Hölzel: Wälder des Tieflandes und der Mittelgebirge. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-8001-3285-0, S. 9. Typisch für die küstennahen Gebiete der Nordsee sind milde Winter mit weniger als 60 Frosttagen im Jahr. Die Montanlagen der Mittelgebirge wie beispielsweise Harz oder Fichtel- und Riesengebirge weisen 140 bis 220 Frosttage auf. Mit einer Niederschlagsmenge von durchschnittlich weniger als 500 mm pro Jahr sind das Saale- und Odertal sowie das Weichselbecken westlich von Warschau besonders niederschlagsarm. In weiten Teilen des westlichen Mitteleuropas fallen im Durchschnitt Niederschlagsmengen zwischen 600 und 850 mm, im Osten Mitteleuropas 500 bis 600 mm.

In der Zoogeographie ist noch strittig, in welchem Ausmaß makroklimatische Faktoren das Ausbreitungspotential einer einzelnen Vogelart beeinflussen.Brian Huntley, Rhys E. Green, Yvonne C. Collingham, Stephen G. Willis: A Climatic Atlas of European Breeding Birds. Durham University, The RSPB and Lynx Editions, Barcelona 2007, ISBN 978-84-96553-14-9, S. 14 und S. 15. Klimaextreme führen in jedem Fall bei einigen Vogelarten zu auffälligen Arealverschiebungen. Während der ungewöhnlichen Serie an heißen und trockenen Sommern in den Jahren zwischen 1761 und 1840Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas : 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-405-6. breitete sich die Blauracke in weiten Teilen Mitteleuropas aus.Hans-Günther Bauer, Einhard Bezzel, Wolfgang Fiedler (Hrsg.) (Band 1): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas: Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Band 1: Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag Wiebelsheim, Wiesbaden 2005, ISBN 3-89104-647-2, Band 1, S. 751. Die aus dem Spätmittelalter überlieferten Invasionen von Seidenschwänzen gelten als Indikator, dass in diesem Zeitraum das nordeuropäische Wetter so kalt und rau wurde, dass Ebereschen nicht ausreichend Frucht ansetzten, um dort die Winterbestände der Seidenschwänze zu ernähren.Reichholf, S. 98 und S. 99. Unstrittig ist, dass sich nicht nur Klimaextreme auf Bestand und Reproduktionserfolg einer einzelnen Art auswirken. Der Steinkauz ist beispielsweise in Mitteleuropa ein Brutvogel waldfreien Tieflands und brütet nur selten in Höhenlagen über 600 Höhenmetern, während er in der südspanischen Sierra Nevada stellenweise noch in Höhenlagen von 2.300 Metern vorkommt. Seine mitteleuropäische Verbreitung ist wesentlich davon beeinflusst, dass der Steinkauz ein ausgesprochener Standvogel ist und sein Revier auch während anhaltender Kälteperioden nicht verlässt. Hohe Schneedecken behindern ihn jedoch in seiner Jagd, so dass er verhungert, wenn diese über längere Zeit bestehen. Regionen, die regelmäßig solche Schneedecken aufweisen, können daher von dieser Art nicht besiedelt werden. Klimaextreme wie die strengen Winter 1978/79 und 1985/86, während deren auch ansonsten mildere klimatische Regionen lang bestehende Schneedecken aufwiesen, führen bei dieser Art zu weiträumigen Bestandszusammenbrüchen. So waren nach diesen strengen Wintern in Deutschland 30 beziehungsweise 38 Prozent der Steinkauznistplätze nicht mehr besetzt.Dries van Nieuwenhuyse, Jean-Claude Génot, David H. Johnson: The Little Owl – Conservation, Ecology and Behavior of Athene noctua, Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-88678-9, S. 298 und S. 299. Auch Regionen, die im Frühjahr hohe Niederschlagsmengen aufweisen, sind suboptimale Habitate für diese Art. Tagelanger Regen vor der Eiablage führt bei ihnen zu einer unterdurchschnittlichen Gelegegröße, da die Weibchen dann weniger jagen und entsprechend einen weniger guten Ernährungszustand aufweisen. Ebenso steigt die Mortalitätsrate der Nestlinge deutlich an, wenn es im Mai und Juni langanhaltend regnet.

Lebensraum Mitteleuropa Etwa zehn Prozent der mitteleuropäischen Fläche entfallen auf Siedlungs- und Industrieflächen. Wälder nehmen etwa 30 und agrarisch genutzte Flächen circa 55 Prozent ein.Josef H. Reichholf: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-7632-5865-9, S. 192. Bei den restlichen fünf Prozent handelt es sich um Flächen mit einer geringen Nutzungsintensität wie die verbliebenen Heide- und Moorflächen, die häufig unter Naturschutz stehen sowie Sonderlebensräume wie das Wattenmeer der Nordsee oder die montanen Stufen der Alpen. Insbesondere das Wattenmeer hat trotz seiner vergleichsweise kleinen Fläche eine hohe Bedeutung nicht nur für die mitteleuropäische, sondern auch für die europäische Avifauna und ist ein international bedeutender Rast- und Überwinterungsplatz zahlreicher Vogelarten.

Wälder miniatur|Buchenwald in der Rhön