mini|Jacob Sonderling (rechts) bei einer Baumpflanzzeremonie 1964 in Simi Valley Jacob Sonderling (geboren am 19. Oktober 1878 im oberschlesischen LipineDamals als preußisch-schlesischer Ort Teil des deutschen Kaiserreiches, heute als Lipiny Stadtteil der südpolnischen Industriestadt Świętochłowice.; gestorben am 30. September 1964 in Los Angeles) war ein deutscher und US-amerikanischer Rabbiner, Feldrabbiner und Autor. Er stammte aus einer chassidischen Familie und unternahm den seltenen Versuch, Zionismus und Reformjudentum miteinander zu harmonisieren. Ein weiterer Schwerpunkt seines Wirkens war die Verbindung von Kunst, Musik und Religion.

Zum Abschluss seines Studiums promovierte Sonderling über die Logikvorlesungen Kants. Er war Prediger am Hamburger Tempel, war im Ersten Weltkrieg Hauptgeistlicher der 8. Armee und emigrierte 1923 in die USA. Er trat dort als zionistischer Redner auf und wurde als liberaler Rabbi in New York und Chicago tätig. In Los Angeles gründete er den so genannten Fairfax Temple und verhalf, als väterliches Mitglied der deutschsprachigen Migrantenszene, Komponisten zu Aufträgen für Musikstücke, zu denen er teilweise auch die Texte schrieb.

Familie, Studium und Promotion Sonderlings Vater stammte aus einer Familie galizischer Chassiden, die Familie der Mutter hatte Moshe Teitelbaum (1759–1841), genannt Yismach Mosheh, den Begründer des ungarischen Chassidismus, hervorgebracht. Sonderling war seit 1897 Zionist und engagierte sich recht bald in Theodor Herzls Sinne, der ihn „my fighting rabbi“ nannte. Jacob besuchte in Wien, Breslau (bei seinem Lehrer Markus Brann) und Berlin die jüdischen Seminare und in Wien und Breslau auch die Universitäten, an denen er Philosophie, Kunst, Geschichte und Ästhetik studierte.

1904 heiratete er Emma Klemann. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Egmont, Fred und Paul.

Sonderling wurde 1904 an der Universität Tübingen bei Heinrich Maier promoviert. Die DissertationTitel: Die Beziehungen der Kant-Jäscheschen Logik zu George Friedrich Meiers >Auszug aus der Vernunftlehre<. (1903) ist eine Vergleichsarbeit zur Logik aus der Schule Christian Wolffs: Kant benutzte in seinen Logikvorlesungen das Logikbuch Auszug aus der Vernunftlehre von Meier. Der Kantschüler Jäsche hatte später die Logikvorlesungen Kants als Handbuch herausgegeben. Sonderling vergleicht die beiden Bücher und nutzt das Schlagwort von Kants „Doppelleben“: Die fremde Schriften nutzende Lehrtätigkeit Kants unterscheidet sich wesentlich von seinen eigenen Schriften.Vergleiche auch:Werner Stark: Neue Kant-Logiken. in: Reinhard Brandt, Werner Stark: Neue Autographen und Dokumente zu Kants Leben, Schriften und Vorlesungen S. 138–140.

Hamburger Tempel und Feldpredigt Ab 1906 war Sonderling Lehrer und Rabbiner in Göttingen, dann ab 1908 am Hamburger Reformtempel. Sonderling war Mitglied der Loge B’nai B’rith und von 1910 bis 1912 Mitglied der Steinthal-Loge. Er gehörte 1912 zu den Erstunterzeichnern der Reformrichtlinien, dem Gründungsdokument des liberalen Judentums.

Der Tempel war als Geburtsstätte oder WiegeDie Encyclopaedia Judaica spricht im Artikel Jacob Sonderling von birthplace, Jonatan D. Sarna spricht von cradle (The Debate over Mixed Seating in the American Synagogue. S. 364) des Reformjudentums in Deutschland und USA bekannt geworden, aber er war selber in einer Krise. Die Mehrheit der Mitglieder des Tempelverbandes lebte nicht mehr innerhalb des (nach Aufhebung der Torsperre) freigegebenen Stadtwallrings, in dem der Tempel stand, sondern außerhalb in Alsternähe und am Grindel. Der Sabbatgottesdienst war deswegen sehr schlecht besucht. Es gab zudem eine Tendenz zu Austritten aus dem Tempelverband bewirkt durch christliche und atheistische Strömungen.

Begann der Gottesdienststil im Tempel 1818 mit sephardisch-musikalischen Elementen, so fand Sonderling 90 Jahre später eine deutsch-jüdische Tradition vor. Die Reform, die vom Hamburger Tempel ausging, hatte sich inzwischen in Amerika weiterentwickelt; in Hamburg hatte man dagegen viele Reformen wieder zurückgenommen. Der reiche amerikanische Banker Henry Budge, der nach dem Tod seines Vaters aus den USA wieder zurück nach Hamburg gezogen war, bot dem Tempelverband eine Million Mark für ein neues Tempelgebäude an. Die Bedingung war allerdings, dass Frauen und Männer wie in der New Yorker Reformgemeinde Emanu-El zusammen sitzen. Jacob Sonderling war schockiert und lehnte das Angebot strikt ab.

1914 nahm Sonderling in Zusammenarbeit mit dem Künstler Friedrich Adler an einem Wettbewerb der Kölner Werkbundausstellung in Köln teil. Sie schufen einen Sederteller aus Zinn und gewannen den ersten Preis. Der Teller wurde Sonderling ausgehändigt und befindet sich heute noch im Besitz der Familie Sonderling. Adler hatte schon 1911 für den Hamburger Tempel bauchige Torakronen hergestellt, die Formelemente des 19. Jahrhunderts mit dem Jugendstil verknüpften.

Von 1914 bis 1916 diente Sonderling im Ersten Weltkrieg als Feldrabbiner an der Ostfront. Er war ein stattlicher vollbärtiger Rabbiner, der 1914 zu Jom Kippur auf Armeebefehl Kaiser Wilhelms einen Feldgottesdienst abhielt. - Das Verhältnis zwischen jüdischgläubigen und nicht jüdischgläubigen Soldaten änderte sich während des Krieges. Zunächst war von der Einheit der Volksgemeinschaft nach der Schlacht bei Tannenberg im Geist von 1914 die Rede.Vergleiche: Jeffrey Verhey: Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg, 2000 Sonderling war Feldgeistlicher in Paul von Hindenburgs Armee, die 1914 im Osten erfolgreich war.

1916 wurde dagegen aus einer antijüdischen Stimmung heraus eine Judenzählung durchgeführt. Sonderling machte prägende Erfahrungen aus der Begegnung mit dem Judentum in Litauen: „Das Seminar machte mich zum Rabbi, die Universität zum Doktor und der Osten machte mich zum Juden.“ Es wird berichtet, Sonderling habe einen Schammes vor den deutschen Truppen gerettet, indem er ihn als Rabbi von der Pflicht befreit habe, auf seine Synagoge und die Prophetenschriftrolle aufzupassen.Bay Ridge Jewish Center, Forumsbeiträge mit einer Postkarte, die Sonderling als Feldprediger September 1914 zeigt. Weblinks und Detailinformationen. und (PDF; 19 kB)

Klal Jisrael und Emigration mini|Kachelrelief. Detail aus der steinernen Inschrift der Apsis des Hamburger Tempels in der Poolstraße heute. Sonderling hielt die Spaltungen, die das Aufsehen erregende Hamburger Gebetbuch im 19. Jahrhundert hervorgerufen hatte, für falsch und suchte mit dem Begriff Klal Jisrael (jüdisches Solidaritätsempfinden) die nationale Einheit aller Juden mit dem Liberalismus zu verbinden.

Bisher hatte man im Reformjudentum das Liberale in Gegnerschaft zum Orthodoxen betont. Gerade in der Hamburger Tempelbewegung war man an einer deutschen Akkulturation und einer Reform des israelitischen Kultus nach dem Vorbild des evangelischen Christentums interessiert gewesen. - Sonderling strebte dagegen an, das allgemein Jüdische und die Einheit der Juden mehr zu betonen. Er strebte die „Verträglichkeit des liberalen Gedankens mit nationalem Bewusstsein“ an, um die Lebensfähigkeit des Judentums zu erhalten, wohl wissend, dass die Reformbewegung „fast immer als Gegnerin des Nationalismus“ auftrat.Zitate aus einem in der Zeitung abgedruckten Begleitschreiben zum Aufsatz: Die Neuen Bestrebungen des Hamburger Tempels (1918)

Diese Ansichten stießen erwartungsgemäß auf Widerstand. Zur Hundertjahrfeier des Tempels 1918 durfte Sonderling diese Gedanken nicht in der von David Leimdörfer herausgegebenen FestschriftDavid Leimdörfer (Hrsg.): Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des Israelitischen Tempels in Hamburg 1818–1918, Hamburg 1918 abdrucken lassen, sondern veröffentlichte sie in den Neuen Jüdischen Monatsheften.Andreas Brämer: Judentum und religiöse Reform. S. 77 Gekürzter Abdruck der Neuen Bestrebungen ebenda S. 235–241

Mit seinem Amtsbruder David Leimdörfer hielt Sonderling monatlich abwechselnd religiös-wissenschaftliche Vorträge im Tempel ohne Ornat. Diese gut besuchten Veranstaltungen waren als Maßnahme gedacht, den atheistisch und christlich motivierten Austritten durch eine Bindung an den Tempel entgegenzuwirken. Zwar wurde dies vereinzelt vom orthodoxen Judentum als Sonntagsgottesdienst angeprangert, aber die Kritik war längst nicht mehr so emotional wie im frühen 19. Jahrhundert, denn die orthodoxen Rabbiner sahen in der Tempelgemeinde keinen starken Gegner mehr, und die Prediger wurden moderater. Der Nachfolger der beiden Prediger Schlomo Friedrich Rülf urteilte, Sonderling habe Leimdörfer mit seiner „glänzenden Rednergabe und seinem weltmännischen Auftreten in den Schatten gestellt“.Schlomo Rülf: Ströme im dürren Land. 1964 S. 50

Jacob Sonderling predigte auch in der Neuen Dammtor-Synagoge. Es wurde berichtet, an den Festtagen sei diese sonst eher spärlich besuchte Synagoge voll gewesen, da viele Gläubige die ausgezeichneten Prediger Dr. Leimdörfer und Dr. Sonderling hätten hören wollen.Christiane Pritzlaff: Synagogen im Grindelviertel und ihre Zerstörung in: Ursula Wamser / Wilfried Weinke Ehemals in Hamburg zu Hause. Jüdisches Leben am Grindel, VSA-Verlag, Hamburg 1991, ISBN 3-87975-526-4 Sonderling gefiel das undogmatische Vorgehen in der Dammtor-Synagoge, die einen Mittelweg zwischen Reformjudentum und orthodoxem Judentum suchte.

1922 verließ Sonderling auf einmal den Tempel und wanderte 1923 nach Amerika aus. Er sah in den USA mehr Möglichkeiten, seine Pläne zu verwirklichen.Five Gates. Casual Notes for an Autobiography (1964) S. 107

New York, Chicago und fünf Tore mini|Reformtempel Emanu-El in New York, der Tempel nach Hamburger Vorbild, in dem Henry Budge Mitglied war. Sonderling kam 1923 mit einem Auswandererschiff in New York an. 1924 wurde er nach einer Rede für die zionistische Bewegung gefragt, ob er Rabbiner an der Agudas Achim Synagoge in Chicago werden wolle. Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Judentum und Sonderling war bekennender Reformer. Trotzdem wurde man sich einig. Sonderling brachte Torarollen aus Ungarn mit, die er über viele Jahrzehnte aufbewahrt hatte. Er wurde Rabbi in Manhattan Beach, New York, im Temple Israel of Washington Heights und Anfang der 1930er Jahre im Temple Beth-Israel in Providence Rhode Island.

Dann nahm sich Sonderling ein Jahr Auszeit, ein Sabbatical. Er besuchte viele Synagogen der verschiedenen Glaubensrichtungen und war auf der Suche nach der Wahrheit: Er wollte wissen, was Religion eigentlich ist. Das Höre Israel war ihm zu eindimensional, dabei werde nur der Hörsinn, nur das Ohr angesprochen. Sonderling war schließlich überzeugt, dass Religion als die Liebe die Verbindung aller fünf Sinne sei und suchte dafür nach einem Beleg.

Er nahm – so eine autobiographische AnekdoteFive Gates. Casual Notes for an Autobiography (1964) S. 120 – zufällig ein Buch aus dem Regal, um einen Beleg für seine Überzeugung zu finden. Schon wollte er enttäuscht das Buch wieder weglegen, da las er den Satz: Der Tempel in Jerusalem war umringt von einer Mauer und die Mauer hatte fünf Tore, entsprechend den fünf Sinnen.

Sonderling versuchte auf Tagungen eine Rationalitätskritik als Trend auszumachen und zu vertreten und setzte sich auch damit von den ersten liberaljüdischen Bestrebungen aus Deutschland (etwa Abraham Geiger in Berlin und Eduard Kley in Hamburg) ab.The Trend Towards the Irrational; Five Gates. Casual Notes for an Autobiography (1964), letzte Seite

Fairfax Temple und die neue Melodie Sonderling gestaltete für den Film Der Jazzsänger (1927) den Entwurf für eine dort benutzte Arche. 1935 gründete er die Society for Jewish Culture in Los Angeles, die Fairfax Temple genannt wurde. In dem Gemeinschaftsgebäude wurde der Film teilweise gedreht und dort ist noch heute ein Modell der Arche zu sehen.

Sonderling wurde Professor für Judentum (jewish thought) und Homiletik an der California School of the Hebrew Union College.