In der Nachtküche ist der deutsche Titel des Bilderbuchs In the Night Kitchen des amerikanischen Illustrators und Kinderbuchautors Maurice Sendak, das der Verlag Harper & Row 1970 veröffentlichte. Held des Buches ist ein Junge namens Micky, der im Traum eine surreale Reise durch eine nächtliche Küche unternimmt und dort drei Bäckern beim Zubereiten eines Kuchens hilft. In der Nachtküche zählt nach Wo die wilden Kerle wohnen zu den populärsten Büchern Sendaks.

Handlung Micky (im Original: Mickey) ist ein kleiner Junge; dem Aussehen nach ungefähr drei Jahre alt. Micky schläft in seinem Bett, als er vom „Lärm in der Nacht“ aufwacht. Seine Rufe nach „Ruhe da unten!“ fruchten nicht.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 6–7. ()Die deutschsprachige Diogenes-Ausgabe ist genauso wenig wie die amerikanische HarperCollins-Ausgabe paginiert. Die Seitenangaben aus der Nachtküche in dieser und den folgenden Fußnoten folgt der von Halbey verwendeten Paginierung. (Hans Adolf Halbey: Bilderbuch: Literatur, Weinheim 1997, S. 78.): Der ockerfarbene Vorsatz und die erste weiße, leere Seite bleibt ohne Paginierung. Das Medaillon mit dem Titel und Micky, der die Milchflasche im Arm hält, ist auf S. 1, darauf folgt auf S. 2–3 eine Doppelseite mit dem Titel und Micky im Flugzeug und dann auf S. 4–5 eine Doppelseite mit dem Impressum links und der Widmung rechts. Die Handlung beginnt auf S. 6 („Habt Ihr schon von Micky gehört…“) und endet auf S. 39. („war trocken, schlief.“) Auf S. 40 folgt abschließend die Vignette („Und darum gibt’s, dank Micky, jeden Morgen Kuchen.“) Der Verlag gibt eine Seitenzahl von 40 an, was auch der bibliographischen Aufnahme durch die Library of Congress entspricht. (LC Control No.: 70105483) Plötzlich beginnt Micky zu schweben und fliegt „… durch die Dunkelheit […] und aus den Kleidern“, zieht „vorbei […] an Papa und Mama“ und fällt nackt durch den FußbodenMaurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 8–9. () in eine vom Vollmond beschienene, surreale Welt aus riesigen Backzutaten, die gleichzeitig Wolkenkratzer mit erleuchteten Fenstern sind („…hinein in den Schein der Nachtküche“). Micky landet unter den Augen von drei identisch aussehenden, lachenden Bäckern in einer großen Schüssel mit Kuchenteig.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 10–11. () Die drei dicken Bäcker tragen Schürzen und Kochmützen. Mit ihren Knollennasen, den „Chaplinbärtchen“ und ihrem Körperumfang sehen sie Oliver Hardy in seiner Rolle in Dick und Doof sehr ähnlich.Der Laurel-und-Hardy-Biograph und Ball-State-Professor Wes D. Gehring bezeichnet die drei Bäcker aus der Nachtküche als identical clones of Ollie. Wes D. Gehring: Laurel & Hardy: a bio-bibliography. Greenwood Publishing Group, New York 1990, ISBN 0-313-25172-X, S. 137.

Die drei unentwegt lächelnden Bäcker geben Mehl, Backpulver und Eier hinzu „um Micky in Kuchenteig zu mischen“; manche Zutaten gießen sie dabei direkt auf Mickys Kopf, der nach und nach in der Schüssel untergeht.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 12. () Während die Bäcker den Kuchenteig rühren und dabei ihr „Milch in den Teig!“-Lied singen, ragt von Micky nur noch eine Hand aus dem Teig.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 13. () Die Bäcker – welche Micky entweder nicht bemerken oder ihn bewusst ignorieren – geben den Teig samt Micky in ein tiefes Kuchenblech. Sie schieben das Blech in den Backofen, der mit einem Schild als „Mickey-Oven“ bezeichnet ist.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 14–15. () Es steigt schon Rauch, Dampf und ein süßlicher Geruch auf, da durchbricht Micky den Teig und klettert unter Protest aus der Kuchenform. Er sei Micky, und nicht die fehlende Backzutat: „Ich bin nicht Milch und Milch ist nicht ich. Ich bin Micky!“Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 16–17. ()

Der dem Teig entstiegene Micky ist nun nicht mehr nackt, sondern trägt einen Overall aus Kuchenteig. Er springt in den aufgehenden Kuchenteig,Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 18. () „formte und zog“ daraus ein Propellerflugzeug,Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 19. () lässt den Motor an und fliegt in dem offenen Eindecker „auf und davon“.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 20–21. () Die drei Bäcker fordern von Micky „Milch! Milch! Milch für den Kuchenteig!“ und schwenken dabei vehement einen Messbecher und Rührlöffel.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 22–23. () Micky nimmt den Auftrag an, greift sich den Messbecher als Pilotenhelm, und ist nun „auf der Fahrt, um Milch zu holen nach Micky-Art“, worauf die Köche sichtlich entspannter dreinschauen. Im Original taucht hier das erste Mal das Wortspiel Mickey way / milky way (Milchstraße) auf,Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 24–25. () über die Micky nun noch hinaussteigt, indem er „hoch und höher“ zum Hals einer gigantischen Milchflasche fliegt.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 26–27.() Die folgende Doppelseite wird von einem einzigen großen Bild eingenommen, und hat als einzige im Buch keine einzige Sprechblase. Dieser Sprachlosigkeit entspricht das Bild der drei Bäcker, deren halb staunenden, halb besorgten Blicke in der Totalen Micky in seinem Flugzeug verfolgen, wie er den Zenit seiner Flugbahn über der Öffnung der Milchflasche erreicht.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 28–29.

Über der Flaschenöffnung steigt Micky aus dem Pilotensitz und springt in die Flasche. In der Milch löst sich sein Teig-Overall wieder auf, und er nimmt den Messbecherhelm wieder ab, um ihn seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. Beim Schweben in der Milch singt Micky den Kinderreim „Ich bin in der Milch und die Milch ist in mir, / Gott behüte die Milch und behüte mich!“,Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 30–31. () Der nackte Micky schwimmt nun nach oben, und schüttet mit dem Messbecher Milch aus der Flasche nach unten in die Schüssel mit dem Kuchenteig.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 32. () Die glücklich lächelnden Bäcker rühren den Teig – nun mit allen Zutaten – nochmals an, und backen ihn fertig.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 33. () Die folgende Doppelseite zeigt die drei Bäcker als Musikgruppe in der Halbtotale: ein Trichter dient als Megaphon, ein großer Rührlöffel als Banjo und ein kleiner Rührlöffel als Taktstock. Die Bäcker wiederholen ihr Lied „Milch in den Teig!“, diesmal mit positivem Ausgang: „Ich hab ihn probiert / Nichts ist passiert!“Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 34–35. () Micky kräht fröhlich und rutscht an der Außenseite der Flasche hinunter,Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 36–37. () um auf magische Art wieder in seinem Zimmer zu landen: „…sprang in sein Bett, war trocken, schlief“.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 38–39. () Auf der letzten Seite ist Micky in seinem Teig-Overall zu sehen, mit einer Flasche Milch auf der Schulter. Unter der VignetteSylvia Pantaleo, Lawrence Sipe: (PDF; 126 kB). International Reading Association Conference, Toronto 2007, S. 5. (Im Glossareintrag zu Vignette wird dieses Element als typische Vignette genannt.) steht: „Und darum gibt’s, dank Micky, jeden Morgen Kuchen.“Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 40. ()

Gestaltung und Einflüsse Graphische Gestaltung Die graphische Gestaltung der Nachtküche weicht deutlich von den Wilden Kerlen (1963) ab. Zusammen mit Als Papa fort war (Outside over there, 1984) bilden diese drei Bücher eine Sendak-Trilogie über den „Zustand der Kindheit“, in der durch Fantasie ein kathartisches Ausleben von Gefühlen ermöglicht wird.Peter Hunt, Sheila G. Bannister Ray: International companion encyclopedia of children’s literature. Taylor & Francis, London 1996, ISBN 0-415-08856-9, S. 239–240. Die Wilden Kerle sind stilistisch durch den Gebrauch von Schraffur bei wenigen Farben dem Kupferstich des 19. Jahrhunderts nahe. Outside over there ist der Malerei einer früheren Zeit verpflichtet. Die Nachtküche mit ihren deutlichen Einflüssen von Comics, Film und Architektur der Roaring Twenties steht hingegen mitten im 20. Jahrhundert.Anita Silvey: Children’s books and their creators. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 1995, ISBN 0-395-65380-0, S. 524.

Während bei den Wilden Kerlen ganz- oder doppelseitige Bilder überwiegen und der Text am unteren Seitenrand eine Bildunterschrift bildet, sind in der Nachtküche Seitenaufteilungen mit Panels häufiger und der Text steht in Sprechblasen. Mehrmals benutzt Sendak das Stilmittel der szenischen Abfolge von Stop-Motion-Bildern (continuous narrationDer Begriff continuous narration wurde geprägt von Joseph Schwarcz: Ways of the illustrator: Visual communication in children’s literature. American Library Association, Chicago 1982.), indem eine Seite oder Doppelseite in mehrere Panels mit dem je gleichen Hintergrund eingeteilt wird, in denen der Protagonist zu fortschreitenden Zeitpunkten gezeigt wird.Lawrence R. Sipe: (PDF). In: Literacy Teaching and Learning. Vol. 6, 2001, Nr. 1, S. 34–35. Beispiele dafür sind Micky beim Aufwachen aus dem Bett und dem folgenden Sturz sowie Micky als Pilot im Teigflugzeug bei seinem Höhenflug über die Milchflasche.

Sendak erzeugte in den Wilden Kerlen gewünschte Farb- und Helligkeitsabstufungen mittels Schraffur, die in der Nachtküche völlig fehlt. Stattdessen wird der traumhafte, teils bedrohliche Charakter der Umgebung durch dunkle und pastose Töne erreicht. Selma G. Lanes sieht in Sendaks Illustration von Lullabies and Night Songs (1965Lullabies and Night Songs, HarperCollins, New York 1965, ISBN 0-06-021820-7.) den direkten Vorläufer der graphischen Gestaltung der Nachtküche in Sendaks Schaffen. In der Gestaltung überwiegt die „Linie statt der modellierten Fläche“; damit entstehe ein „flächenhafter Comicbook-Stil“.Selma G. Lanes: The Art of Maurice Sendak. Abrams, New York 1993, S. 149. Lanes bezeichnet den Stil als .

Text Die Nachtküche enthält wenig Text, im amerikanischen Original sind etwa 320 Wörter auf 40 Seiten;Maurice Sendak: In the night kitchen. New York 1970, S. 6–40. (Gezählt ohne Titelblatt und Widmung, Wortzahl ohne Beschriftungen der Lebensmittelpackungen, Zusammenziehungen wie I’m oder nothing’s als ein Wort gezählt.) in der deutschen Fassung sind es etwa 290 Wörter.Maurice Sendak: In der Nachtküche. Diogenes, Zürich 1971, S. 6–40. (Gezählt ohne Titelblatt und Widmung, Wortzahl ohne Beschriftungen der Lebensmittelpackungen, Zusammenziehungen mit Ellipsenzeichen wie gibt’s als ein Wort gezählt.) Das bedeutet nicht, dass Sendak die sprachliche Gestaltung vernachlässigte. Im Gegenteil: Gerade in der Verknappung kann ein gelungener Text nur durch intensive Arbeit entstehen. Sendaks Text eignet sich besonders für das Vorlesen; Kinder lernen ihn schnell auswendig. Halbey führte dazu in den 1970er Jahren über mehrere Jahre anhand der Nachtküche Untersuchungen des Textverständnisses von Vorschulkindern durch.Hans Adolf Halbey: Bilderbuch: Literatur. Weinheim 1997, S. 111–120. Sendaks Verse sind simpel und zugleich hintergründig, folgerichtig und zugleich überraschend. Darin erreicht der Text eine Qualität, wie sie den klassischen Mother-Goose-Reimen zu eigen ist, auf die sich Sendak auch direkt bezieht: So variiert Mickys Ausruf I’m in the milk, and the milk’s in me./ God bless milk and God bless me! den alten englischen Kinderreim I see the moon/ And the moon sees me;/ God bless the moon, and God bless me.Hans Adolf Halbey: Bilderbuch: Literatur. Weinheim 1997, S. 122.