Bacha bazi (auch Baccha baazi, Bacha baazi oder Batscha basi, ; ); aus bacha „Kind; Junge, Knabe“ und bazi „Spiel“, also „Knabenspiel“, eigentlich „Spiel mit Kind“; Bacha baz, „[Erwachsener,] der mit Knaben spielt“, andere Umschriften bacabozi, baacha bazee, auch bacha birish („bartloser Junge“) genannt, ist eine bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Zentralasien verbreitete und heute noch in einigen Regionen Afghanistans praktizierte Form der Kinderprostitution mit vielfältigen Ausprägungen. Während der ersten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 wurde Bacha bazi streng bestraft und verschwand aus der Öffentlichkeit. Beim namensgebenden „Knabenspiel“ tanzt und singt ein Junge (Bacha) in Frauenkleidern vor einer Gruppe von Männern. Der Junge zeigt sich den Männern mit Zärtlichkeiten gefällig, in vielen Fällen kommt es zu sexuellen Handlungen. Bachas, die etwa zwischen zwölf und 16 Jahre alt sind, müssen meist verheirateten Männern dienen und sie sexuell befriedigen. Sie wohnen überwiegend bei ihrer eigenen Familie und zeigen sich möglichst oft in der Umgebung eines Mannes von gehobener sozialer Stellung, von dem sie Geschenke und Geld erhalten. Für die Männer stellt ihr Bacha ein Statussymbol dar; für die meist aus armen Familien stammenden Jungen bedeutet die Beziehung zu einem Mann in erster Linie die einzige Einkommensquelle.
Daneben gibt es Jungen, die ihren Eltern abgekauft werden und die in einem sklavereiähnlichen Verhältnis bei einem Zuhälter leben. Bachas in diesem kriminellen Milieu werden zur gewerbsmäßigen Kinderprostitution an bestimmten Orten angehalten.
Päderastie ist in Afghanistan verboten; der mehr oder weniger heimliche Umgang mit den Bachas im Pubertätsalter erscheint jedoch nach den überkommenen Moralvorstellungen der Stammestradition für manche Männer als tolerabel und als Teil der gesellschaftlichen Norm, im Unterschied zu den verpönten sexuellen Handlungen unter gleichgeschlechtlichen Erwachsenen, über die nicht öffentlich gesprochen wird.
Halekon und Ashna („Geliebte/r“, Hindi aashna) sind andere alte Bezeichnungen für sexuell verfügbare „Lustknaben“ in der paschtunischen Gesellschaft. Die Schönheit der häufig mit Kohl geschminkten Halekon wird in Gedichten gepriesen. Das historische Chorasan in Zentralasien einschließlich Afghanistan galt seit der Zeit der Abbasiden (ab Mitte des 8. Jahrhunderts) in der islamischen Tradition als Herkunftsregion der Päderastie.Adam Mez: The Renaissance of Islam. Patna 1937, S. 358.
Kultureller Hintergrund mini|hochkant|Schah Abbas von Persien (reg. 1587–1629) mit einem Knaben, der ihm ein Weingefäß reicht. Miniatur von Muhammad Qasim, 1627. Europäische Reisende berichteten über die Vorlieben des safawidischen Herrschers für Wein, Feste und jugendliche Diener.
Eine konkrete Herkunft des früher in Zentralasien und heute noch in Afghanistan existierenden Phänomens hat sich bislang nicht nachweisen lassen. Es gibt jedoch Parallelen zu drei Kulturbereichen, mit denen Zentralasien historisch in Beziehung stand: die arabisch-persische Kultur in der Zeit des islamischen Hochmittelalters, die antike griechische Kultur, die sich mit dem Hellenismus ab dem Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. ausbreitete, und China, zu dem seit früher Zeit Handelskontakte bestehen.
Islamisch-persische Kultur Beziehungen zu „Lustknaben“ haben eine lange Geschichte bei Herrschern und Dichtern des arabischen Mittelalters. Spätestens seit dem 8. Jahrhundert ist Päderastie in den höheren Schichten der muslimischen Bevölkerung im Orient ein Teil der gesellschaftlichen Moral und des Alltagslebens.Hans Engel: Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1987, S. 280. Aus der Abbasiden-Hauptstadt Bagdad gibt es zeitgenössische Berichte über das effeminierte Aussehen dieser Knaben (arabisch ʿilq „Buhlknabe“), das sich in Kleidung und Manieren äußerte. Effeminierte Männer (arabisch muḫannaṯūn) oder Transvestiten gab es bereits zur vorislamischen Zeit in den arabischen Ländern. In frühislamischer Zeit waren sie in Mekka und Medina als Sänger von Liebesliedern und Instrumentalisten wesentlich an der Entwicklung der arabischen Musik beteiligt, obwohl sie einen ungesicherten sozialen Status innehatten, der dem von Sklavenmädchen entsprach. Darüber berichtet der Historiker Abū l-Faradsch al-Isfahānī (897–967) in seinem Werk Kitāb al-Aġānī („Buch der Lieder“). Die soziale Stellung der effeminierten Musiker und ihre Verbindung mit Alkoholgenuss und sexueller Freizügigkeit könnten zur grundsätzlichen Verurteilung der Musik durch konservative muslimische Kreise geführt haben. Von zwei namentlich bekannten Effeminierten aus vorabbasidischer Zeit gibt es zweifelsfreie Hinweise auf homosexuelle Aktivitäten.Everett K. Rowson: The Effeminates of Early Medina. In: Journal of the American Oriental Society. Band 111, Nr. 4, Oktober–Dezember 1991, S. 671–693, hier S. 671, 689.
Mittelalterliche muslimische Dichter besangen nicht nur die Schönheit der Jünglinge, Knabenliebe gehörte auch bei manchen Dichtern zur ausschweifenden Lebensweise. Ein Dichter in der Abbasidenzeit brüstete sich gar, wie er einige Jungen in der großen Moschee von Basra verführt habe.Adam Mez: The Renaissance of Islam. Patna 1937, S. 365. Allgemein galten „bartlose“ Heranwachsende (arabisch amrad, Plural murd) oder Knaben für erwachsene Männer als sexuell attraktiv und diese pflegten solche Beziehungen neben ihrer Ehe. Der Mann spielte stets die dominierende Rolle, während die Jungen in die als unehrenhaft angesehene passive Rolle der Frau gedrängt waren. Obwohl nach den Gesetzen der Scharia Knabenliebe untersagt ist, scheint diese insoweit gesellschaftlich akzeptiert gewesen zu sein, dass Männer untereinander in manchen Fällen eher darüber als über ihre Frauen sprachen.Marshall G. S. Hodgson: . The University of Chicago Press, Chicago/London 1974, S. 145 f.
Der Begründer des indischen Mogulreichs, Babur (1483–1530), berichtet in seiner 1499/1500 verfassten Autobiographie Baburnama von seiner Liebe zu einem Jungen, den er Baburi („zu Babur gehörend“) nannte. Babur dichtete einige Verse für den Jungen und verlangte noch nach ihm, als er bereits mehrere Frauen geheiratet und Nachkommen gezeugt hatte.Zia Us Salam: An emperor with foibles. The Hindu, 15. Februar 2014. Lustknaben gehörten auch zu anderen Mogulherrschern und deren Umfeld.Shivananda Khan: Everybody knows, but nobody knows. Desk review of current literature on HIV and male-male sexualities, behaviours and sexual exploitation in Afghanistan. NAZ Foundation International, September 2008, S. 11 (Volltext als PDF). In spätmogulischer Zeit wurde Knabenliebe in Ghaselen (etwa „Worte an den Geliebten“) gepriesen, einer persischen Gedichtform.Tariq Rahman: Boy Love in the Urdu Ghazal. In: Paidika: The Journal of Paedophilia. Band 2, Nr. 1, Sommer 1989, S. 10–27.
Im Osmanischen Reich traten bis ins 19. Jahrhundert Tanzknaben (köçek) in Frauenkleidern vor Männergesellschaften auf.Köçek with a tambourine. Auf: gay-art-history.org (Foto Ende 19. Jahrhundert), zuletzt abgerufen am 25. August 2014. Die Aufgabe dieser als Sklaven an den Hof des Sultans gebrachten und dort erzogenen Jungen war, die Adelsgesellschaft mit Musik und Tanz zu unterhalten. Daneben tanzten sie auch in Dorfschenken.Danielle J. van Dobben: Dancing Modernity: Gender, Sexuality and the State in the Late Ottoman Empire and Early Turkish Republic. Dissertation (M. A.), University of Arizona 2008, S. 43 f. (Volltext als PDF-Datei). Die Köçek hielten Zimbeln (türkisch zil) oder die sonst nur von Frauen gespielte Rahmentrommel def in den Händen.
Nach der vorherrschenden, auf der Scharia basierenden Auffassung verbietet der Islam die Homosexualität als Unzucht (zinā). Dies ergibt unter anderem die gängige Interpretation von Sure 27, 55 f. („Wollt ihr euch in (eurer) Sinnenlust wirklich mit Männern abgeben, statt mit Frauen? Nein, ihr seid ein törichtes Volk.“ So sagte der Bote Lot über die Ereignisse von Sodom und Gomorra, ähnlich Sure 7, 80–84). Das in diesen Koranpassagen angesprochene Vergehen des Volkes Lot wird mehrheitlich als Sex zwischen Männern, von manchen auch als Sex mit minderjährigen Knaben interpretiert. Im Unterschied zum Alten Testament (Levitikus 20, 13), wo die Todesstrafe gefordert wird, spricht der Koran für Homosexualität keine Strafe aus. Zwar sieht eine streng konservative islamische Rechtsauffassung für Homosexualität ebenfalls die Todesstrafe vor, in der Praxis erwies sich die islamische Gesellschaft über die Jahrhunderte eher als tolerant.Thomas Bauer: Der Islam tolerierte Homosexuelle über Jahrhunderte. Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 16. November 2011. Über die Usbeken Nordafghanistans schreibt Ingeborg Baldauf:
Unabhängig davon gehört die mystisch überhöhte, sinnliche Liebe zu Knaben zur Tradition sufischer Dichtkunst. Sufis verweisen in diesem Zusammenhang auf einen apokryphen Hadith: „Ich erblickte meinen Herrn in der Gestalt eines schönen Jünglings (mit schiefsitzender Mütze).“ Der Ausdruck „mit schiefsitzender Mütze“ diente häufig als poetische Beschreibung des Geliebten. Die Mehrheit der Muslime versucht, die auf Knaben bezogene Liebeslyrik der Sufidichter so zu lesen, als ob Frauen gemeint wären. Dies ist – abgesehen von eindeutigen Beschreibungen körperlicher Merkmale – möglich, weil im Persischen und Türkischen kein grammatisches Geschlecht vorkommt.Annemarie Schimmel: Die Zeichen Gottes. Die religiöse Welt des Islam. Beck, München 1995, S. 145.
In der persischen und türkischen Dichtung wurde der vierzehnjährige Jüngling als das Ideal der menschlichen Schönheit gepriesen. Nach islamischer Vorstellung treten im Paradies neben den ewig schönen Jungfrauen (ḥūr) bartlose junge Männer (Pl. ghilmān) auf, die als Mundschenk fungieren. Viele Sufidichter beklagten sich darüber, welche Probleme es mit sich brachte, neben der Beschreibung der mystischen, auf Gott gerichteten Liebe zugleich ein Verlangen nach leibhaftigen „unbärtigen“ jungen Männern zu hegen. Die „Liebe für die Unbärtigen“ der Sufis wurde in manchen Beschreibungen als Gefahr gebrandmarkt und etwa von al-Hudschwiri (um 990–1071/77) zu den verbotenen Praktiken gezählt.Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Insel, Frankfurt 1995, S. 110–112. Als Dschalal ad-Din ar-Rumi im 13. Jahrhundert die sufische Lehre einer Vereinigung der göttlichen mit der menschlichen Natur (arabisch ḥulūl „Inkarnation, Einwohnung“) kritisierte, tat er dies in seinem Gedicht Mathnawi am Beispiel des Jünglings: „Wie der unbärtige Jüngling, den sie Gott nennen, um ihn mit dieser Heuchelei in schlechten Ruf zu bringen.“Hellmut Ritter: Das Meer der Seele. Mensch, Welt und Gott in den Geschichten des Farīduddīn ʿAṭṭār. Brill, Leiden 1955, S. 458. (Vgl. Homosexualität in der persischen Liebesdichtung.)
Die soziale Geschlechterzuordnung orientiert sich in der traditionellen islamischen Kultur nach dem Part, den die Person beim Geschlechtsverkehr einnimmt, unabhängig vom biologischen Geschlecht. Ein Mann gilt mit vollem Bartwuchs als solcher, woraus die gesellschaftliche Verpflichtung entstand, den Bart wachsen zu lassen. Der Bart dient weniger dazu, Mann und Frau zu unterscheiden, sondern einen erwachsenen Mann von einem Jüngling (amrad „haarlos, weich“). Der Bartträger kann demnach nicht mehr von anderen Männern als schöner Knabe begehrt werden.Afsaneh Najmabadi: Mapping Transformations of Sex, Gender, and Sexuality in Modern Iran. In: Social Analysis: The International Journal of Social and Cultural Practice. Band 49, Nr. 2, Sommer 2005, S. 54–77, hier S. 59. Für den rasierten erwachsenen Mann gibt es im Iran das Wort amradnuma („aussehen wie ein amrad“).