Die Sinfonie fis-Moll Hoboken-Verzeichnis I:45 komponierte Joseph Haydn 1772 während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Sie trägt den nicht von Haydn stammenden Titel Abschiedssinfonie.

Allgemeines mini|hochkant|Joseph Haydn (Gemälde von Ludwig Guttenbrunn, um 1770)

Die Sinfonie Nr. 45 komponierte Haydn 1772 Informationsseite der Haydn-Festspiele Eisenstadt, siehe unter Weblinks. während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Das Werk weist einige der für Haydns damalige Schaffensphase typischen Merkmale des Experimentierens auf: sie ist die einzige Sinfonie Haydns in der ungewöhnlichen Sinfonie-Tonart fis-Moll; differenzierte Dynamik; differenzierte Rhythmik durch Synkopen; Dissonanzen; ungewöhnlich langer und monotoner zweiter Satz; ungewöhnlicher Abschluss der Sinfonie mit einem Adagio, in welchem die Instrumente nach und nach aufhören zu spielen.

Neben der Sinfonie Nr. 44 e-Moll wird insbesondere Nr. 46 H-Dur als „Schwesterwerk“ Michael Walter: Haydns Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. C. H. Beck-Verlag, München 2007, ISBN 978-3-406-44813-3 oder Gegenstück zu Nr. 45 angesehen.Hans-Joseph Irmen: Joseph Haydn. Leben und Werk. Böhlau Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-412-20020-6 Der Titel Abschiedssinfonie fehlt im Autograph. Er entstand offenbar in Paris, als im April 1784 das Werk beim letzten Konzert des Concert spirituel als „nouvelle symphonie, analogue à la ciconstance“ aufgeführt wurde.Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6 Der Hamburger Verleger Johann Christoph Westphal bot 1786 die „sogenannte Abschieds-Sinfonie“ an, und 1794 der Musikalienhändler Johann Traeg in Wien mehrere neue Musikalien, darunter die „Abschieds-Sinfonie“, auch als „der Abschied“ bezeichnet. Horst Walter: Abschiedssinfonie. In Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 978-3-89007-557-0, S. 24.

Nachdem das Werk größtenteils in Vergessenheit geraten war, führte Felix Mendelssohn Bartholdy die Sinfonie als letztes Stück bei einem Konzert im Gewandhaus Leipzig am 22. Februar 1838 auf. Die Musiker löschten am Ende ihre Kerzen und verließen die Bühne (zur Überlieferung siehe unten). Kurz darauf schreibt er in einem Brief an seine Schwester von der sehr erfolgreichen Aufführung: „Es ist ein curios melancholisches Stückchen.“ Howard Chandler Robbins Landon: Haydn: Chronicle and works. Haydn at Eszterháza 1766 – 1790. Thames and Hudson, London 1978, S. 303.

Die Sinfonie wurde früher teilweise in die Sturm-und-Drang-Zeit eingeordnet.Dietmar Holland: Joseph Haydn. In: Attila Csampai & Dietmar Holland (Hrsg.): Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-8052-0450-7, S. 77–147 Ludwig Finscher lehnt jedoch die Einordnung in diesen Kontext ab:

Zur Musik Besetzung: zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Verstärkung der Bass-Stimme wurde damals auch ohne gesonderte Notierung ein Fagott eingesetzt. Über die Beteiligung eines Cembalo-Continuos in Haydns Sinfonien bestehen unterschiedliche Auffassungen.Beispiele: a) James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608); b) Hartmut Haenchen: Haydn, Joseph: Haydns Orchester und die Cembalo-Frage in den frühen Sinfonien. Booklet-Text für die Einspielungen der frühen Haydn-Sinfonien., online (Abruf am 26. Juni 2019), zu: H. Haenchen: Frühe Haydn-Sinfonien, Berlin Classics, 1988–1990, Kassette mit 18 Sinfonien; c) Jamie James: He'd Rather Fight Than Use Keyboard In His Haydn Series. In: New York Times, 2. Oktober 1994 (Abruf am 25. Juni 2019; mit Darstellung unterschiedlicher Positionen von Roy Goodman, Christopher Hogwood, H. C. Robbins Landon und James Webster). Die meisten Orchester mit modernen Instrumenten verwenden derzeit (Stand 2019) kein Cembalocontinuo. Aufnahmen mit Cembalo-Continuo existieren u. a. von: Trevor Pinnock (Sturm und Drang-Sinfonien, Archiv, 1989/90); Nikolaus Harnoncourt (Nr. 6–8, Das Alte Werk, 1990); Sigiswald Kuijken (u. a. Pariser und Londoner Sinfonien; Virgin, 1988 – 1995); Roy Goodman (z. B. Nr. 1–25, 70–78; Hyperion, 2002).

Aufführungszeit: ca. 25–35 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen).

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Modell erst Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort). – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Allegro assai fis-Moll, 3/4-Takt, 209 Takte miniatur|rechts|500px|Beginn des Hauptthemas

Der Satz beginnt mit dem kräftigen, düsteren Hauptthema. Hauptbaustein (Motiv 1) des periodisch strukturierten Themas ist die im Staccato fallende Dreiklangsfigur im Umfang der Tredezime, gefolgt von einer Abfederung aufwärts mit dreifacher Tonrepetition. Die 1. Violine ist stimmführend, die 2. Violine begleitet in unruhigen Synkopen, die übrigen Streicher als pochende Achtel-Tonrepetition und die Bläser in ausgehaltenen Akkorden. Die Schlusswendung des Themas (Takt 13 – 16) ist im Tremolo gehalten. Das Thema wird nach einer Generalpause als Variante piano beginnend wiederholt, wechselt aber im zweiten Viertakter abrupt zum forte und geht dann nahtlos in den folgenden Abschnitt mit Motiv 2 über, das durch seinen Oktavsprung aufwärts und die allmähliche Bildung einer fallenden Dreiklangsfigur (ähnlich wie Motiv 1) auffällt. Von Takt 38–43 tritt Motiv 1 als Variante in a-Moll auf, gefolgt vom Auflösungsfeld mit Motiv 2. Die SchlussgruppeDieser Abschnitt wird in der Formübersicht der Philharmonia-Taschenpartitur von ca. 1950 (Joseph Haydn: Sinfonie XVIII Fis Moll. Wiener Philharmonischer Verlag A. G., Nr. 38, Wien. (Taschenpartitur, die römische Zahl 18 bezieht sich auf die alte Breitkopf’sche Ausgabe) als Seitensatz vorgeschlagen. enthält zwei neue Motive: Motiv 3 mit aufsteigender Viertelbewegung und Motiv 4 mit dissonanten Vorhalten sowie abwärtsgehender Akkordmelodik (ähnlich wie bei Motiv 1 und 2).

Die Durchführung lässt sich in zwei Teile gliedern: Der erste Teil stellt den verkürzten Ablauf der Exposition mit veränderten Harmonien dar (z. B. am Beginn: Modulation von A-Dur nach Fis-Dur). Nach der Generalpause mit Fermate in Takt 107 beginnt der zweite Teil: Ein neues, gesangliches Thema mit Vorhalten setzt im Streicherpiano in D-Dur an. Das Thema wird zunächst eine Oktave tiefer wiederholt mit einer Fortspinnung, die etwas an Motiv 2 erinnert. Die zweite Wiederholung mit Oboenbeteiligung läuft dann als aufsteigende Frage im Piano aus. Man könnte in dieser Passage das verspätete Nachholen des zweiten Themas Uwe Schweikert: (Textbeitrag zur Einspielung der Sinfonien Nr. 45 und Nr. 60 von Joseph Haydn mit dem Concentus musicus Wien mit Nikolaus Harnoncourt). Warner Classics International, 1988. sehen, jedoch ist die Harmoniezuordnung (D-Dur in Bezug auf fis-Moll) ungewöhnlich für ein typisches zweites Thema. Die Passage wird in der Literatur dementsprechend unterschiedlich diskutiert und aufgefasst. A. Peter Brown: The Symphonic Repertoire. Volume II. The First Golden Age of the Vienese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven, and Schubert. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 2002, ISBN 0-253-33487-X; S. 133–136.

Nach erneuter Generalpause beginnt die Reprise in Takt 142 mit dem Hauptthema. Sie ist ähnlich der Exposition strukturiert, allerdings etwas erweitert und noch mehr als die Exposition durch starke Intervallsprünge, Akzente und Dissonanzen gekennzeichnet. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt. Die Wiederholungen der Satzteile werden in vielen Einspielungen nicht eingehalten.

Walter Lessing Walter Lessing: Die Sinfonien von Joseph Haydn, dazu: sämtliche Messen. Eine Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987-89. Band 2. Baden-Baden 1989, S. 65–67. weist auf die Sonderstellung des Satzes hin: „In der Freiheit der formalen Gestaltung, in der Kühnheit des emotionellen Gehalts steht dieser Satz einzig da in Haydns Schaffen. Nie wieder hat Haydn ähnlich „extreme“ Musik geschrieben.“ Ludwig Finscher meint, dass das der Satz von „äußerster Dramatik und heftigstem Bewegungsdrang“ gekennzeichnet sei und verweist auf die „überaus klare Konstruktion, meist in Viertaktgruppen, und die Artikulation der Hauptzäsuren, nach dem Hauptsatz und vor der Schlussgruppe, in Generalpausen. (…) Haydn hat selten eine so finstere Reprise geschrieben. Nach dem folgenlosen Intermezzo des neuen Themas wirkt sie umso deprimierender.“

Motiv 1 zitiert Haydn später auch in der Durchführung vom ersten Satz der Sinfonien Nr. 60 und Nr. 85.

Zweiter Satz: Adagio A-Dur, 3/8-Takt, 190 Takte

Das Adagio kontrastiert im Charakter stark zum vorangehenden Satz. Seine geradezu monotone bzw. „scheu-verstörte“ Wolfgang Marggraf: Die Sinfonien der Jahre 1766-1772. Einzelne Sinfonien – Sinfonie Nr. 45, fis-moll (Abschiedssinfonie). Abruf am 22. Mai 2011 (Stand des Textes: 2009). Atmosphäre kommt zustande durch: wenig Dynamik: mit Ausnahme eines Akzentes (Takt 118) ausschließlich piano bis pianissimo; es spielen bis auf wenige Farbtupfer nur die Streicher, die Violinen mit Dämpfern (die Dämpfung der Violinen tritt auch in mehreren anderen langsamen Sinfoniesätzen Haydns dieser Zeit auf); wenig melodische Themen / Motive; Festfahren auf Sept- und Nonakkorden, z. B. Takt 164–175; Stillstand durch mehrere Fermaten (Takt 57, 109, 163) und über den Takt gehaltene Akkorde (Takt 118/119); Verwendung von Chromatik in den Motiven, z. B. ab Takt 34 oder ab Takt 58; Wechsel von Dur und Moll für dasselbe Motiv: ab Takt 135; die Länge von über 12 Minuten bei Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen. Weiterhin ist die häufige Verwendung von Vorschlägen auffällig.

Das erste Thema (Hauptthema oder Motiv 1, Takt 1 – 8) mit periodischem Aufbau ist durch Vorschläge, Synkopen und kleine Läufe in den stimmführenden Violinen gekennzeichnet. Nach der Wiederholung des Themas folgen ab Takt 17 zwei kleine Motive mit Vorschlagsfiguren: das erste aufsteigend, das zweite absteigend (beim zweiten ist nur noch die 1. Violine stimmführend, während die 2. Violine zur Begleitung wechselt). In Takt 29 treten kurz die Oboen dazu, wobei Haydn echoartig zwischen E-Dur und e-Moll wechselt, anschließend führt die 1 Violine in einer chromatisch-suchenden bis ausholenden Bewegung, die in Takt 46 auf E-Dur abschließt. Die folgende Achtelbewegung greift den echoartigen Wechsel von Dur und Moll auf und verliert sich schließlich in einer Fermate (Takt 57). Nach weiterer Chromatik mit Stimmführung in Viola / Bass folgt die Schlussgruppe, die die Vorschlags-Figur vom Satzanfang und das aufsteigende Motiv aus Takt 17 (nun mit Beteiligung der Oboen) als Variante wiederholt.

Die Durchführung (Takt 77–126) verarbeitet zunächst das aufsteigende Motiv, gefolgt von einem weiteren chromatischen Abschnitt, der der Passage ab Takt 58 ähnelt und nach der Fermate auf Gis (Takt 109) die Vorschlagsfigur vom Satzanfang aufgreift. Nach dem ausgehaltenen Septakkord auf E (Takt 118/119) folgt die Rückführung der 1. Violine zur Reprise.

Die Reprise (ab Takt 127) fängt mit dem Hauptthema an, nun mit Farbtupfern des Horns (ähnlich dem Beginn vom Trio) und geht mit Unterlassung der auf- und absteigenden Motive gleich zur Passage mit dem Oboeneinwurf über. Auch hier ist wieder der Wechsel von Dur und Moll ausgeprägt. Auffällig ist die Ausdehnung des nach der Fermate in Takt 163 (entsprechend der Fermate aus Takt 57) beginnenden, schleppenden Abschnitts mit anfangs minimaler Bewegung. Walter Lessing schreibt dazu:

Die Schlussgruppe ist wie in der Exposition gehalten. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.

Dritter Satz: Menuetto. Allegretto