mini|hochkant|Umschlag der Erstausgabe von Deutschland schafft sich ab mini|Der Autor, Thilo Sarrazin
Deutschland schafft sich ab ist der Titel eines 2010 erschienenen Buches von Thilo Sarrazin. Es trägt den Untertitel Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Sarrazin beschäftigt sich darin mit den Auswirkungen auf Deutschland, die sich seiner Ansicht nach aus der Kombination von Geburtenrückgang, wachsender neuen Unterschicht und Zuwanderung aus überwiegend islamischen Ländern ergeben werden. Das Buch erlangte bereits im Vorfeld der Veröffentlichung erhebliche Medienaufmerksamkeit, Der Spiegel und die Bild-Zeitung veröffentlichten vorab Auszüge.
Eine Auswertung von Media Control ergab, dass Deutschland schafft sich ab zu den meistverkauften Sachbüchern in gebundener Form (Hardcover) seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland gehört. Bis Anfang 2012 wurden über 1,5 Millionen Exemplare verkauft.Regina Krieger: Lukratives Buch: Wie Sarrazin Millionär wurde Artikel im Handelsblatt vom 21. Mai 2012, abgerufen am 2. Mai 2016 Das Buch stand 2010 und 2011 insgesamt 21 Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.
Die im Buch formulierten Thesen lösten eine breite sowie langanhaltende gesellschaftliche Kontroverse unter Beteiligung von Vertretern aus Politik, Medien und Wissenschaft aus. Für Thilo Sarrazin hatte das Buch persönliche Konsequenzen; Im Verlauf des Jahres 2010 kam es zur einvernehmlichen Amtsentbindung Sarrazins als Vorstandsmitglied der Deutschen BundesbankPressenotiz: vom 9. September 2010. und im Jahr 2020 zum Parteiausschluss von Sarrazin aus der SPD.
Inhalt Das Buch gliedert sich in neun Kapitel. Nach einer Einleitung mit einem Zitat von Ferdinand Lassalle folgt ein Kapitel „Staat und Gesellschaft“, unterteilt in einen „historischen Abriss“ sowie einen „Blick in die Zukunft“. Anschließend werden gegenwärtige „Zeichen des Verfalls“ aufgezeigt. Die fünf folgenden Kapitel des Buches widmen sich jeweils einem eigenen Themenkomplex: „Armut und Ungleichheit“, „Arbeit und Politik“, „Bildung und Gerechtigkeit“, „Zuwanderung und Migration“ und „Demografie und Bevölkerungspolitik“. Im letzten Kapitel beschreibt Sarrazin auf satirische Art zwei Szenarien („Ein Traum und ein Albtraum“) für „Deutschland in 100 Jahren“.
Im Folgenden werden die Kapitel des Buches in textchronologischer Reihenfolge zusammengefasst. Dabei folgen auf eine Aufstellung der behandelten Themen die aus den Problemanalysen abgeleiteten Politikempfehlungen.
„Ein historischer Abriss“ Nach einem kurzen eröffnenden Zitat aus Goethes Faust I folgen allgemeine Bemerkungen über die weltweite gesellschaftspolitische Entwicklung, mit den Unterkapiteln „Ägypten“, „Römisches Reich“, „Europäisches Mittelalter“, „Der Sprung in die Moderne“, „Reformation, Aufklärung und Absolutismus“. Das Kapitel endet mit den Worten:
„Ein Blick in die Zukunft“ Sarrazin nimmt eine Modellrechnung vor, die auf den Annahmen einer durchschnittlichen Fertilitätsrate von 1,4, eines jährlichen Zuwanderungssaldos von rund 50.000 Menschen und eines Produktivitätszuwachses pro Arbeitsstunde von 1 % pro Jahr beruht. Für das Jahr 2050 ergibt sich nach diesen Annahmen, dass das Wirtschaftswachstum um das Jahr 2020 ausläuft, weil sich der Zuwachs der Produktivität und die Abnahme der Zahl der Erwerbstätigen zu diesem Zeitpunkt kompensieren. Relativ zur Zahl der Erwerbstätigen verdoppele sich die Zahl der Menschen über 65 und auf einen Erwerbstätigen komme somit ein Mensch im Rentenalter. Drittens steige das Sozialprodukt pro Kopf weiter an, die Rentner könnten daran aber nur teilhaben, wenn der Anteil der rentenbezogenen Ausgaben am Sozialprodukt verdoppelt werde. Die Mehrbelastung aus der Alterung sei höher als die Entlastung durch weniger Kinder und Arbeitslose.
Sarrazin äußert Bedenken bezüglich der Quantität und Qualität des deutschen Humankapitals (S. 35):
Als Resultat dieser Entwicklungen könne Deutschland „Verteilungs- und Finanzprobleme zukünftig nicht mehr durch Zuwachs lösen, sondern nur noch durch Umverteilung.“ (S. 37)
„Zeichen des Verfalls“ Zu den zentralen Problemen für die Zukunft Deutschlands zählen laut Sarrazin der demographische Wandel, die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft, eine Abnahme der Leistungsfähigkeit und eine Verfestigung der bildungsfernen Milieus und Unterschichtenphänomene.
Sarrazin kommt zu dem Ergebnis, dass die Gesellschaft schrumpfe und älter, heterogener sowie weniger leistungsfähig werde. In Deutschland wüchsen überdurchschnittlich viele Kinder in sogenannten bildungsfernen Schichten mit häufig unterdurchschnittlicher Intelligenz auf (demografisch-ökonomisches Paradoxon). Der Anteil der Menschen, der aufgrund mangelnder Bildung sowie „intellektueller Mängel“ nur schwer in das Arbeitsleben integriert werden könne, nehme zu: „Die kontinuierliche Abnahme des quantitativen Potentials an wissenschaftlich-technischer Intelligenz wird sich fortsetzen.“ (S. 53)
„Armut und Ungleichheit“ Sarrazin diskutiert verschiedene Armutsdefinitionen, die Auswirkungen auf das Individuum und die Beziehung zwischen Armut und Gesellschaft.
Sarrazin postuliert, dass eine rein materielle Armutsdefinition zu kurz greife und daher Umverteilung als Armutsbekämpfung unzureichend sei. Viele Begleiterscheinungen der materiellen Armut, wie mangelnde Gesundheit und fehlerhafte Ernährung, seien nicht auf einen Mangel an Einkommen zurückzuführen: „Nicht die materielle, sondern die geistige und moralische Armut ist das Problem“ (S. 123). In diesem Zug äußert er auch Kritik an der Armutsforschung:
Auch äußert Sarrazin Kritik am öffentlichen Umgang mit dem Thema Armut:
Von zentraler Bedeutung sei es, Menschen in Arbeit zu bringen, denn eine Abhängigkeit von staatlichen Transfers verschärfe das Problem von mangelndem Antrieb und Selbstwertgefühl.
„Arbeit und Politik“ Sarrazin beschäftigt sich zunächst mit quantitativen und qualitativen Veränderungen der Arbeitswelt („Geht uns die Arbeit aus?“, „Arbeit in einer vernetzten Welt“). Danach diskutiert er „Politische Einflussnahme auf den Arbeitsmarkt“.
Sarrazin zufolge habe eine Verfestigung der Unterschicht stattgefunden. Deren mangelhafte Teilhabe am Arbeitsmarkt sei durch die Politik verstärkt worden (S. 174):
Zur Aufnahme von Arbeit würden durch die Grundsicherung in Deutschland falsche Anreize gesetzt. Die hervorgerufene Passivisierung schade dabei nicht nur den Steuerzahlern, sondern auch den Transferempfängern selbst. Letztlich empfiehlt Sarrazin eine verpflichtende Gegenleistung von Transferempfängern in Anlehnung an das amerikanische Workfare-Konzept. Dies sei entscheidend für die Aktivierungsfähigkeit der Menschen.
„Bildung und Gerechtigkeit“ Sarrazin definiert zunächst Ziele der Bildung, beschäftigt sich dann mit „Lesen“, „Üben“ und „Denken und Auswendiglernen“. Danach fragt er, ob jeder alles erlernen könne und was PISA messe. Dann geht er auf Geschlechtsunterschiede, Schulsysteme, Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit, Bildungsferne (also der Bildungsbenachteiligung in der Bundesrepublik Deutschland) und in einem Exkurs auf ein Berliner Grundschulprojekt zum jahrgangsübergreifenden Lernen ein. Schließlich zeigt er politische Handlungsmöglichkeiten auf.
Für einen optimalen Beitrag des deutschen Bildungssystems zum Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft sind laut Sarrazin drei Dinge wichtig (S. 249): Sozialisation im Sinne einer demokratischen und bürgerlichen Gesellschaft, Förderung von Sozialkompetenz und persönlicher Stabilität hinreichende Vermittlung der Grundqualifikationen im Lesen und Rechnen möglichst vieler als Voraussetzung für eine berufliche Ausbildung Förderung und Nutzung aller geistigen Potenziale. Konkret schlägt Sarrazin vor, in jeder Schule und in jeder Klasse gegen Ende des Schuljahrs einen bundesweit einheitlichen Test zum erreichten Stand in den Kernkompetenzen Leseverständnis und mathematisches Verständnis durchzuführen (S. 252 ff.). Ergänzend sollten Intelligenztests durchgeführt und sozioökonomische Daten anhand der Herkunft erhoben werden. Alle Ergebnisse sollten anonymisiert veröffentlicht werden. Zweitens sollten staatlichen Schulen mehr administrative Freiheiten eingeräumt werden, insbesondere das Recht, die Lehrer selbst auszusuchen, sich nach eigenem Gutdünken zu organisieren und Sachmittel selbst zu verwalten. Um einer wachsenden Segregation der Schüler vorzugreifen, sollte allen Schulen eine herkunftsbezogene Mindestmischung vorgegeben werden.
Den Umgang mit den „Bildungsfernen“ bezeichnet Sarrazin als das Kernproblem der Bildungspolitik. Hier macht er folgende Vorschläge (S. 231 ff.): Nach der Geburt des Kindes werden die Mütter bei Hausbesuchen zu Ernährungsfragen und Kinderpflege angeleitet. Der Besuch von Krippen, die ihrerseits darauf ausgerichtet wären, Defizite in der elterlichen Zuwendung und Sorge zu kompensieren, sollte empfohlen werden. Der Besuch von Kitas wird ab dem dritten, spätestens vierten Lebensjahr bindend. Fernsehen und andere moderne Medien solle es in Kitas nicht geben, stattdessen neben freiem Spiel viel vorgelesen werden. Die Schule wird vom ersten Schuljahr an als Ganztagsschule geführt. Hausaufgabenaufsicht und -betreuung werden von den Lehrern durchgeführt und die Defizite einzelner Kinder durch gezieltes Üben so weit wie möglich ausgeglichen. Freizeit- und Sportangebote schließen sich an die Hausaufgabenbetreuung an. Fernsehen und Computerspiele gibt es in der Schule nicht. Schuluniformen sollten, um soziale Unterschiede zu verwischen und eine klare Abgrenzung zwischen Schulbereich und privatem Bereich zu schaffen, obligatorisch sein. Die Schule konzentriert sich in den ersten Jahren auf den Erwerb der Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen. Mit fortschreitender Schullaufbahn werden für die leistungsschwächeren Kinder zunehmend praktische Fächer wie Hauswirtschaftskunde, Kochen, Handarbeit und Werken angeboten. Um ein Übermaß an Medienkonsum durch Kinder und Jugendliche zu unterbinden, sollten zumindest größere Kinder nur das Wochenende und den Feierabend zu Hause verbringen. Die Eltern werden für jede unentschuldigte Fehlzeit mit empfindlichen Geldbußen belegt.
„Zuwanderung und Integration“ Nach einem kurzen Abriss zur Zu- und Abwanderung in Deutschland geht Sarrazin auf Migranten muslimischer Herkunft und auf den Islam in Deutschland ein. Hiernach stellt er ökonomische sowie kulturelle Integrationsprobleme dar und diskutiert das Thema Parallelgesellschaften. Ein „Gradmesser“ für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund sei das Heiratsverhalten. 60 Prozent der Ehen türkischer Staatsbürger in Deutschland würden mit einem Partner aus der Türkei geschlossen. Diese „Importpartner“ kämen „durchweg“ aus dem regionalen Umfeld und häufig auch aus der engen Verwandtschaft der Familie, in die sie einheiraten. Sie verfügten „durchweg“ über eine „sehr niedrige Bildung“. In diesem Zusammenhang spekuliert der Autor über „Erbfaktoren“ als Hintergrund für ein „Versagen“ türkischer Migranten im deutschen Schulsystem:
Sarrazin stellt das Beispiel Neukölln vor. Dann fragt er, ob Assimilation ein Verbrechen sei, und postuliert eine „Eroberung durch Fertilität“. Schließlich geht er auf den Zusammenhang zwischen Sozialstaat und Integration ein und gibt Politikempfehlungen.
Zunächst fordert Sarrazin, dass die aufnehmende Gesellschaft den Migranten folgende Erwartungen vermitteln müsse:
Zur Verbesserung der Integration muslimischer Migranten, der Erhöhung ihrer niedrigen Erwerbsbeteiligung und der Verringerung der Abhängigkeit von Sozialtransfers sollen nach Sarrazin vor allem die drei Bereiche Sprachkenntnisse, frühkindliche Erziehung und Bildung gefördert werden. Er fordert zudem eine klare „Erwartungskultur“, in der Integration primär eine Bringschuld von Migranten ist. Hilfsangebote müssten einen eindeutigen Aufforderungscharakter haben. Sarrazin schlägt ein Maßnahmenpaket vor (S. 327 ff.):